Lade Inhalt...

Die Bedeutung des Niederdeutschen in der Bildungspolitik Mecklenburg-Vorpommerns

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Abriss

3. Niederdeutsch in der Bildungspolitik
3.1. Vorgaben der Charta
3.2. Niederdeutsch in der Landesverfassung und in den Gesetzen
3.3. Niederdeutsch in den Rahmenplänen

4. Kritische Bewertung

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Rückgang des Niederdeutschen in den vergangenen Jahrzehnten hat zu der Verabschiedung der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ geführt und damit den Fokus der Debatten um die Niederdeutsche Sprache auf das politische und Verwaltungshandeln gelenkt. Die Frage, welche Rolle die Politik spielt, um das Niederdeutsche zu schützen gewann in den letzten Jahren an Aktualität. Insbesondere die Bildungspolitik steht hierbei im Fokus:

„In der Geschichte stand der Ausschluss von Regional- oder Minderheitensprachen aus den Bildungseinrichtungen häüufig am Beginn ihrer gesellschaftlichen Abdrängung. Beim Bemühen um ihre Erhaltung kommt dem Bildungswesen insoweit die wohl wesentlichste Bedeutung zu.“ (Horn-Aps 2006, S. 20)

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, einen Überblick über die Rolle der Niederdeutschen Sprache in der Bildungslandschaft Mecklenburg-Vorpommerns zu erstellen. Der Schwerpunkt soll hierbei auf der Schulpolitik liegen. Anhand von entsprechend relevanten Dokumenten wie Gesetzestexten, Verordnungen und Rahmenplänen soll der Stellenwert des Niederdeutschen als Ziel der Bildungspolitik beschrieben werden. Hierbei ist anzumerken, dass dabei nur solche Dokumente Berücksichtigung finden, die bindenden Charakter haben. Im Fokus steht also der Output des Gesetzgebungsprozesses. Die Ergebnisse dieser Bestandsaufnahme sollen sodann unter anderem anhand der Vorgaben in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen einer kritischen Beurteilung unterzogen werden. Hierbei werden auch die Expertenberichte des Sachverständigenausschusses des Europarates zum Stand der Umsetzung einbezogen. Zunächst folgt jedoch ein historischer Abriss über die politische Behandlung des Niederdeutschen auf dem Gebiet des heutigen Landes Mecklenburg-Vorpommern. Der Blickwinkel wird hier über die reine Schulpolitik hinaus erweitert auf die generelle Sprachenpolitik, um damit Konjunkturen aufzeigen zu können. Nach Möglichkeit wurde jedoch versucht, die konkreten Auswirkungen in der Bildungslandschaft zu berücksichtigen.

2. Historischer Abriss

Bevor der Zugriff der Schulpolitik auf das Niederdeutsche einer historischen Betrachtung unterzogen werden soll, muss zunächst der konkrete Zeitraum definiert werden, den die Betrachtung umfasst. Der Abriss soll hierbei mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges einsetzen. Zum einen, weil dies eine klare Zäsur darstellt, zum anderen, weil im Folgenden vor allem die Vorgeschichte der jüngsten Entwicklungen betrachtet werden soll, die im Falle Mecklenburg-Vorpommerns naturgemäß den gesamten Zeitraum des Bestehens der DDR umfasst. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die bildungspolitischen Maßnahmen während der DDR-Zeit gewissermaßen den Boden bereitet haben, auf dem die Sprachenpolitik seit der Wiedervereinigung tätig geworden ist. Dies wird auch deutlich, wenn berücksichtigt wird, dass der größte Teil des verantwortlichen Personals in Politik, Schule und Verwaltung auch im Jahre 2013, sofern sie im Bundesland und im Sprachraum verwurzelt sind, noch während der Zeit der DDR sozialisiert wurden.

Mit dem Problem der zeitlichen Eingrenzung verbunden sind ebenfalls einige notwendige Anmerkung zu räumlichen und allgemeinen politischen Aspekten. Im Zeitraum von 1952 bis 1990 hat Mecklenburg-Vorpommern als Gebietskörperschaft nicht existiert. Das Gebiet des heutigen Bundeslandes war während dieser Zeit in die Bezirke Schwerin, Rostock und Neubrandenburg aufgeteilt. Hieraus ergeben sich keinesfalls nur formale Implikationen. Die geringe politische Autonomie der Bezirke in der DDR schlug sich selbstverständlich auch auf die Bildungspolitik nieder. So wurden beispielsweise die Lehrpläne zentral vom Bildungsministerium herausgegeben, was eine Begründung dafür sein könnte, weshalb eine gesonderte Berücksichtigung von Niederdeutsch hier nicht stattfand (Osnowski 1998: S. 271).

Das Verhältnis der politischen Führung in der DDR bzw. in der Sowjetischen Besatzungszone zur Niederdeutschen Sprache war während der gesamten Zeit zwischen 1945 und 1990 mehreren Veränderungen unterworfen. Dementsprechend lassen sich nur wenige eindeutige Aussagen darüber treffen, wodurch genau die Sprachpolitik in der DDR geprägt war bzw. wie sie sich konkret niederschlug. Stefan Osnowski hat mit Blick auf die Deutschlehrpläne vier Phasen identifiziert, die sich auch auf die sonstige Sprachenpolitik beziehen lassen. Danach wurde in der ersten Phase bis 1951 in den Lehrplänen noch häufig auf mundartliche Aspekte verwiesen. Zwischen 1952 und 1966 war das Bestreben erkennbar, das Niederdeutsche und andere Regionaldialekte zurückzudrängen. In der dritten Phase bis 1980 wurde die Mundart ignoriert und erlebte erst wieder in den achtziger Jahren eine Aufwertung (ebd., S. 275). Diese vier Phasen können auch für die sonstige Bildungspolitik und die mundartbezogene Sprachenpolitik übernommen werden, allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die Lehrpläne Veränderungen in den vorgelagerten Sphären von Wissenschaft und Politik mit leichter Verzögerung umsetzten. So begann beispielsweise die Phase der Renaissance auf dem Gebiet der regionalen Kulturlandschaft bereits in den siebziger Jahren (Bader 1998, S. 48 f.).

Die erste Phase war, wie erwähnt, von einer eher positiven offiziellen Haltung dem Niederdeutschen gegenüber geprägt. Die Verantwortlichen waren offenbar während der Zeit der sowjetischen Besatzung und in der Anfangsphase der DDR bestrebt, an ideologisch weitgehend unverdächtige Aspekte der Regionalkultur anzuknüpfen, wie z.B. an Fritz Reuter (Herrmann-Winter 1998, S. 15), die Integration der Umsiedler aus den Ostgebieten zu unterstützen (ebd. S. 17) und die Bevölkerung gewissermaßen auf dem Weg zur sozialistischen Gesellschaft „abzuholen“. Dafür spricht auch die entsprechende Formulierung im Deutschlehrplan für Grund- und Oberschulen aus dem Jahr 1946: „Die Schüler sind allmählich und systematisch von der kindertümlichen und mundartlichen Ausdrucksweise zur Umgangssprache zu führen.“ (zit. nach Osnowski 1998, S. 273). Diese erste Phase ist somit vor allem durch einen deutlichen Pragmatismus gekennzeichnet, ideologische Aspekte standen hier noch nicht im Vordergrund.

Dies änderte sich in den fünfziger Jahren. Die ideologischen Verhärtungen dieser Zeit schlugen sich auch auf die offizielle Behandlung der Niederdeutschen Sprache nieder. Sie wurde als rückschrittlich und inkompatibel mit den Prinzipien des Marxismus-Leninismus angesehen (Herrmann-Winter 1998, S. 18 f.). Die ideologische Auseinandersetzung mit den Mundarten im allgemeinen und der Niederdeutschen Sprache im Besonderen entwickelte eine Dynamik, die sich auf die Lehrplänen bis 1966 dergestalt auswirkte, dass Dialekte als Hindernis für den Erwerb des Standarddeutschen angesehen wurden und die Lehrkräfte angehalten waren, auf klare Aussprache zu achten und auf dialektal begründete Fehler hinzuweisen (Osnowski 1998, S. 274).

Bereits in den fünfziger Jahren hatte die Kritik am Niederdeutschen Anklänge, die auf die Diskrepanz zwischen dem Bestreben um nationalkulturelle Integration der DDR und einer durch Mundarten unterstützten regionalen Identität abzielten. Nach dem Mauerbau 1961 und der damit verbundenen Zementierung der Deutschen Teilung nahmen Äußerungen offizieller Art in dieser Richtung deutlich zu (Arendt 2005, S. 199). Außerdem stellte Niederdeutsch ein grenzübergreifendes Konzept dar, dass Kontakte zwischen Ost und West in Form von Kongressen und anderen wissenschaftlichen und kulturellen Austausch hervorrief. Dies stand dem Bestreben nach Abschottung gegenüber der Bundesrepublik, aber auch dem Versuch, eine alternative Nationalkultur zu etablieren, entgegen und wurde dementsprechend zunehmend unterbunden. Allerdings ist das Bild auch in dieser Phase durchaus heterogen, da Niederdeutsch beispielsweise ebenfalls die Funktion hatte, Arbeitern und Bauern den Zugang zu kultureller Betätigung zu erleichtern (Herrmann-Winter 1998, S. 24 ff.).

Die Tendenzen zur Abschottung nach Westen führten zu einem Anschlussverlust an die linguistischen Debatten der siebziger Jahre (ebd.). Zugleich konnte sich jedoch auch die DDR der „Mundartwelle“ dieser Zeit, die auf kulturellem Gebiet im deutschsprachigen Raum um sich griff, nicht entziehen (Bader 1998, S. 48). Die Führung der DDR änderte ihre Position zur Niederdeutschen Sprache dahingehend, dass sie annahm, ihre Förderung könne mögliche positive Effekte hervorrufen. So erhoffte man sich zum einen die staatliche Legitimität durch Förderung von Identität zu stabilisieren, indem das virulente Problem der Deutschen Frage mittels der Schaffung eines separaten kulturellen und ethnischen Raumes (analog zur politischen Situation) gelöst werden sollte, und zum anderen bestand das Kalkül darin, die ökonomische Leistungskraft durch Kultur- und Bildungsförderung zu erhöhen (ebd., S. 49 ff.). Beiden Zielvorstellungen lagen ideologische Annahmen zugrunde, dennoch war die Sicht auf das Niederdeutsche auch hier funktional geprägt.

Dieser Sinneswandel schlug sich jedoch erst mit einiger Verzögerung in praktische Politik und zählbare Ergebnisse nieder. Dies war erst möglich, nachdem die politische Führung die zuvor als nützlich erkannte neue Rolle des Niederdeutschen „in ihr gewandeltes kulturpolitisches Konzept zu integrieren vermochte“ (ebd., S. 52). Infolgedessen dauerte es bis in die achtziger Jahre, bis die Mundarten wieder gesonderte Erwähnung in den Lehrplänen fanden, zudem erstmals seit den fünfziger Jahren als Unterrichtsgegenstand, wobei es hierbei vor allem darum ging, anhand der Regionalsprachen und Dialekte sprachhistorische Aspekte zu bearbeiten. (Osnowski 1998, S. 278).

Nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung setzte sich der positive Trend der offiziellen Behandlung des Niederdeutschen fort. Die Föderalisierung erlaubte die explizite Aufnahme der Sprache als schützenswert in die Landesverfassung, den Erlass von Verordnungen zur Sprachpflege und die gezielte Förderung universitärer Forschung und Lehre in diesem Bereich (Arendt 2005, S. 202 f.).

3. Niederdeutsch in der Bildungspolitik

3.1. Vorgaben der Charta

Am 1. Januar 1999 trat in Deutschland die „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ in Kraft. Den politischen Rahmen für die Charta stellt der Europarat dar, weshalb auch Staaten, die außerhalb der Europäischen Union liegen, wie die Schweiz oder Norwegen die Charta ratifiziert haben. Ziel der Vereinbarung ist der Schutz und die Förderung von Regional- und Minderheitensprachen in den Staatsgebieten der Vertragsparteien. Das Recht zum Gebrauch der Regionalsprache stellt zwar einen Ausgangspunkt für die Verabschiedung der Charta dar, ist aber nicht Gegenstand der Verpflichtungen. Diese zielen auf die Sprache selbst ab, nicht auf die Sprecher (Oeter 2010, S. 28).

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656713883
ISBN (Buch)
9783656713517
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278430
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik I
Note
1,3
Schlagworte
Niederdeutsch Plattdeutsch Bildungspolitik Mecklenburg-Vorpommern Regionalsprache

Autor

Zurück

Titel: Die Bedeutung des Niederdeutschen in der Bildungspolitik Mecklenburg-Vorpommerns