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Funktion und Bedeutung des 21. Kapitels des Johannes-Evangeliums

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das 21. Kapitel als Addendum?

3. Der Verfasser des 21. Kapitels

4. Funktion und Bedeutung des 21. Kapitels innerhalb des Evangeliums sowie der Gemeinde

5. Fazit

Quellen

1. Einleitung

Das Evangelium des Johannes ist das 4. Evangelium im Kanon der Bibel und es lässt sich in folgender Weise gliedern. Der Prolog bildet einen vorangestellten Teil. Während Schnelle1 und Wengst2 in ihm eher eine Einführung und auch Hilfestellung sehen, erkennt Theißen zudem, dass er schon den grundsätzlichen Erkenntnisgewinn, den die Lektüre des Evangeliums bringen soll, vorausnimmt3. Die allgemeine Lehrmeinung stimmt darüber überein, dass zwischen Kapitel 12 und 13 ein Schnitt liegt. Im ersten Teil (1,19-12, 50) geht es um das öffentliche Wirken Jesu. Schnackenburg sieht zudem in 12,37-43 eine Bilanz und in 12,44-55 eine Zusammenfassung des ersten Teils. Anschließend folgt ein zweiter Teil, der inhaltlich unterschiedlich interpretiert wird.4 Schließlich folgt in 20, 30-31 der Epilog, der zusammen mit dem Prolog die beiden Hauptteile einschließt. Er soll noch einmal den Erkenntnisgewinn vor Augen führen.5 Schon die Bezeichnung Epilog deutet an, dass diese Schlussrede das Ende des vorliegenden Buches darstellen soll. Dennoch folgt nun noch ein weiteres Kapitel, das sich aufgrund verschiedener Gründe vom Rest des Buches abhebt und von der Mehrheit der Theologen als spätere Anfügung an das Evangelium gesehen wird. Im Folgenden möchte ich kurz auf diese Gründe sowie der Frage nach dem Verfasser des Kapitels eingehen. Der Hauptteil der Arbeit wird sich im Anschluss mit der Frage beschäftigen, welche Funktionen innerhalb des Evangeliums sowie innerhalb der jungen Gemeinde dieses angefügte Kapitel erfüllen sollte.

2. Das 21. Kapitel als Addendum?

Das 21. Kapitel des Johannesevangeliums wird von der überwiegenden Lehrmeinung als spätere Anfügung eines anderen Redaktors oder einer anderen Redaktion an das Buch gesehen. Dafür sprechen verschiedene Gründe, die an dieser Stelle kurz dargestellt werden sollen.

Der wohl offensichtlichste Grund dafür ist, dass sich das Kapitel an den Epilog anschließt. Nach der Schlussrede in 20,30-31 erwartet der Leser keine weitere Erzählung. Beasley- Murray führt an, dass die Auferstehungserzählungen in Kapitel 20 als komplette Präsentation des Wirkens des auferstandenen Jesu genügen. Er hält es nicht für notwendig, an dieser Stelle noch etwas anzufügen. Er betrachtet dieses Kapitel als rund und sagt, dass falls der Autor des Evangeliums geplant hätte, ein 21. Kapitel in der uns vorliegenden Form anzuschließen, das Vorherige anders gestaltet wäre.6 Weiterhin merkt Schnelle an, dass Joh. 20, 29 jede weitere Erscheinung verbietet, da es dort heißt: „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben.“7 Er sieht darin einen Höhepunkt am Ende des Evangeliums, der durch die Anfügung eines weiteren Kapitels an Wirkung verliert.8 Ridderbos hebt zudem hervor, dass im Epilog geschrieben steht, dass Jesus noch viele andere Zeichen tat, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind.9 Damit beziehe der Autor sich eindeutig auf die vorangegangenen Kapitel und die Aussage erscheint paradox, wenn dieser Autor geplant hätte, ein weiteres Kapitel anzufügen.10 Auf diese Art und Weise bekommt das letzte Kapitel eine Sonderstellung, bevor man sich überhaupt mit dessen Inhalt, Struktur und Form auseinander gesetzt hat.

Neben diesem Problem, welches sich in Bezug auf den Aufbau des Evangeliums ergibt, erkennen einige Wissenschaftler inhaltliche Unterschiede, die das Schlusskapitel vom Rest des Buches abgrenzen. Schulz11 und Schnelle12 erkennen, dass inhaltlich besonders die dargestellte Szenerie auffällig ist. Die Jünger kehren in ihren im Evangelium vorher nicht erwähnten alten Beruf, dem Fischerberuf, zurück. Dabei gerät die Sendung der Jünger aus 20, 21 völlig in Vergessenheit.13 Moloney erkennt des Weiteren eine weitere Eigenart dieser Erscheinung Jesu. In 20, 19-23 sowie 20, 26-29 erscheint Jesus den Jüngern und diese haben keinerlei Probleme ihn als den Gottessohn zu identifizieren. Dennoch haben sie bei der in Kapitel 21 geschilderten Erscheinung am See Schwierigkeiten, ihn zu erkennen, obwohl auch hier Jünger der ersten beiden Auftritte zugegen sind.14 Auch die Auswahl der anwesenden Jünger ist ungewöhnlich. So tauchen in diesem Kapitel erstmals die Zebedäussöhne auf.15 Eine weitere letzte inhaltliche Eigenart, die ich an dieser Stelle aufführen möchte, hängt mit der Vollmachtsübertragung Jesu zusammen. Während dieser in 20, 21 mit den Worten: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, deutlich macht, dass er allen Jüngern die Vollmacht erteilt, das Wort zu verbreiten, richtet er in 21, 15 ff diesen Auftrag nur an Petrus, macht ihn demzufolge zu seinem irdischen Vertreter16 und ignoriert somit fast die anderen Jünger und deren Sendung. Es finden sich noch weitere inhaltliche Eigentümlichkeiten in Kapitel 20, die dies vom restlichen Buch abheben. Die bedeutsamsten sind hier allerdings erwähnt.

Der Aufbau des 21. Kapitels weist einige Unstimmigkeiten auf, die ebenfalls darauf hindeuten, dass es sich um eine spätere Anfügung handelt. Das Kapitel lässt sich nach Schnackenburg folgendermaßen gliedern.17 Zunächst erfolgt die Erscheinung Jesu eingebettet in eine Fischfangszene in 21, 1-11, an die in Vers 12-14 eine Mahlszene anschließt.18 Darauf folgt die Petrusszene in 21, 15-19. Nach einer eher schlechten Überleitung schließt die Szene mit dem geliebten Jünger19 den narrativen Teil des Kapitels ab. Schlussendlich folgen in Vers 24-25 die Schlussworte der Redaktion.20 Obwohl es auf den ersten Blick erscheint, als würde die Erzählung ein einziges Geschehen darstellen, stimmt auch Beasley-Murray zu, dass an dieser Stelle zwei Traditionen miteinander verknüpft wurden und so aus einem Fischfangwunder und einer Mahlszene eine Erzählung wurde. Er hält es zudem für unwahrscheinlich, dass die beiden Gespräche zwischen Jesus und Petrus und dem geliebten Jünger in der geschilderten Form stattfanden. Er sieht auch hier die Verknüpfung zweier unabhängiger Überlieferungen.21 Schnackenburg führt an, dass diese Verknüpfung, die nicht aus erzählerischen sondern aus rein motivischen Hintergedanken geschieht, nicht die Art des Evangelisten im restlichen Buch sei und sieht demzufolge auch darin den Hinweis auf einen anderen Redaktor.22

Auch sprachlich-stilistisch finden sich Abweichungen im Kapitel 21. Diese sind allerdings im Vergleich zu den bereits erwähnten Gründen eher wenig aussagekräftig. Die allgemeine Lehrmeinung stimmt darin überein, dass die sprachlichen Unterschiede allein nicht genügen würden, um auf eine vom Hauptteil unabhängige Redaktion zu schließen. Trotz einer an einigen Stellen abweichenden Wortwahl, zeigt das Kapitel, dass der Verfasser sich eng am restlichen Evangelium orientiert.23 Ein Beispiel sei dennoch an dieser Stelle erwähnt. Schnelle findet im Kapitel 21 insgesamt 21 johanneische Hapaxlegomena, also Wörter, die ansonsten an keiner weiteren Stelle im Evangelium auftauchen sowie drei neutestamentliche Hapaxlegomena. Dies kann darauf hindeuten, dass der Autor des 21. Kapitels andere Quellen verwendet hat, als der Redaktor des restlichen Evangeliums.24

Die hier angeführten Gründe genügen, um darin übereinzustimmen, dass es sich bei dem 21. Kapitel des Johannesevangeliums um eine spätere Anfügung handelt. Mit dieser Sonderstellung innerhalb des Buches wird auch deutlich, dass es einen besonderen Grund geben muss, warum dieses Buch angefügt wurde und dass der Autor bestimmte Interessen damit verbunden haben muss, die über den Inhalt des vorangegangen Buches hinausgehen. Im folgenden Teil soll kurz darauf eingegangen werden, wen man als Verfasser des Kapitels sehen kann, da dies auch an die Frage des Interesses geknüpft ist.

3. Der Verfassser des 21. Kapitels

Die bisherige Betrachtung hat gezeigt, dass sich das letzte Kapitel deutlich vom Rest des Buches abhebt und somit darin eine Sonderstellung einnimmt. Dafür sprechen sowohl strukturelle, inhaltliche als auch sprachlich-stilistische Gründe. Diese weisen nicht nur darauf hin, dass es sich um eine spätere Anfügung handelt, sondern auch, dass es sich um einen vom Hauptteil unabhängigen Redaktor handeln könnte. Dennoch gehen die Meinungen darüber, um wen es sich dabei handelt, auseinander.

Zunächst muss man zugestehen, dass es natürlich auch Forscher gibt, die davon ausgehen, dass das gesamte Evangelium aus einer Feder stammt. Schnackenburg führt an, dass bspw. R. Mahoney nach seiner sprachlich-stilistischen Untersuchung zu der Meinung gelange, dass es sich um den gleichen Autor handeln müsse.

[...]


1 Prolog als programmatischer Eröffnungstext, der Lektüreanweisung darstellt; Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 11.

2 Prolog bietet grundsätzliche Hinweise, aus welcher Perspektive Evangelium gelesen werden soll; Wengst, Klaus. Das Johannesevanglium. S.34

3 Erkenntnisgewinn vom Unverständnis hin zum Verständnis wird schon im Prolog erwähnt; Theißen, Gerd. Die Religion der ersten Christen. S. 260

4 Theißen und Schnelle sehen im zweiten Teil vor allem die Offenbarungen vor dem Jüngerkreis als bezeichnendes Thema. Nach Wengst gibt sich Jesus den Glaubenden (also allen) zu Gott Zurückkehrender zu erkennen. Schnackenburg unterteilt den zweiten Teil sogar noch ein weiteres Mal, da er in den Abschiedsreden (13-17) einen gesonderten Unterteil sieht.

5 Schnelle sieht in ihm eine Zusammenfassung des Erkenntnisgewinns den man nach sachgemäßer Lektüre erhalten sollte. Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 11.

6 Beasley-Murray, George R. Word Biblical Commentary Vol 36: John. S. 395.

7 Schnelle nennt dies „Glauben ohne zu sehen“, was bedeutet, dass Jesu Zeugnis nun ausschließlich in geschriebener Form weiterwirken soll. Damit macht er eine Absage an weitere Wunderzeichen. Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 339.

8 Ebd.

9 Joh. 20,30.

10 Ridderbos, Herman N. The gospel according to John. A theological commentary. S. 655.

11 Schulz, Siegfried. Das Evangelium nach Johannes. S. 249.

12 Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 339.

13 Schulz redet an dieser Stelle sogar von einer Ignoranz seitens der Jünger dem missionarischen Auftrag gegenüber. Schulz, Siegfried. Das Evangelium nach Johannes. S. 249.

14 Moloney, Francis J. The gospel of John. S. 546. Wengst hingegen halt dies nicht für ungewöhnlich. Die Jünger hätten gelernt, dass Jesus in der Gemeinde lebt und gegenwärtig ist, doch die Schwierigkeit liege für sie darin, diese Gegenwärtigkeit auch im Alltag wiederzuerkennen und wahrzunehmen. Wengst, Klaus. Das Johannesevangelium. S. 331.

15 Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 339.

16 Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 339.

17 Auch andere Forscher gliedern es in ähnlicher Weise. Abweichungen sind meist nur gering.

18 Viele Forscher, bspw. Schnelle, fassen diese beiden Szenen zusammen, doch Schnackenburg wählt eine Trennung, da er an dieser Stelle eine Verknüpfung eines Fischfangwunders und eines Erscheinungsberichts mit Mahlszene erkennt. Schnackenburg, Rudolf. Das Johannesevangelium. III. Teil. S. 407 f.

19 Eigentlich „der Jünger, den Jesus liebte“. Vereinfacht schreibe ich nur der „geliebte Jünger“

20 Schnackenburg, Rudolf. Das Johannesevangelium. III. Teil. S. 410 ff.

21 Er sieht zudem einen Zusammenhang zwischen dieser Szene und den Erscheinungen in Lukas 24,34 und 1. Korinther 15,5. Beasley-Murray, George R. Word Biblical Commentary Vol 36: John. S. 396.

22 Schnackenburg, Rudolf. Das Johannesevangelium. III. Teil. S. 407.

23 Siehe Ridderbos, Herman N. The gospel according to John. A theological commentary. S. 656.

24 Schnelle, Udo. Das Evangelium nach Johannes. S. 339.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656721123
ISBN (Buch)
9783656722861
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279282
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Lebensgestaltung - Ethik -Religionskunde
Note
1,0
Schlagworte
funktion bedeutung kapitels johannes-evangeliums

Autor

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