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Die Familie Veckinchusen. Zur Bedeutung der Ausbildung von Frauen in Kaufmannsfamilien zu Beginn des 15. Jahrhunderts

Hausarbeit 2014 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gründe für den Wandel in der Frauenbildung der KaufmannsfamilieVeckinchusen
2.1 Einflussfaktoren von Renaissance und Humanismus auf die Ausbildungvon Frauen zu Beginn des 15. Jahrhunderts
2.2 Vom Wanderkaufmann zum sesshaften Kaufmann. Der Einfluss des Schriftgebrauchs auf die Handelsbeziehungen der spätmittelalterlichen Hansekaufleute
2.3 Mögliche Auswirkungen auf die Ausbildung der Kaufmannstöchter

3 Ausbildung der Lese- und Schreibfertigkeit in der Familie Veckinchusen
3.1 Schulbesuch und Unterrichtung der männlichen Familienmitglieder
3.2 Ausbildung der Töchter. Auswertung der Hinweise in den Briefen und Handelsbüchern
3.2.1 Das Kloster Zarrentin als Bildungsstätte wohlhabender Töchter
3.2.2 Die Rolle der Klosterfrau Rixe Veckinchusen als „Bildungsbeauftragte“ der Veckinchusen-Töchter
3.3 Mittelniederdeutsch, Latein und Fremdsprachenerwerb

4 Fazit: Bedeutung der Ausbildung der Töchter für den Handel

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mehrere Hinweise im überlieferten Briefwechsel des spätmittelalterlichen HanseKaufmanns Hildebrand Veckinchusen1 deuten daraufhin, dass nicht nur seine Söhne und Neffen, sondern auch seine Töchter lesen und schreiben konnten bzw. es lernen sollten. Auffallend ist, dass dies offenbar noch nicht für die weiblichen Mitglieder der Eltern-Generation galt. Weder seine Ehefrau Margarete noch seine Schwägerin Elisabeth konnten schreiben.2

Es stellt sich nun zum Einen die Frage, welche Faktoren zu diesem Wandel in der Ausbildung - hier insbesondere die Lese- und Schreibfertigkeit - der Frauen in der Lübecker Kaufmannsfamilie Veckinchusen zu Beginn des 15. Jahrhunderts führten und welche Unterschiede im Vergleich mit der Ausbildung der männlichen Mitglieder bestanden. War es ein Qualitätsmerkmal, Privileg oder vielmehr Notwendigkeit, lesen und schreiben zu können in Kaufmanns-Familien? Zum Anderen, fragt sich, wo diese Ausbildung stattgefunden haben könnte und wer dafür zuständig war. Hinweise über ein Kloster und eine Schwester (?) der Gebrüder Veckinchusen, die Klosterfrau Rixe Veckinchusen, finden sich sowohl in den von Stieda edierten Briefen, als auch in den von Lesnikov herausgegebenen Handelsbüchern Hildebrands. Hierbei könnte es sich um das ehemalige Zisterzienserinnenkloster Zarrentin im heutigen Mecklenburg handeln, das von Mitte des 13. bis Mitte des 16. Jahrhundert als sog. „Jungfrauenkloster“ als Erziehungs- und Bildungsstätte u.a. für die Töchter der Lübecker Patrizierfamilien gedient haben soll, wie auf der Internetseite des Klosters hervorgeht. Diesen Fragen bin ich in meiner Hausarbeit in den Quelleneditionen und in Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschungsliteratur (siehe Literaturliste) nachgegangen.

Vorgehensweise: In einem ersten Schritt, werden die Faktoren, die für den Wandel der Frauenbildung, besonders der Lese- und Schreibfertigkeit, in der spätmittelalterlichen Kaufmannsfamilie Veckinchusen, ursächlich gewesen sein könnten, untersucht. Hierfür wird sowohl auf die sich wandelnden Bedingungen im (Fern-)Handel - vom Wanderkaufmann zum sesshaften Kaufmann - eingegangen, als auch der Einfluss den der Beginn der Renaissance und die Ausbreitung des Humanismus gehabt haben könnte, untersucht.

Sodann werden die Möglichkeiten der Ausbildung sowie deren Unterschiede bei männlichen und weiblichen Schülern herausgearbeitet. Dabei wird auch die Latein- und Fremdsprachenausbildung mit einbezogen. Da der Veckinchusen- Briefwechsel hauptsächlich in Mittelniederdeutsch und nicht in Latein erfolgte, wird untersucht, ob auch die Kaufmannstöchter in Latein unterrichtet wurden oder lediglich in Mittelniederdeutsch.

Desweiteren wird den Hinweisen auf die Ausbildungsstätte der Töchter Veckinchusens, hier insbesondere das Kloster Zarrentin, nachgegangen. Um zur Klärung des bislang nicht eindeutig zu ermittelnden Verwandtschaftsverhältnisses zur Klosterfrau Rixe Veckinchusen beizutragen, wird dieses bei der Auswertung der Unterlagen mit einbezogen.

Zuletzt werden in einem Fazit, die aus der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse, im Hinblick auf die Bedeutung der Ausbildung der Töchter der Familie Veckinchusen, zusammenfassend dargestellt.

Zum Forschungsstand: Während es zur Hanseforschung eine große Anzahl an Arbeiten zur Wirtschafts- und Handelsgeschichte gibt, in denen die Briefe und Handelsbücher Hildebrand Veckinchusens, als einer der umfangreichsten Quellenüberlieferungen, häufig herangezogen werden, gibt es zur Bildungsgeschichte der Kaufleute weit weniger Forschungsliteratur. Noch weniger wurden bislang die Fragen zur Bildungsgeschichte der Frauen aus Kaufmannsfamilien erforscht. Dementsprechend überschaubar ist die Auswahl an Sekundärliteratur, die sich dem Thema widmet. Neben dem Kapitel zum Bildungsstand der Kaufleute in Lindemanns „Nachrichtenübermittlung durch Kaufmannsbriefe“ von 1978, könnte sich Kammeier-Nebels Aufsatz über „Frauenbildung im Kaufmannsmilieu spätmittelaltterlicher Städte“ sowie Noodts Aufsatz zur „Ehe im 15. Jahrhundert“als ergiebig erweisen. Zur Berufsbildung von Kaufleuten hat Bruchhäuser mehrere Arbeiten veröffentlicht. Zum Kloster Zarrentin, als Bildungsstätte für junge Frauen, scheint es kaum Literatur zu geben.

Die Disseration von Birgit Schlüter, die sich jedoch hauptsächlich der Baugeschichte des Klosters widmet, könnte dennoch Aufschlüsse bringen.

2 Gründe für den Wandel in der Frauenbildung der Kaufmannsfamilie Veckinchusen

2.1 Einflussfaktoren von Renaissance und Humanismus auf die Ausbildung von Frauen zu Beginn des 15. Jahrhunderts.

Durch Äußerungen in den überlieferten Briefen der Margarete Veckinchusen, die zweite Ehefrau des Hildebrand Veckinchusen, sowie der Elisabeth Veckinchusen, der ersten Ehefrau des Sivert Veckinchusen, ist ersichtlich, dass beide Frauen nicht schreiben können, sondern dies vielmehr durch ihre Töchter oder auch durch andere Personen, z. B. professionelle Schreiber, erledigen lassen.3 Kammeier- Nebel geht davon aus, dass dies zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Kaufmannsfamilien kein Einzelfall war.4 Könnte dieser Wandel in der Ausbildung der Frauen in der Kaufmannsfamilie Veckinchusen eine Folge der sich verändernden gesellschaftlichen Faktoren im Zuge Renaissance und Humanismus zu Beginn des 15. Jahrhunderts sein, wie Margot Lindemann vermutet?5 Da die Begriffe 'Renaissance' und 'Humanismus' im Allgemeinen sehr weitschichtig verwendet werden, scheint es angebracht, zunächst die beiden Begriffe, Humanismus und Renaissance, wie sie in diesem Kontext verwendet werden, näher zu definieren, sowie weitere Aspekte aus der Forschungsliteratur mit einzubeziehen. Das Wort Humanismus entstand erst Anfang des 19. Jahrhunderts und wurde ab 1841 auf die Geistesbewegung des 14. bis 16. Jahrhunderts angewandt sowie ab 1859 als Epochenbezeichnung aufgefasst.6 Ab 1860 kennzeichnet der Begriff der Renaissance sowohl die Geistesbewegung als auch die Epoche des 14. bis 16. Jahrhunderts und wird „neben und statt demjenigen des Humanismus verwendet“.7 Die Anfänge finden sich 1330-1400 bei Petrarca, der die scholastische Dialektik als Sinn entlehrt ablehnte und sich stattdessen dem Stil und Inhalt antiker Schriften (Cicero) zuwendete und damit diesen Paradigmenwechsel einleitete, der sich ab dem 15. Jahrhundert in ganz Europa zu verbreiten begann.8 Diese Entwicklung, die sicherlich zur weiteren Zunahme von Verschriftung und Schriftgebrauch führte, scheint jedoch als alleinige Erklärung für den Wandel der Frauenbildung, hinsichtlich der Kulturtechniken des Lesens und Schreibens nicht ausreichend, auch wenn man die zunehmende Verschriftung der Volkssprachen berücksichtigt.9 Mehr noch scheinen die seit Ende des 14. Jahrhunderts auch in Deutschland verwendeten Papiermühlen10, die Entwicklung des Schriftgebrauchs im Handel beeinflusst zu haben, zumal die Handelszentren auch die Orte der Papierherstellung waren.11 Das ohnehin gegenüber dem Pergament technisch weniger aufwendig herzustellende Papier als Beschreibstoff, konnte nun kostengünstiger und schneller besorgt werden, was insbesondere für den Fernhandel von Wichtigkeit war.

2.2 Vom Wanderkaufmann zum sesshaften Kaufmann. Der Einfluss des Schriftgebrauchs auf die Handelsbeziehungen der spätmittelalterlichen Hansekaufleute

Bedenkt man, dass die Familie Veckinchusen als weitreichender Familienverbund Fernhandel von Brügge bis Nowgorod betrieb, so ist notwendig, auch den sich seit dem 13. Jahrhundert vollziehenden Wandel im Geschäftsablauf der Fernkaufleute zu berücksichtigen. Die zunehmende Verschriftung in Verwaltung und Wirtschaft wirkt sich auch auf den Geschäftsablauf der Kaufleute12 aus. Während zuvor der hansische Fernhändler seine Waren auf dem Weg zum Käufer selbst begleitete, kann er seine Geschäfte nunmehr vom jeweiligen Kontor13 aus abwickeln. Dies erfordert allerdings ein weiträumiges Interessennetzwerk, das sich „in den Jahrzehnten um 1300 aus der bisherigen Kaufmannshanse zur Städtehanse, zur Gemeinschaft der stede van der d ü deschen hense14 zusammen schließt. War zuvor die Gotländische Genossenschaft für die Interessenvertretung der Hansekaufleute zuständig, übernehmen diese Funktion nun die Städte, wobei Lübeck vorstand.15

Die vom - nun sesshaften - Kaufmann brieflich avisierten Waren werden nunmehr dem Transporteur übergeben, der sie auf dem See- oder Landweg zu ihrem Bestimmungsort bringt, wo sie wiederum von dem im dortigen Kontor sitzenden Geschäftspartner entgegen genommen und wiederum schriftlich quittiert werden; jeder Geschäftsgang wird in den Handelsbüchern vermerkt, wie dies beispielsweise aus der überlieferten Korrespondenz sowie den Handelsbüchern Hildebrand Veckinchusens eingängig zum Ausdruck kommt. Aus den überlieferten Briefen der Korrespondenz HildebrandVeckinchusens geht hervor, dass diese nicht nur „eine Kombination aus Empfangsquittung und Lieferschein oder Warenbegleitbrief“16

[...]


1 Hildebrand Veckinchusen. Briefwechsel eines deutschen Kaufmanns im 15. Jahrhundert. Hrsg. v. Wilhelm Stieda. Leipzig: S. Hirzel 1921. Der Briefwechsel umfasst die Jahre 1398 bis 1437 sowie undatierte Stücke.

2 Belege siehe Kap. 2.1 (Anmerkung 3).

3 Stieda. Kaufmannsbriefe (wie Anm. 1) z. B. Brief Nr. 355 (06.07.1423), Margarete an Hildebrand: „Wan hier loper syn, dy en wech wyllen, dat en wert my nycht to weten don up en stonde na wan se wech willen, so en hebbyck nemment dy my scryve, so moet ik et na laten.“; Nr. 312 (05.01.1422), Margarete an Hildebrand: „Wetet Hildebrant, leve man, dat ik juwen breff wol vorstan hebbe, den gy my negheste santen, also gy schreven, dat id ju wunder hevet, dat ik ju nicht enschrive. By weme sal ik ju schriven? Dat ik ju sumtyt gerne schreve, ik en hebbe nument, de my schrive, wente Trudeke, de kan des nicht gedoen.“; Nr. 384 (27.08.1424), Geschäftsfreund Tideman Brekelvelde an Hildebrand: „Item Margrete hedde ja sulven gherne enen breff ghesant; nu hadde Evert Molike gheste, also dat er Drudeke nicht schriven en konde. Dit nemet in dat beste; se salt hirnesten vorbeteren.“; Nr. 393 (17.02.1425), Margarete an Hildebrand: „[...] wente gy scrivet my, dat gy lange nene breve van my ghehat hebben, des so kan ik, so help my Got, nicht ghebetern, wente wen ik ju scriven solde, so hebbe ik nemande, dem ik des ghetruwen dore, wente juwe dochter Drude, de kan des nicht alle tyd ghedoen.“; Nr.98 (16.07.1414), Elisabeth an Hildebrand: „Leve bole, doyt wol und overseyt den breyf, de bet wente myn doychter en kan noch nicht woyl schryven und oc en wolde ic en anders nement laten schriven.

4 Vgl. Kammeier-Nebel, Andrea: Frauenbildung im Kaufmannsmilieu spätmittelalterlicher Städte. In: Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Hrsg. v. Elke Kleinau u. Claudia Opitz. Bd. I. Vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Frankfurt/Main: Campus 1996., S.78. Kammeier-Nebel bezieht sich hier (neben der Veckinchusen-Korrespondenz) auf einen Hausbuch-Eintrag des Kölner Kaufmanns Johann Sloesgin zu Beginn des 15. Jahrhunderts, demnach alle seine Töchter zur Schule gingen.

5 Vgl. Lindemann, Margot: Nachrichtenübermittlung durch Kaufmannsbriefe. Brief- „Zeitungen“ in der Korrespondenz Hildebrand Veckinchusens (1398-1428). München: Verlag Dokumentation 1978. (= Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Bd. 26)., S. 26, die sich dabei nur auf die Korrespondenz des Hildebrand Veckinchusen bezieht.

6 Vgl. 'Humanismus, I. Begriff. In: Lexikon des Mittelalters. (künftig abgekürzt LEXMA zitiert). Verlag J. B. Metzler. Vol. 5, cols 186-187.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. 'Humanismus, III. Anfänge 1330-1400'. In: LEXMA, Vol 5, cols 187-188.

9 Vgl. Zedelmaier, H.: 'Schriftlichkeit, Schriftkultur, I. Westen'. In: LEXMA, Vol. 7, cols 1566-1567.

10 Erstmals in Nürnberg 1390 gefolgt von Ravensburg (1393), Lübeck (1420). Vgl. LEXMA, Vol. 6, cols 1664-1665.

11 Källin, H.B.: 'Papier, 2. Technische Entwicklung'. In: ebd., cols 1665-1666.

12 Bezug wird im Folgenden aufgrund des Hausarbeitsthemas, das sich auf die Lübecker Familie Veckinchusen bezieht, lediglich auf die hansischen Kaufleute genommen.

13 Hier ist nicht nur die als Kontor bezeichnete Schreib- und Geschäftsstube des Kaufmanns gemeint, sondern vor allem die im 13./14. Jahrhundert entstandenen Handelsstützpunkte in Lübeck, Brügge, London, Bergen und Novgorod: vgl. Henn, V.: 'Kontor'. In: LEXMA, Vol. 5, cols 1420-1421.

14 Peters, Robert: Das Mittelniederdeutsche als Sprache der Hanse. In: Mittelniederdeutsche Studien. Gesammelte Schriften 1974-2003. Hrsg. v. Robert Langhanke. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2012. S. 283f.

15 Ebd.

16 Irsigler, Franz: Der Alltag einer hansischen Kaufmannsfamilie im Spiegel der Veckinchusen- Briefe. In: Hansische Geschichtsblätter (1985) H. 103., S. 78.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656725565
ISBN (Buch)
9783656725541
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279049
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut - Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas
Note
1,0
Schlagworte
Hildebrand Veckinchusen Spätmittelalter Hanse Schriftkultur Frauenbildung Kaufmann

Autor

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Titel: Die Familie Veckinchusen. Zur Bedeutung der Ausbildung von Frauen in Kaufmannsfamilien zu Beginn des 15. Jahrhunderts