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Fernsehen als Säule der Zivilreligion in einer globalen Mediengesellschaft?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 20 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 EINLEITUNG

3 DIE GLOBALE MEDIENGESELLSCHAFT
3.1 Begriffsklärung
3.2 ZDF
3.3 CNN
3.4 Europäische Rundfunkunion

4 CIVIL RELIGION
4.1 Jean-Jacques Rousseau
4.2 USA
4.3 Deutschland

5 „MEDIA EVENTS“ - DIE POSITION VON KATZ/DAYAN
5.1 Definition
5.2 Wirkung
5.3 Präsentation
5.4 „News Events“
5.5 „Grammatik“ und „Semantik“
5.6 Skripte

6 KRITISCHE WÜRDIGUNG

7 LITERATUR

Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit „Fernsehen als Säule der Zivilreligion in einer globalen Mediengesellschaft?“ enthält mehrere Schlagwörter - und am Ende ein Fragezeichen. Ist das Fernsehen Säule der Zivilreligion in einer globalen Mediengesellschaft, eignet es sich als Säule der Zivilreligion in einer globalen Mediengesellschaft, diese Verben können den Satz vervollständigen. Um die Fragen zu beantworten, sind zunächst die Begriffe einer genaueren Definition zu unterziehen. Dabei können Probleme und Kritik der Globalisierung nicht untersucht werden. Außerdem beschränkt sich die Abhandlung auf den westlich und christlich geprägten Kulturkreis. Diese Einschränkung ist gegeben durch die Perspektive der bearbeiteten Literatur.

Das Medium mit dem bislang größten Publikum ist mutmaßlich die Bibel. Allerdings wurde dieses Publikum nicht zeitgleich erreicht, sondern im Laufe der Geschichte. Das Buch und seine Botschaft haben konkrete Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Früher in stärkerem Maße als heute. Immer weniger Menschen bekennen sich zum christlichen Glauben, immer weniger besuchen die Gottesdienste. Bis heute sind aber in der Öffentlichkeit Zeichen des christlichen Glaubens präsent. Nur gelegentlich, wie das sogenannte Kruzifix- Urteil des Bundesverfassungsgericht zeigt, wird an ihnen Anstoß genommen. Die christliche Basis der abendländischen Kultur trägt noch, auch die, die ihr indifferent gegenüberstehen. Die Debatte um eine muslimische Lehrerin, die im Referendariat in einer öffentlichen Schule mit Kopftuch unterrichten wollte, macht hingegen deutlich, daß es nicht um Religion allgemein, sondern um das Christentum geht.

Das Medium, das das größte Publikum zur gleichen Zeit erreicht, ist das Fernsehen. Eine Botschaft soll im Prinzip nicht vermittelt werden, es geht um Information, Bildung und Unterhaltung. Mit der Zeit hat das Medium einen immer größeren Platz im Leben der Menschen erobert. Es ist wirkungsmächtig geworden.

Ergibt sich daraus eine Symbiose?

Die globale Mediengesellschaft

Die globale Mediengesellschaft ist in der allgemeinen Debatte um die Globalisierung ein Schlagwort, das neben anderen immer wieder fällt. Daher soll diese Formel hier zunächst anhand von Beispielen mit Inhalt gefüllt werden. Es soll deutlich gemacht werden, wie die Medien - insbesondere die elektronischen - verschiedene Kulturkreise in gleicher Weise und mit gleichen Inhalten erreichen. Während früher die Leser einer Lokalzeitung über einen gemeinsamen Kanon an aktuellen Kenntnissen und gedruckten Geschichten verfügten, der im Nachbarort mit einer anderen Zeitung schon wieder ganz anders aussehen konnte, lassen die Massenmedien ihre Konsumenten in eine Art globales Dorf zusammenrücken.

Begriffsklärung

Für eine Berichterstattung der elektronischen Medien, die ohne Zeitverzug gesendet wird, soll hier der französische Begriff „en direct“ verwendet werden. Das sonst übliche englische Wort „live“ impliziert die Komponenten „aktuell“ und „lebendig“, den Vorzug des französischen Begriffs sehen wir in der Betonung der Unmittelbarkeit, nicht Unvermitteltheit, der Übertragung. So können Sendungen „wie live“ aufgezeichnet werden, d.h. unter den Bedingungen einer Live-Sendung, und doch später als Aufzeichnung gesendet werden. Das prominenteste Beispiel dafür im deutschen Fernsehen ist die Harald-Schmidt-Show. Es wird im Studio eine „Live-Atmosphäre“ erzeugt, es wird nicht geschnitten, Pannen bleiben erhalten, die Ansage der Werbeunterbrechungen verknüpft die Aufzeichnung mit dem späteren Zeitpunkt der Ausstrahlung.1 Mit en direct sollen also Sendungen bezeichnet werden, bei denen das, was geschieht, ohne Zeitversetzung ausgestrahlt wird.2 Diese Definition wendet sich gegen die Gleichstellung bei Katz/Dayan.3

„Der Reiz der Live -Form bestand und besteht in der Unmittelbarkeit der Berichterstattung, der wiederentdeckten Urform des Hörfunks.“4 So ist das Fernsehen nur der Höhepunkt dessen, was seit dem Aufkommend es Hörfunks Millionen von Menschen an die Übertragungsgeräte gefesselt hat. Ein Ereignis, ein Unglück wird en direct übertragen, der Zuhörer und später der Zuschauer wähnt sich unmittelbar involviert, das Fernsehen fügt dem auditiven Kanal des Radios den visuellen hinzu, was die Illusion des unmittelbar Beteiligtseins für den Zuschauer noch erhöht.

ZDF

Das Zweite Deutsche Fernsehen war daran gehindert, in Deutschland die Auslosung zur Endrunde der Fußballweltmeisterschaft 2002 in Japan und Korea en direct auszustrahlen, obwohl dem Sender die Rechte dafür vorlagen. Allerdings wäre das Programm über Satellit auch in Teilen Spaniens, besonders auf Mallorca, zu empfangen gewesen. Daher „drohte der spanische Pay-TV-Sender Via Digital mit einer Millionenklage, wenn das ZDF die Sendung nicht verschlüssele. Der Pay-TV-Kanal fürchtete um die Exklusivität seiner Berichte in Spanien, weil das ZDF über Satellit auch in Spanien zu empfangen ist.“5 Dies ist ein Beleg dafür, wie nationale Sender mittels Satellitentechnik ihre technische Reichweite über ihr eigentliches Sendegebiet hinaus erweitert haben - und mit den Gegebenheiten kultureller, religiöser, sozialer oder rechtlicher Art, wie sie im erweiterten Sendegebiet anzutreffen sind, in Konflikt geraten können. Der deutsche Zuschauer kann zunehmend auch in fremd- kulturellen Zusammenhängen sein gewohntes Fernsehprogramm verfolgen.6 Genauso können die dortigen Einwohner das deutsche Programm verfolgen und nicht mehr nur das z.B. von der Deutschen Welle speziell für das Ausland produzierte Programm.

CNN

Einen erheblichen Anteil an der Herausbildung einer „globalen Mediengesellschaft“ hat der us-amerikanische Sender CNN. Seine Empfangbarkeit hat der Nachrichtensender immer weiter ausgebaut, ebenso seine Berichterstattung über Ereignisse, bei denen keine anderen Journalisten mehr vor Ort sind, so während der amerikanischen Luftangriffe auf Bagdad während des Golfkriegs. Die amerikanische Hegemonie in der Berichterstattung wird insbesondere in der arabischen Welt kritisch gesehen. Eine Auswirkung war die Gründung des arabischen Senders Al Jazeera, der dem Vorbild von CNN folgt und in manchen Arabischen Ländern ebenso kritisch gesehen wird. CNN ist in der Lage, ein weltweites Publikum zu erreichen und globale Medien-Events7 zu inszenieren.

Europäische Rundfunkunion

Die Europäische Rundfunkunion hat 1995 eine Tauschbörse für Fernsehbilder ins Leben gerufen, „EuroVision News Exchange“ (EVN). 60 Rundfunkanstalten und die Agenturen Reuters und Associated Press haben im Jahr 2000 fast 15.000 Beiträge über EVN angeboten.8 Die Angebote kommen aus der ganzen Welt, die Faktizität der Reportagen wird von den liefernden Anstalten sichergestellt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA ergab sich eine grundsätzliche Frage, berichtet die Pariser Zeitung Le Monde. „Les responsables de l’information s’interrogent. Les images envoyées via les EVN ont-elles été censurées ou, du moins, auto-censurées?”9 Je globaler die Berichterstattung, desto größer ist der Abstand zwischen Sender und Zuschauer und zu dem Ereignis. Wahrhaftigkeit ist dadurch immer schwieriger zu überprüfen und zu garantieren. Der Zuschauer und die übernehmenden Rundfunkanstalten müssen sich darauf verlassen, daß die zuliefernden Journalisten ähnliche Qualitätsmaßstäbe an ihre Arbeit anlegen, wie sie im eigenen Kontext gelten.

Es ist deutlich geworden, daß das Fernsehen in immer größerem Maße seine Möglichkeiten ausspielt und der Bevölkerung der Welt, die technisch erreicht werden kann, einen Grundstock an gemeinsamen Informationen vermittelt.

Um die These zu überprüfen, ob das Fernsehen als Säule der Zivilreligion trägt, ist nun zu untersuchen, was unter dem Begriff der Zivilreligion zu verstehen ist.

Civil Religion

Die Debatte um eine Civil Religion ist in den USA entstanden. Es geht dabei, cum grano salis, um das Verhältnis von Politik und Religion in einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft. Erste Gedankengänge in Richtung einer Zivilreligion finden sich schon bei Rousseau.

Hier soll die Debatte um die Civil Religion nicht nachgezeichnet werden. Vielmehr ist es nötig, zu einer genaueren Beschreibung des Begriffs zu kommen, um zu sehen was in einer globalen Mediengesellschaft Civil Religion sein kann und welche Rolle das Fernsehen bei ihrer Vermittlung spielt.

Jean-Jacques Rousseau

Die Vorfahren des französischen Schriftstellers und Philosophen hatten noch aus Frankreich fliehen müssen, da sie wegen ihres protestantischen Glaubens vom Staat verfolgt wurden. Der absolutistische Staat war Religion, zumindest sah sich die französische Kirche als älteste Tochter Roms. 1516 hatte der Vatikan mit dem französischen König das Konkordat von Bologna abgeschlossen, das dem Monarchen Einfluß und Macht bei der Investitur der Bischöfe zubilligte. Der König konnte damit seine Macht auch auf das andere der beiden Reiche ausdehnen, „la dignité royale est quasi sacerdotale.“10 Damit stellt das Königtum das zentrale, verbindende Element im französischen Staat dar. Eine Zivilreligion kann es nicht geben, da der König die Staatsreligion verkörpert.

Bei Jean-Jacques Rousseau taucht der Begriff der „Religion civil“ zur Hochzeit der absolutistischen Monarchie zum ersten Mal auf.11 In seinem Contrat social von 1772 entwirft er ein Gesellschaftsmodell, das auf einem freiwilligen Vertrag zwischen den Bürgern beruht. Das Christentum eignet sich für Rousseau nicht mehr dazu, das künftige Zusammenleben auf Grundlage dieses Vertrages zu sichern. „La loi chrétienne est au fond plus nuisible qu’utileàla forte constitution de l’Etat.“12 Durch seine Regeln habe das Christentum gar keine Beziehung zur Politik und widerspreche dem Grundgedanken des Contrat social. „Loin d’attacher les cœurs des Citoyensàl’Etat, elle les en détache comme de toutes les choses de la terre ; je connois rien de plus contraireàl’esprit sociale.“13 Die Staatsform „Republik“, in der die Bürger nicht mehr Untertanen sein sollen, und das Christentum schließen sich nach Rousseaus Ansicht aus. Das Christentum verwerfend, entwirft Rousseau dann die Anforderungen an eine Zivilreligion.

„Les dogmes de la Religion civile doivent être simples, en petit nombre, énoncés avec précision, sans explication ni commentaires. L’existence de la Divinité puissante, intelligente, bienfaitante, prévoyante & pourvoyante, la vie a venir, le bonheur des justes, le châtiment des méchans, la sainteté du contrat social & des loix ; voilà les dogmes positifs. Quant aux dogmes negatifs, je les borneàun seul ; c’est l’intolérance ; elle rentre dans les cultes que nous avons exclus.“14

Wenngleich der Begriff der Zivilreligion hier erstmalig belegt ist, hat er wenig gemein, mit dem, was in der heutigen Diskussion darunter verstanden wird. Denn Rousseau geht davon aus, daß jedes Mitglied des Staates dieser bürgerlichen Religion angehören muß. Andererseits klingen bereits Bestandteile des heutigen Verständnisses von Zivilreligion in seinen positiven und negativen Dogmen durch. Die invocatio dei im Grundgesetz setzt ja die Anerkennung der Existenz Gottes voraus und Intoleranz, so ein breiter gesellschaftlicher Konsens, ist nicht akzeptabel. Rousseau nimmt die Existenz eines höchsten Wesens an, das für die moralischen Komponenten des Gesellschaftsvertrages „zuständig“ ist.

An Rousseaus Konzeption wird auch die Bedeutung des Begriffs der Zivilreligion deutlich. Das französische Adjektiv „civil“, aus dem lateinischen „civilis“ entstanden, bezieht sich seit dem 14. Jahrhundert auf die Domäne der Bürger, erst später ist es als Opposition zum militärischen belegt.15

Es geht dem Autor also um eine bürgerliche Religion, deren Anhänger per Definition alle Bürger des Gemeinwesens sind. Nach Rousseaus Auffassung ist das Christentum hier gerade nicht zu einer Sinnstiftung in der Lage, da es den Einzelnen in seiner Verantwortung auf sein eigenes Seelenheil zurückwirft und das Wohl der Gesellschaft vergessen läßt. Denn Jesus habe auf der Erde ein „Royaume Spirituel“16 errichtet und so das theologische System vom politischen getrennt mit der Konsequenz: „L’Etat cessa d’être un.“17

[...]


1 Viele Zuschauer wurden sich dessen erst bewußt, als der Moderator in einen Meta-Diskurs über die Produktionsbedingungen seiner Sendung eingetreten ist.

2 Mitunter entstehen Mischformen, die dem Autor aus der eigenen Arbeit bekannt, hier aber zu vernachlässigen sind: Die Presseschau im Morgenmagazin von Radio France Internationale wird beispielsweise en direct gesendet, dabei gleichzeitig mitgeschnitten und in den folgenden Sendungen des Tages vom Band wiederholt. Die Magazinsendungen des SFB-Kirchfunks werden mal en direct ausgestrahlt, mal vorher aufgezeichnet, ohne daß der Zuhörer einen Unterschied bemerken könnte.

3 Elihu Katz, Daniel Dayan (1992) Media Events: The Live Broadcasting of History. Cambridge (Massachusetts), London, 5. Cf. Kapitel 5.

4 Walter von LaRoche, Axel Buchholz (Hg.) (61993) Radio-Journalismus: Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. München, Leipzig., 183.

5 Berliner Zeitung vom 3.12.2001 „Japan aus der Konserve“, Online URL:

http://www.berlinonline.de/wissen/berliner_zeitung/archiv/2001/1203/medien/0112/index.html?keywords=zdf% 20spanien&ok=OK%21&match=strict&author=&ressort=Media&von=1.12.2001&bis=10.12.2001&mark=spani en%20zdf (Zugang 10.12.2001).

6 Es ist zu vermuten, daß dadurch die Sensibilität für interkulturelle Differenzen reduziert wird.

7 Cf. Kapitel 5.

8 Le Monde vom 24.09.2001 „Polémique autour de la ‚censure’ des images“, Online URL: http://www.lemonde.fr/imprimer_article/0,6063,223177,00.html (Zugang 5.11.2001).

9 Ibid.

10 Arlette Jouanna (21997) La France du XVI e si è cle : 1483-1598. Paris, 39.

11 So Gottfried Küenzlen (1985) „Civil Religion und Christentum. Ein Beitrag zum gegenwärtigen Verhältnis von Religion und Gesellschaft.“EZW-Texte: Impulse Nr. 21. Stuttgart., 7 und Rolf Schieder (1987) Civil Religion: Die religiöse Dimension der politischen Kultur. Gütersloh., 51.

12 Jean-Jacques Rousseau (1772) Du contrat social ou Principes du droit politique. Livre IV. Amsterdam, 251. Zugänglich im Internet über URL http://gallica.bnf.fr/scripts/ConsultationTout.exe?E=0&O=N081303 (Zugang am 6.01.2002).

13 Rousseau, 255.

14 Rousseau, 262.

15 „Civil” in: Josette Rey-Debove, Alain Rey (Hg.) (1993) Le Nouveau Petit Robert: Dictionnaire alphab é tique et analogique de la langue fran ç aise. Paris.

16 Rousseau 247.

17 Ibid.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638298377
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27921
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Seminar für Systematische Theologie
Note
2-3
Schlagworte
Fernsehen Säule Zivilreligion Mediengesellschaft Religionstheorien Gespräch

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