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Der Bruch von Heteronormativität. Das Schönheitshandeln in der lesbischen Community

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Schönheitshandeln nach Definition von Degele
2.1 Schönheitshandeln als soziale Positionierung
2.2 Schönheitshandeln als Statuskategorie
2.3 Weibliches Schönheitshandeln und kulturelle Standards

3. Schönheitshandeln in der lesbischen Community
3.1 Zur Heteronormativität
3.2 Erkennbar lesbisch sein

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Quellenverzeichnis

Schönheitshandeln in der lesbischen Community vor dem Hintergrund einer heteronormativen Gesellschaftsstruktur

1. Einleitung und Fragestellung

Die Soziologie deutet den Menschen als soziales Wesen, welches in ungeheuerlich komplexe gesellschaftliche Mechanismen eingebunden ist und in steter Interdependenz mit anderen lebt. Kein Individuum kann demzufolge ganz für sich alleine stehen und ist darauf angewiesen, mit anderen zu interagieren. Einerseits, weil es nach dem Prinzip der Arbeitsteilung von der sozia- len Solidarität seiner Mitmenschen abhängig ist, andererseits aber auch, weil es bei der Kon- struktion eines Ichs immer auch einer Anerkennung und Bestätigung von außen bedarf.

Das wohl wesentlichste Interaktionsinstrument, das uns zur Verfügung steht, stellt unser Körper dar. Denn über ihn nehmen wir unterschiedlichste Reize aus der Umwelt in uns auf und wirken gleichzeitig auch auf sie ein. „Der Körper kommuniziert immer, er sendet dauernd Signale, die die Mitmenschen empfangen und deuten.“ (Villa 2008, S.23) Das heißt, dass wir auch dann, wenn wir eigentlich keine explizite Intention haben, Signale nach außen zu transportieren, trotzdem zu jeder Zeit unterbewusst kommunizieren. Neben der Sprache, die normalerweise ja gezielt artikuliert wird, kann der Körper demnach als wichtigstes Werkzeug für die menschliche Interaktion betrachtet werden.

Dabei kann die körperliche Existenz in zwei Dimensionen unterschieden werden. Die philosophische Anthropologie Helmuth Plessners (1975) denkt den Körper als Dualität von Sein und Haben, oder auch als Körper und Leib. Der Körperbegriff impliziert dabei, dass das Subjekt in expressiver oder instrumenteller Hinsicht in ein distanziertes Verhältnis zum eigenen Körper treten kann. Wir sind in der Lage, unseren Körper zu modifizieren, ihn zu formen oder auch zu manipulieren. (vgl Villa, S.19) Derartige Vorgänge können unter den ebenfalls auf Plessner zurückgehenden Begriff der exzentrischen Positionalität gefasst werden. Das Leibsein hingegen meint das innere und individuelle Erleben, welches nicht im körperlichen Modus, sondern alleine nur durch Sprache zum Ausdruck gebracht werden kann. Der Leib ist das, was wir zuständlich spüren, er „ist, anders als der Körper als Oberfläche und Wissensbestand, nicht beliebig konstruier- und manipulierbar.“ (Villa, S.24)

Obwohl Körperhaben und Körpersein einen unaufhebbaren Doppelaspekt der menschlichen Existenz darstellen und nicht unabhängig voneinander gelebt werden können, lässt sich im Zeitalter der Massenmedien, der Schönheitsoperationen, der Fitnessstudios und Diätenbooms eine verstärkte Hinwendung der Gesellschaft zur körperlichen Dimension feststellen. Villa be- zeichnet diese Entwicklung als „Leibvergessenheit und Körperbesessenheit“ (ebd, S.20), bei der der Körper verdinglicht und zu einer rohen Masse wird, die optimiert werden soll. Er schlüpft zunehmend in die Rolle eines Darstellungsmediums, dessen erfolgreiche Inszenie- rung nicht allein für eine gelungene Identitätsbildung einzelner Subjekte von Bedeutung ist. Entgegen dem Alltagsverständnis, wonach die Modifizierung der äußeren Erscheinung vor al- lem dem persönlichen Wohlbefinden derjenigen dienen soll, die sich modifizieren, gibt es Stimmen aus der Körpersoziologie, die meinen, dass Schönheitshandeln, also das, was Men- schen tun, um ihre eigene Außenwirkung zu inszenieren, in erster Linie den Zweck gesell- schaftlicher Positionierung verfolgt. „Schönheitshandeln ist ein sozialer Prozess, in dem Men- schen versuchen, soziale (Anerkennungs-)Effekte zu erzielen.“ (Degele 2004, S.10) Demzu- folge wäre der Akt des sich-schön-Machens keine rein individuelle Angelegenheit, sondern vielmehr ein notwendiges Mittel für eine erfolgreiche Partizipation der Gesellschaft und eine Etablierung in ihrem Statusgefüge.

Wenn das so ist, dann muss Schönheitshandeln auch zwangsläufig an gesellschaftliche Nor- men und Konventionen geknüpft sein. Denn soziale Positionierung erfolgt immer auch unter Vorgabe sozialer Regeln, ohne dass diese bewusst kommuniziert oder manifestiert sein müss- ten. Dass Schönheitsideale existieren und eine relativ präzise kulturelle Vorstellung darüber herrscht, wie Frauen und Männer auszusehen haben, um als attraktiv zu gelten, wird nicht zu- letzt an den Vorbildern deutlich, die uns die Medien hierzu präsentieren. Sie alle stehen für eine straffe, faltenfreie Haut und durchtrainierte Körper ohne überflüssiges Fett, die Gesund- heit und Jugendlichkeit symbolisieren. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Attributen, die spezifisch männliche oder weibliche Schönheit kennzeichnen. Während beispielsweise Frauen als optisch besonders ansprechend gelten, wenn sie ihr Kopfhaar lang und vulominös tragen, wird von dem gepflegten Mann von heute eher ein Kurzhaarschnitt erwartet. Bereits der Umstand, dass wir normalerweise dazu in der Lage sind, das Geschlecht einer Person auf den ersten Blick auszumachen, verweist darauf, dass auch Schönheitshandeln sich ge- schlechtsspezifisch vollzieht und auf Stereotypen von Männlich- bzw Weiblichkeit basiert. „Schönheitshandeln ist ein Mittel der Differenzierung von Geschlechtern.“ (ebd, S.29) Eine derartige Feststellung wirft die Frage auf, ob auf diese Weise auch Geschlechterrollen und die mit ihnen einhergehenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten reproduziert werden.

Im Verlauf der vorliegenden wissenschaftlichen Hausarbeit soll nicht nur die Bedeutung von Schönheitshandeln für die Gesellschaft herausgestellt werden, sondern vor allem auch die Ef- fekte des Schönheitshandelns auf das soziale Geschlecht (gender) der Schönheitshandelnden.

Ausgangsthese ist hierbei, dass Schönheitsideale zum einen gesellschaftlich stark standardi- siert sind, und zum anderen auch in einem engen Kontext mit etablierten Geschlechterrollen zu sehen sind, was im Zusammenspiel unmittelbare Auswirkungen auf die Identitätskonstruk- tion von Individuen hat. Dieser Sachverhalt soll unter Kapitel 2 anhand der empirischen Un- tersuchung Degeles (2004) und den theoretischen Ansätzen Villas (2006) nachgewiesen wer- den.

Vor diesem Hintergrund scheint eine nähere Betrachtung jener Formen von Schönheitshandeln als interessant, die darauf abzielen, nicht als Geschlechtswesen in Erscheinung zu treten und sich somit gewissermaßen auch von kulturellen Normen distanzieren. Denn die in unserer Gesellschaft vorherrschende Heteronormativtät, die im Verlauf des 3. Kapitels genauer erörtert werden wird, könnte schließlich gewisse Risiken für ein solches undoing gender bergen, insofern es die gesellschaftlich unhinterfragte Selbstverständlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit durchbricht. Als präzisiertes Beispiel hierfür soll die lesbische Community dienen, deren Mitglieder teilweise von den kulturellen Standards weiblicher Schönheit abweichen und ihrerseits eigene Codes in Bezug auf die äußere Erscheinung entwickelt zu haben scheinen. Im Rahmen dieser Arbeit soll also die Frage behandelt werden, nach welchen Motiven sich Schönheitshandeln in der lesbischen Community vollzieht.

Eine solche Fragestellung setzt die systematische Behandlung eines relativ umfangreichen Themenkomplexes voraus. Um sich ihrer Aufklärung anzunähern, soll im ersten Abschnitt zu- nächst die Bedeutung von Schönheitshandeln in unserer Gesellschaft herausgearbeitet wer- den, bevor eine genauere Differenzierung der Geschlechter folgen kann. Grundlage ist hierfür, wie oben bereits erwähnt, vor allem die Studie Nina Degeles zum Akt des sich-schön-Ma- chens.

2. Schönheitshandeln nach Definition von Degele

2.1 Schönheitshandeln als soziale Positionierung

An den Anfang ihrer Untersuchung stellt die Autorin eine zunächst relativ simpel erscheinende Eingangsfrage: „Für wen machen Sie sich schön?“ (Degele, S.9)

Gerichtet hat sich diese Frage an die Mitglieder einzelner Gruppen, die sich hinsichtlich ihrer Themen (z.B. politische Gruppen, Sportgruppen, RentnerInnen, Kinder einer Tagesstätte, Stammtische, Freundeskreise ect), ihres Geschlechts (Männer, Frauen, Transgender), ihrer se- xuellen Orientierung (hetero-, homo-, bisexuell), ihres Alters (6-76 Jahre) und ihrer sozialen Lage (u.a. Arbeitslose, Azubis, Studierende, Angestellte, Beamte ect) unterschieden. Im Rah- men von Gruppendiskussionen sollten insbesondere auch latente, den Individuen nicht unbe- dingt bewusste Motive für ihr Schönheitshandeln offen gelegt und darüber hinaus ermittelt werden, welche Normen und Erwartungen soziales Handeln organisieren. (vgl ebd, S.35ff) Auf eine gezielte Moderation wurde während der Gruppendiskussionen nach Möglichkeit ver- zichtet. Gerade die Unbestimmtheit der Eingangsfrage sollte die Eigendynamik des Diskurses fördern. „Zum Vorschein kommen damit Prozesse sozialer Positionierung - eigentlich etwas ganz Unspektakuläres […], weil es bei der Rekonstruktion von Schönheitshandeln vor allem um Selbstverständlichkeiten geht - das fraglos Gegebene soll sichtbar werden und auch damit verknüpfte Ideologien.“ (ebd, S.39)

Zu diesen „Selbstverständlichkeiten“ gehört u.a. die Auffassung, Schönheitshandeln sei eine private Angelegenheit, die das persönliche Wohlbefinden und Selbstvertrauen steigert. Denn die Antwort auf die Frage „Für wen machen Sie sich schön?“, lautet in den meisten Fällen „Für mich selbst“ und das unabhängig von der Gruppenzugehörigkeit.

Dafür gibt es einen guten Grund. Denn würden wir zugeben, dass wir uns eigentlich für ande- re schön machen und nicht für uns selbst, dann würde das einen Mangel an Selbstsicherheit und Charakterfestigkeit implizieren. Aus diesem Grund glauben wir in der Regel, über gelten- de Schönheitsnormen erhaben zu sein. Daneben glauben wir auch, dass es in erster Linie Frauen sind, die sich mit ihrer äußeren Erscheinung beschäftigen und dass der Akt des sich- schön-Machens eine lustvolle Angelegenheit und somit auch noch mit Spaß verbunden ist. (vgl ebd, S.9) Degele versucht nachzuweisen, dass es sich bei all diesen Auffassungen um Ideologien handelt, die für die tatsächlichen Motive des Schönheitshandelns keine befriedi- gende Erklärung liefern können. Wie oben bereits angedeutet, geht sie vielmehr davon, dass Schönheitshandeln vor allem auf die soziale Positionierung innerhalb einer Gesellschaft ab- zielt. Die Inszenierung der eigenen Außenwirkung verfolgt weniger den Zweck der Ästhetik, als den sozialer Anerkennung und braucht somit notwendigerweise auch den Blick der ande- ren, um überhaupt als gelungen gelten zu können. Die Aufmerksamkeit und anschließend bes- tenfalls auch die positive Bestätigung von außen, dienen als Instrument zur Sicherung der ei- genen Identität. (vgl ebd, S.10) Dabei ist es erst einmal nicht wichtig, ob das inszenierte Äu- ßere mit vorherrschenden Schönheitsidealen übereinstimmt. Das Schönheitshandeln eines Punks beispielsweise kann gerade dann als gelungen betrachtet werden, wenn die Bevölke- rung Anstoß an seinen bunten Haaren, Piercings oder zerissenen Hosen findet. Gerade durch die Ablehnung kann er sich seiner eigenen konzipierten Identität vergewissern.

Solche Phänomene sind die Folge eines Individualisierungsprozesses, der uns vermittelt, dass ein jeder selbst die Verantwortung für sein eigenes Leben trägt und es autonom zu gestalten hat. Es ist nicht länger Gott oder das Schicksal, die den Verlauf unserer Biographie beeinflus- sen, sondern wir selbst können und müssen Regie führen. „Diese Verlagerung von Verantwor- tung […] war nicht nur eine kognitive. Sie betraf auch Seele und Körper, Befindlichkeit und den Eindruck, den man aufgrund seines/ihres Äußeren vermittelt.“ (ebd, S.10) Dem Individu- um entsteht hier also einerseits ein Zwang (wenngleich er auch nicht notwendig als solcher empfunden werden muss), sich in Anbetracht der sowohl zahllosen als auch komplexen ge- sellschaftlichen Systeme, in die es verkettet ist, Einzigartkeit zu bewahren und sozusagen aus der Masse hervorzustechen. Gleichzeitig stellt sich ihm andererseits aber auch die Aufgabe, sich jenen gesellschaftlichen Normen anzupassen, die seine Teilhabe an ihr und seinen Platz in ihr garantieren.

Selbstverständlich sind solche Normen wandelbar. Es ist „die `Natur' des Menschen, ein im- mer schon vergesellschaftetes Wesen zu sein“ (Villa 2006, S.19), und weil sich Gesellschaften permanent verändern, tun es auch ihre Werte. Im Zuge des Individualisierungsprozesses wie- derum scheint die Bedeutung von Werten wie Autonomie und Authentizität angestiegen zu sein. Sie werden zum Instrument für die soziale Positionierung. (vgl Degele, S.10) Das bedeu- tet, dass nur diejenigen sich erfolgreich positionieren können, die diese Werte ver- körpern.

Die Stellung im gesellschaftlichen Statussystem bemisst sich nicht allein an der formalen Bil- dung einer Person oder ihrer individuellen Leistungsfähigkeit. Sozialer Auf- oder Abstieg so- wie soziale Anerkennung hängen mitunter auch von einer „normativen Ordnung [ab], die re- gelt, wofür Anerkennung in einer Gesellschaft beziehungsweise in bestimmten kulturellen Umwelten zugewiesen wird […].“ (Voswinkel/Lindemann 2013, S.9) Die Verkörperung eines kulturellen Schönheitsideals kann vor diesem Hintergrund zweifelsohne eine Quelle für sozia- le Anerkennung sein. Ob und inwieweit sie jedoch auch sozialen Status zuweisen kann, wird hieran noch nicht ganz deutlich. Wenn Schönheitshandeln bedeutet, sich sozial zu positionie- ren, bringt es dann automatisch auch einen sozialen Aufstieg mit sich, solange es normkon- form vollzogen wird? Dieser Frage soll im nächsten Schritt nachgegangen werden. Wesentlich ist dabei, die Bedeutung und den Stellenwert von Schönheit in modernen Gesellschaften her- auszustellen.

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Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656719168
ISBN (Buch)
9783656719144
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278676
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Soziologie
Note
Schlagworte
bruch heteronormativität schönheitshandeln community

Autor

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