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Was leistet Kunst?

Oder warum brauchen wir Kunst?

Essay 2012 9 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Was leistet Kunst?

(oder warum brauchen wir Kunst?)

Wenn wir über Ästhetik reden, dann reden wir oft über Kunstwerke. Was ist ein Kunstwerk und was ist es nicht? Zu definieren was ein Kunstwerk ist, wird oft dadurch versucht, zu konkretisieren, was ein Kunstwerk ausmacht oder was spezifische Kriterien für Kunstwerke sind. Ist es ein besonderes Erleben oder Vergnügen, was uns die Kunst bereitet? Ist Kunst dadurch ausgezeichnet, dass sie kei­nen Zweck erfüllt? Es ist umstritten, ob solche spezifischen Kriterien wirklich nur auf Kunstwerke, oder überhaupt auf Kunstwerke zutreffen. Gehen wir von unseren Intuitionen aus, verstehen wir un­ter Kunstwerken, meist von Menschen geschaffene Gegenstände, die von einer Gruppe von Exper­ten, als Kunstwerk klassifiziert worden sind. Ich meine damit, würde man eine Gruppe von Men­schen auffordern, ihnen ein Kunstwerk zu nennen, würden einige vielleicht das „Café de Nuit“ von Van Gogh, die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci oder „Guernica“ von Picasso oder andere be­kannte Kunstwerke nennen. Kunstwerke scheinen hier durch feststehende Kriterien definiert zu sein. Heute, in der Postmoderne, sehen wir diesen Kunstbegriff schon etwas weiter. Nicht nur das es heute legitim ist sich einem „Epochenmix“ zu bedienen, also zum Beispiel Elemente des Kubismus mit der Klassik und dem Surrealismus zu vermischen, es entstehen auch ganz neue moderne Kunst­richtungen wie Streetart und Graffiti, Actionpainting, Installationskunst, Poetry Slam, Müllkunst, Bodypainting und noch vieles Weiteres. Nicht immer müssen diese Gegengenstände von Experten als ein Kunstwerk klassifiziert worden sein.

Denkt man weiter darüber nach, was als ein Kunstwerk angesehen werden kann, dann wird man auf eine Vielzahl weiterer Gegenstände und Begriffe stoßen. Man kann zum Beispiel die Sichtweise vertreten, dass die Natur Kunstwerke schafft. Ein Schmetterling hat beispielsweise oft eine natürli­che, harmonisch und ästhetisch wirkende Farb-und Formanordnung auf seinen Flügeln. Landschaf­ten scheinen von der Natur so kunstvoll geschaffen wurden zu sein, dass sie oft Motive für viele Künstler darstellen, die versuchen, die Schönheit, die sie in diesem Moment sehen einzufangen und auf die Leinwand zu bannen. Oder was ist, wenn wir von der „Kunst zu kochen“, der „Kunst zu Re­den“ oder von der „Kunst zu Leben“ reden? In welchem Sinne gebrauchen wir dann den Kunstbe­griff ? Hier scheint es nicht um Gegengenstände, sondern vielmehr um Tätigkeiten und Verfahrens­weisen zugehen.

All diese Beispiele, sollen nur verdeutlichen, dass unser Begriff von Kunst, anscheinend doch mehr umfasst, als wir auf den ersten Blick denken mögen. Zu definieren was ein Kunstwerk ist, soll deshalb nicht Gegenstand dieses Essays sein. Sondern dieses Essay will versuchen, eine pragmatischere Sichtweise auf die Kunst einzunehmen. Es will vor allem zwei Fragen beleuchten: Was kann die Kunst für uns leisten? Oder warum brauchen wir Kunst? Meine Überlegungen, sollen dabei nicht als eine Festlegung von dessen gesehen werden, was die Kunst für uns leistet, sondern vielmehr als eine offene Liste.

Oft wird gesagt, ein Kunstwerk verfolge keinen Zweck. Damit ist gemeint, dass Kunstwerke in erster Linie nicht dazu gemacht sind eine Funktion zu erfüllen, wie sie etwa ein Hammer erfüllen soll. Doch wenn die Kunst überhaupt keinen Zweck erfüllt, warum haben wir sie dann?

Ich will nicht ausschließen, dass einige Künstler Kunstwerke schaffen, weil sie ganz einfach Spaß daran haben. Ein Kunstwerk kann ohne die Absicht geschaffen werden,jemals vonjemand anderen als dem Künstler betrachtet zu werden. Ein Künstler kann für sich selber malen. Er kann malen, weil er etwas erschaffen will. Er kann malen, weil er seinen Emotionen Ausdruck verleihen will. Er kann malen, weil er die Schönheit des Augenblicks festhalten will. Das alles können Gründe für ein Kunstwerk sein. Wenn das Kunstwerk aber aus solchen Gründen geschaffen wurde, dann scheint seine Funktion darin zu bestehen, diesen Gründen gerecht zu werden. Das Kunstwerk hat also den Zweck oder die Funktion, mir Spaß zubereiten, meinen Emotionen Ausdruck zu verleihen, meine Sichtweise des schönen Augenblicks festzuhalten.

Ich habejetzt schon öfters davon gesprochen, dass Kunst dazu dienen kann, die eigene Sichtweise auf die Welt darzustellen. Das ist der subjektive und vielleicht emotionalere Aspekt der Kunst. Ein Maler versucht, dass was er sieht, empfindet oder sich vorstellt in seinem Bild auszu­drücken. Besonders betont haben das beispielsweise die Impressionisten mit ihrer Kunst, mit der sie die Schönheit des Augenblicks festhalten wollten. Doch machen wir einen Zeitsprung vom Impres­sionismus zur Höhlenmalerei. Oftmals werden im Zusammenhang mit der Höhlenmalerei Darstel­lungen von unterschiedlichen Tieren aufgezeigt. Dass was die Menschen gesehen haben, ist das, was sich in ihrer Umwelt befunden hat und wahrscheinlich auch das, was für sie eine wesentliche Rolle gespielt hat. Genau solche Eindrücke haben sie auch an die Wand gemalt. Es gibt mehrere Theorien darüber, wozu die Höhlenmalerei diente, aber eins kann man vielleicht festhalten: Die Bil­der dienten dem Erfassen der Wirklichkeit. Man reproduziert das, was man gesehen hat. Die Stillle- ben, die Landschaftsmalereien, Porträtzeichnungen, Fotografien, Gedichte über die Natur, über Er­eignisse, über Menschen und Tiere, Darstellungen von religiösen Zeremonien, Revolutionsgrafiken, Musikstücke, die den Verlauf eines Flusses nachzeichnen sollen wie Smetanas Werk „die Moldau“, perspektivische Zeichnungen von Raum und Gebäuden, all das kann gesehen werden als ein Ver­such die Wirklichkeit zu erfassen. Die Welt wurde also oft durch die subjektive Sichtweise eines Künstlers erfasst und somit für andere in genau dieser Sichtweise zugänglich gemacht.

Insofern hat die Kunst einmal eine ordnende Funktion, in dem sie sich konkrete Einzeldinge heraus­greift, ihre Struktur erfasst und sie in ein Verhältnis zu anderen Dingen setzt und zum anderen scheint sie eine philosophische Funktion zu haben. Wer in einem solchen abbildenden Sinn malen will, der muss auf die Welt schauen. Auf die Welt zuschauen und somit die Wirklichkeit und Einzel­dinge zu erfassen, das ist eine philosophische Aufgabe. Der Künstler muss sich in der Welt positio­nieren, und sich somit auf sie beziehen. In dem er die Beschaffenheit eines Dings erfasst, kann es sein, dass sich das vorher vielleicht wage Bild oder die eher blase Vorstellung von einem Gegen­stand konkretisiert und man somit den Gegengenstand in einem neuen Licht erblickt. Versteht man den Kunstbegriff so, dann kann Kunst für uns eine Hilfe sein, die Welt zu erfassen und zu ordnen und in diesem Sinne kann sie auch Erkenntnis sein. Oder gehen wir vom Betrachter eines Kunst­werkes aus. Wenn der Betrachter sich intensiv mit dem Kunstwerk beschäftigt, kann er dadurch auch seine Sichtweise auf die Welt ändern. Dafür muss er nicht einmal unbedingt die Botschaft, die der Künstler eventuell vermitteln will, erkennen, sondern es kann auch sein, dass er durch das bloße Betrachten einen neuen Blickwinkel auf Gegenstände unserer Welt bekommt. Wenn ein Maler bei­spielsweise, in einer besonderen Art und Weise eine Sonnenblume gemalt hat, die für den Betrach­ter sehr ansprechend ist, dann kann sich seine Sichtweise auf diese Sonnenblume verändern. Wenn er vorher Sonnenblumen als eher langweilige und gewöhnliche Blumen angesehen hat, dann besteht die Möglichkeit, dass die Sonnenblumen, die auf dem Bildjetzt durch die Malweise strahlend schön und in leuchtenden Farben dargestellt sind, ihm auch als solche erscheinen. In diesem Falle hat der Betrachter erkannt, was Sonnenblumen für schöne Blumen sein können, wenn man sie nur in einem anderen Licht betrachtet. Die Sichtweise des Malers, oder ein Teil von ihr, kann sich auf den Be­trachter übertragen und ihm neue Ideen vermitteln. Kunst kann uns also zur Horizonterweiterung und Erkenntnis verhelfen.

Doch Kunst kann nicht nur die gegenwärtige Welt erfassen, sie kann auch andere Welten erschaffen. Denken wir an den Surrealismus, den Expressionismus oder den Dadaismus, um hier nur einige Formen der Malerei zu nennen. Oder denken wir an Gedichte wie „Mondnacht“ von Eichendorff, in dem der Himmel die Erde küsst. Hier werden uns andere Welten aufgezeigt. Welten die neben unserer bestehen können. Welten, die unserem Geist entsprungen sind und für uns in zwei oder dreidimensionaler Form manifestiert wurden sind. Die Kunst scheint uns eine Möglichkeit zu bieten uns über die bestehende Realität zu erheben und uns eine neue Welt zu schaffen. Sie ist in dieser Weise transzendent und befreiend.

Gehen wir vom Transzendenten zum Göttlichen über.

Kunst und Religion schließen sich nicht aus. Das Christentum sagt zwar man soll sich kein Gottes­bild machen, aber in der Praxis wurde das Bild oder die Kunst häufig für religiöse Zwecke genutzt. Im Christentum gibt es beispielsweise Andachtsbilder. Momente des Religiösen werden festgehal­ten um unsere Erinnerungen an den wichtigen Moment zu wahren und zu verstärken. Die Kunst als ein bildliches Gebet, hat die Funktion Religion auszuleben und zu legitimieren. Das Bild steht dann für eine gewisse Realität, die es zu verinnerlichen gilt. Der Glaube soll dadurch gefestigt werden. In fast allen Gesellschaften finden wir Darstellungen von religiösen Zeremonien und Riten, von Göt­terdarstellungen und Verherrlichungen. Das Bild dient als Beleg für das vermeintlich Geschehene. Die Kunst kann aber auch selber Ausführung der Religion sein. Dabei denke ich beispielsweise an Meditationsbilder, wie sie im Buddhismus genutzt werden. Das Bild selbst ist die Verbindung zu dem Göttlichen injedem Menschen. Es soll hier nicht an einem Moment erinnert werden, sondern ein eigener religiöser Moment erschaffen werden. Man soll den Weg Buddhas, selber erleben kön­nen, indem man sich durch dieses Bild auf eine innerer Reise begibt. Die Kunst bietet in diesem Zu­sammenhang eine Verbindung zum Göttlichen und die Möglichkeit einen Beleg für eine Realität und eine damit verbundene Weltanschauung zu schaffen.

Als Beleg für eine gewünschte Realität dienten auch Herrscherikonographien und Darstellungen. Hier wurde meist nicht die Realität abgebildet, so wie sie war, sondern es wurde eine inszenierte Realität erschaffen, die durch ihre Symbolik, entweder ein Ereignis glaubhaft machen sollte, oder die Herrschaft einer Person legitimieren sollte. Beispiele dafür gibt es zahlreiche. Denken wir an die napoleonischen Darstellungen von dem Künstler Jaques-Louis David, der unter anderem Na­poleons Ritt über die Alpen gemalt hat. (siehe Anhang) Allein die Tatsache, dass Napoleon bei die­sem Bild auf einem imposanten Ross und in sich aufbäumender, wegweisender Pose dargestellt wurde, obwohl er in Wirklichkeit mit einem Esel über die Alpen geritten ist, verdeutlicht was ich sa­gen will. Das Bild soll sich eben einer bestimmten Symbolik bedienen, die ausdrückt, dass es sich hier um einen starken und fähigen Herrscher handelt, der es schafft das Pferd zu zähmen um mit ihm den gefährlichen Weg über die Alpen anzutreten. Unerschrocken weist Napoleon den Weg. Auch hier dient das Bild oder die Kunst als Beleg oder zur Konstruktion einer Wirklichkeit, die glaubhaft erscheinen soll, nur ohne das hier eine Verbindung zu einem göttlichen Wesen geschaffen werden soll, wie wir es oft bei religiösen Darstellungen finden.

Einige Leute mögen vielleicht die Annahme vertreten, dass die Kunst nichts verändern kann.

Doch wenn Kunst eine unterstützende Rolle bei der Legitimierung eines Herrschers einnehmen kann, in dem ein Bild im Bewusstsein entsteht, was diesen Herrscher glaubhaft macht, dann trägt sie dazu bei, die Welt zu verändern. Oder denken wir an propagandistische Kunst aus dem zweiten Weltkrieg oder der DDR. Nicht umsonst wurde die Kunst als ein Massenmedium genutzt, welches auf das Denken der Menschen so einwirken kann, dass dadurch eine ganze Weltanschauung legiti­miert werden sollte. Wenn Kunst also das Denken beeinflussen kann, so kann Kunst auch unser Handeln beeinflussen. Denn wo sollte unser Handeln anfangen, wenn nicht beim Denken? Hier scheint die Kunst eine mächtige Position eingenommen zu haben. Im Fall von ideologischen Dar­stellungen und Propaganda kann sie vielleicht sogar als Waffe dienen.

Kunst kann also auf die Gesellschaft einwirken. Doch beeinflusst sie sie nur oder kann sie auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sein?

Ich glaube es ist plausibel anzunehmen, dass in fast allen Fällen Kunst erst in einer Gesellschaft ent­standen ist. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass Kunstwerke auch durch ein einziges Individu­um, ohnejegliche Vergesellschaftung entstehen können. Aber im Regelfall entstehen sie in Kulturen und somit in einer Gesellschaft. Die vorherrschenden Verhältnisse in einer Gesellschaftsform, be­einflussen das Denken und Handeln der Menschen, und somit auch die Kunst, sofern sie sich auf die bestehenden Verhältnisse bezieht. Kunst scheint also zunächst der Spiegel der Gesellschaft zu sein. Und viele Beispiele belegen dies auch. Die Revolutionsgrafiken beispielsweise, sind vor allem im Zuge der französischen Revolution entstanden. Man wollte ein Mittel, was die Realität bis ins kleinste Detail festhält, denn die französische Revolution war immerhin ein Umbruch der bis dahin bestehenden Verhältnisse. Die Geschichte ist veränderlich, so hatte man gelernt. Detailliert festge­halten werden sollte also der prägnante, die Geschichte verändernde Moment und nicht mehr ein überzeitlich bestehender Herrscher, wie es noch bei den Herrscherikonographien der Fall war. Oder ein anderes Beispiel: Der Expressionismus ist in einer Zeit entstanden, in der man mit dem beste­henden Verhältnissen aufräumen wollte. Man wollte sie durchbrechen und quasi auf den Kopf stel­len. In der expressionistischen Kunst äußerte sich dies beispielsweise durch die Auflösung der Per­spektive und durch eine unnatürliche Verwendung von Farben. Beides ist also wahr. In dem letzte­ren Sinne, ist die Kunst ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. Denken wir an Propa­ganda und Herrscherikonographien, beeinflusst die Kunst unsere Sicht auf die Welt, unser Handeln und unser Denken und schafft somit auch wieder neue soziologische Verhältnisse.

Und heute? Beeinflusst die Kunst heute unsere Gesellschaft? Legitimiert sie Herrschaft? Ist sie Mit­tel zur Propaganda? Dient sie dem Ausdruck einer Persönlichkeit? Schafft sie eine neue Realität oder neue Welten für uns? Kann sie uns zu Erkenntnissen verhelfen?

Natürlich macht sie das. Wir brauchen zwar keinen Napoleon mehr auf einem imposanten Pferd, aber was wäre Wahlkampf ohne Wahlplakate, auf denen uns die Politiker vertrauensvoll zulächeln? Kunst wird heute mehr denn je als eine persönliche Ausdrucksform genutzt. Kaum ein Künstler malt nur noch für einen bestimmten Auftragsgeber. Streetart und Graffiti sind in erster Linie dazu da bunte Bilder als Ausdruck des Künstlers für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diese und an­dere Medien erschaffen für uns eine neue Welt. Mit diversen Programmen, werden Bilder so mani­puliert, dass sie für uns eine andere Wirklichkeit eröffnen können. Die digitale Kunst ist in der Zeit der neuen Medien auf ihren Höhepunkt. Verschiedene Firmen und Konzerne, wissen um die Wir­kung von Bildern und arbeiten ständig daran eine für uns vielleicht erstrebenswerte aber unerreich­bare Realität zu konstruieren. In der Werbung finden sich unzählige Beispiele für Scheinrealitäten, die zwar als eine plausible Realität erscheinen, aber doch stark von der Wirklichkeit abweichen. Ei­nige Künstler, dokumentieren das Elend der Welt in ihren Bildern, um dadurch eine Wirkung zu er­zielen, die beim Betrachter einen aufrüttelnden Effekt erzielen soll. Groteske, schockierende Kunst scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben uns auf eine unsanfte Art und Weise auf die Realität aufmerksam zu machen und unsere Weltanschauung zu reflektieren. Der philosophische Aspekt der Kunst, scheint also auch heute noch zu bestehen. Auch Religionen bedienen sich heute noch einer Bandbreite von künstlerischen Medien, seien es Andachtsbilder, Skulpturen, Mandalas, Musik, Fernsehausschnitte oder Liedtexte.

Also ich fasse zusammen: Kunst kann für uns eine Menge leisten. So zwecklos, wie sie auf den ersten Blick scheint, ist und war sie in ihrer Geschichte nicht. So vielfältig eine Definition von Kunst ausfallen kann, so vielfältig scheinen auch ihre Funktionen zu sein. Versuchen wir die Funk­tionen zusammenzufassen:

(1) Die Kunst kann ein Ausdruck eines subjektiven Weltbezugs oder der eigenen Kreativität sein. Ihre Funktion besteht im schöpferischen Ausdrucks des eigenen Selbst.
(2) Oder sie kann in einer objektiveren (mit objektiv meine ich hier lediglich für eine Vielzahl von Menschen zugänglich und erfassbar) Weise zum Erfassen und Ordnen der Welt dienen. Sie spiegelt manchmal unsere Lebensverhältnisse und unsere Umwelt wieder. Wenn die Kunst uns auf unsere Realität hinweist, dann verhilft sie uns dazu, unsere Welt zu erfassen und vielleicht unseren Standpunkt zu reflektieren. Im gewissen Sinne kann Kunst deshalb Philosophie sein. Wenn Kunst, diese Kriterien erfüllt, dann erfüllt sie eine Erkenntnis-Funktion.
(3) Sie kann das Denken und Handeln der Menschen beeinflussen. Sie dient manchmal zur Aus­übung von Religion und zur Legitimation von Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen. Da ich diese Funktionen nicht als manipulierend bezeichnen will, bezeichne ich sie als gestal- tend.
(4) Sie kann neue Welten für uns erschaffen und uns von der bestehenden Realität entfernen oder befreien. In diesem Sinne ist sie transzendent.

Natürlich sind diese Funktionen nicht als starre Konstrukte zu sehen, denn oft überschneiden sie sich. Allgemein habe ich nicht alle Funktionen oder Aufgaben, die Kunst im Laufe unserer Ge­schichte für uns übernommen hat und auch heute noch übernimmt, aufgezählt. Das sollte auch nicht Sinn und Gegenstand dieses Essays sein. Mein Ziel bestand darin, dem Leser neue Impulse zu ver­mitteln und zu zeigen, dass Kunst nicht nur ein zweckloser Bestandteil menschlichen Daseins ist. Eine Frage bleibt aber noch zu beantworten: Also warum brauchen wir die Kunst?

Eine Antwort könnte lauten: Wir brauchen die Kunst, weil sie für uns eine Menge von Funktionen erfüllen kann, die Ausdruck unseres menschlichen Denkens, Lebens und Handelns sind.

Die Kunst erscheint mir als ein Medium, das wir benutzen weil wir Handlungsziele (Wünsche, Be­dürfnisse, Neigungen, etc.) haben. Wir wollen Botschaften aussenden und andere Menschen an un­serer Sichtweise der Dinge teilhaben lassen. Wir wollen uns mitteilen. Einige von uns wollen Macht, Ruhm oder Ansehen und Andere beeinflussen. So könnte man die Liste beliebig lange fort­setzen. Nicht immer wird Kunst für diese Ziele gebraucht, aber oftmals wird sich ihrer bedient.

Nun scheint es mir aber doch so, dass all diese Handlungsziele die ich aufgezeigt habe, doch auch ohne Kunst erreichbar wären. Vielleicht kann die Frage, warum wir Kunst brauchen, deshalb nur sinnvoll beantwortet werden, wenn wir uns die Frage stellen: Warum haben wir überhaupt Kunst? Diese Frage wäre ein ganzes, neues Essay oder ähnliches wert und kann deshalb hier nicht sinnvoll beantwortet werden. Doch ein kurzen Gedankengang möchte ich zum Schluss noch festhalten: Kunst scheint mir doch etwas sehr menschenspezifisches zu sein. Kein mir bekanntes Tier produ­ziert Bilder, Gedichte, musikalische Werke, Theaterstücke oder dergleichen. Aufgrund dieser Tatsa­che denke ich, dass Kunst wegen unserer Fähigkeit zur Kreativität überhaupt existiert und dass un­sere Kreativität auch mit einer der Hauptgründe ist, warum wir Kunst brauchen. Wir hätten hochent­wickelte Technologien erfinden können um Menschen zu beeinflussen. Wir könnten lediglich sozio­logische Beschreibungen lesen, um uns unserer gesellschaftlichen Verhältnisse und unserer Umwelt gewahr zu werden. Wir könnten Drogen missbrauchen, um aus der Realität zu fliehen. Oder wir könnten in stupider, sachlicher Sprache aufschreiben, was wir denken und fühlen, um uns mitzutei­len. Doch wir haben trotzdem Kunst. Abschließend möchte ich deshalb sagen: Wir brauchen Kunst, weil wir die Fähigkeit zur Kreativität haben.

Anhang

„Napoleon überquert die Alpen“von Jaques-Louis David Quelle: Prometheus Datenbank

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gedicht von Joseph von Eichendorf:

Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis' die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (Buch)
9783656753599
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278909
Note
Schlagworte
kunst oder

Autor

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