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Grundlagen der Governance-Analyse

Lernzusammenfassung

Zusammenfassung 2011 44 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Governance-Analyse

- Begriff steht für alle Arten kollektiven Handelns, Formen und Mechanismen der Koordinierung zwischen mehr oder weniger autonomen Akteuren, deren Handlungen interdependent sind (sich wechselseitig beeinträchtigen oder unterstützen können)
- Governance: Verstehen, wie bestimmte Formen kollektiven Handelns in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren und wirken (spezifische Struktur-Prozess-Zusammenhänge)

Deskriptiver Begriff

- Kollektive Entscheidungen kommen in modernen Gesellschaften zunehmend in nicht-hierarchischen Formen der Zusammenarbeit zwischen staatlichen und privaten Akteuren zustande (Gesetzgebung und autoritative Gesetzesdurchsetzung des Staates verliert an Bedeutung)

Normativer Begriff

- Governance häufig zur Beschreibung eines Modells des „guten“ Regierens oder Verwaltens verstanden (Normen wie demokratische Verantwortlichkeit von Regierungen, Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Unabhängigkeit der Politik und Verwaltung von spezifischen Interessengruppen)

Praktisches Konzept

- Governance als Regierungstechnik
- Abgeleitet aus dem normativen Konzept von „Good Governance“, fokussiert aber auf Management von Interdependenzen, Netzwerken oder Verhandlungssystemen ohne Rückgriff auf formale Entscheidungskompetenzen

Analytischer Gebrauch

- Impliziert eine spezifische Sicht auf die Wirklichkeit, indem Interdependenzen zwischen Akteuren und verschiedene Formen der Interdependenzbewältigung im Kontext von Institutionen und gesellschaftlichen Teilsystemen in den Mittelpunkt gerückt werden

Governance-Perspektive fokussiert auf wachsende Bedeutung nicht-hierarchischer Formen der Koordination von Politik und deren Effektivität und Legitimität

- Nationalstaat ist nach außen immer weniger fähig, allein Entscheidungen für Bürger seines Territoriums zu treffen (Fragen der Wirtschafts-, Sozial- oder Umweltpolitik werden mit anderen Staaten, internationalen Organisationen oder privaten Akteuren auf globaler und europäischer Ebene abgestimmt)
- Einsatz marktförmiger Steuerungsinstrumente innerhalb des Staats- und Verwaltungsapparates soll Kosteneinsparungen und größere Effektivität der Abläufe ermöglichen

Governance-Modi: Mechanismen und Formen

Formen

- Strukturen der Interaktion (geprägt durch dauerhaftes Zusammenwirken, durch formale Regeln institutionalisiert)
- Betreffen Interaktionen zwischen Akteuren und ihre kausale Verknüpfung zu kollektiven Handlungen und Entscheidungen

Mechanismen

- Prozessverläufe, die sich kausal im Rahmen dieser Formen ergeben
- Strukturen, Machtverteilung und formalen und informellen Regeln, die Handlungen und Interaktionen beeinflussen

Funktionsweise und Dynamik von Governance ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Mechanismen und Strukturen

Elementare Mechanismen

- Handlungskoordinierung erfolgt
- über Anpassung auf der Grundlage von Beobachtung
- durch Einfluss auf der Grundlage von Kommunikation oder Interdependenzen
- durch Vereinbarungen auf der Basis von Verhandeln
- Anpassung und Einfluss können ein- oder wechselseitig erfolgen (Governance beruht auf Interaktionen, deshalb sind wechselseitige Verhaltensänderungen zu erwarten)
- In komplexeren Governance-Formen wirken meist spezifische Kombinationen dieser Mechanismen, wobei in aller Regel jeweils einer dominiert
- Governance bedeutet damit, dass Akteure in verbundenen Strukturen interagieren, in denen verschiedene Koordinationsmodi kombiniert werden

Governance-Modi

Hierarchie

- Gilt im Staat und in der Verwaltung (für interne Strukturen und Prozesse, für Verhältnis zu Bürgern oder kollektiven gesellschaftlichen Akteuren)
- Dominantes Strukturmuster in Unternehmen oder in Organisationen in anderen Gesellschaftsbereichen
- Vorteil: Hierarchische Organisation sichert Handlungsfähigkeit und Berechenbarkeit, die für demokratischen Rechtsstaat, Wirtschaftsorganisationen, verband oder Verein essenziell ist)
- Funktionsdifferenzierung zwischen Ebenen der Hierarchie: Akteure, die in leitender oder kontrollierender Funktion arbeiten, verfolgen andere Interessen als Akteure, die mit Vollzugsaufgaben betraut sind
- Hierarchische Koordination beruht daher auf gegenläufig asymmetrischen Machtverteilung, in der Koordination im Wege der wechselseitigen Anpassung stattfindet
- Voraussetzung: Formale Regeln (Funktionsteilung, formale Verhaltensregeln, Kompetenzregeln, Regeln der Belohnungen oder Sanktionen
- Governance-Modus: Wechselseitige Interaktion impliziert

Netzwerk

- Formal autonome Akteure verwirklichen in relativ dauerhaften, aber nicht formal geregelten Interaktionsbeziehungen gemeinsame Ziele oder Werte
- Koordination erfolgt durch wechselseitigen Einfluss auf Basis von Informationsvermittlung oder Ressourcentausch
- Stabilität der Beziehungen zwischen Akteuren beruht auf wechselseitigem Vertrauen der Netzwerkpartner gemeinsame Ziele bzw. Werte zu unterstützen (führt zu relativ hoher Stabilität der Interaktionsbeziehungen und Koordinationsleistungen von Netzwerken)

Verhandlung

- Akteure kommunizieren direkt über Ziele und Interessen mit Absicht, zu Einigung zu kommen
- Prozessaspekt tritt stärker in den Vordergrund (Struktur-Prozess-Zusammenhang)
- Beteiligte Akteure müssen wissen, dass sie gemeinsame Interessen verwirklichen müssen, um individuelle Interessen zu erreichen
- Koordination durch direkte Kommunikation
- Unbedingte Konzessionen: Verhandlungspartner interagieren im Modus des „bargaining“ und einigen sich entweder durch Annäherung von Positionen (Kompromiss) oder wechselseitige Konzessionen (Tauschgeschäfte in Paketlösungen)
- Bedingte Konzessionen: Verhandlungspartner interagieren im Modus des „arguing“, wollen sich durch rationale Argumente wechselseitig überzeugen, verhandeln „verständigungsorientiert“
- In realen Verhandlungen geschieht meist Kombination der Verhandlungsmodi, die je nach Verhandlungsgegenstand und institutioneller Einbindung der Akteure und Phasen des Prozesses variiert
- Verhandlungen bieten allen Akteuren Option Zwang auszuüben in Form von Vetomacht

Wettbewerb

- Mechanismus der Handlungskoordinierung, mit dem Akteure zu wechselseitiger Anpassung ihrer Chancen veranlasst werden
- Auslöser: Abhängigkeit von gemeinsamen Interesse an einem grundsätzlich knappen Gut oder am individuellen Interesse der Akteure, dieses Gut zu erlangen
- Damit Koordination im Wettbewerb gelingt, müssen alle Beteiligten die Grundregel akzeptieren, dass der „Leistungsfähigere“ gewinnt (verlangt Vergleich von Leistungen nach anerkannten und eindeutigen Normen)

Markt

- Anbieter und Nachfrager konkurrieren untereinander um günstigste Tauschgeschäfte
- Kombination von zwei Wettbewerbsmechanismen auf Anbieter- und Nachfragerseite (Akteure verfolgen Ziele der individuellen Bedürfnisbefriedigung, die sie im kollektiven Akt des Tausches verwirklichen wollen)
- Idealer Markt lenkt individuellen Handlungen der Akteure zentrale Bezugsgröße für Koordination dieser Handlungen (Preis des Guts) ohne Bedarf einer übergeordneten Entscheidungsinstanz
- Vorgabe sind nur Regeln des Marktes und Eigentumsordnung oder Wettbewerbsregeln, für die Staat zuständig ist

Politischer Wettbewerb

- Unterschied Markt: Vergleichsmaßstäbe werden durch politische Entscheidung definiert
- Findet statt, wenn Qualitätsstandards gegenüber unabhängigen Akteuren oder Organisationen durchgesetzt oder Innovationen induziert werden sollen
- Schwierigkeit: Vergleich der Leistungen und Durchsetzung komparativer Handlungsorientierungen (Vergleiche scheitern an Komplexität von Aufgaben, auf die sich Leistungsmessung erstreckt oder an Manipulation von Informationen durch die konkurrierenden Organisationen oder Akteure)
- Politischer Wettbewerb richtet sich auf ständige Überwindung vorhandener Leistungsniveaus und auf Koordination in eigendynamischen Lernprozess
- Nachteil: Überwindung von Standards kann auch zu Verschlechterung („race to the bottom“) führen, wenn nicht beabsichtigte Anreize darauf hinwirken (versagender Koordinationsmechanismus („governance failure“))

Gemeinschaft

- Erfassen Personen als Ganze und nicht nur als Träger von besonderen Funktionen
- Gemeinschaften beruhen nicht auf formalen Regeln, Zwängen oder Anreizen, sondern auf Normen, die von Beteiligten internalisiert sind
- Handlungskoordinierung beruht auf diesen Normen, die als gültig anerkannt sind und deren Verletzung durch soziale Diskriminierung oder Ausschluss sanktioniert wird
- Normen entstehen aus Historie der Gemeinschaften (Ergebnis eingeübter Interaktionspraxis und nicht expliziter Institutionalisierung)
- Gemeinschaften koordinieren individuelle Handlungen durch Normen und Sanktionsdrohungen (Effektivität der Koordination ist in der Regel hoch)
- Nachteil: Als Governance-Modus schwer zu gestalten und zu verändern (besonders problematisch, wenn sie Personen aus nicht gerechtfertigten Gründen ausschließen oder wenn Macht extrem ungleich verteilt ist)
- Erbringen für Mitglieder wichtige Leistungen, deshalb ist Austritt aus Gemeinschaften meistens mit hohen Kosten verbunden (dadurch erzeugte Stabilität kann als Vorteil von Gemeinschaften gelten, kann aber im Hinblick auf angestrebte Ziele von Governance oder notwendige Reformen problematisch werden)

Governance-Modi

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Governance-Modi (Quelle: Benz, Arthur, 2007: Grundlagen der Governance-Analyse. MA Governance, Modul 1.1, S. 19, Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Fernuni Hagen.)

Mixed modes of governance

- Bei Analyse von Governance steht Zusammenwirken unterschiedlicher Formen und Mechanismen der Koordination und die daraus resultierenden Folgen im Vordergrund

Störungen

- In vielen Kombinationen setzen sie Akteure aber divergierenden Anforderungen aus und lenken Interaktionen in verschiedene Richtungen (Entstehung von Störungen der Koordination)
- Drei Typen von Störungen:
- Entscheidungen können durch inkompatible Mechanismen verhindert, verzögert oder inhaltlich beeinträchtigt werden (Effektivitätsdefizit)
- Einander entgegenwirkende Governance-Formen können dazu führen, dass Entscheidungen nicht oder nicht in der erforderlichen Weise vollzogen werden (Implementationsdefizite)

- Kann an erforderlicher Zustimmung zu Entscheidungen fehlen (Legitimationsdefizite) (trifft insbesondere zu, wenn Entscheidungen zwischen Organisationen ausgehandelt oder koordiniert und dann innerhalb der beteiligten Organisationen ratifiziert oder akzeptiert werden müssen)
- Dilemmasituationen können schon in einfachen Konstellationen kollektiven Handelns entstehen, sind in komplexen Konstellationen infolge des Zusammentreffens von Mechanismen kollektiven Handelns sehr wahrscheinlich

Governance-Dynamik

- Durch Gestaltung von Prozessen können inkompatible Governance-Mechanismen umgangen werden (z.B. Verfahren in Sequenzen einteilen)
- Strukturbezogene Strategien verändern das Governance-Regime, sodass faktisch Arena die Interaktionen und Entscheidungen dominiert oder inkompatible Mechanismen ausgeschaltet werden
- Kombination von Governance-Modi erzeugt Koordinationsprobleme, die bis hin zu Blockaden gehen können (ist aber auch Ursache für hohe Dynamik von Interaktionen, Strukturen und Politikergebnissen)

Endogene Dynamik

- Governance-Formen lassen sich durch “endogene“ Dynamik charakterisieren, die besonders in der Institutionentheorie erklärt wird
- Hierarchien werden immer wieder durch Steuerungsverzicht der Leitung oder Verselbständigung der ausführenden Einheiten unterlaufen
- Wettbewerbe verändern kontinuierlich Positionen der Akteure, wobei sie dadurch zum Teil Strukturen verfestigen oder aufbrechen
- Iin Gemeinschaften werden Normen im konkreten Handeln immer neu bestätigt oder auch in Frage gestellt, was mit Verschiebungen von Machtverhältnissen verbunden ist
- Netzwerke sind nur „lose gekoppelt“ und unterliegen Veränderungen durch Verdichtung oder Abschwächung von Beziehungen oder den Eintritt oder Austritt von Akteuren

Exogene Dynamik

- Eigendynamik von Governance-Formen kann durch „exogene“ Mechanismen ergänzt, modifiziert und überlagert werden, die mit den Kategorien der Governance-Analyse zwar nicht erklärt, aber doch deskriptiv-analytisch erschlossen werden können
- Akteure können bewusst Regeln der Interaktion, die Institutionen, in denen Governance verankert ist, ändern (bestimmte Elemente des Regelsystems erneuern, was zu spezifischen Sequenzen des Wandels führt)
- Institutionen und Interaktionen setzen sich gegenseitig Grenzen der Veränderung, die zur Einschränkung des Wandels auf mehr oder weniger enge Entwicklungspfade führt
- In Prozess des Politiktransfers oder der Diffusion von Innovationen können Veränderungen von außen induziert werden oder auf Eigendynamik einwirken
- Gravierende Funktionsdefizite oder grundlegende Veränderungen in den externen Bedingungen können eine Transformation bestehender Governance-Arrangements erzwingen
- Solche weitreichenden Umbrüche lassen sich vor allem bei komplexen Governance-Formen in Staaten, Regierungssystemen, Märkten und großen Organisationen wie Unternehmen oder Verbänden beobachten (intraorganisatorische Hierarchien, politische Wettbewerbe, Netzwerke, Verhandlungen oder Gemeinschaften verändern sich tendenziell evolutionär)

Hierarchie

- Organisations- oder Verfahrensprinzip, das auf Über- bzw. Unterordnung zwischen Funktionen, Personen oder Organisationen bzw. Organisationselementen beruht
- Anwendungsfeld ist „bürokratische“ oder „Amtshierarchie“ (feste Zuständigkeiten, klar geregelte Kontroll- und Aufsichtskompetenzen vorgesetzter Behörden oder Dienststellen)

Erscheinungsformen

- Tritt als bereits vorhandener Ordnungsmechanismus auf, der aufgrund stillschweigender Akzeptanz seine Wirkung entfaltet
- Wird auch absichtsvoll als Steuerungsverfahren genutzt, das oft aktiv durchgesetzt werden muss und dadurch Widerstände oder Ausweichverhalten hervorruft

Hierarchie als Governance-Form

- Vor allem Koordinations- oder Steuerungsmechanismus
- Hierarchie als Technik zur Reduktion von Transaktionskosten
- Ort der Hierarchie sind Organisationen (private Unternehmen, staatliche Verwaltungen)
- Vorstellung, dass Hierarchien und Märkte zu hybriden Koordinationsformen verschmelzen können, ist in Diskussion über Funktion von Netzwerken populär geworden und hat damit wichtigen Anknüpfungspunkt für Governance-Debatte geliefert
- Hierarchische Koordination beruht auf wechselseitiger Anpassung zwischen „Auftraggebern“ (Principals) und „Auftragnehmern“ (Agents) (Gelingen der Handlungskoordinierung hängt von Funktionsteilung, austarierten Verhältnis von Zwängen (Verhaltensregeln, Anweisungen) und Optionen (Anreizen) und emergenten Interaktionsregeln ab

Hierarchie und Demokratie

- Normatives Denkmodell in Deutschland: Hierarchie als zentrales Bauelement staatlicher Exekutive und organisierter Staatlichkeit (hierarchischer Aufbau der Exekutive bildet wesentliche Voraussetzung für Funktionsfähigkeit des Demokratieprinzips)

- Konzept der „ununterbrochenen Legitimationskette“ soll sicherstellen, dass sich demokratischer Mehrheitswille zuverlässig in konkretes staatliches Handeln um- bzw. durchsetzen lässt
- Externe Kontrolle der Verwaltung durch Gerichte, Rechnungshöfe oder Öffentlichkeit und durchgehender interner Kontroll- und Steuerungsstrang soll Verwaltung über gesetzliche Vorgaben hinaus an Mehrheitswillen binden

Kontrolle der Verwaltung

- Bild der „Einheitlichkeit der Verwaltung“ als Bewertungsmaßstab (Idealbild vom Staat als einheitlicher Willensverband)
- Einheitliche, hierarchisch von oben gesteuerte Verwaltung soll Abschottung gegen externe Einflussnahmen bewirken
- Modell richtet sich gegen „ministerialfreie Räume“, mit denen Behörden bzw. Behördenteile bezeichnet werden, die der hierarchischen Aufsicht durch vorgesetzte Dienststelle entzogen sind (Bundesbank, die qua Gesetz unabhängig agieren kann)
- Aktuell Tendenz zu unabhängigen Behörden
- Vor allem das wachsende Feld der staatlichen Markt- und Risikoregulierung begünstigt Herausbildung von Autonomiezonen, da Glaubwürdigkeit regulativer Verwaltungen davon abhängt, wieweit sie zu einer neutralen, das heißt von kurzfristigen politischen Einflüssen isolierten Entscheidungspraxis befähigt sind

Grenzen des Hierarchieprinzips

- Bedeutung von Hierarchie ist durch zunehmende Relativierung gekennzeichnet (Hierarchieverzicht, kooperative und teamförmige Arbeitsstrukturen)
- Akzeptanz dass Wertungs- und Prüfungsentscheidungen frei von hierarchischer Kontrolle erfolgen sollen
- Rückzug hierarchischer Steuerung durch impliziten Verzicht auf Hierarchieverwendung
- Entscheidend beigetragen hat New Public Management (NPM) (betriebswirtschaftlich inspirierte Reformprogrammatik, die auf Steigerung von Effektivität, Bürgerorientierung und Effizienz bzw. Wirtschaftlichkeit in der öffentlichen Verwaltung abzielt)
- Instrumente beruhend auf Wettbewerbssurrogaten, Transparenz und Leistungsmessung soll legalistisch-kameralistische Entscheidungskultur der Verwaltung durch betriebswirtschaftlich orientierte Kosten-Nutzen-Kalküle ablösen
- Zwänge innerhalb der Verwaltung werden weniger im „Befehl-und-Gehorsam“-Duktus kommuniziert, sondern als ökonomische Sachzwänge oder Sanktionen vermittelt
- Verwaltung erhält Legitimation nicht durch geschlossene Legitimationskette sondern durch Leistungsvergleiche (Benchmarking) mit anderen Organisationen (transparente Messung und Beurteilung des Outputs)

Hierarchie im Verhältnis von Staat und Gesellschaft

- Subordinationstheorie: Stuft staatliche Interessen als höherwertig gegenüber gesellschaftlichen Interessen ein („besondere“ Interessen der Gesellschaft müssen sich „allgemeinen“ Interessen des Staates unterordnen)

- Kooperativer Staat, Beispiel Umweltpolitik: Ausdruck gesellschaftlicher Emanzipationsbestrebungen, brachte erstmals einen breitflächigen gesellschaftlich – und nicht politisch – angetriebenen Prozess des Agendasetting hervor
- Auslöser: Gestiegene gesellschaftliche Partizipationsansprüche haben im Zusammenspiel mit Problemen eines einseitig hierarchischen Gesetzesvollzuges zu einer insgesamt stärker kooperativen Form staatlicher Entscheidungsfindung beigetragen (Hierarchie ist aber nicht aus Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft verschwunden)

Schatten der Hierarchie

- Bewusstsein der Möglichkeit einer hierarchischen Intervention auf Verhandlungen zwischen gesellschaftlichen und staatlichen Akteuren
- Kann einigungfördernde Wirkung besitzen
- Akteure antizipieren, dass sie im Fall der Nichteinigung mit staatlicher Entscheidung rechnen müssen, in der ihre Chancen zur Interessendurchsetzung deutlich sinken
- Prozesse und Strukturen wie Pluralismus oder gesellschaftliche Selbstorganisation können nur funktionieren, wenn Möglichkeit einer einseitig-autoritativen Entscheidung durch staatliche Akteure besteht

Hierarchie und Governance

- Schlussfolgerung: Jeder einzelne Mechanismus ist für sich genommen ‚problematisch’, erst durch Kombination mit Elementen der anderen Koordinationsweisen wird Leistungsmaximum erreicht
- Ansatz für Governance-Debatte: Idee der Vermischung verschiedener Koordinationsmechanismen weiter diskutieren, aber keine Beschränkung auf hierarchiefreie Varianten

Fazit

- Bedeutungswandel zwischen Makro- und Mikrodimension
- Koordination durch Hierarchie nicht nur auf „Schattenfunktion“ begrenzen, der nur bei Versagen anderer koordinationsformen greift, sondern auch Vorstellung von leistungsteigernder Vermischung von Hierarchie, Markt und Gemeinschaft einbeziehen
- Enthierarchisierung primär in Makrodimension des Verhältnisses zwischen Staat und Gesellschaft
- In Mikrodimension bleiben hierarchische Struktur- und Verfahrenselemente auch zukünftig bedeutsam, selbst wenn sie weniger explizit und seltener in Reinform auftreten

Netzwerke

- Policy-Netzwerke: Veränderte politische Entscheidungsstrukturen, die mit zunehmender Bedeutung von Organisationen sowie Fragmentierung von Macht einhergehen
- Relevant sind öffentliche und private Akteure (Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft verwischen)
- Netzwerke: Menge von Akteuren, die über eine Menge von Beziehungen mit einem bestimmbaren Inhalt verbunden sind
- In Policy-Netzwerken dominieren korporative Akteure (Verbände, Ministerien, Parteien)
- Akteure, die über eine bestimmte Position in Netzwerken verfügen, profitieren davon, da sie dadurch ihren Einfluss auf den Ausgang der Entscheidung erhöhen können

Markt und Tausch

- Governance-Mechanismus auf Märkten ist Preis (Koordination der Aktivitäten) (zwischen anonymen Akteuren werden spezifizierte Leistungen getauscht, wegen Einheitlichkeit der Güter ist nur Preis für das Zustandekommen einer Transaktion ausschlaggebend)
- Rechtliche Grundlage: Klassische Verträge, in denen Bedingungen der Leistungserfüllung eindeutig geregelt sind
- Nachteil: Märkte sind nicht geeignet, einzelne Aktivitäten der Marktteilnehmer auf ein gemeinsames übergeordnetes Ziel abzustimmen

Vorteil von Hierarchie

- Im Gegensatz zu Märkten bestehen in Hierarchien dauerhafte Beziehungen zwischen Transaktionspartnern (geschaffene Ordnungen, die als korporative Akteure ein übergeordnetes Ziel verfolgen)

- Hierarchien besser geeignet bei komplexen, langfristigen Transaktionen, bei denen im Zuge der Leistungserfüllung großer gegenseitiger Anpassungsbedarf und hohe Unsicherheit bestehen, Leistungen der Tauschpartner schwer zu spezifizieren und hohe spezifische Investitionen erforderlich sind)

Vorteil von Netzwerken

- Netzwerke geeignet wenn Leistungen einer großen Zahl von Tauschpartnern im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel koordiniert werden und dabei gleichzeitig die negativen Folgen einer hierarchischen Lösung in Form von Informationsüberlastung und opportunistischem Verhalten vermieden werden sollen

- Für Transaktionen mit mittlerer Unsicherheit und gegenseitigem Anpassungsbedarf sowie mittlere Spezifität der Investitionen geeignet
- Netzwerke ermöglichen größere Marktnähe, da sie schneller auf Veränderungen von Käuferpräferenzen reagieren können als Hierarchien
- Netzwerke haben bei wiederkehrenden Transaktionen einen Vorteil gegenüber dem Markt, weil sie durch Lernprozesse sowie Herausbildung von Verhaltenserwartungen eine multilaterale Abstimmung ermöglichen (Koordinationsproblem besser lösen)

- Netzwerke haben relativ hohe autonome und relativ hohe multilaterale Anpassungsfähigkeit

Idealtypen – Markt, Netzwerk und Hierarchie (kommen nie in Reinform vor)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Idealtypen – Markt, Netzwerk und Hierarchie (Quelle: Benz, Arthur, 2007: Grundlagen der Governance-Analyse. MA Governance, Modul 1.1, S. 41, Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Fernuni Hagen.)

Merkmal Vertrauen

- Governance-Mechanismus in Netzwerken: Vertrauensvolle Kooperation bezeichnet werden
- „Structural embedded action“: Vertrauen entsteht durch Einbettung in multiple Beziehungen
- Beziehungsarten zwischen Partnern und Erfahrungen aus vergangenen Transaktionen (gemeinsame Tauschhistorie) sind ausschlaggebend (nicht unmittelbar an Transaktion gebunden) (beides spielt bei Markt und Hierarchie keine Rolle)
- Soziales Kapital ist für Gover-nance von und durch Netzwerke relevant, weil für Herausbildung von Vertrauen besonders förderlich

Netzwerkeffekte im Markt

- Es gibt Zusammenhang zwischen Dauer der Beziehungen und Preisen (langjährige Geschäftsbeziehungen führen zu niedrigeren Preisen)
- Selbst in eher marktlichen Governance-Formen beeinflusst Netzwerkeinbettung den zentralen Governance-Mechanismus auf Märkten (Preis)

Netzwerkeffekte in Hierarchien

- Beispiel: Zentralität organisatorischer Einheiten in Netzwerken hat Einfluss auf Versorgung mit Information und somit auf Lösung des Informationsproblems
- Formale Entscheidungsmacht der Zentrale ist zwar nach wie vor relevant, weltweit verstreuten organisatorischen Einheiten verfügen jedoch aufgrund ihres Wissens und ihrer Unterstützungsleistung über eigene, bedeutende Ressourcen

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Details

Seiten
44
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656729952
ISBN (Buch)
9783656729921
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279183
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,3
Schlagworte
grundlagen governance-analyse lernzusammenfassung

Autor

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Titel: Grundlagen der Governance-Analyse