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Sprache der Politik. Sprache in der Politik?

Essay 2012 11 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Sprache der Politik – Sprache in der Politik?

Das folgende Essay orientiert sich am Aufbau von Girnths Buch Sprache und Sprachverwendung in der Politik und wird durch die im Anhang aufgeführten Aufsätze und Kapitel ergänzt.

Politiker nutzen die Sprache vielfältig: zum Appellieren, Buhlen, Werben und Informieren. Sprache ist aufgrund dessen nicht nur ein Instrument der Politik, sondern die Bedingung ihrer Möglichkeit. Anders ausgedrückt: Ohne Sprache, keine Politik. Genauer gesagt geht es um sprachliches Handeln der Politik, da mit Sprache zugleich – ganz im Sinne der Sprechakttheorie – gehandelt wird, sodass nicht klar zwischen Politik und Sprache unterschieden werden kann.

Für Politik existieren linguistische Definitionen, die es gestatten, die Sprachverwendung in der Politik zu untersuchen. Eine stammt von Lübbe (1975): Politik ist „die Kunst im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen.“ Hier ist eine formulierte These von entscheidender Bedeutung, die besagt, dass Persuasion zwar nicht die einzige, aber bedeutendste Funktion von Sprachhandlungen in der Politik ist. Auf das Gebiet der Persuasion soll weiter unten eingegangen werden. In der Definition Lübbes wird die enge Verbindung von Öffentlichkeit und Politik deutlich. In eine ähnliche Richtung weist die Definition Grünerts (1974), der politisches Handelns als „Kampf um Macht und Herrschaft, um Teilnahme an der Machtausübung und ihre Sicherung zur Durchsetzung bestimmter Vorstellungen und Interessen“ versteht.

Anders als Linguisten betonen Politologen das Primat der Politik gegenüber der Sprache (vgl. Bergsdorf (1991)). Richtig ist, dass eine Gleichsetzung von Sprache und Politik konsequenterweise dazu führt, dass Politik da aufhört, wo sie sprachlos wird, was allerdings nonverbale Kommunikation ignoriert (Stichwort Symbole). Dennoch ist nach Girnth zu sagen, dass „(d)ie Kunst im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen, (...) zwar ein wichtiger Aspekt der Politik, aber (...) nicht die Politik selbst“ ist.[1]

Im Kontext von Sprache und Ideologie muss zwischen einer Alltagsdefinition und einer wertneutralen politischen Definition differenziert werden. In der Alltagssprache werden Ideologien als Auffassungen verstanden, die der Ansicht sind, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. In einer wertneutralen Definition versteht man unter Ideologie Wertvorstellungen und Denkmuster, die von einer Gruppe oder einer Gesellschaft geteilt werden. Wenn man die oben genannten linguistischen Definition von Politik berücksichtigt, bedeutet dies, dass sich Ideologien durch Sprache manifestieren. Im Sinne der pragmalinguistischen Wende erhält eine Ideologie erst dann ihre Funktion, wenn sie in einen bestimmten gesellschaftlichen Kontext eingebettet wird. Beispielsweise erhält erst in Verbindung mit dem Nationalsozialismus der Ausdruck Blut und Boden seine spezifische Bedeutung. Meist wird Ideologie vom Gegner negativ beurteilt, da diese Gruppe ihrer Meinung die Wahrheit verzerrt. Die eigene Gruppe wird dementsprechend positiv dargestellt.

Versteht man Ideologie nach obiger wertneutraler Definition ist menschliches Denken stets ideologiegebunden, da der Mensch und weiter die Gruppe(n), in der er sich befindet, bestimmte Ansichten und Werte vertritt. Dies bedeutet weiterhin, dass nicht sprachliche Zeichen eine Wirklichkeit bezeichnen, sondern sprachliche Zeichen im Kontext einer bestimmten Ideologie sich auf die Wirklichkeit beziehen. Der direkte Zugriff auf die Wirklichkeit ist demnach dem Menschen entzogen.

Girnth geht recht ausführlich auf den Forschungsüberblick der letzten Jahrzehnte ein, was hier allerdings nur kurz dargestellt werden soll. Grundsätzlich lassen sich in der Sprache-und-Politik-Forschung zwei Richtungen unterscheiden: Die lexikonorientierte und die text-diskursive Richtung. Erstere untersucht die Wirkungskraft von Wörtern im Persuasionsprozess v.a. im Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Letztere erweitert den Blickwinkel um die Komponente Text und ist im – beeinflusst durch die kommunikativ-pragmatische Wende – der Ansicht, dass die Wirkkraft von Wörtern nicht von ihnen selbst ausgeht, sondern von ihrem Kontext. Wörter gewinnen demnach ihre „Macht“ erst in einem bestimmten Kontext, sodass bspw. Jude an sich eine neutrale Bezeichnung ist, während sie hingegen im nationalsozialistischen Milieu eine negative Konnotation erhält. Die neuere Forschung schließt sich tendenziell eher der pragmalinguistischen Richtung an.

Eine Diskussion innerhalb der Linguistik beschäftigt sich mit der Frage, ob die Sprache-und-Politik-Forschung Sprache bewerten darf. Grob lässt sich ein sprachkritischer Ansatz von einem sprachwissenschaftlichen Ansatz differenzieren. Der sprachkritische Ansatz bewertet den Untersuchungsgegenstand, während hingegen der sprachwissenschaftliche diesen lediglich beschreibt, wobei Holly anmerkt, dass selbst eine deskriptive Analyse sprachkritisch sein kann, da sie das aufdeckt, was Politiker bei ihren Äußerungen womöglich lieber verborgen hätten.

Die Sprache-und-Politik-Forschung untersucht im Wesentlichen drei Bereiche:

1. Sprache im Nationalsozialismus: Ziel dieses Bereiches ist es primär, den Missbrauch von Wörtern während des Nationalsozialismus aufzudecken und ihr Weiterleben in den Köpfen der Menschen zu verhindern. Zu nennen sind hier Klemperers Lingua Tertii Imperii und Steinbergers Wörterbuch des Unmenschen. Beide Werke wollen für nationalsozialistische Gedankengut in Wörtern wie betreuen aufmerksam machen. Im Sinne der pragmalinguistischen Wende wird m.E. zurecht kritisiert, dass nicht das Lexem betreuen an sich „böse“ ist, sondern erst in seinem spezifischen Kontext die Konnotation vernichten/töten erhält.

Wie auch bei Sprache in der DDR (vgl. unten) wird hier die Sprachlenkung untersucht. Das Lexikon der Nationalsozialisten wurde im Unterricht und Wörterbüchern (Politisches ABC des Neuen Reiches, ABC des Nationalsozialismus, Taschenwörterbuch des Nationalsozialismus) festgehalten, um die Sprache zu vereinheitlichen, also gleichzuschalten. Ziel war die Durchdringung der Bevölkerung auf allen Ebenen.

2. Sprache in der DDR: Diese Richtung bildete sich in Anlehnung an Sprache im Nationalsozialismus heraus. Hauptsächlich geht es um Vergleiche zwischen dem sogenannten NS-Deutsch und dem SED-Deutsch, also der Sprachverwendung in totalitären Staaten. Besonderes Interesse gilt der Sprachlenkung in beiden Staaten, also des Versuches bewusst und zielgerichtet auf die Kommunikation Einfluss auszuüben, um diese im eigenen Sinne zu verändern.[2] Dies geschieht v.a. durch die Tilgung von Wörtern, ihrer Umdeutung oder der Kreation neuer Wörter.

Ging man anfangs noch von einer Spaltung der deutschen Sprache in eine West- und eine Ostsprache aus, so wird diese These heute kaum noch vertreten.

3. Sprache der Wende: Grundlegend für diese Richtung war die Ansicht, dass im Zuge der Revolution weniger physische Zwangsmethoden, sondern sprachliches Handeln die Hauptrolle gespielt hat. Zum einen hatte die Sprache großen Einfluss auf die Revolution, zum anderen hatte aber auch die Revolution und die daraus resultierende Wiedervereinigung, also gesellschaftliche Veränderungen, Einfluss auf die Sprache. Stand anfangs die Untersuchung der verschiedenen Lexika in Ost- und Westdeutschland im Zentrum (vgl. oben), analysiert man heute eher die unterschiedlichen Sprechhaltungen, Stile und Redeweisen. Dabei fand man heraus, dass ostdeutsches Sprechen eher als langsam, ruhig, monoton, leiernd oder roboterhaft empfunden wird, während man hingegen schnelles, akzentuiertes Sprechen sowie deutliche und sinnhafte Pausensetzungen als Merkmale westlichen Sprechens ansieht.

Der folgende Abschnitt thematisiert die pragmalinguistischen Grundlagen der Sprache-und-Politik-Forschung. Im Zuge der pragmalinguistischen Wende gelangte man zu der Einsicht, dass Sprache kein Selbstzweck ist, sondern stets in bestimmten Situationen stattfindet, sich immer an ein Gegenüber richtet und zielorientiert ist, d.h. dass in einer Kommunikationssituation Intention und Situation im Vordergrund stehen. Die primäre Intention eines Politikers ist – vereinfacht gesagt – Zustimmung seitens der Öffentlichkeit zu erreichen. In den verschiedenen Kommunikationssituationen, den Situationstypen, werden Partnerhypothesen formuliert, d.h. der Emittent macht sich Gedanken über seinen Rezipienten und umgekehrt. Auf Basis dieser Hypothesen werden bestimmte Strategien verwendet, um Zustimmung zu erlangen.

Politisches Handeln und somit Sprechen findet zu einem großen Teil öffentlich statt (Ausnahme u.a. Ausschüsse, Fraktionsdebatten) und ist demnach auf die Öffentlichkeit bezogen. Im Zuge der Kommunikation ist stets zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe zu unterscheiden. Alles, was im Kontext der Eigengruppe steht, wird positiv bewertet, alles im Zusammenhang mit der Fremdgruppe – sofern es von der Ansicht der Eigengruppe abweicht – wird negativ bewertet.

Ein weiteres Merkmal der Sprache in der Politik ist die Mehrfachadressiertheit, d.h. eine sprachliche Handlung richtet sich meist an mehrere Adressaten gleichzeitig. Eine Rede im Bundestag bspw. ist an die Mitglieder der eigenen Partei, die Mitglieder anderer Parteien und die Bürger „draußen“ gerichtet. Die direkte Interaktion zwischen den politischen Akteuren und die indirekt einbezogene Öffentlichkeit nennt man auch Inszenierung. So wird in einer Talkshow eine Diskussion zwischen zwei politischen Gegnern inszeniert, während die eigentliche Intention die Persuasion des Publikums/der Öffentlichkeit ist.

Die Sprache in der Politik lässt sich in vier Handlungsfelder differenzieren, denen sich spezifische Textsorten zuordnen lassen:

1. Öffentlich-politische Meinungsbildung (dominierend): Leitartikel, Kommentar
2. Innerparteiliche Willensbildung: Parteiprogramm, Parteitagsrede
3. Politische Werbung: Wahlkampfrede, Wahlslogan
4. Gesetzgebungsverfahren: Gesetz, Gesetzesentwurf

Die Handlungsfelder sind allerdings nicht isoliert zu betrachten, da sie sich gegenseitig durchdringen. Beispielsweise durchläuft ein Gesetzgebungsverfahren im Normalfall mehrere dieser Felder.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass Sprache in der Politik dieselbe ist wie im Alltag – nur überwiegt die appellative Funktion, da Politik auf das Durchsetzen von Interessen und Herrschaftsansprüchen ausgerichtet ist.[3] Aus diesem Grund sollte nach Girnth nicht von verschiedenen Sprachen in der Politik, sondern von verschiedenen Sprachfunktionen gesprochen werden:[4]

1. Die regulative Sprachfunktion: Sie bezieht sich auf das Verhältnis von Regierenden und Regierten, in dem sich die vorhandenen Machtstrukturen in Sprache umsetzen. Typische Texte sind Verfassungen, Gesetze, Erlasse etc.
2. Die poskative Sprachfunktion: Sie ist im Prinzip das Gegenstück zur regulativen Sprachfunktion. Hier wirken die Regierten auf die Regierenden bspw. durch Wünsche und Petitionen ein. Diese Sprachfunktion wird man bspw. in einem totalitären Staat nicht oder kaum finden.
3. Die informativ-persuasive Sprachfunktion: Diese Sprachfunktion zielt auf Bewusstseinsbildung ab und dient der Begründung, Motivation, Vorbereitung, Analyse, Kritik und Rechtfertigung politischen Handelns. Typische Texte sind Debattenreden und Wahlreden.

[...]


[1] Diskutiert wird auch die Frage, ob Gewalt ein Mittel der Politik ist oder ob sie als Alternative eintritt, wenn die Politik respektive die Sprache versagt hat.

[2] Sprachlenkung findet nicht ausschließlich in totalitärer Staaten statt. Die Bemühungen um eine deutsche Standardsprache im 18. und 19. Jahrhundert können ebenfalls als Sprachlenkung angesehen werden. Für das 18. Jahrhundert sind Adelungs Wörterbuch und das Deutsche Wörterbuch der Grimms zu nennen, für das 19. Jahrhundert (1880) der Rechtschreibduden. Sprachpolitische Maßnahmen wie die Bestimmung des Deutschen als Amts-, Gerichts- und Schulsprache sind in gewisser Weise Sprachlenkung. Auch die Vorschriften über die Benutzung geschlechtsneutraler Bezeichnungen in Rechts- und Verwaltungstexten aus den 1980er-Jahren (Stichwort: Political Correctness) können als Sprachlenkung angesehen werden. Auch die Aussprache mancher Äußerungen stehen unter Strafe, sodass ein Fall von Sprachlenkung vorliegt (Bsp.: Leugnung des Holocaust; Stichwort: Historical Correctness).

[3] Bühler unterscheidet in seinem Organonmodell bei jeder sprachlichen Äußerung eine Ausdrucksfunktion, eine Darstellungsfunktion und eine Appellfunktion.

[4] Dieckmann spricht nicht von Sprachfunktionen, sondern – vermutlich in Anlehnung an Wittgenstein – von Sprachspielen. Die Terminologie ist ansonsten gleich, nur nennt Dieckmann die poskative Sprachfunktion instrumentales Sprachspiel.

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656720478
ISBN (Buch)
9783656723103
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278972
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
sprache politik

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