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Das 'Deutsche Wörterbuch' der Brüder Grimm als Wissenschaftsprojekt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Die Vorläufer des “Deutschen Wörterbuchs”
1.1. Sprachglossare
1.2. Deutsche Wörterbücher

2. Die Entstehung des „Deutschen Wörterbuchs“

3. Ziel des „Deutschen Wörterbuchs“

4. Der Rahmen des „Deutschen Wörterbuchs“

5. Stichwortbestand
5.1. Wortansatz
5.2. Fremdwörter
5.3. Eigennamen
5.4. Fachsprachliche Begriffe
5.5. Volkssprachliche und anstößige Wörter

6. Die Wortartikel
6.1. Aufbau der Wortartikel
6.2. Etymologie
6.3. Wortbedeutung und Erklärung
6.4. Belege

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

Einleitung

Vielen sind die Namen Jacob und Wilhelm Grimm nur in Verbindung mit ihrer Märchensammlung bekannt. Dass diese beiden Brüder jedoch eine viel größere Bedeutung für die Geschichte der Germanistik besitzen, wissen nur wenige. So ist einer ihrer größten Verdienste die Erarbeitung des „Deutschen Wörterbuchs“, von dem sie selbst nur die ersten drei Bände geschrieben haben, da dieses enorme Projekt ihre Lebzeiten überdauerte. Wilhelm Grimm, der nur den Buchstaben D beisteuerte, war bereits fast vier Jahre tot, als sein Bruder Jacob am 20.09.1863 über dem Wort „Frucht“ starb. Sein Anteil ist, verglichen mit dem seines Bruders Wilhelm, der bedeutend größere, daher soll in dieser Arbeit auch mehr auf ihn eingegangen werden.

Diese drei Bände, die später von verschiedenen Wissenschaftlern auf 32 Bände vervollständigt wurden, stellten jedoch bereits den Drehpunkt der deutschen Lexikographie dar. Das „Deutsche Wörterbuch“ war die Basis für andere, wie das wohl bekannteste Nachschlagewerk, den Duden. Es bot Anlass für viele wissenschaftliche Diskussionen und noch heute ist es Thema verschiedenster Publikationen.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll daher neben den Vorgängern und der Entstehungsgeschichte dieses Werkes vor allem auf seinen Aufbau eingegangen werden. Dazu werden verschiedene Forschungsmeinungen sowie Kommentare der Brüder Grimm selbst einbezogen. Als Verdeutlichung der Ausführungen sollen einige Originalauszüge des ersten Bandes dienen.

Abschließend wird in einer kurzen Zusammenfassung ein Fazit gezogen.

1. Die Vorläufer des „Deutschen Wörterbuches“

1.1. Sprachglossar

Als Vorläufer der ersten Wörterbücher überhaupt gelten alte Glossierungen aus dem Lehrbetrieb in mittelalterlichen Dom- und Klosterschulen, wobei die ersten lexikographischen Erklärungen noch als Texterklärungen am Rand oder zwischen den Zeilen zu finden waren. Sie waren in erster Linie alphabetisch geordnet. Es folgten im 11. Jahrhundert die so genannten „Derivationes“, welche die Ableitungen eines Grundwortes aneinanderreihten. Ende des 14. Jahrhunderts stand das „Vocabularius Brevilogus“ im Mittelpunkt, welches vor allem in Norddeutschland verbreitet war und der lateinischen Tradition folgte. Die lateinischen Glossare des Mittelalters folgten der alphabetisch-sachlichen Anordnung, während die ersten deutschen Glossare des 15. und 16. Jahrhunderts der reinen Alphabetisierung folgten.e[1]

Erst im 14. Jahrhundert entstanden Glossare, die erstmalig Erklärungen auf Deutsch gaben. Die Verbreitung dieser wurde durch die Erfindung des Buchdrucks verstärkt. Die deutsche Sprache setzte sich langsam gegenüber dem bis dahin dominierenden Latein in der Schule durch. Daher wird der Beginn der neuhochdeutschen Lexikographie auch erst mit dem 15. Jahrhundert angesetzt.

Es bildete sich die so genannte „humanistische Lexikographie“ des 16. Jahrhunderts heraus, die bewusst im Dienst des Unterrichts stand und deren Wörterverzeichnisse der Erlernung einer gepflegten Sprache dienen sollten.

1.2. Deutsche Wörterbücher

Als das „erste namhafte hochdeutsche wörterbuch“[2] bezeichneten die Brüder Grimm selbst, das des Arztes Petrus Dasypodius von 1537. Dieses „[…] prägte die nothwendigkeit alphabetischer wortsammlungen unserer sprache aufs anschaulichste ein.“[3] Ihren Höhepunkt fand diese Zeit allerdings 1561 in dem Dictionarium „Die Teütsch spraach“ von Josua Maaler. Dieses betitelte Jakob Grimm als „das erste wahrhafte deutsche wörterbuch“[4]. In ihm waren Wortschatz und Redensarten der deutschen Schriftsprache erfasst.

Als direkte Vorgänger des Wörterbuchs der Brüder Grimm gelten die Vokabularien von Johann Christoph Adelung (Leipzig 1793-1801) und von Joachim Heinrich Campe (Braunschweig 1807-1811). Das Werk Adelungs zeugte dabei von einem „übertreffenden wortvorrat“[5]. Adelung legte seinen Wortschatz auf die „Hochdeutsche Mundart“ fest, welche für ihn in Obersachsen und in der Meissner Gegend lag. Dies kritisierte Jacob Grimm besonders:

doch das erste gebot eines wörterbuchs, die unparteiische zulassung und pflege aller ausdrücke muste einer falschen ansicht weichen, die ADELUNG von der natur unserer schriftsprache gefaszt hatte. nur ein in Obersachsen verfeinertes hochdeutsch, gleichsam die hofsprache der gelehrsamkeit, meinte er, dürfte den ton anstimmen[6]

Aus heutiger Sicht kann jedoch gesagt werden, dass Adelung bestrebt war den Wortschatz des gesamten deutschsprachigen Raumes aufzunehmen.[7] Zu erwähnen ist, dass er als erster zur Bestimmung eines Wortes fast ausnahmslos die deutsche Sprache benutzte.

Das Wörterbuch von Campe kam vor allem durch sein Konkurrenzdenken gegenüber Adelung zustande, „dessen Wörterbuch er vor allem in der Konzeption für nicht gelungen hielt.“[8] Er wollte eine Ergänzung, Erweiterung und inhaltliche Konkretisierung zu Adelungs Werk leisten. Genauso wie Grimm, warf Campe Adelung vor, nur das Meissnische als Grundlage verwendet zuhaben. Grimm wiederum kritisierte Campes „unverständigen purismus […] alle fremden wörter aus der sprache zu tilgen“[9]. Zusammenfassend kann man bei den Programmen von Adelung und Campe folgende Gemeinsamkeiten finden[10]:

- die möglichst vollständige Erfassung der Gegenwartssprache
- Quellen und Belege
- synchroner und diachroner Wortschatz
- alphabetische Anordnung
- Bestrebung, grammatische Kategorien und Orthographie festzulegen
- semantischer Teil, der zunächst Hauptbedeutung festlegt, aus der sich weitere ergeben
- etymologischer Teil mit Belegen aus alten Quellen

Was alle weiteren Wörterbücher nach Adelung und Campe betrifft, so bezweifelte Jacob Grimm: „ob irgend ein einziges unter ihnen der sprache selbst wahren und dauerhaften dienst geleistet habe.“[11]

2. Die Entstehung des „Deutschen Wörterbuches“

In seiner Vorrede des Ersten Bandes des „Deutschen Wörterbuchs“ von 1854 beschreibt Jakob Grimm sehr gut, wie es zur Entstehung dieses Wissenschaftsprojektes kam. So erwähnt er, dass nach der Amtsenthebung 1838 beider Brüder durch König Ernst August von Hannover aufgrund ihrer Beteiligung am Protest der „Göttinger Sieben“ sie sich in einer schwierigen Lage befanden. Diesen Zeitpunkt nutzte die Weidmannsche Buchhandlung aus Leipzig. Man unterbreitete den als großen Wissenschaftlern bekannten Brüdern das Angebot, ein „neues, groszes wörterbuch der deutschen sprache“[12] abzufassen. Bereits 1830 hatte der Inhaber der Buchhandlung, Karl Reimer, versucht Jacob Grimm von diesem Vorhaben zu überzeugen. Nun schrieb er am 3.3.1838 zusammen mit Moriz Haupt, Dozenten für klassische Philologie in Leipzig, erneut einen Brief an Wilhelm Grimm. So hieß es:

Hochverehrter Herr Professor!

Schon vor acht Jahren, […], nahm ich mir die Freiheit an Sie und Ihren Herrn Bruder eine Anfrage über ein Unternehmen von außerordentlicher Bedeutung und großer Wichtigkeit zu richten. Damals genügte es mir, dass Ihr Herr Bruder mich mit der Idee eines von Ihnen herauszugebenden großen neuhochdeutschen Wörterbuchs nicht geradezu abwies, da ich bei der Größe des Unternehmens eine augenblickliche Zusage nicht hoffen durfte. Seitdem haben wir die Sache viel bedacht […] Besonders eifrig erfasste Herr Dr. Haupt den Plan und war, […], der Ueberzeugung, dass nur unter Ihrer Leitung das Werk das rechte Gedeihen haben und das werden könne, was es müße. […] Jetzt dürfen wir Sie wohl eher bitten, die Sache gütigst in Ueberlegung zu nehmen. […][13]

[...]


[1] Vergl.: Stanislaw Piotr Szlek: Zur deutschen Lexikographie bis Jacob Grimm. Wörterbuchprogramme, Wörterbücher und Wörterbuchkritik. Bern 1999. S.16 ff

[2] Grimm, Jacob: Deutsches Wörterbuch. Vorrede. (1854). In: J. und W. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 1, Leipzig 1854, Sp. XX

[3] ebd., Sp. XXI

[4] ebd., Sp. XXI

[5] ebd., Sp. XXIV

[6] Grimm, Jakob: Deutsches Wörterbuch. Vorrede. 1854. Sp. XXIII

[7] Szlek: Zur deutschen Lexikographie, S.74

[8] ebd. S.84

[9] Grimm, Jacob: Deutsches Wörterbuch. Vorrede. 1854. Sp. XXIV

[10] vergl.: Szlek: Zur deutschen Lexikographie, S. 92 f

[11] Grimm, Jakob: Deutsches Wörterbuch. Vorrede. 1854. Sp. XXVI

[12] Grimm, Jakob: Deutsches Wörterbuch. Vorrede. 1854. Sp. I

[13] Kirkness, Alan: Geschichte des Deutschen Wörterbuchs. 1838-1863. Dokumente zu den Lexikographen Grimm. Mit einem Beitrag von Ludwig Denecke. Stuttgart 1980, S.53

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638298384
ISBN (Buch)
9783638921503
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27922
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Deutsche Wörterbuch Brüder Grimm Wissenschaftsprojekt Frühgeschichte Germanistik

Autor

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