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Wie Musikerziehung sich auf Kinder im Grundschulalter auswirken kann

Essay 2010 8 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Wie Musikerziehung sich auf Kinder im Grundschulalter auswirken kann

Hausarbeit

von

Pit HEYART

Lehrkräfte und Psychologen bestätigen zunehmend, dass Musikerziehung bei weitem mehr leistet, als die Lehrpläne vorgeben. Musizieren besteht aus einer Kombination von konstanter, kontinuierlicher Achtsamkeit und Vorausplanung bei einer sich ständig verändernden physischen Beanspruchung. In keinem anderen Unterrichtsfach muss ein Kind gleichzeitig vier bis fünf Entscheidungen treffen und diese dann kontinuierlich über eine längere Zeitstrecken abarbeiten.1 Daher kann beim Musikunterricht von einer „erzieherischen Erfahrung von einzigartigem Wert“ gesprochen werden.2

Die vorliegende musikpädagogische Hausarbeit wurde hauptsächlich unter Berücksichtigung zweier Werke konzipiert: Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp in Musikschule und allgemein bildender Schule von Katrin BRANDL und Kinder optimal fördern - mit Musik von Hans Günter BASTIAN. Beide Werke analysieren etwaige positive Auswirkungen der Musikerziehung auf die Intelligenz, das Sozialverhalten, die Aufmerksamkeit und die Konzentration sowie die Leistung bei Grundschulkindern.

An dieser Stelle soll zunächst die Reaktion des menschlichen Gehirns in Verbindung mit Musik aufgegriffen werden, bevor näher auf die Auswirkungen der Musikerziehung sowohl bei NichtAD(H)D-Kinder als auch bei AD(H)D-Kinder eingegangen wird.3

1. Wie unser Gehirn auf Musik reagiert

Beim Musikhören oder Musizieren werden verschiedene Bereiche des Gehirns aktiviert. Die Neurologie bemüht sich, die Musikwahrnehmung bestimmten Gehirnarealen zuzuordnen. Im Jahre 1987 untersuchten Sally P. SPRINGER und Georg DEUTSCH, die beiden Autoren des Buches Left Brain, Right Brain, mit Hilfe klinischer Studien, welche Gehirnareale beim Musikhören vermehrt aktiviert werden. Dieser Studie zufolge findet die Verarbeitung von Melodien, Lautstärke, Tonhöhe sowie Klangfarbe in der rechten Kortexhälfte statt, während die linke Kortexhälfte für Tondauer, Zeitstruktur, Reihenfolgen und Rhythmen zuständig ist.4

Neuere Studien von Kenneth HUGDAHL belegen, dass überwiegend die rechte Gehirnhälfte sowie die Regionen des rechten Stirn- und Scheitellappens bei der Musikverarbeitung dominieren. Seltsamerweise trifft dies nicht bei Berufsmusikern zu, die dominierende Aktivität beim Musikhören liegt hier in der linken Hemisphäre. Dies ist jedoch nur der Fall, wenn die dargebotenen Tonfolgen den erlernten musikalischen Regeln entsprechen. Aufgrund dieser kortikalen Asymmetrie und des Wechsels der Hemisphären kann von unterschiedlichen und unbewusst erlernten Strategien der Musikverarbeitung gesprochen werden.5

Da der präfrontale Kortex für die Aufmerksamkeitsprozesse sämtlicher auditiver Wahrnehmungen zuständig ist, verwundert es nicht, dass EEG-Messungen bei Musikern und NichtMusikern zufolge, der präfrontale Kortex und das darin befindliche posterior attention system bei passiver Musik vermehrt aktiv sind.

Erforschungen von A.J. BLOOD, mit dem Ziel die Gehirnaktivität während des Hörens bei nicht-professionellen Musikern zu untersuchen ergaben, dass die Aktivität im orbito-frontalen, u.a. in dem Gyrus cinguli und den rechtshemisphärischen Gehirnbereichen zunimmt, wenn die Versuchsperson harmonische Musik hört. Disharmonische Musik hingegen erhöht die Aktivität in den Regionen des Hippocampus. Erhöhte, mit Aufmerksamkeitsleistungen verbundene Aktivitäten im präfrontalen Kortex, sowie eine enge Beteiligung emotional-motivationaler Prozesse in Bezug auf harmonische Musik werden in diesen Untersuchungen widergespiegelt. Der Gyrus cinguli ist an der Fähigkeit zur Belohnung beteilig, folglich trifft harmonische Musik im Gehirn mit Belohnungsstrukturen und Aufmerksamkeitskomponenten zusammen. Da die Analyse neurologischer Aktivitäten eine äußerst komplexe Angelegenheit darstellt, sollte dieses Zusammentreffen nicht überbewertet werden, sondern nur als Erklärungssatz positiver Wirkungen der Musik auf soziale und psychische Störungen dienen. Beim Musizieren werden außerdem motorische und visuelle Areale aktiviert, sowie das gesamte Nervensystem und vegetative Funktionen wie Atmung, Stoffwechsel und Durchblutung.6

BRANDL schließt daraus, dass nicht nur die für die Aufmerksamkeit zuständigen

Gehirnareale, sondern auch die emotionalen, auditiven und visuellen Bereiche angesprochen werden, was positive Auswirkungen auf vegetative und somatische Störungen haben kann. Folglich besteht durchaus die Möglichkeit, dass Musik auf bestimmte Faktoren bei der Entstehung und der Aufrechterhaltung einer AD(H)D Einfluss nimmt, und einige Fehlentwicklungen somit in Grenzen gehalten oder sogar vermieden werden können.

2. Wie Musikerziehung sich auf Grundschulkinder auswirken kann

In dem 1997 erschienenen Buch Psychologie des Spiels untersucht Ralf OERTER die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Spiel und Musik: Musizieren weckt die Freude am Manipulieren und entspricht somit der Freude des Kleinkindes am Funktionsspiel.7 Eine weitere strukturelle Ähnlichkeit zum Spiel besteht darin, dass Musizieren dem Selbstzweck dient, intrinsisch motiviert ist und durch diese Motivation aufrechterhalten wird. Musizieren stellt eine alltagsferne Realitätsebene dar, die mit Rollen-, Symbol- und Regelspiel(en) vergleichbar ist. Da ein Abgleiten in chaotische Verhältnisse keinen Spaß macht und somit keine intrinsische Motivation mit sich bringt, ist das strikte Einhalten der Regeln für die Musik von äußerster Bedeutung. Ein weiterer wichtiger Faktor besteht darin, Musizieren nicht mit Konkurrenzdenken und Leistungsdruck in Verbindung zu setzen, denn im Gegensatz zum üblichen Regelspiel treten die Spieler nicht unter der Zielsetzung des Wettbewerbs und des Gewinnens an, sondern ausschließlich unter dem Aspekt der Regelbeachtung. „Das Ziel ist nur durch die Bemühung um Gemeinsamkeit, durch Aufeinandereingehen, das Aufeinanderhören zu erreichen.“8

Unverzichtbare Voraussetzung für das gemeinsame Musizieren sind Handlungswiederholung, Rituale und Regeln. Nur so besteht die Möglichkeit, dass die Beschäftigung mit Musik die emotionale Befindlichkeit erhöht und emotionale Sicherheit vermittelt.

Um etwaige positive Transfereffekte der Musikerziehung auf das Lernverhalten, die auditive Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, das Gedächtnis, emotionelles Verhalten, Frustratrionstoleranz, Sozialverhalten und Motivation zu untersuchen, führte BASTIAN umfangreiche, mehrjährige Studien an Berliner Grundschulen durch, welche im Jahre 2000 unter dem Titel Musik(erziehung) und ihre Wirkung veröffentlicht wurden. Die Probanden, 6-12-jährige Kinder, erhielten jeweils zwei zusätzliche Stunden Musikerziehung pro Woche, während die gleichaltrigen Kinder der Kontrollklasse das übliche Pensum an Musikunterrichet absolvierten.

[...]


1 BASTIAN, Hans G. 2000. Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Mainz: Schott

2 BASTIAN, Hans G. 2000. Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Mainz: Schott

3 AD(H)D - Attention-Deficit Hyperactivity Disorder

4 BRANDL, Katrin.2004. Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp in der Musikschule und allgemein bildender Schule. Fernwald: Musikverlag Burkhard Muth, S101

5 BRANDL, Katrin.2004. Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp in der Musikschule und allgemein bildender Schule. Fernwald: Musikverlag Burkhard Muth, S101

6 BRANDL, Katrin.2004. Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp in der Musikschule und allgemein bildender Schule. Fernwald: Musikverlag Burkhard Muth, S102

7 BRANDL, Katrin.2004. Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp in der Musikschule und allgemein bildender Schule. Fernwald: Musikverlag Burkhard Muth, S104+105

8 AUERBACH. In : Auerbach/Könecke/Stumme. 1980. Grundausbildung in der Musikschule. Mainz: Schott, zit.n.BRANDL, Katrin.2004. Hans-guck-in-die-Luft und Zappelphilipp in Musikschule und allgemein bildender Schule. Fernwald: Musikverlag Burkhard Muth, S106

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656730781
ISBN (Buch)
9783656730798
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278892
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik Köln
Note
Schlagworte
musikerziehung kinder grundschulalter

Autor

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