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Der lange Weg zu CATI. Entwicklungen und Möglichkeiten des Hörfunks

von Christian Roos (Autor) Lina Hörügel (Autor)

Hausarbeit 2014 37 Seiten

Medien / Kommunikation - Methoden und Forschungslogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Hörfunk als Begleitmedium

3 Übergang vom Face-to-face-Interview zur CATI-Version
3.1 Alternative Erhebungsintrumente der Radionutzung
3.2 Der Methodentest 1995
3.2.1 Zentrale Befunde
3.2.2 Zwischenfazit – Ergebnisse des Methodentests 1995
3.3 Optimierungs- und Lösungsansätze
3.3.1 CATI-Pretest im April 1997
3.3.2 CATI-Feldtest im Herbst 1997
3.3.3 Ergebnisse
3.3.4 Lösungsansätze für technische Probleme

4. MA Radio ab 2000
4.1 Datenerhebung
4.1.1 Grundgesamtheit und Stichprobe
4.1.2 Feldmodell
4.1.3 Befragung
4.2 Datenaufbereitung
4.2.1 Transformation
4.2.2 Redressement
4.3 Vorteile von CATI

5 Ergebnisse der MA Radio I 2014

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Hörfunk als ältestes elektronisches Massenmedium ist nicht nur ein bedeutender Werbeträger, welcher sich durch hohe Reichweiten und eine ausgeprägte Hörerloyalität auszeichnet, sondern auch ein einflussreicher Informations- und Unterhaltungsanbieter. Auch noch im Jahr 2014 scheint die Beliebtheit des Radios ungebrochen.[1] Um diese und andere Charakteristika wissenschaftlich untersuchen und erheben zu können, bedarf es der Hörfunkforschung. Diese wiederum hat in den vergangenen Jahren einige beachtliche Wandlungen erlebt.

Die grundlegenden Entwicklungen der Hörfunkforschung seit Mitte der neunziger Jahre sollen im Fokus dieser Arbeit stehen. Im Folgenden wird beispielhaft untersucht, welche spezifischen Wandlungen sich in der Hörfunkforschung hinsichtlich ihrer Erhebungsinstrumente und -methoden vollzogen haben. Dahingehend wird insbesondere der wegbereitende Übergang vom Modell der Face-to-face-Befragung zur heutigen CATI-Version der MA Hörfunk im Vordergrund stehen.

Das zweite Kapitel widmet sich zunächst kurz spezifischen Charakteristika des Hörfunks als Begleitmedium. Daran anschließend gilt es im dritten Kapitel, die definitorischen Grundlagen der Face-to-face-Befragung festzuhalten. Diese ehemals für die MA-Hörfunkerhebung eingesetzte Methode soll am Beispiel des Systematischen Recalls erläutert werden. Einen weiteren Schwerpunkt nimmt die Untersuchung alternativer Erhebungsinstrumente der Radionutzung ein, die zum damaligen Zeitpunkt bereits auf Telefoninterviews basierten. Zudem sollen die Erhebungsmethoden untersucht werden, welche im Methodentest 1995 in verschiedenen Modellvarianten erprobt wurden. Daran schließt sich eine Analyse des Testvorgangs sowie wissenschaftlicher Befunde an, die aus den Erhebungstechniken resultieren. In diesem Kontext soll ein erstes Zwischenfazit hinsichtlich der Ergebnisse des Methodentests aus dem Jahr 1995 skizziert werden.

Im dritten Kapitel wird darüber hinaus zu diskutieren sein, welche Optimierungen in der CATI-Technik für die MA notwendig waren, um den CATI-Pretest im April des Jahres 1997 durchführen zu können. Des Weiteren soll untersucht werden, welche Methodik im nachfolgenden Feldtest im Herbst 1997 genutzt wurde, um die Entwicklung der CATI-Version voranzubringen. Interessant erscheint es in diesem Zusammenhang, bis dato existente Probleme sowie Lösungsansätze zu beleuchten und die daraus gewonnen Ergebnisse kritisch zu analysieren. Zudem werden problematische Kriterien der CATI-Version hinterfragt.

Das vierte Kapitel untersucht die CATI-Erhebung ab dem Jahr 2000. Dahingehend soll sowohl die Datenerhebung als auch die Datenaufbereitung näher untersucht werden. Im letzten Teil der Arbeit wird in einer kurzen Zusammenfassung dargestellt, welche Vorteile die CATI-Technik seit der MA Radio I 2000 mit sich gebracht hat. Aufbauend auf einer kurzen Beschreibung der Ergebnisse der aktuellen MA Radio I 2014 soll zusätzlich ein kurzer Ausblick für die zukünftige Entwicklung der MA Radio gegeben werden.

In der Gesamtheit soll die Analyse einen differenzierten Standpunkt zur Thematik ermöglichen und u. a. exemplarisch darstellen, ob und inwiefern der lange Weg zur CATI-Version not-wendig war, um die methodischen Möglichkeiten der Hörfunkforschung voranzubringen. Zudem gilt es, zu untersuchen, inwiefern sich mithilfe der CATI-Version ‒ gemessen an beispielsweise wissenschaftlichen, forschenden, ökonomischen und kommunikativen Aspekten ‒ Vorteile in der Erhebung der MA Hörfunk ergeben haben.

2 Der Hörfunk als Begleitmedium

Um die Wandlungen in der Hörfunkforschung analysieren zu können, dürfen zuvor die spezifischen Charakteristika des Hörfunks nicht außer Acht gelassen werden. Mit der ersten offiziellen deutschen Radiosendung am 29. Oktober 1923 aus dem Voxhaus in Berlin begann die Geburtsstunde des Hörfunks in Deutschlands, der sich unaufhaltsam als Leitmedium in Deutschland etablierte.[2]

Mehr als 90 Jahre nach dieser Geburtsstunde hat sich das Radio zu einem Tagesbegleitmedium entwickelt. Das Radiohören wird mit diversen unterschiedlichen Tätigkeiten kombiniert. Die Zuhörer rezipieren den Hörfunk nicht nur im eigenen Zuhause, sondern auch Außer-Haus beispielsweise beim Autofahren, am Arbeitsplatz oder im Park. Da neben der stationären zusätzlich durch beispielsweise Smartphones oder Tablets eine mobile Nutzung möglich ist, erscheinen die Nutzungssituationen und -orte nahezu unbegrenzt. Zudem sind die Nutzungsarten vielfältig, denn Radio wird u. a. als Informationsmedium, zum Unterhaltungs- oder Entspannungsgewinn genutzt. Darüber hinaus sind die Programme und Empfangsebenen des Hörfunks ebenfalls sehr vielfältig.[3]

3 Übergang vom Face-to-face-Interview zur CATI-Version

Von 1972 bis 1999 wurden die Tagesablaufuntersuchungen für die Media-Analyse (MA) Hörfunk im Rahmen von persönlich-mündlichen Befragungen bzw. Face-to-face-Interviews durchgeführt. Diese Tradition endete jedoch mit der MA im Jahr 1999, denn seit der Jahrtausendwende wird die Radionutzung mit der CATI-Technik bzw. dem computer-assisted telephone interviewing, einem computergestützten Telefoninterviewverfahren ermittelt.[4]

Eine kurze definitorische Analyse der persönlich-mündlichen Befragung soll die Basis für die anschließende Abgrenzung gegenüber den Neuerungen der CATI-Version bilden. In der persönlich-mündlichen Befragung bzw. im Face-to-face-Interview „stehen sich Interviewer und Befragter [im visuellen Kontakt] gegenüber, der Interviewer trägt seine Frage [selbst] vor und notiert die Antwort des Befragten. Dies bedeutet, dass in der persönlichen Befragung die soziale Situation des Interviews am stärksten zum Tragen kommt.“[5]

Dadurch ermöglicht die persönlich-mündliche Interviewsituation eine Interaktion zwischen dem Interviewer und dem Befragten. Der vom Interviewer genutzte Fragebogen gilt als eine wesentliche Komponente für eine erfolgreiche Kommunikation in dieser Erhebungsart. Im Regelfall findet das Face-to-face-Interview im Zuhause der Zielperson oder an öffentlichen Orten wie zum Beispiel in einem Café statt, welches ein geschulter Interviewer dafür aufsucht. Ein Vorteil dieser mündlichen Befragungsform liegt u. a. darin begründet, dass der Interviewer mit visuellen Hilfsmitteln wie zum Beispiel Grafiken, Kartenspielen oder Bildervorlagen arbeiten kann. Des Weiteren besteht von Seiten des Interviewers die Möglichkeit, den Befragten zu moti-vieren. Dennoch birgt diese relativ teure Befragungsform auch Risiken. Dazu zählt u. a. die soziale Erwünschtheit der Antworten. Diese Gefahr der Interview-Artefakte beinhaltet die Beeinflussung des Probanden durch die Soziodemografie des Interviewers oder dessen Äußerungen sowie Verhaltensweisen, sofern Interviewanweisungen nicht exakt befolgt werden. In diesem Kontext können beispielsweise Mimik und Gestik des Interviewers den Befragten in seinem Antwortverhalten beeinflussen.[6]

Als ein Beispiel für das persönlich-mündliche Interview in der MA Hörfunk soll der Systema-tische Recall bzw. die Erinnerungsmethode näher analysiert werden. Bei dieser Methode werden Verhaltensakte in einem bestimmten Zeitraum miteinander rekonstruiert, wobei die semantische und physikalische Einheit vorgegeben ist. Die prototypische Tagesablauferhebung deckt Leittätigkeiten und die senderbezogene Hörfunknutzung aller Viertelstundenintervalle vom vorangegangenen Tag im Zeitraum von 05.00 Uhr morgens bis 24.00 Uhr nachts ab und protokolliert diese nach vorgegebenen Kategorien. Neben dem Radiohören ermittelt die Tagesablaufbefragung auch die Nutzung von Komplementärmedien. Die Mediennutzung eines definierten Zeitintervalls konstruieren der Interviewer und der Befragte gemeinsam. Der jeweilige Zeitraum der protokollierten Erinnerungsmethode hängt von der Art des Mediums sowie vom Ziel der Untersuchung ab.[7]

Als Protokollant fungiert der Interviewer. Die Genauigkeit der Ergebnisse wird durch nahe Schätzungen ermittelt. Als zentraler Ansatzpunkt gilt das Gedächtnis, wobei folgende Divise gilt: „Die Gedächtnismethode steht und fällt mit der Qualität der Erinnerung – und diese setzt voraus, dass Medienkontakte [...] auch im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden.“[8] Davon betroffen, sind sowohl die Objekt- sowie die Zeitidentifikation, weshalb in der Mediaforschung zum Beispiel Titelkarten oder Zeitvorgaben als Erinnerungshilfen eingesetzt werden. Um aussagekräftige Ergebnisse generieren zu können, sollte eine Rotation der Untersuchungszeiträume garantiert werden. Zu Kontrollzwecken der persönlich-mündlichen Befragung in der MA Hörfunk wird der Coincidental Check bzw. Koinzidenztest eingesetzt.[9]

3.1 Alternative Erhebungsintrumente der Radionutzung

Aufgrund der hohen Dynamik des Hörfunkmarkts ist eine Anpassung der MA an diesen erforderlich. Deshalb war es unumgänglich, zu prüfen, ob das bisherige Erhebungsmodell künftig geeignet ist, den Hörfunkmarkt adäquat abzubilden.

Das bisher eingesetzte Tagesablaufmodell in persönlich-mündlicher Form sollte dabei jedoch keineswegs als statisches Instrument angesehen werden. Vielmehr wurde es kontinuierlich den Markterfordernissen angepasst. Das belegt zum Beispiel eine Neuerung bei der Hörfunk-MA 1997. Im Rahmen der Erfassung von Komplementärmedien wurde dort erstmalig die Fernsehnutzung nicht nach Einzelsendern ermittelt. Dafür sind Innovationen im Fragebogen vorgenommen worden, um u. a. die Nutzung des Computern, von Videos oder CD’s zu ergänzen. Außerdem muss das Erhebungsmodell Besonderheiten in der Angebotsstruktur berücksichtigen, um eine valide Abbildung im Fragebogen zu garantieren. Das impliziert beispielsweise die Anzahl der Radioprogramme sowie Unterschiede hinsichtlich lokaler, werbefreier oder landesweiter Sender.[10]

Um zukünftig weitere Indikatoren für die Radionutzung erheben zu können, wurde zudem nach alternativen Erhebungsinstrumenten für eine zuverlässige Darstellung der Ergebnisse der MA Hörfunk geforscht. Diese basierten bereits auf Telefoninterviews und gaben Anlass zu einer vergleichenden Überprüfung der einzelnen Instrumente, zu denen die regionalen elektronischen Mediennalysen, die Erfassung der Hörfunknutzung mit Diaries bzw. Tagebüchern, Trend-studien der einzelnen Landesrundfunkanstalten sowie vieler Privatsender und Erfahrungen im europäischen Ausland zählten.

Die in Nordrhein-Westfalen durchgeführten elektronischen Medienanalysen sind mit der ehemaligen MA mittels Face-to-face-Befragungen vergleichbar, da sie ebenfalls in persönlich-mündlichen Interviews realisiert wurden. Im Zuge der Veränderungen im Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (AG.MA) wurde auch für die elektronische Medienanalyse zu Beginn des Jahres 1999 eine Umstellung auf die CATI-Version veranlasst. Die elektronische Medien-analyse wies einen reduzierten Umfang an Fragen auf, welche ihren Fokus auf die Unter-suchung der Hörfunknutzung legte. Aus diesen Gründen entsprach die CATI-Technik noch keineswegs den bereits ausgearbeiteten methodischen Vorgaben der AG.MA. Auch die Er-fassung der Hörfunknutzung mit Tagebüchern wurde 1999 durch Telefoninterviews ersetzt. Die insbesondere von Infratest entwickelte Diary-Methode wurde für die Erhebungen der Funkanalyse Bayern genutzt. Hingegen wurden die Trendstudien der einzelnen Landesrundfunk-anstalten sowie vieler Privatsender von Beginn an mit der CATI-Technik durchgeführt. Diese Studien, welche die Landesrundfunkanstalten Ende der achtziger Jahre entwickelten, fanden Einsatz als Ergänzung zu den Media-Analysen. Darüber hinaus konnten Erfahrungen im europäischen Ausland gesammelt werden, denn dort etablierte sich die CATI-Technik zunehmend als Standardinstrument für die Erfassung der Hörfunknutzung.[11]

Anhand der Analyse wird ersichtlich, dass die Ergebnisvergleiche der verschiedenen Instrumente Unterschiede offenbaren. Im Jahr 1995 wurden daher erstmalig im sogenannten Methodentest verschiedene Erhebungstechniken in aufwendiger Art und Weise vergleichend getestet, um die MA zu optimieren.

3.2 Der Methodentest 1995

Der Methodentest stellt das bis zum damaligen Zeitpunkt umfangreichste und mit Gesamtkosten von ca. zwei Millionen DM teuerste Forschungsprojekt in der Bundesrepublik Deutschland dar.[12] Internationale Beachtung fand der Methodentest als GRAMMS 95 bzw. German Radio Multi-Method Survey 95. Die Impulse dazu gaben die Werbewirtschaft und Agenturen, die

„Ende 1994 einen Forderungskatalog an die gedruckten und elektronischen Medien in der AG.MA [richteten]. Kernpunkt war die Forderung nach flexiblen, aktuellen und medienspezifischen Analysen, die den komplexer gewordenen Bedürfnissen der Nutzer [bzw. der Werbewirtschaft] gerecht werden sollten.“[13]

Mithilfe eines Tests des Multimethoden-Designs, welches insgesamt acht verschiedene Modellvarianten beinhaltete, sollte die Hörfunkabfrage in der MA optimiert werden. Diese acht Testmodelle umfassten sowohl fünf Face-to-face-Modelle als auch zwei Tagebuch-Varianten sowie eine telefonische CATI-Befragung, welche vorerst nur die ARD initiierte. Die privaten Hörfunksender folgten der CATI-Technik erst nach der Testalternative. Ein telefonischer Koinzidenztest diente als Kontrollbefragung, um valide Hörfunkreichweiten aus den alternativen Erhebungsinstrumenten zu ermitteln. Um die Zuverlässigkeit der Hörfunkreichweiten aus den acht Modellvarianten einordnen zu können, wurden zwölf Messzeitpunkte mit jeweils 500 Interviews eingerichtet.[14]

3.2.1 Zentrale Befunde

Ausgehend vom Methodentest 1995 wurden die acht unterschiedlichen Modelle nach spezifischen Kriterien u. a. hinsichtlich der Ausschöpfungsquote, Interviewdauer, Stichprobe, täg-lichen Hördauer, Hörfunkreichweiten, Außer-Haus-Nutzung sowie die Erinnerungswerte der Programme miteinander verglichen. Bei der Auswertung der Ergebnisse standen neben der vergleichenden Analyse der Nutzungswerte vor allem die methodischen Befunde im Fokus. Der Ausschöpfungswert der Stichprobe liegt bei allen acht Testmodellen bei über 70 %.[15] Die Ausschöpfungsquote lässt Rückschlüsse zu, inwiefern positiv oder negativ, das jeweilige Modell die Befragten erreicht. Laut des vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft e.V. (ZAW) herausgegebenen Rahmenschemas für Werbeträgeranalysen muss „der Ausschöpfungsgrad eine[r] Stichprobe für solche Studien bei mindestens 70 Prozent liegen“[16], um als zentraler Indikator für die Erhebungsqualität gelten zu können.

Die Interviewdauer weist minimale Differenzen von vier Minuten zwischen den fünf getesteten Face-to-face-Modellen auf. Dieser Fakt ist durch Unterschiede im Umfang der gefragten Inhalte zu erklären. In den Diary-Modellen vermerken die Befragungspersonen ihre Hörfunk-nutzung für einen Zeitraum von ca. einer Woche. Die Dauer des Interviews mit der CATI-Technik liegt bei ca. 16 Minuten[17], was in etwa die Hälfte der Zeit in Anspruch genommen hat als die Face-to-face-Befragung. Die Begründung für den deutlichen zeitlichen Unterschied zwischen der telefonischen und der persönlich-mündlichen Befragungsmethode liegt in einem enorm minimierten Befragungsumfang. Bereits an dieser Stelle wird ersichtlich, dass „die sehr detaillierte Abfrage der Hörfunknutzung nach Viertelstunden im Tagesablaufschema durchaus praktikabel am Telefon [zu] bewerkstelligen“[18] ist.

Beim Methodentest 1995 wurden zwei verschiedene Verfahren zur Stichprobenziehung verwendet, weshalb eine Prüfung der Stichprobenstruktur notwendig erschien. Bei den Face-to-face-Modellen wurden die Stammbezirke bzw. Sample-Points aus dem ADM-Stammbezirks-datenband gezogen, wohingegen die Ziehung der Stichproben bei den zwei Tagebuch-Modellen und dem CATI-Modell basierend auf dem gegenwärtigen CD-ROM-Telefonverzeichnis der Deutschen Telekom erfolgte. In der Auswertung offenbarte sich, dass sich die Struktur der Befragten zwischen den verschiedenen Testmodellen unterscheidet. Im Vergleich zu den restlichen Modellen konnten mit der CATI-Befragung nicht nur jüngere Menschen und mehr Berufstätige, sondern auch Personen mit einem höheren Bildungsabschluss erreicht werden.[19]

In Bezug auf die tägliche Hördauer erreichte die Befragung per CATI-Technik mit durchschnittlich 223 Minuten mit Abstand den ersten Rang unter den acht Testmodellen. Beispielsweise übersteigt dieser Wert mit mehr als 60 % die 141 Minuten vom ersten Face-to-face-Modell. Die beiden Diary-Modelle liegen mit je 144 und 146 Minuten weit abgeschlagen hinter der telefonischen Befragungsmethode.[20] Zudem zeigt sich, dass der Wert der Radiohördauer steigt, wenn die Erhebung der Fernsehnutzung pauschal erfolgt.

Die Einteilung der Reichweiten in Viertelstundenintervalle indiziert die Verteilung der Hörfunknutzung über den Tag hinweg. Um einen Vergleichsmaßstab zu erhalten, werden die Reichweitenwerte des Koinzidenztests sowie die durchschnittlichen Werte aus den jeweiligen vier Hauptmesszeitpunkten genutzt. Daraus wird ersichtlich, dass die mittels CATI-Technik erfragten Hörfunkreichweiten im Tagesverlauf über den restlichen sieben Erhebungsmodellen liegen und zudem die im Coincidental Check ermittelten Durchschnittswerte übertreffen. Die Diary-Modelle präsentieren sich ebenfalls beständig. Am Morgen erreichen diese Werte auf dem MA-Niveau, am Mittag liegen sie leicht über diesem und nachmittags sogar offensichtlich darüber.[21]

Weiterhin zeichnet sich ab, dass

„diejenigen Erhebungsvarianten, die die Fernsehnutzung im Tagesverlauf lediglich als gesamthafte Tätigkeit abfragen, dem Maßstab des Coincidental Checks am nächsten kommen. Offensichtlich wird [an dieser Stelle] einmal mehr die Erfahrung bestätigt, da[ss] sich die detaillierte Abfrage weiterer Mediengattungen im Tagesablauf reichweitenmindernd auf den Hörfunk auswirkt.“[22]

Es bekräftigt sich die Annahme, dass sich die Dominanz des Fernsehens auf die Erinnerungsleistung der Befragten auswirkt. Sobald die differenzierte Abfrage der Fernsehnutzung entfällt, wird die Erinnerungsleistung an den Hörfunk als ein eher unbewusster genutztes Begleit-medium erleichtert sowie zusätzlich erhöht. Aufgrund dieser charakteristischen Verwendung als Begleitmedium, ist es unerlässlich zu prüfen, ob sich die Hörfunknutzung in Verbindung mit anderen Tätigkeiten unterscheidet. Diesen Fakt scheint die MA-Erhebung mittels der Face-to-face-Befragung zu unterschätzen, was wiederum als große Schwäche dieser Methode festzuhalten ist. Im Vergleich zur persönlich-mündlichen Erhebungsmethode weisen die Tagebuch-Varianten „eine signifikant höhere Außer-Haus-Radionutzung [auf, wobei] die inhäusige Radionutzung jedoch ebenso deutlich niedriger liegt“[23]. Die Werte der CATI-Erhebung tendieren in eine nahezu identische Richtung.[24] Als Resultat dessen erscheinen die Diary-Modelle sowie die CATI-Technik offensichtlich besser für die MA-Erhebung geeignet als die Face-to-face- Modelle, da sie die Außer-Haus-Nutzung des Hörfunks sehr zuverlässig und valide abbilden.[25]

In diesem Zusammenhang ist noch einmal die zuvor dokumentierte höhere Hördauer der CATI-Version im Vergleich zu den restlichen Modellen zu betonen, was nicht zuletzt durch die bessere Erfassung der Radionutzung außer Haus zu begründen ist.

Um das Kriterium der Erinnerungswerte der Programme miteinander vergleichen zu können, ist der Hörer-gestern-Wert bedeutsam. Dieser gibt nämlich die tägliche Nettoreichweite des Hörfunks an und erfasst alle Personen, die in einem bestimmten Zeitraum bzw. über den Tag hinweg mindestens 15 Minuten Kontakt zu diesem Medium hatten.[26] Der Hörer-gestern-Wert der CATI-Erhebungstechnik liegt mit 81,3 % in etwa gleichauf mit dem fünften Face-to-face-Modell, welches nur einen Prozentpunkt dahinter liegt. Die restlichen Modelle bewegen sich zwischen 71 % und 77 %. Neben dem Hörer-gestern-Wert stellen zudem die Anzahl der gestern gehörten Programme sowie der Weiteste Hörerkreis wichtige Nutzungsindikatoren dar.[27] Die CATI-Technik dokumentiert im Vergleich zu den restlichen Modellen einen höheren Wert bei der Anzahl der gestern gehörten Sender. Mit der CATI-Befragungsmethode erinnern sich die Befragten im Durchschnitt an 1,5 gehörte Sender, während sich der Wert bei den sieben anderen Modellen bei durchschnittlich 1,2 bis 1,3 Sendern bewegt.[28]

[...]


[1] Vgl. Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (ag.ma) (2014): agma presse info: Radionutzung in Deutschland steigt wieder leicht an. URL: www.agma-mmc.de/fileadmin/user.../2014/PM_ma_2014_ Radio_I.pdf‎ [letzter Zugriff: 23.03.2014].

[2] Vgl. ARD (2014): 90 Jahre Radio – Geschichte eines Mediums. URL: http://www.ard.de/home/radio/90_Jahre _ Radio/446020/index.html [letzter Zugriff: 14.03.2014].

[3] Vgl. Kursawe, Stefan (2004). Vom Leitmedium zum Begleitmedium: Die Radioprogramme des Hessischen Rundfunks 1960 - 1980. Köln; Weimar; Wien: Böhlau Verl.

[4] Vgl. Noelle Neumann, Elisabeth; Schulz, Winfried; Wilke Jürgen (Hrsg.) (2009): Fischer Lexikon Publi- zistik Massenkommunikation. Frankfurt am Main: Fischer Verl., S. 227.

[5] Möhring, Wiebke; Schlütz, Daniela (2003). Die Befragung in der Medien- und Kommunikationswissen- schaft: Eine praxisorientierte Einführung. 1. Aufl. Wiesbaden: Westdt. Verl., S.129.

[6] Häder, Michael (2010). Empirische Sozialforschung: Eine Einführung. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwissenschaften, S. 208 ff.

[7] Vgl. Frey-Vor, Gerlinde; Siegert, Gabriele; Stiehler, Hans-Jörg (2008): Mediaforschung. Konstanz: UVK-Verl, S. 90 f.

[8] Frey-Vor; Siegert; Stiehler 2008, S. 90.

[9] Vgl. ebd., S. 90f.

[10] Vgl. Müller, Dieter K. (1999): Die Optimierung der Hörfunkabfrage in der Media Analyse. In: Arbeitsgemein schaft der Werbegesellschaften (Hrsg.): Media Perspektiven. Register. o.O., S. 518.

[11] Vgl. Müller 1999, S. 518.

[12] Vgl. Frey-Vor; Siegert; Stiehler 2008, S. 187.

[13] Müller 1999, S. 519.

[14] Vgl. Klingler, Walter; Müller, Dieter K. (2000): MA 2000 Radio: Erstmals mit Telefoninterviews erho- ben. In: Arbeitsgemeinschaft der Werbegesellschaften (Hrsg.): Media Perspektiven. Register 2000. o.O., S. 414.

[15] Vgl. Abb. A1, S. VII.

[16] Klingler; Müller 2000, S. 416.

[17] Vgl. Abb. A1, S. VII.

[18] Müller 1999, S. 519.

[19] Vgl. Abb. A2, S. VII.

[20] Vgl. Abb. A1, S. VII.

[21] Vgl. Abb. A3, S. VIII.

[22] Müller 1999, S. 522.

[23] ebd.

[24] Vgl. Abb. A4, S. VIII.

[25] Vgl. Müller 1999, S. 522.

[26] Vgl. Frey-Vor; Siegert; Stiehler 2008, S. 191.

[27] Vgl. Kapitel 4.1.3.

[28] Vgl. Abb. A1, S. VII.

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