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Das nachkoloniale Afrika

Zusammenfassung 2012 65 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Das nachkoloniale Afrika: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft

1.1 Warum Afrika von besonderem Interesse ist

- Afrika ist Lieferant von Rohstoffen, Kolonialwaren und menschlicher Arbeitskraft
- Seit 40 Jahren sind die früheren Kolonien Europas unabhängige afrikanische Staaten (heute 53 Staaten)
- Heute lebt Mehrzahl der Afrikaner unter schlechteren Bedingungen als in der Kolonialzeit

Paradoxien der Armut:

- Warum gibt es hier die größte Zahl von „absolut armen" Staaten (35 von weltweit 49 Staaten im Jahr 2002), obwohl es pro Kopf die höchste Entwicklungshilfe erhält (Hilfeparadox)?
- Warum ist Afrika im Ausland überschuldet und warum sinkt Afrikas Exportanteil an den Weltexporten ständig (Marginalisierung im Welthandel), wo doch seit Jahrhunderten kostbare Bodenschatze exportiert wurden (Rohstoffparadox)?
- Warum ist sogar noch die Landwirtschaft so unentwickelt (wenig mechanisiert und industrialisiert), dass immer mehr Nahrungsmittel aus dem Ausland importiert werden müssen, um die Menschen in Staaten zu ernähren, die von ihrer Produktionsstruktur her in erster Linie Agrarländer sind (Landwirtschaftsparadox)?

1.2 Drei Wirkfaktoren des sozialen, kulturellen und politischen Wandels

Primäre Ursache von Armut und Unterentwicklung in Afrika waren und sind entweder

1. endogene (innere) Faktoren, einschließlich der persönlichen Charakteristika von politischen Führergestalten

- Politische Entscheidungen, die im Lande selbst von den politisch Verantwortlichen getroffen worden sind und die durch die Wahl zwischen bestehenden Handlungsalternativen zustande gekommen sind
- Max Weber - Drei Herrschaftstypen (traditionale Herrschaft, charismatische Herrschaft, rationale, anstaltsmäßige, bürokratische Herrschaft) - Gerade in Umbruchsituationen hat Form der charismatischen Herrschaft aufgrund ihrer exzeptionellen Mobilisierungs- und Steuerungsleistung eine eminent wichtige Funktion

Charismatische Führer im nachkolonialen Afrika:

- Gamal Abd el Nasser: geboren 1918 in Ägypten, gestorben 1970; als Oberst 1952 am Putsch gegen König Faruk beteiligt; von 1954 bis zu seinem Tod ägyptischer Staatspräsident; verstaatlichte 1956 den Suezkanal; provozierte die militärische Niederlage im Sechstage-Krieg 1967 gegen Israel; propagierte die Blockfreien-Bewegung und den ,arabischen Sozialismus" (,Nasserismus")

- Nelson Mandela: geboren 1918 in Umtata/Transkei; 1962 in Südafrika als Untergrundkampfer des ANC verhaftet, 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt; während seiner 26-jährigen Haft auf Robben Island wurde er zur Symbolfigur des afrikanischen Widerstandes gegen die Apartheid; 1990 freigelassen, wurde er nach den ersten freien Wahlen 1994 Staatspräsident Südafrikas, bis er 1997 dieses Amt aufgab

- Kehrseite: Despotischen und/oder populistischen Präsidenten -, die als Individuen

an der Spitze klientelistischer Patronagenetzwerke die ererbten kolonialwirtschaftlichen

Gebilde destabilisierten und die Zivilbevölkerung terrorisierten

- Jean Bedel Bokassa: geboren 1921, gestorben 1996; von 1966-1979 Staatspräsident der Zentralafrikanischen Republik; wurde durch grausame Exzesse an Schulkindern bekannt und deshalb im eigenen Land nach seinem Sturz 1986 zum Tode verurteilt, 1993 begnadigt

- Mobutu Sese Seko: geboren 1930, gestorben 1997; von 1965 bis zu seiner von Rebellen erzwungenen Flucht 1997 Staatspräsident und zeitweise auch Ministerpräsident (1966-1977) von Kongo-Kinshasa bzw. Zaire; er plünderte sein Land rücksichtslos aus und warf politische Opponenten willkürlich ins Gefängnis oder vertrieb sie ins Ausland und stürzte schließlich sein Land ins politische Chaos.

2. Exogene (äußere, fremde) Faktoren, einschließlich weltmarktbedingter Prozesse des Austauschs von Gütern, Kapital und Ideen

- Politische und wirtschaftliche Wirkungen, die von außen kommen, d.h. vom internationalen Umfeld Afrikas, und jenseits der Kontrolle der Regierungen und Gesellschaften der afrikanischen Länder liegen
- Wirken als „externe Schocks" oder als „externe Errungenschaften bzw. Innovationen"
- Am gewichtigsten sind Weltmarktpreise für Import- und Exportgüter

3. Strukturelle Faktoren, einschließlich historischer, klimatologischer und genderbezogener

Strukturmerkmale

- Wirkfaktoren, die Geographie, Klima und physikalischer Beschaffenheit eines Landes geschuldet sind und die politisch nicht rasch oder prinzipiell verändert werden können (Größe eines Landes, Lage als Binnenstaat (ohne Zugang zum Meer) oder als wasserarmes Land mit extrem niedrigen Niederschlagen und ziemlich unfruchtbaren Boden (Mitglied der Staatengruppe der Sahelzone))
- Zentrale Themen der afrikanischen Geschichte sind die Besiedlung des Kontinents, die Koexistenz mit der Natur, der Aufbau stabiler Gesellschaften und deren Verteidigung gegen Angriffe von Völkern aus begünstigteren Regionen
- Faktoren: Physische Beschaffenheit der Boden (arm an Nährstoffen, oftmals reich an Wäldern und Bodenschatzen), Geographie und mörderisches Tropenklima, Pestepidemien seit dem 14. Jahrhundert, Sklavenhandel und Kolonialismus
- Jahrhundertealtes Patriarchat hat prägende Wirkung für beide Teile der Gesellschaft gehabt, bis erst durch fremde Einflüsse (Kolonialismus, Welthandel, Christentum) patriarchalische Strukturen aufgebrochen wurden und neue Strukturkonfigurationen von Staat, primären Gemeinschaften und Geschlechterverhältnis ermöglichten
- Frauen stark benachteiligt: Fallen hinter Kulturen mit Gleichberechtigung zurück

1.3 Schwankende, wahre und falsche „Weltbilder“ über Afrika

- Große Heterogenität der 53 Staaten Afrikas wird von Europäern meist nicht gesehen, Afrika als Klischee - Häufig wird von dem Kontinent in toto gesprochen (Entwicklungsunterschiede zwischen und in Djibouti, Angola, Burkina Faso und Kamerun werden nicht beachtet)
- Hunderten von Ethnien, Völkern und Sprachen auf einem Kontinent
- Mythos vom unfähigen Kontinent hat sich in fast allen Globaluntersuchungen Afrikas eingeschlichen
- Afrika wird gedanklich häufig assoziiert mit dörflicher Armut und Kindern mit hungrigen Bäuchen - Afrika als einziger Versorgungsnotstand, der ständig Hilfslieferungen aus dem Ausland benötigt
- Ausgetrockneter und von Bodenerosion zerstörter Boden, von fortschreitender Verwüstung bedrohte Sahelzone (Desertifikation)
- Raffgierige Militärjunta (Nigeria bis 1998, Togo), grausam geführte Bürgerkriege und Guerillaaktionen (Sierra Leone, Liberia, Algerien, südliches Afrika (Angola), am Horn von Afrika)
- Ethnozid in Ruanda und anderen „Stammeskriegen" („ethnic clashes", „tribal conflicts")
- Hässlichen Überbleibseln und Folgen des Apartheidsystems in Sudafrika (rassistische Vorurteile und Traumata, hohe Kriminalität, hohe Arbeitslosigkeit in Städten wie Johannisburg und Durban)
- Zu rasch wachsende Bevölkerung im Verhältnis zu materiellen Ressourcen zum Überleben der Menschen („Überbevölkerung ")
- Endlose Flüchtlingsströme nach Europa (Afrika als Flüchtlingskontinent)
- Epidemien (Malaria und Aids), die hier wie in keinem anderen Kontinent wüten und Zukunft vieler Siedlungen und Institutionen bedrohen
- Kolonialwaren wie Kaffee, Kakao, Kokosnüsse und Erdnüsse, die geringe Erlöse erbringen und zur „Überschuldung" im Ausland beigetragen haben
- Janusköpfiges Grundmuster: Afrikaner verkörpern zugleich Bedrohliches und Begehrenswertes, rufen Gefühle der Unterlegenheit und der Überlegenheit hervor
- Afrikaner Ausbeutungsobjekte, die das zivilisierte Europa kolonialisieren darf
- Aktueller Diskurs über die „richtigen" Afrikabilder: Unterscheidung zwischen „Afro-Pessimisten" und „Afro-Optimisten"
- Gefahr der Nähe zum Kulturessentialismus gegeben - abzulehnende wissenschaftliche Position, die mit „dem Wesen" eines Volkes oder einer Nation Verhaltensweisen begründet und diese deshalb für unveränderlich ausgibt
- Mit ganz wenigen Ausnahmen haben die leidgeprüften Bevölkerungen- meistens die urbanen Mittelschichten (Studenten, Lehrer, Rechtsanwälte, Kirchenvertreter, Menschenrechtler und Gewerkschaften) (Militär-)Diktatoren und selbstherrlichen Präsidenten auf Lebenszeit vom Thron gestoßen und sich für Reformen eingesetzt
- Afrikas Entwicklungsperspektiven sich nicht aus den negativen Entwicklungen der letzten Jahre ableiten lassen, sondern an den Potentialen, Reformkräften, engagierten Menschen in der Landwirtschaft, in der Industrie, im Dienstleistungsbereich und an den reformbereiten Teilen der Staatselite
- Überwiegenden Mehrheit der afrikanischen Staaten fehlt das Potential zu nachhaltiger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung"
- Viertel aller Staaten verharrt auf einem niedrigen Einkommensniveau mit nur geringen Entwicklungschancen
- Weiteres Viertel aller Staaten des sub-saharischen Afrika bleibt auf niedrigem Einkommensniveau ohne längerfristige Entwicklungschancen stecken
- Letztes Viertel hat unter gegenwärtigen Bedingungen überhaupt keine Entwicklungschancen
- Verlierern (Pro-Kopf-Einkommen, Investitionsquote): Togo, Niger, Guinea-Bissau, Sierra Leone und Liberia in Westafrika, Burundi, Dschibuti und Somalia in Ostafrika, der Tschad, Zentralafrikanische Republik und Kongo (Kinshasa), das frühere Zaire, in Zentralafrika und Madagaskar und Malawi im südlichen Afrika
- Koloniale Trauma entfaltet bis heute seine Wirkungen
- Wichtig bei Heterogenität von Afrika: Generalisierungen vermeiden, Trends nicht einfach in die Zukunft projizieren oder linear fortschreiben - Frage ist: Was wissen wir wirklich? Wie solide sind empirische Messungen und Daten?

1.4 Das Trauma des atlantischen Sklavenhandels

- Drei historische Faktoren, die zusammen die große „Wende" in der neueren Geschichte Schwarzafrikas ausmachen:
- Einfuhr von Feuerwaffen
- Missionierung großer Teile Afrikas durch Islam und Christentum
- Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel als Täter und Opfer
- Transatlantischer Sklavenhandel: Größte (erzwungene) Volkerwanderung der Geschichte mit einem Verlust an afrikanischen Menschen von etwa 29 Millionen exportierten Sklaven und einer etwa gleichen Zahl von Menschen, die bei den Jagden und beim Transport umgekommen sind oder sich das Leben nahmen

Vier Arten der Langzeitwirkung des Sklavenhandels

- Unterscheidung zwischen demographischen, wirtschaftlichen, politischen, mentalen sowie psychischen Auswirkungen

- Demographische, wirtschaftliche, politische Auswirkungen: Entvölkerung Afrikas und die durch ständige Menschenjagden ausgelösten Wanderungen und permanente (Zer-)Störung der landwirtschaftlichen Anbau- und Bodennutzungssysteme

1. Kollektives Trauma

- Mentalen und psychischen Auswirkungen: Kollektiven Traumata von Gesellschaften, die sich in Mythen, Märchen und ,Erzählungen" von Generation zu Generation übertragen

2. Demografische Langzeitfolgen

- „Europäischer Sklavenhandel" ist Hauptursache der Unterentwicklung": Menschen waren im vorkolonialen Afrika der knappste Produktionsfaktor, anhaltende Sklavenjagden haben zu einer starken Entvölkerung beigetragen (zusätzlich zu periodischen Hungersnoten, Malaria- und Pestepedimien und Dürren)
- Sklavenhandel trieb gerade die stärksten Volker in den Krieg und zu Plünderungen und jagte die schwächsten Volksstämme oft gerade zur Erntezeit in die Flucht - hemmte Produktion von autochthonen wie exotischen Lebensmitteln
- Sklavenhandel ließ Krieg und Gewalttätigkeit zwischen Volksstämmen zum chronischen Zustand werden
- Sklavenhandel zog bei vielen Afrikanern moralische und ideologische Traumata nach sich

3. Politische Langzeitfolgen

- Menschenhandel hatte Akkumulation des kostbarsten Produktionsfaktors (Arbeitskräfte) unterbunden
- Möglichkeit der traditionellen Herrscher, unliebsame Kritiker der bestehenden Verhältnisse einfach in die Sklaverei zu geben, hatte bestehenden Machtverhältnisse konserviert
- Vorsicht: Darf nicht unterschlagen werden, dass Prozess der totalen Entmenschlichung durch Versklavung und Verkauf nicht allein das Werk der Europäer gewesen ist, sondern ein kollektives Verbrechen darstellt, an dem auch arabische Sklavenjäger neben und oftmals in Zusammenarbeit mit Kolonialeuropäern und afrikanischen Herrschern mitbeteiligt waren
- Kulturelle und spirituelle Verrohung des Kontinents wurde nicht allein durch die christlich-europäische Achse vorgenommen, sondern auch durch arabisch-islamische Dimension (war gleichermaßen verheerend)
- Mitschuld afrikanischer Herrschaft an der Zerstörung der Gesellschaften südlich der Sahara seit dem 15. Jahrhundert: Haus- und Kriegssklaverei war in Afrika Gang und gäbe, vor allem in den Gebieten, die wirtschaftlich fortgeschrittener waren (um Stadtzentren von Dschenne und Timbuktu im Königreich Mali) wo Sklaverei einen ausgesprochenen Ausbeutungscharakter angenommen hatte
- Sklavenhandel ist nicht mit ruinösen Wirkungen des atlantischen Sklavenhandels zu vergleichen - Versklavung eines im Krieg geraubten Menschen dauerte in der Regel nur einige Jahre, bis der Unglückliche entweder freigelassen oder in die Familie seines Käufers sozial integriert wurde und auch Bürgerrechte und Eigentum erwerben konnte

4. Wirtschaftliche Langzeitfolgen

- Umstritten, wie viele Menschen Afrika tatsächlich durch Sklavenhandel verlor - Realistischste Schätzung liegt bei 60 Millionen Menschen in vier Jahrhunderten
- Logik des Sklavenhandels lag in Trennung zwischen kollektiven und Einzelinteressen - Große Männer verkauften Sklaven, um Güter zu erwerben, mit deren Hilfe sie wiederum ihre persönliche Gefolgschaft vergrößern konnten
- Während Europa und Nordamerika sehr vom atlantischen Sklavenhandel profitierten, hatten in Afrika nur Häuptlinge, Händler und feudale Plantagen- und Grubenbesitzer einen Nutzen - „Kultureller Abstand" zwischen führenden Staaten in Afrika und denen in Europa hat sich im Laufe des 300-jährigen Sklavenhandels von einem schmalen Spalt zu einer breiten Kluft vergrößert
- Fazit: Transatlantischer Sklavenhandel war nachhaltiger Umbruch und tiefer Einschnitt in der Geschichte Afrikas, sowohl aufgrund seiner moralischen und emotionalen Implikationen als auch aufgrund seines großen Einflusses auf die weitere Entwicklung des ausgeplünderten Kontinents zu einer peripheren Region des Welthandels
- Sklavenhandel verstärkte noch die schon bestehende Rückständigkeit Afrikas - Land südlich der Sahara war technologisch ohnedies bereits ins Hintertreffen geraten, doch der transatlantische Sklavenhandel verstärkte diese Rückständigkeit

1.5 Koloniales Erbe - immer noch ambivalente Bedingung für Entwicklung

- 1807 beschloss britisches Parlament Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels
- Aber das ganze Jahrhundert über wurden weiterhin Afrikaner heimlich verkauft (3,33 Millionen Sklaven nach Übersee, was etwa der Hälfte des Sklavenexports des 18. Jahrhunderts entsprach)
- Viele politische Führer Afrikas widersetzten sich der Abschaffung des Sklavenhandels - waren schon integraler Teil eines kriminellen internationalen Handelssystems geworden und fungierten als Kollaborateure des Unrechts und der ersten großen systematischen Menschenrechtsverletzungen in Afrika
- Mit Beendigung des atlantischen Sklavenhandels war Leiden nicht beendet - Abschaffung des Sklavenhandels bot Rechtfertigung für die raffinierte Fortsetzung der Unterdrückung, und zwar durch externe Herrscher - die fünf europäischen Kolonialmächte (England, Frankreich, Portugal, Belgien und bis 1919 auch Deutschland), und durch interne Herrscher, die „feudalistische" Militäraristokratie, die nun Sklaven in vermehrtem Umfang auf den neuen Monokultur-Plantagen für den Anbau von Erdnüssen, Palmöl und Reis einsetzten (schon vor Beginn des formellen Kolonialismus der europäischen Großmächte in Afrika)
- Pseudorechtfertigung um koloniale Eroberung durch Europäer voranzutreiben - Ideologie der kolonialen Eroberung beruhte auf Vorstellung, Afrikaner seien unfähig, eigene Institutionen zu entwickeln und zu verteidigen
- Europäern bot sich Bild von einem kontinentalen Binnenraum, dessen Bewohner hoffnungslose Wilde waren - Einzige Antwort ist direkte Annexion
- In Republik Südafrika unter der Herrschaft der weißen Apartheid-Politiker haben diese verqueren Bilder bis in die Gegenwart ihre unheilsame Wirkung entfaltet
- Nicht verwunderlich dass sich Afrikaner von ihrem kollektiven Schicksal jahrhundertlanger Fremdbestimmung (Versklavung, Unterwerfung unter koloniale Herrschaft mit Fronarbeit, Zwangsbesteuerung und Entrechtlichung) so schnell wie möglich befreien wollten und lange Zeit Widerstand gegen jede Form von Fremdherrschaft leisteten
- Unterscheidung zwischen primären Widerstand (am Beginn der Kolonisation gegen gewaltsame Landnahme gerichtet) und sekundärer Widerstand (während der Kolonialzeit gegen bestimmte Formen kolonialer Ausbeutung organisiert)
- Hunderttausende von Afrikanern starben durch Strafexpeditionen" der Kolonialmächte, aber lebendig gebliebene Erinnerung an heroischen Widerstand bildet bis heute emotionale Grundlage für komplizierten Prozess des „nation-building"

Vier historische Phasen der Eingliederung von außereuropäischen Agrargebieten in den sich allmählich entwickelnden kapitalistischen Weltmarkt:

1. Ungeregelte Raub- und Plünderungskolonialismus (treibende Kraft in Europa waren Portugal und Spanien, später Holland und England)

2. Handelskolonialismus oder Merkantilismus (etwa von 1600-1880) begann systematischere Ausbeutung und Nutzung afrikanischen Bodens und seiner Menschen, Interesse an Rohstoffen Afrikas stieg (Gold, Elfenbein und Palmöl)

3. Hochimperialismus (1880-1918) der miteinander konkurrierenden europäischen Industriestaaten, die mit Erstem Weltkrieg endete, zu informellen Handelskolonien kamen jetzt formelle Siedlerkolonien hinzu, in denen sich weiße Siedler aus Holland („Kap der Guten Hoffnung" in Südafrika), England (Rhodesien, Kenia), Frankreich (Algerien seit 1830, Senegal), Portugal (Angola und Mosambik) und Deutschland (Südwest- und Ostafrika) niederließen

- In Algerien kämpfte FLN (Front de Liberation National) acht Jahre lang für Unabhängigkeit des Landes (1954-1962)
- Rhodesien (Simbabwe) erlangte erst 1980 und das von Südafrika (illegal) verwaltete Mandatsgebiet Südwestafrika (Namibia) 1990 seine Unabhängigkeit - Ergebnis des bewaffneten Kampfes von „Liberation Movements"

4. Dekolonisation und völkerrechtlichen Befreiung der europäischen Kolonien (1956-1963):

- Grundlegende Änderung: Afrikanern konnte Recht auf nationale Selbstbestimmung und als völkerrechtlich gleichberechtigte souveräne Staaten nicht länger vorenthalten werden
- Phase begann, als der Sudan 1956 als erstes afrikanisches Land, 1957 die Goldküste (1960 umbenannt in Ghana), 1958 mit Guinea (Hauptstadt Conacry) das erste frankophone Land und 1960 siebzehn weitere Kolonien Afrikas die ersehnte Unabhängigkeit erlangten

- Frage nach der bis heute spürbaren Langzeitwirkung des Kolonialismus und dessen Bedeutung für Entwicklungsfragen der Gegenwart Afrikas - Strukturbildende Hinterlassenschaft des europäischen Kolonialismus, die dem Oberziel der Integration Afrikas in internationale Arbeitsteilung dienten:

1. Bürokratisch-autoritärer Staat - Ohne demokratische Legitimation, mit künstlichen Staatsgrenzen, die oftmals Ethnien willkürlich teilten; schwach in Implementierung von Verwaltungsentscheidungen;
2. Modernes formales Schul- und Bildungssystem, speziell für Ausbildung der unteren und mittleren Beamtenschaft, den Hilfstruppen der Kolonialverwaltung und der Kolonialarmeen;
3. Nach außen orientierte materielle Infrastruktur, die Kommunikation mit Weltverkehr und Weltmarkt sichern sollte (Bau und Anlage von Städten, Bergwerken, Plantagen, Eisenbahnen und Hafen wurden dem kolonialherrschaftlichen Zweck der Ausbeutung von Rohstoffen und der Gewinnung von kolonialen Profiten untergeordnet;
4. Auf Produktion von kolonialen Rohstoffen spezialisierte Wirtschaftsweise, die durch weltmarktabhängige Monokulturen sowie durch saisonal bedingte Wander- und Lohnarbeit aus „informellen Wirtschaftssektoren" gekennzeichnet war

- Bewertung des „kolonialen Erbes" (Staat, Schule, Eisenbahn und Kolonialwaren, „citizen" (Bürger) und „subject" (Untertan), ist in internationalen Forschung stark umstritten

Drei Interpretationsrichtungen:

1. Negativen Auswirkungen des Kolonialismus in den Vordergrund stellen: wirtschaftliche Ausbeutung und Abhängigkeit vom Weltmarkt als Rohstofflieferant, soziale Desintegration durch künstliche Teilung in Ethnien und politische Entmündigung

2. Europäischer Kolonialismus ist kein besonderer Einschnitt oder Umbruch in der Geschichte des Kontinents, sondern nur kurze Episode: Ohne prägende Langzeitwirkung, Europäisierung des Wirtschaftens und Denkens war mit fester Integration der für das koloniale „Mutterland" produzierenden Kolonien irreversibel geworden, kulturelle Autonomie und selbstdefinierte Identität gehörten Vergangenheit an

3. Kolonialismus als tiefer nachhaltiger Umbruch der afrikanischen Gesellschaften, der sowohl Konservierung traditionaler Macht, partielle Zerstörung von Traditionen, Entsolidarisierung agrarischer Gemeinschaften und psychische Entfremdung gebracht habe, aber auch nützliche Modernisierungsimpulse wider Willen auslösten (plausibel): Zerstörung der (vormodernen) afrikanischen Agrarproduktion durch System der Zwangsarbeit und des erzwungenen Anbaus von „cash crops" im Unterschied zu „food crops", auch organisch gewachsene Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann wurde erschüttert und strukturell verändert

1.6 Bedeutung von Kolonialschule und Mission für Herausbildung neuer Eliten

- Schulen in Kolonien (vor allem christliche Missionsschulen) haben doppelte Funktion: Gegründet, um als billige Helfer mit elementarer formaler Bildung im Kolonialdienst fungieren zu können (Schreiber, Träger, Fahrer, Köche etc.), kamen Schüler mit emanzipatorischen Idealen der Französischen Revolution, Postulaten der christlichen Nächstenliebe und mit Ideen von Aufklärung, Humanismus und Rationalismus in Berührung - Auf erste Generation der „educated Africans" von prägender Wirkung

- Langzeitwirkung der europäischen Schule als wichtigste positive Hinterlassenschaft des Kolonialismus, bedeutender als Straßen und Hafen, Eisenbahnen oder Bergwerke
- Bildung des „human capital" - geistige Grundlage für „knowledge based society", Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts
- Positiv: Formale Schule der Europäer wirkte einerseits als Instrument der Entfremdung von eigener Vergangenheit, aber fungierte auch als zukunftweisende Sozialisationsanstalt, als Arena der mentalen Anpassung an rationale Denk- und Verhaltensweisen westlicher Prägung - Impuls zur Modernisierung, zur planvollen und rationellen Erschließung der Produktivkräfte überseeischer Besitzungen
- Negativ: „Innere Kolonisation", Enteignung des eigenen Bewusstseins durch fremde Sprache, fremde Bildsymbole, Gebote, Verbote, Strafen und Verheißungen
- Anstelle des korrekten preußischen Beamten dominierte Typ des sadistischen Kolonialbeamten, der sich nicht kontrolliert und kontrollierbar wusste und es mit Vorschriften und Menschenrechten nicht so ernst nahm
- Herausbildung der westlichen Rechtstradition (Trennung, Konkurrenz und Zusammenarbeit von kirchlicher und weltlicher Macht) war komplexer Vorgang innerhalb Europas, dessen Ergebnis nicht ohne weiteres auf andere Gesellschaften mit anderen natürlichen und sozialen Herausforderungen übertragen werden kann
- „Konstruktive Zerstörung" (Weber, Schumpeter): Zwei Varianten: Nichtintendierte Zerstörung durch Kolonialadministration (Ziel: Koloniale Profite) und bewusste geplante Zivilisierung der „Primitiven" durch christliche Missionare (Ziel: Vernichtung der magischen Bräuche)
- Ambivalenz der Langzeitwirkung von Kolonialschule und christlicher Mission: Importiertes Christentum der europäischen Missionare im Zeitalter des kolonialherrschaftlichen Imperialismus wirkte als Angriff auf afrikanische Zivilisation mit ihrer ganz anderen Welt- und Göttersicht (Ahnenglaußen, polygame Familienleben, Fürcht vor Naturgewalten)
- Fazit: Angebot an moderner formaler Schul- und Universitätsbildung war Haupttor zum Begreifen der fremden Welt der europäischen Moderne, war ein notwendiges, aber kein hinreichendes Instrumentarium zur Bewältigung des existentiellen Umbruchs
- Praxis der christlichen Missionsschule war erster Akt der Globalisierung: Eskalierte als innerhalb von nur zwei Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Kolonien in die politische Unabhängigkeit entlassen bzw. geschubst und nun zu völkerrechtlich souveränen und gleichberechtigten Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft erklärt wurden - Mit Doppelaufgabe des Regierens und Entwickelns waren Eliten überfordert
- Kolonialismus beendete gewaltsam Zeit der Wirren des atlantischen Sklavenhandels und beschleunigte das historische Werk des sozialen, wirtschaftlichen und mentalen Wandels (Rationalisierung, Modernisierung, Anpassung, Proletarisierung)
- Zerstörte alte Gewissheiten und erzwang bei kolonialen Untertanen durch Bewusstwerdung ihres Status neue Identitäten auf dem Weg der Negation
- Psychische und kulturelle Entfremdung bestimmte Binnenverhältnis zwischen bürgerlichen „Massen" (isoliert voneinander, in Dörfern verstreut lebende Bodenbewirtschafter) und der modernen Bildungs- und Verwaltungselite in urbanen Zonen - Klassischer „cleavage" (Graben) am Ende der Kolonialzeit: Alphabetisierte Bürokraten in den Städten, die vom kolonialen Mehrprodukt der Bauern, Marktfrauen und Händler lebten

Zusammenfassung: Das Paradigma der afrikanischen Krise

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Paradigma der afrikanischen Krise (Quelle: Tetzlaff, Rainer und Cord Jakobeit, 2009: Das nachkoloniale Afrika. MA Governance, Modul 2.2, S. 43, Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Fernuni Hagen.)

2 Gemeinschaft und Gesellschaft, Ethnizität und Kultur, (Staats-)Klassen und Sozialbeziehungen - Definitionen und Kontroversen

- Strukturierung der afrikanischen Gesellschaftswelt: Staatenwelt (Sphäre des Politischen), Wirtschaftswelt (Sphäre von Produktion, Finanzen und Handel)
- Frage nach dialektischen Zusammenhängen zwischen Ökonomie und Politik hat seit Jahrhunderten die Gesellschaftstheoretiker beschäftigt und zahlreiche Gesellschaftstheorien hervorgebracht, von denen auch die Gesellschaftsanalyse eines unterentwickelten Kontinentes profitieren kann
- Erkenntnis, dass anspruchsvolles politisch-rechtliches Regierungssystem (pluralistische liberale Demokratie) kann nicht ohne weiteres auf „unterentwickelte" gesellschaftliche und wirtschaftliche Basis verpflanzt werden, die noch nicht zwischen privater und öffentlicher Sphäre zu differenzieren gelernt hat, die keine Parteien und Verbände kennt
- Erkenntnis: Es braucht gesellschaftlichen Reifeprozess, damit legale politische Opposition geduldet wird und sich relativ freie Presse betätigen kann (Basis für Politik rechtsstaatlicher Streitkultur)
- Prekäres Gleichgewicht zwischen Staat und Gesellschaft ist seit Jahrzehnten zentrales Thema der Afrikawissenschaften
- Bestandteile von Gesellschaften: Großfamilie, Klan, „Chiefdom" (Häuptlingsherrschaft), Ethnie, religiöse Bewegung, Gruppe oder Nation
- Gesellschaft: Menschliche Vereinigungen in selbst definierter oder fremd definierter Abgrenzung zu anderen; sie sind mental konstruiert, oft in politischer Absicht, und können deshalb auch relativ rasch ihre „kulturelle Identität" verändern
- Wegen großer Bedeutung für gegenwärtige Politik (Genozid in Ruanda, den Ethnozid im Sudan, „ethnic conflicts" im Kongo) ist es wichtig, sich genauer mit Bezeichnungen und Theorien zur Erfassung der komplexen Gesellschafts- und Kulturwelt Afrikas zu beschäftigen, um nicht dem Vorurteil aufzusitzen, Afrika sei der „Kontinent der Stamme"
- Auch in Afrika sind „Kulturen" eher ein Diskursfeld oder eine Arena, auf der die zentralen Werte und Institutionen immer wieder neu ausgehandelt werden und die von spezifischen historischen und politischen Kontexten abhängig sind

2.1 Begriffliche Grundlegungen zur afrikanischen Gesellschaftswelt

- Problem der strukturellen Heterogenität - In Afrika gibt es sowohl kleinste ethnisch-kulturelle Einheiten von wenigen Familien oder Sippen und übrig gebliebenen „Splittern" von Sprachgruppen, als auch große Völker und Nationen, die mehrere Millionen Menschen umfassen und dank kolonialer Grenzziehung in verschiedenen Staaten leben
- Manche sind sozial noch recht homogen (Nomadenstamme in Somalia), andere sind hochgradig zerklüftet oder sozial geschichtet (Muslimgesellschaften der Haussa in Nordnigeria oder die Kambata in Äthiopien)
- Strittige Frage, ab wann man in Afrika von Vergesellschaftung und „Gesellschaft" im modernen Sinn sprechen kann, wenn man darunter allgemein eine politisch-rechtlich-ökonomisch integrierte Gruppierung von Menschen versteht, die einer politischen Zentralgewalt („Staat" mit Gewalt- und Steuermonopol) gegenübersteht
- Beobachtung: Prozess zunehmender sozialer Differenzierung durch unterschiedliche Gruppen der Erwerbsbevölkerung
- Etymologisch wird Begriff von Gesellschaft von der räumlichen Vereinigung von Personen abgeleitet
- Aufkommende bürgerliche Gesellschaft (die fiktiv durch einen Gesellschaftsvertrag zwischen Individuen entsteht) begreift sich als Gegenvorstellung zur Rechts- und Herrschaftsordnung des monarchischen Staates, der sich auf Gottesgnadentum als Legitimationsformel beruft
- Heute am weitesten akzeptierte Theorie zur Erklärung fortgeschrittener Industriegesellschaften ist die von Systemtheoretikern und Liberalen begründete Pluralismustheorie - Gesellschaft bedeutet hier den geregelten Wettbewerb von Machteliten und Vetogruppen um Markt- und Machtanteile, um Geschäfts- und Bildungschancen
- „Gesellschaft" in Afrika vor und nach 1960 muss etwas anderes als Struktur und Genesis der europäischen Bürgergesellschaft bedeuten, deren beherrschende Klassen bereits vom Interesse an der Akkumulation von Kapital und der Überwindung des Feudalismus und der mittelalterlichen Zünfte geprägt waren

2.2 Zu einigen Spezifika afrikanischer Gesellschaften

- Definition Gesellschaft: Ensemble von organisierten Menschen, die durch einen spezifischen „Kitt" aus Erinnerungen, Werten und Interessen zusammengehalten werden, so dass sie ein Bewusstsein von ihrer Zusammengehörigkeit (Identität) haben, das sich in milieuspezifischen Institutionen und Grenzziehungen nach außen niederschlägt
- Je moderner eine Gesellschaft wurde, desto zwangsläufiger wurde Herausbildung eines (staatlichen) Gewalt- und Steuermonopols, das die Voraussetzung für Infrastrukturinvestitionen im allgemeinen öffentlichen Interesse bildete
- Sieben Merkmale unterscheiden afrikanische postkoloniale Gesellschaften von denen im Europa des 20. Jahrhunderts:
- Größere Vielfalt (Heterogenität) der Bevölkerung (Vielzahl von Sprachen und Ethnien in einem Staat)
- Strukturelle Heterogenität der Produktions- und Handelsverhältnisse
- Teufelskreis der Armut (gemessen am Reichtum der Industrieländer)
- Große Bedeutung von Neopatrimonialismus und Klientelismus in Sozialbeziehungen zwischen Patron und Anhängerschaft
- Hohe Wertschätzung von persönlicher Solidarität in den gesellschaftlichen Subeinheiten „Familie" (Abstammungsgruppe, Sippe, Clan, Ethnie)
- Prekäres hierarchisches (undemokratisches) Verhältnis zwischen stramm organisierter Staatsmacht und sozial stark fragmentierter Gesellschaft ohne autonome Institutionen
- Hohe Wertschätzung von Gemeinschaft (Kommunitarismus) im Unterschied zur Betonung der individuellen Menschenrechte des Einzelnen (feste Wertbestandteile der Patriarch als durch das Patriarchal gekennzeichnete familiäre Solidargemeinschaft)
- Gemeinsamkeiten: In postkolonialen Gesellschaften in Afrika und in denen in anderen Regionen der Welt ist die politische Form ihrer Organisation der souveräne Staat, haben formal das Recht auf nationale Selbstbestimmung, sind integraler Teil der Weltgesellschaft und möchten Teil haben an Errungenschaften der Moderne

2.3 Gesellschaftstheorien von Emile Durkheim und Hannes Wimmer: Arbeitsteilung, Solidarität und segmentare Gesellschaften sowie stabilisierende und Abweichungen verstärkende Faktoren der sozialen „Evolution"

- Frage nach der Kohäsion, d.h. Frage, was Gesellschaft „im Innersten zusammenhalt" (Goethe), „Kitt der Gesellschaft"
- Frage nach der eigenen Identität der Akteure: Wie definieren sie ihre heiligen Werte und Grenze nach außen, wie unterscheiden sie zwischen Eigenem und Fremdem?
- Offene Gesellschaften: Nehmen Menschen aus anderen Kulturen leicht auf und integrieren sie (soziale Inklusion)
- Exklusive Gesellschaften: Schirmen sich aufgrund moralischer oder religiöser oder anderer Vorstellungen strikt nach außen ab (südafrikanische Apartheidsgesellschaft der weißen Minderheit)

Vier Gesellschaftsformationen

- Vergesellschaftungsprozess ist gemeint, bei dem familiäre Gemeinschaft durch zunehmende Arbeitsteilung sozial differenzierter, größer und durch politische Integration dauerhafter und stabiler wird (nach innen und außen)
- „band societies" oder Jäger- und Sammlergesellschaften
- „segmentary lineage systems" („tribes")
- „chiefdoms" (Häuptlingsherrschaften)
- „states" (moderne international anerkannte Staaten mit Gewaltmonopol)
- Häufiger vorkommende Typ von Gemeinschaft in Afrika ist segmentäre Gesellschaft: Idealtyp einer Gesellschaft, die sich aus einer einfachen Wiederholung gleicher Teile zusammensetzt; sind intern nicht mehr weiter segmentiert, enthalten keine elementareren Teile, zerfallen unmittelbar in Individuen (Durkheim)
- Durkheim: Freiwillige Arbeitsteilung ist Motor der sozialen Differenzierung und der Zivilisation
- Arbeitsteilung zwischen Individuen und Gruppen verstärkt Gefühl der wechselseitigen Abhängigkeit voneinander (Solidarität)
- Organische Solidarität: Soziale Integration als Gesellschaft wird durch die sich immer stärker verzweigende Vernetzung kooperativer Beziehungen zwischen Trägern gesellschaftlicher Funktionen hergestellt

2.4 From „tribe" to ,nation"- ein sozialer Fortschritt?

- „Chiefdom": Autonome politische Einheit, die eine Anzahl von Dörfern oder Gemeinden unter der ständigen Kontrolle eines Paramount Chiefs (Oberhäuptling) umfasst (Wimmer)
- Chiefdoms sind gleichzeitig notwendige Voraussetzung zur Bildung von (afrikanischen) Staaten in vorkolonialer Zeit
- In Afrika (und Nordamerika) sind aus zahlreichen Häuptlingsherrschaften nur relativ selten Staaten entstanden - hatten sich nur wenige „strong chiefdoms“ gebildet
- Varianten des Evolutionsbegriffs:
- Ausdruck eines historischen Determinismus, Abfolge von Stufen der Entwicklung zu einem höheren Zivilisationsniveau
- Begriff, der nicht die historische Logik realgesellschaftlicher Prozesse abbilden will, sondern ergebnisoffen einen kausalen Zusammenhang zwischen Wirkfaktoren als Möglichkeit von Entwicklung zu konstruieren verspricht
- Sechs Faktoren, die durch Abweichungen im Herrschaftsgefüge zu einer Mutation oder Transition eines politischen Systems führen können:
- Fernhandel (ermöglicht Monopolisierung des Besitzes von Prestigegütern zum Nutzen der Chiefs)
- Raubkriege (vermehren z.B. Vormachtstellung des Chiefs im Fernhandel)
- Technologische Innovationen (vergrößern Machtdifferentiale zu Konkurrenten)
- Bildung von (heiligen) Zentren oder Städten (vergrößern Ressourcen und Ansehen von Herrschern und befreien von ländlichen Traditionen)
- Stratifikation (Bildung einer gesellschaftlichen Hierarchie aus drei Schichten: Schicht der Vornehmen, Masse der Gemeinfreien und Schicht aus Kriegs- und Schuldsklaven sowie Personen ohne Verwandtschaft, nicht selbst rechtsfähig sind, Stammfremde und verarmte Stammesgenossen - bilden die Klientel des Herrschers)
- Politische Führung (Chiefdoms repräsentieren im Prozess der Evolution der Politik die Phase der Umstellung von labilen „Inklusionshierarchien" (z.B. Stammeskonföderationen) zu „Strukturhierarchien")

Ziel des „nation-building"

- Von modernen Eliten und urbanen Mittelschichten ernsthaft gewünscht, aber nur selten erreicht
- Positive Fälle: Tansania, Botswana und Ghana
- Negative Fälle (Staatszerfall): Sudan, Somalia, Kongo (Zaire), Sierra Leone, Liberia, Angola - Wandel von eigenen Traditionen in Moderne misslang
- „Weak state" (ressourcenschwache, von auswärtigen Zuschüssen abhängige Staat) oder „Soft state" (korrupte, durchsetzungsschwache Verwaltungsstaat) sind Beispiele für missglücktes „state-building" der postkolonialen Ära
- Staatskonsolidierung und Nationwerdung (größte Herausforderungen zu Beginn der Unabhängigkeitsphase bedeuteten komplizierte Prozesse der Veränderung: theoretisch bedingten sie sich gegenseitig, praktisch blockierten sie sich wechselseitig, nicht in allen Fällen aber doch so häufig, dass blockierte Nationalstaatentwicklung zu dominantem Trend in Afrika südlich der Sahara geworden ist

2.5 Modernisierung der postkolonialen Gesellschaften und Schichtung der Erwerbsbevölkerung gemäß den vier Wirtschaftssektoren

- Kultur: Offene dynamische Struktur
- Kolonialismus mit seiner kapitalistischen Produktionsweise hat in Afrika kulturelles Doppelphänomen hervorgebracht:
- Partielle Auflösung und Deformation des Vorgefundenen durch Zuckerbrot und Peitsche (Belohnung und Gewalt)
- Gleichzeitige Versuche des partiellen Erhalts dieser restlichen Strukturen nach Nützlichkeitserwägungen
- Ergebnis: Einzelne Segmente der autochthonen Bevölkerung wurden aufgelöst, zerstört, transformiert (z.B. die Rolle der chiefs), andere wurden deformiert und blieben erhalten (z.B. Reste der Subsistenzwirtschaft und der Wanderarbeit)
- Folge: Typische Mischung von Elementen aus Traditionalität und Moderne, von kapitalistischen und vorkapitalistischen Produktionsverhältnissen
- Alle politisch verfassten Gesellschaften der Gegenwart wollen sich modernisieren, als Bestandteil der heutigen Weltgesellschaft überleben und „sich entwickeln"
- Fast alle Länder der Dritten Welt waren
- in ihrer Geschichte von europäischen Kolonialmachten politisch oder wirtschaftlich ganz oder als „Halbkolonien" abhängig
- Territorien ohne eigene Souveränität, was oftmals auf Form und Intensität der damit verbundenen Eingliederung in die internationale Arbeitsteilung der Staaten und Völker von prägender Langzeitwirkung war
- unterentwickelt aufgrund zu geringer Produktivkraftentwicklung und ökologischer Krisen (können nicht mehr minimale Grundbedürfnisse der eigenen Bevölkerung durch Eigenanstrengungen befriedigen)
- Modernisierung: Typ des sozialen Wandels, der Ursprung in englischer industriellen Revolution von 1760-1830 und in politischen Französischen Revolution 1789-1794 hat - Industrialisierung und politische Demokratisierung sind Teil von Modernsierung
- Modernisierung: Permanente Veränderung durch Innovation, Auflösung und Neuaufbau („konstruktive Zerstörung", Schumpeter)
- Je nach Lebens- und Produktionsweise von arbeitenden Menschen lassen sich in der Erwerbsbevölkerung folgende Gruppen idealtypisch unterscheiden (gegliedert nach den drei großen Wirtschaftssektoren):

Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen:

1. Primärer Sektor (Agrarwirtschaft):

- Jäger, Sammler und Nomaden in marktfernen Überlebensräumen
- Bodenbewirtschafter (Kleinbauern, Viehhalter (peasants), die nur für Eigenbedarf sog. „food crops" produzieren und deshalb in „Subsistenzökonomie" leben
- Klein-, Mittel- und Groß3bauern, die überwiegend „cash crops" für Binnen- und Weltmärkte herstellen und verkaufen (progressive farmers)
- Pächter, die Land anderer nutzen und dafür Teil der Ernteerlöse dem Verpächter abtreten müssen
- Wander- und Saisonarbeiter, die nur während einiger Monate Lohnarbeit verrichten und oftmals aus anderen Ländern kommen

2. Sekundärer Sektor (Industriewirtschaft):

- Industriearbeiter des formellen Wirtschaftssektors, die als Lohnarbeiter in einheimischen oder ausländischen Unternehmen beschäftigt sind (blue collar-workers)
- Großunternehmer, die eigene Produktionsmittel besitzen, Lohnarbeiter beschäftigen (entweder einheimische Großunternehmer (nationale Bourgeoisie) oder multinationale oder transnationale Konzerne (transnationale Bourgeoisie, „Multis"))
- Einheimische Klein- und Mittelunternehmer (KMU), die sowohl als Subunternehmer von Großunternehmen in Erscheinung treten als auch für lokale Märkte arbeiten
- Handwerker, die mit eigenen Produktionsmitteln und oft durch Familienarbeit Produkte für einheimische Märkte herstellen
- Professionals: Experten mit Hochschulabschluss wie Ingenieure, Betriebsleiter, Wissenschaftler und erfahrene Techniker

3. Tertiärer Sektor (Dienstleistungswirtschaft):

- Kaufleute und Händler
- Marktfrauen, die teilweise selbst Erzeugerinnen sind
- Bankiers und Finanziers
- Beamte des Öffentlichen Dienstes und Angestellte von halb-öffentlichen Dienstleistungsunternehmen („Civil Servants")
- Politiker, Minister, Parlamentarier, Parteipolitiker und Militärangehörige, die zusammen die „bürokratische Bourgeoisie" („Staatsklasse") bilden
- Entwicklungsmakler als Mittler zwischen Stadt/Land, Aus-/Inland, Zentrum/Peripherie
- Professionals: Lehrer, Rechtsanwälte, Arzte, Joumalisten, Angestellte oder freiberuflich Tätige in Staats- und Privatbetrieben
- Angestellte von Unternehmen aller Art, einschließlich von Kirchen, Moscheen und anderen religiösen Einrichtungen: Segmente der „white collarworkers"
- Mitarbeiter von NGOs und Freiwilligen Interessenverbänden (Voluntary Organizations)
- Zur Erfassung der postkolonialen Gesellschafts- und Wirtschaftswelt Afrikas ist Unterscheidung zwischen formellen Wirtschafts- und Gesellschaftssektoren und informellem Sektor wichtig - vierter Wirtschaftssektor
- Immer mehr Menschen finden in formellen Wirtschaftsbereichen (mit geregelten Entlohnungs- und Arbeitsmarktsystemen) keine feste Anstellung und müssen in informellen Sektoren Lebensunterhalt verdienen

Merkmale des informellen Sektors

1. Hier gelten nicht die gesetzlich festgelegten Mindestlohne, Arbeitszeitbegrenzungen und Sozialversicherungsbestimmungen (längere Arbeitszeit und geringerer Lohn) - Ausbeutung und Selbstausbeutung ergänzen sich
2. Die für einen „job" erforderliche Qualifikation ist geringer als im formellen Sektor; Zertifikate spielen eine untergeordnete Rolle; Weiterbildung nur „on the job" möglich
3. Es gibt keinerlei formale Rechtssicherheit für Dauer und Art der Arbeitsverhältnisse; persönliches Vertrauen ist Grundlage der auf gegenseitigen Verpflichtungen beruhenden Existenz
4. Auf informellen, oftmals naturwüchsig entstandenen Märkten ist Staat nur marginal präsent („Rute im Fenster") - greift nur ein, wenn Unruhen drohen oder illegales Horten von dringend benötigten Konsumgütern beendet werden soll

- Informelle Wirtschaftsweise (Schatten- oder Parallelwirtschaft) funktioniert nach Spielregeln der „informellen Politik" (Patronage und Klientelbeziehungen maßgeblich, Missachtung gesetzlicher Bestimmungen wird in Kauf genommen) - Fehlende Trennung von öffentlicher und privater Sphäre (typisch für westlichen Verfassungsstaat, für afrikanische Staaten aber erst in Ansätzen realisiert)

- Informelle Politik bezieht sich nicht nur auf informelle politische Handlungen, sondern auch auf deren Ergebnisse sowie Verfahren, die zu deren Erreichung bestehen oder entwickelt werden (Klientelismus, Korruption und Kriminalisierung von Politik)

2.6 Soziale Klassen (Schichten) der kolonialen und postkolonialen Gesellschaften

- Zwei wichtigsten soziale Gruppierungen im Prozess der Modernisierung: Bauern und Bürokraten

Bedingungen von Bauern

1. Aus Bodenbewirtschaftern (Subsistenzökonomie mit gelegentlichem Tausch) machte Kolonialismus nicht Proletarier (Lohnarbeiter), sondern steuernzahlende Kleinbauern („peasants") - halb autonom, halb marktabhängig
2. Die verlässliche Deckung der Mindestbedürfnisse des Haushalts ist meist entscheidendes Kriterium, nicht die Gewinnmaximierung - sind humaner, aber auch ineffizienter als kapitalistische Produktionsweisen
3. Sind also bis heute weniger in Geldwirtschaft integriert als Bauern in anderen Teilen der Welt
4. Kleinbäuerliche Produktionsweise basiert weder auf Ausbeutung, noch auf Existenz von Klassen; aber Bauern werden durch Vermarktung ihrer Produkte (Gebrauchswerte) zu Peasants. Besitzen Verweigerungsmacht gegen Fremdbestimmung, erst Verschuldung ändert die Situation!
5. Postkolonialer Staat ist für „peasants"-Gesellschaft keine Notwendigkeit - ist ihr „aufgesetzt"; d.h. Bedingungen für seine Existenz ergeben sich nicht aus Zwängen der Gesellschaft (wie in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft)

- „Peasants" streben danach, Autonomie als freie Bodenbewirtschafter zu behalten und möglichst wenig Steuern abzuführen, die sie für eigene Reproduktion nicht brauchen - Irrtum: Ohne postkolonialen Staat, der die Infrastrukturen funktionstüchtig erhält (Straßen, Eisenbahnen, Hafen, Brunnen, Energiesysteme) könnten Bauern „crash crops" nicht auf den Weltmarkt bringen

- Im Prozess der Dekolonisation transferierten Kolonialherren politische Macht an einheimische nationale Eliten, die folgende Merkmale aufwiesen:

- Unterschieden sich von „den Massen" durch Jugend, hohe (westliche) Bildung und relativen Reichtum („educated Africans")

- Saßen zwischen allen Stühlen: Problem der Entfremdung

- Bekleideten nach 1960 überwiegend bürokratische Jobs, vor allem in Städten („civil service"; „Militäry service")

- Neue Eliten zeigten rasch Tendenz zur Selbstperpetuierung und zur Exklusion nach unten - präferierten das präsidentielle Einparteiensystem, lehnten das importierte Mehrparteiensystem als „unafrikanisch" ab

2. 7 Zusammenfassung

- Modernisierung ist gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozess, der nicht auf allen Handlungsebenen synchron verläuft - Methodisch sinnvoll, sich zu entscheiden, um welchen der konkreten Teilprozesse (Dimension) von Modernisierung bzw. sozialem Wandel es sich handelt, um so Stärken und Defizite der spezifisch zu untersuchenden Gesellschaft feststellen zu können

Sechs Dimensionen von sozialem Wandel im Kontext der Modernisierung

1. Wirtschaftliches Wachstum der landwirtschaftlichen, später der industriellen Güterproduktion und der Dienstleistungen - im Unterschied zu Stagnation und Genügsamkeit im Rahmen der Subsistenzwirtschaft (nur Bedürfnisse befriedigen, keine Gewinne anstreben)

2. Soziale Inklusion und Integration von Minderheiten, Fremden und neuen Erwerbsgruppen anstelle von Exklusion und Segregation

3. Erweiterung der politischen Partizipation bis hin zur Demokratisierung anstelle der Bevormundung durch Patriarchen

4. Kulturelle Erfahrungserweiterung in Richtung auf
a) Pluralismus der Werte
b) Vermehrung und Überlappung der Rollen des Einzelnen
c) Gestaltung einer herrschaftskritischen Öffentlichkeit

5. Psychische Mobilisierung des Einzelnen durch Erfahrung von Vielfalt, Konkurrenz und Verantwortlichkeit; sowie berufliche Professionalisierung vor allem bei den urbanen Mittelschichten und der Staatsklasse

6. Flexibilisierung des Geschlechterverhältnisses für mehr Emanzipation von Frauen und mehr Chancen für Frauen im Hinblick auf deren horizontale wie vertikale Mobilität

- Modernisierung afrikanischer Gesellschaften beinhaltet sehr komplexen, tief greifenden und langwierigen Umbauprozess, dessen Erfolg keineswegs gesichert ist

- Gegensatz zwischen urbaner Staatsklasse und „Bauern": Staatsklasse an Machtkonsolidierung und Selbstprivilegierung interessiert, Bauern wollen politischer Kontrolle und Abschöpfung ihrer Gewinne durch Staat entkommen und sozialen Status durch Modernisierungsinputs verbessern)

3 Kriege und ethnische Konflikte (Kenia, Äthiopien, Sudan und Ruanda)

- Ethnische Konflikte sind kein spezifisch afrikanisches Phänomen - Herausbildung der (westlichen) Moderne hat seit Aufklärung bestehende kulturelle Differenzen in den sich entwickelnden Staaten sichtbar gemacht, so dass aus religiösen Unterschieden oftmals politische Feindschaften wurden

Vier politische Kontexte, in denen Ethnizität für Gesellschaft eine Rolle spielt:

1. Politischer Wettbewerb (Wahlkämpfe) zwischen politischen Parteien mit massenhafter Anhängerschaft in spezifischen Siedlungsräumen um Wahlstimmen
2. Informeller Wettstreit in Sphäre staatlicher Herrschaft zwischen Mitgliedern von Funktions- und Bildungseliten um Teilhabe an politischer Macht, administrativem Einfluss beim Staatspräsidenten und um Teilhabe an den Staatsrevenuen und Staatspfründen
3. Werbung um Beitritt ethnischer Mitglieder in Kriegsallianzen, wobei Nähe zur Gewalt handgreiflich ist - Zugehörigkeit zur „richtigen" Ethnizität kann über Leben und Tod entscheiden (Ruanda, Burundi oder im Kongo)
4. Kommt in (ruralen) Erwerbsgemeinschaften und (urbanen) Zivilgesellschaften zur Politisierung von ethnischer Differenz bei Fragen des „rechtmäßigen" Zugangs zu Land, Wasser und anderen Überlebensressourcen

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Details

Seiten
65
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656727286
ISBN (Buch)
9783656727262
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279192
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
Schlagworte
afrika

Autor

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Titel: Das nachkoloniale Afrika