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To post or not to post? Eine empirische Untersuchung zur Informationspreisgabe auf Facebook

Bachelorarbeit 2014 35 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Bezugsrahmen und bisherige Forschung
2.1 Uses-and-Gratifications-Ansatz
2.2 Der Risiko-Nutzen-Ansatz
2.3 Theoriegeleitetes Modell

3 Empirisches Vorgehen
3.1 Fragestellungen der Arbeit
3.2 Methodologie
3.3 Operationalisierung
3.4 Auswertungsverfahren

4 Ergebnisse

5 Diskussion

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Öffentlichmachen persönlicher Informationen (PI) hat seine Wurzeln in der Vergangenheit. In den 1990ern wurde es erstmals wegen den Talkshows und Reality-Shows zum Thema der ersten Stunde (vgl. Neuberger 2011: 71). Zum Massenphänomen wurde es aber erst mit dem Aufkommen der Blogosphäre um 2003-2004 und erlangte seinen Höhepunkt mit den emporkommenden Social Networks (SNP)1, die zu den partizipativen Netzwerken (Social Media)2 zählen (vgl. Lovink 2011: 183). SNP bieten ihren Nutzern die Möglichkeit, sich an der öffentlichen Kommunikation zu beteiligen (vgl. Neuberger 2011: 34- 71). Die User wissen diese „Chance“ offenbar zu schätzen: Aus der ARD/ZDF-Onlinestudie 2013 lässt sich entnehmen, dass 24,73 Millionen Menschen in Deutschland in solchen Netzwerken aktiv sind (vgl. Busemann 2013: 391).

Von diesen Communitynutzern besitzen 23,24 Millionen ein Profil auf Facebook (FB) (ebd.: 392). Weltweit wird diese Plattform von über 1,3 Milliarden Menschen monatlich genutzt (vgl. Statistic Brain 2014). FB hat eine einflussreiche Marktposition erlangt und wird vermutlich aufgrund seiner technischen Weiterentwicklung auch in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle im Bereich der digitalen Kommunikation spielen. Der Marktführer hat aber auch in negativen Hinsicht den Vorsprung: Keine andere SNP wird in den Medien so häufig mit Veröffentlichungen von PI im Netz und den damit verbundenen Gefahren in Verbindung gebracht, wie Mark Zuckerbergs Unternehmen (vgl. Grabs & Bannour 2011: 273; Haferkamp 2012: 204). Aus diesen Gründen erscheint es sinnvoll, FB auszuwählen, wenn es darum geht, Risiken (potenzielle Kosten) und daraus abgeleitete Sorgen um die Privatsphäre3 zu untersuchen.

Es ist schwer zu leugnen, dass FB eine Schattenseite hat. Hinter diesem „Freundesnetzwerk“ verbirgt sich ein globales digitales Experiment (vgl. Adamek 2012: 155). Dass persönliche Angaben für die Vernetzung der User erforderlich sind, ist dabei nur der sichtbare Teil des Eisbergs. Die Datengier von FB lässt sich in Wirklichkeit mit drei Worten erklären: möglichst zielgerichtete Werbung (vgl. Rieger 2013: 3). Um dies zu gewährleisten, wird eine Technik der Geheimdienste verwendet: Aus den Postings wird versucht ein Muster abzuleiten, um daraus das Nutzerprofil zu entwickeln und es dann für Werbezwecke nutzen zu können (vgl. Kleinz 2013: 78). Die Geheimdienste selbst ziehen daraus ebenso ihren Profit. Im Juni 2013 enthüllte der Whistleblower Edward Snowden, dass sein ehemaliger Arbeitgeber, der US- Geheimdienst NSA auch Inhaltsdaten von US-Internetkonzernen abruft (vgl. Mühlberg 2013: 37). Für die User kann das Öffentlichmachen von PI allerdings allgemein fatale Folgen haben, die sowohl das Privatleben als auch die berufliche Karriere des Einzelnen beeinflussen können.

Dass sich Nutzer darüber Sorgen machen (vgl. Livingstone 2008; Haferkamp 2012: 200), erscheint damit plausibel. Die Tatsache aber, dass sie trotzdem unzählige Informationen von sich preisgeben, wirft Fragen auf. Nach Archer (1980: 183) wird die Offenlegung privater Informationen „Selbstoffenbarung“ (self-disclosure) genannt. Dabei wird aber nicht von der Intuition gesprochen, dadurch einen bestimmten Eindruck zu erwecken (Selbstdarstellung). Der Begriff beschreibt nur die Tatsache, dass PI öffentlich gemacht werden (vgl. Haferkamp 2012: 200-202). Wie kann es also sein, dass sich Millionen Nutzer in eine virtuelle Selbstoffenbarung begeben, obwohl sie sich um Risiken sorgen?

Das Phänomen, dass die Sorgen der Nutzer im Hinblick auf ihre Privatsphäre ihre Selbstoffenbarung bzw. ihr Preisgabeverhalten nicht beeinflussen soll, wurde von Barnes (2006) „privacy paradox“ benannt. Dass es tatsächlich existiert, wurde mehrmals bestätigt (vgl. Acqusti & Gross 2006; Tufekci 2008; Taddicken 2010, 2011: 281-286; Rieger 2013: 21; Dienlin 2014). Bei dem Versuch das Privatsphärenparadox, das dem Bereich der „online privacy“ zuzuordnen ist, zu erklären, sind aber Forscher zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen. Einige haben es auf den Kompetenzmangel (vgl. Milne & Culnan 2004: 28; Livingstone 2008: 406; Taddicken 2011), dem mangelnden Problembewusstsein der User (vgl. Acquisti & Gross 2006: 15; Debatin et al. 2009; Taddicken 2011) oder dem empfundenen Kontrollgefühl (vgl. Acquisti & Gross 2006; Debatin et al. 2009: 101) zurückgeführt. Andere haben herausgefunden, dass User dazu tendieren, nur Dritten Gefahren zuzuschreiben, was dazu führt, dass sie die Risiken, die sie selbst betreffen könnten, unterschätzen (Third-Person-Effect) (vgl. Haferkamp & Krämer 2010: 94). Trepte & Reinecke (2009) hingegen sind zu dem Entschluss gekommen, dass der „Desensibilisierungseffekt“, also die Tatsache, dass die ständige Verfügbarkeit von PI zur Gewohnheit wurde, der Grund für das paradoxe Verhalten sei. Pomfret & Previte (2012) fanden wiederum heraus, dass das veränderte Verständniss von Privatsphäre schuld daran ist:

Einige Informationen, die im Internet erscheinen, werden gar nicht als private Inhalte angesehen. Lampe et al. (2007) vertreten die Ansicht, dass der Grad der Vernetzung Einfluss auf das Preisgabeverhalten hat. Nutzer, die sehr vernetzt sind, tendieren also dazu mehr zu veröffentlichen. Schließlich wurde von einer Reihe von Forschern herausgefunden, dass der Nutzen, den die User aus den Veröffentlichungen erwarten, dazu führt, dass sie ihre Sorgen verdrängen (vgl. Dinev & Hart 2006a: 62, 2006b; Debatin et al. 2009: 88-94; Utz & Krämer 2009; Blumberg et al. 2010: 23-24).

Obwohl die meisten dieser Studien repräsentativ waren, können folgende Bedenken geäußert werden: Erstens handelt es sich bei vielen um quantitative Befragungen (vgl. Acquisti & Gross 2006; Taddicken 2011), bei denen die Fragebögen standardisiert waren. Es wäre denkbar, dass sich User nicht tatsächlich Sorgen machen, sondern nur mögliche (vorgegebene) Risiken angekreuzt haben. Zweitens wurden einige Studien im angloamerikanischen Raum durchgeführt (vgl. Acquisti & Gross 2006; Lewis et al. 2008; Utz & Krämer 2009). Daher ist es nicht sicher, dass sich die Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen lassen. Drittens beziehen sich einige Studien (vgl. Blumberg et al. 2010) auf andere SNP und nicht nur auf FB.Viertens könnten gesellschaftliche Themen, wie z.B. der NSA-Skandal, der erst 2013 publik wurde, Einfluss auf die Risikowahrnehmung aufweisen und dazu geführt haben, dass sich Einstellungen und Verhalten verändert haben. Die Forscher haben das noch nicht bestätigen können, da die meisten Studien einige Jahre her sind (vgl. oben). Da aber viele den Privatsphärenkonflikt als die zentrale Kontroverse des Jahrhunderts ansehen, existiert die Notwendigkeit der Gesellschaft wissenschaftliche Antworten in Hinblick auf das Preisgabeverhalten zu liefern (vgl. Fiedler 2013: 87). Nur dann kann nämlich über Lösungsmöglichkeiten diskutiert werden. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher allgemein der Frage, wie sich das Preisgabeverhalten auf FB in Hinblick auf PI erklären lässt.

Um das klären zu können, bedarf es vorab einer kurzen Darlegung des zu diesem Zwecke angewandten Vorgehens: In der Arbeit wird von einem rationalen Individuum ausgegangen, das zwischen Risiken und Nutzen abwägt, um PI zu veröffentlichen. Die speziellen Fragen, denen sich die Arbeit daher widmet, sind, ob und welche Nutzen bzw. Risiken FB-User mit der Preisgabe von PI verbinden. Hinzu kommt, ob im Falle einer Öffentlichmachung die Nutzen über die Risiken überwiegen. Als theoretischer Bezugsrahmen dienen hier die im zweiten Kapitel vorgeführten Ansätze, der Uses-and-Gratifications- und der Risiko-Nutzen- Ansatz. Nach deren Präsentation wird ein Modell vorgestellt, das die gesamte Arbeit leitet und die Prinzipien der Ansätze sowie die Ergebnisse anderer Forscher widerspiegelt.

Basierend auf diesem Teil wird im dritten Kapitel das empirische Vorgehen der Arbeit dargelegt, das zu den Ergebnissen (Kapitel 4) und deren Diskussion (Kapitel 5) führen. Schließlich werden im sechsten Kapitel die Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst, auf deren Grenzen eingegangen und Vorschläge für zukünftige Forschungen in diesem Bereich präsentiert.

2 Theoretischer Bezugsrahmen und bisherige Forschung

Das eben beschriebene Vorgehen wird nun ausführlich dargelegt. Zunächst wird auf den Uses-and-Gratifications- und den Risiko-Nutzen-Ansatz allgemein eingegangen, da bestimmte Annahmen und Ausgangspunkte für diese Arbeit entscheidend sind. Ziel ist hier aber nicht die Ansätze zu testen. Sie dienen als theoretischer Hintergrund für das im Abschnitt 2.3 vorgeführte Modell, auf das sich der empirische Teil der Arbeit stützt.

2.1 Uses-and-Gratifications-Ansatz

Wenn sich Menschen dafür entscheiden, sich auf FB zu registrieren, wissen sie meistens, dass damit die Veröffentlichung zumindest einiger Informationen einhergeht. Da sie sich dennoch anmelden, kann angenommen werden, dass sie sich von der Anmeldung bei FB und der Preisgabe von Informationen, Nutzen versprechen. Wieso sollten sie sonst ein Profil einrichten und Daten von sich offenbaren wollen?

Der Uses-and-Gratifications-Ansatz4 erscheint als geeignet, um den Nutzen, den sich Menschen aus einer Medienzuwendung versprechen, zu untersuchen (vgl. Blumler & Katz 1974; Katz et al. 1974; Palmgreen 1984). Dieser gehört zu den vielversprechendsten Versuchen der Kommunikationswissenschaft (KW) eine Theorie der Mediennutzung zu entwickeln (vgl. Palmgreen 1984: 51). Laut dem Ansatz bestimmt der Mensch in Abhängigkeit seiner Bedürfnisse, Probleme und Erwartungen, ob und wie er ein bestimmtes Medium bzw. Medieninhalte nutzt (vgl. Rubin 2002: 526; Bonfadelli & Friemel 2011: 79). Um das zu verstehen, eignet sich die Forschungsperspektive der motivationalen Ansätze (vgl. Drabczynski 1982: 12-13; Meyen 2004: 15-31) zu denen der Nutzenansatz zählt: Grundlegende menschliche Bedürfnisse generieren zusammen mit psychischen und sozialen Faktoren Probleme, die sich gemeinsam mit den wahrgenommenen Lösungsmöglichkeiten zu Motiven verdichten. Je nach Einschätzung dieser Alternativen werden bestimmte Medien ausgewählt, um die durch die Motive vermittelten Bedürfnisse zu befriedigen, d.h. Gratifikationen (subjektiven Nutzen) aus diesen Mitteln zu ziehen. (vgl. Drabczynski 1982: 12) Bedürfnissen und Problemen wird deshalb ein zentraler Stellenwert zugeschrieben, weil sie laut dem Ansatz „als auslösende Motive die Wahl der Kommunikationsquellen, die Qualität der Kommunikationsbeziehung, die Wahl der Kommunikationsinhalte und sogar, die aus der Kommunikation resultierende Wirkungen wesentlich bestimmten“ (vgl. Bonfadelli & Friemel 2011: 82).

Der letzte Absatz spiegelt die Grundannahmen (vgl. Katz et al. 1984; Schenk 2002: 631; Meyen 2004: 16-18) des Nutzenansatzes wider. Diese sind für die Arbeit bedeutend:

1. Der Mensch stellt Erwartungen an die Medien, ist aktiv, ziel- und zweckorientiert und wägt zwischen Kosten und Nutzen ab.
2. Als Schlüsselfigur bestimmt er, ob und wie ein Kommunikationsprozess stattfindet.
3. Medien konkurrieren nicht nur untereinander, um die Zeit und Aufmerksamkeit der Menschen, sondern auch mit anderen (nicht-medialen) Quellen.
4. Mediennutzung kann über Bedürfnisse und Motive der Rezipienten erklärt werden, die je nach Individuum variieren. Dasselbe Angebot kann also zu unterschiedlichen Zwecken genutzt werden. Die Menschen sind in der Lage ihre Bedürfnisse und Motive zu erkennen und anzugeben. Zumindest dann, wenn sie in einer Befragung dazu aufgefordert werden.5
5. Die Handlungsorientierungen der Menschen werden immer in deren eigenen Kategorien ermittelt, also so, wie sie ihre Nutzung selbst verstehen.

Der Ansatz und seine Grundannahmen wurden oft kritisch betrachtet (vgl. Meyen 2004: 17). Ein Kritikpunkt ist die fehlende (klare) Trennung von zentralen Konstrukten des Ansatzes wie „Motive“ und „Gratifikationen“ (vgl. Taddicken & Jers 2011: 150). Um dieses Problem zu „umgehen“ wird in dieser Arbeit die Grundidee des in den 70er Jahren eingeführten GS/GO- Modells herangezogen - eine Weiterentwicklung des Nutzenansatzes (vgl. Palmgreen 1984: 75). Hier wird hauptsächlich zwischen den gesuchten („Gratifications Sought“, GS), die als Motive verstanden werden und den erhaltenen Gratifikationen („Gratifications Obtained“, GO), unterschieden. Durch diese Gegenüberstellung lässt sich untersuchen, inwiefern das Angebot tatsächlich den Wünschen der Menschen entspricht.

Wenn man diese theoretische Standpunkte auf FB übertragen will, ist es nicht nur von Bedeutung, was sich die Nutzer von einer Veröffentlichung erhoffen, sondern auch, ob sie die Gratifikation (z.B. Reputation, Aufmerksamkeit) auch tatsächlich bei FB erhalten bzw. zu erhalten glauben. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob der Grad der Belohnung höher ist, als bei anderen Quellen (z.B. Google+, reales Leben). Lässt sich aber der Ansatz überhaupt auf Social Media und damit auf SNP anwenden? Eigentlich schon, denn insbesondere in SNP liegt der Fokus auf den aktiven Nutzern bzw. auf der User-Perspektive. Der Ansatz stellt also einen hilfreichen Rahmen dar, um ein detailiertes Bild über den Nutzen von FB und auch der Informationspreisgabe zu erhalten (vgl. Taddicken & Jers 2011: 150). Allerdings stößt man auf einige Besonderheiten, wenn es darum geht die Gratifikationen SNP zu untersuchen (vgl. Neuberger 2011:57). Für diese Arbeit sind zwei bestimmte Punkte von Bedeutung: Erstens kann in SNP der Erwerb von sozialem Kapital auch durch langfristige Gratifikationen gefördert werden. Zweitens wird in SNP die Möglichkeit des Gratifikationserwerbs durch Entscheidungen über den Grad der Offenlegung des PI beeinflusst, die aber mit Kosten6 verbunden ist. Die Gratifikationsforschung geht zwar von einem Rezipienten aus, der Kosten und Nutzen abwägt, jedoch werden die Kosten tatsächlich nur selten berücksichtigt (ebd.).

In dieser Arbeit geht es um potenzielle Kosten bzw. Risiken. Es wird davon ausgegangen, dass auch diese den Gratifikationserwerb beeinflussen, weil einige von ihnen den FB-Usern Sorgen bereiten (vgl. Einleitung). Da in dieser Arbeit angonommen wird, dass das Preisgabeverhalten die Risiko-Nutzen-Abwägung erklären kann, und, da im Nutzenansatz der Aspekt der (potenziellen) Kosten vernachlässigt wird, wird im Abschnitt 2.2 ein zweiter Ansatz herangezogen: der Risiko-Nutzen-Ansatz.

2.2 Der Risiko-Nutzen-Ansatz

Der Risiko-Nutzen-Ansatz ist Teil der „Rational Choice Theory“, für deren Erklärung das Modell des „homo oeconomicus“ (vgl. Dietz 2005) benutzt wird. Die Grundlage der Theorie ist, dass „das Individuum unter der ihm zur Verfügung stehenden Alternativen jeweils diejenige auswählt, die seinen eigenen Präferenzen am ehesten verspricht (rationale Nutzenverfolgung)“ (vgl. Donges et al. 2005: 111). Was den Begriff der Rationalität angeht, gibt es unterschiedliche Definitionen. Die häufigste Variante ist das Prinzip der Nutzenmaximierung (vgl. Etzrodt 2003: 15; Donges et al. 2005: 111). Darunter muss aber nicht verstanden werden, dass der vielbelächelte „homo oeconomicus“ über alle Kosten und Nutzen vollständig informiert ist. Da seine Informiertheit beschränkt ist, versucht er nicht das Optimum, das er nicht kennt, zu erreichen, sondern sucht nach Verbesserungen des gegenwärtigen Zustandes (vgl. Heinrich 2002: 60).

Obwohl die „Rational Choice Theory“ in der KW häufig verwendet wird, wird konkret der Risiko-Nutzen-Ansatz eher in anderen Bereichen (z.B. Medizin, Technologie) eingesetzt. Hansson (2004) hat aber herausgefunden, dass die Prinzipien des Ansatzes in verschiedenen Forschungsfeldern angewendet werden können. Blumberg et al. (2010) machten es vor und versuchten damit auch das Informationspreisgabeverhalten in SNP zu erklären. Angelehnt an ihrer Vorgehensweise wird hier der Versuch unternommen, mit diesem Ansatz das Nutzungsverhalten bei FB zu erklären.

Beim Risiko-Nutzen-Ansatz ist der Ausgangspunkt ein bestehendes Risiko, zu dem dann alle anderen Faktoren in Relation gesetzt werden. Dabei führen risikomaximierende Faktoren dazu, dass das Risiko als größer wahrgenommen wird, während risikominimierende Faktoren für eine niedrigere Einschätzung des Risikos sorgen (ebd.: 19-20). In der Regel versucht der Mensch Risiken zu vermeiden. Manche müssen dennoch in Kauf genommen werden, um an bestimmte Vorteile zu kommen, die man nicht anders hätte erzielen können. Wenn man aber etwas riskiert, muss es sich auch lohnen. Daraus ergibt sich das Basis-Prinzip des Ansatzes: „A risk is acceptable if and only if it is outweighed by a greater benefit“ (Hansson 2004: 145). Beziehen sich aber die Nutzen und Risiken nur auf das Individuum? Das hängt davon ab, welche Untergliederung des Prinzips (ebd.: 146-149) herangezogen wird. Da in dieser Arbeit das Augenmerk auf die individuellen Risiken und Nutzen gerichtet wird, ist das „individual risk-weighing principle“7 relevant (ebd.).

Bevor aber im Folgenden die Anwendung des Ansatzes im Modell gezeigt wird, erscheint es sinnvoll zwei Kritikpunkte der Risiko-Nutzen-Abwägung zu erwähnen, da sie auch die vorliegende Arbeit beeinflusst haben könnten: Erstens wägt ein Mensch nicht zwischen Risiken und Vorteilen, die mit Sicherheit auftreten werden, ab. Individuelle Faktoren (z.B. Optimismus/Pessimismus) können Einfluss darauf haben, wie sicher es für einen Menschen ist, dass sich aus einem Handeln Risiken und Nutzen ergeben. Zweitens hat das Prinzip des Risiko-Nutzen-Ansatzes eine konsequentialistische Ausrichtung, da davon ausgegangen wird, dass Risiken und Vorteile Einfluss auf die Entscheidungen bzw. Handlungen der Person haben. Dass Einstellungen sich auf das menschliche Verhalten auswirken, sollte aber nicht als selbstverständlich angesehen werden (vgl. Hansson 2003).

2.3 Theoriegeleitetes Modell

Nachdem nun die entscheidenden Prinzipien der Ansätze vorgestellt wurden, wird mit dem folgenden Modell versucht sie auf das Thema der Arbeit zu übertragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

(Eigene Darstellung: vgl. Drabczynski 1982: 12-13; Palmgreen 1984: 75; Hansson 2004; Blumberg et al. 2010)

Auf FB können sowohl statische (SI) als auch dynamische Informationen (DI) veröffentlicht werden. Mit Ersteren sind hier die Profilinformationen gemeint, während die zweiten Fotos, Videos und Statusmeldungen bezeichnen. Dabei hat der User von vornherein eine Vorstellung darüber, an welchen Grad der Sensibilität (hoch sensibel, sensibel, weniger sensibel) bzw. der Privatsphäre die jeweiligen Informationen stoßen. Nach Blumberg et. al (2010) beeinflusst der wahrgenommene Sensibilitätsgrad der Informationen, ob die User bestimmte Inhalte preisgeben oder nicht. Ob das stimmt, steht hier zur Prüfung.

Da Risiken der Ausgangspunkt für eine Risiko-Nutzen-Abwägung sind, haben sie in dieser Arbeit eine zentrale Stellung (vgl. Abschnitt 2.2), wobei zwischen langfristigen und kurzfristigen Risiken unterschieden wird. Hier ist wie im Abschnitt 2.1 bereits erwähnt, von potenziellen Kosten im Hinblick auf die Privatsphäre die Rede. Sie wird als das Recht selbst entscheiden zu können, „when, how, and to what extent information is communicated to others” (Westin 1967: 7) angesehen. Burgoon (1982) unterscheidet dabei vier Dimensionen:

[...]


1 „Soziale Netzwerke im Internet sind ein Format, also eine verfestigte, institutionalisierte Gebrauchsweise eines technischen Mediums. Formate sind das Ergebnis der sozialen Aneignung eines Mediums; sie leiten an, wie das technische Potenzial eines Mediums selektiv genutzt werden kann, und rahmen das Handeln der beteiligten Akteure“ (Neuberger 2011: 36).

2 Der Begriff bezeichnet „eine Vielfalt verschiedener Internetanwendungen, denen gemeinsam ist, dass Nutzer die Inhalte selbst generieren“ (Buseman & Gscheidle 2010). Dazu gehören Angebote wie soziale Netzwerkplattformen (SNP), Blogs, Wikis, Video- und Bilderplattformen (vgl. Taddicken 2011: 282).

3 Auf den Begriff wird in Kapitel 2 Abschnitt 2.3 eingegangen.

4 Er zählt zu den Theorien mittlerer Reichweite (vgl. Weber 2003: 21-22) .

5 Diese Annahme geriet häufig in die Kritik. Es gibt nämlich nicht nur manifeste, sondern auch latente Bedürfnisse, die den Menschen nicht bekannt sind (vgl. Bonfadelli & Friemel 2011: 85).

6 Hier im Sinne von negativen Konsequenzen bzw. Schaden durch eine Aktion.

7 „An option is acceptable to the extent that the risk to which each individual is exposed is outweighed by benefits for that same individual“ (Hansson 2004: 146).

Details

Seiten
35
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668157774
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278172
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
informationspreisgabe facebook privacy paradox FB Privatsphäre Bachelorarbeit Kommunikationswissenschaft

Autor

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Titel: To post or not to post? Eine empirische Untersuchung zur Informationspreisgabe auf Facebook