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Mutterliebe. Nur ein Mythos?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 14 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Weiblichkeit aus feministischer Perspektive
II.1 Liebe als weibliches Attribut
II.2 „Man kommt nicht als Frau zur Welt“ - Erziehung, Sozialisation und Geschlecht

III. Die „Bestimmung als Hausfrau und Mutter“?
III.1 Mutterrolle als Konstrukt? – Argumente wider ihrer Natürlichkeit
III.2 Von der Mutterliebe zur Vaterliebe?

IV. Fazit

Bibliografie

I. Einleitung

Es scheint uns so selbstverständlich wie kaum etwas anderes. Frauen liebe ihre Kinder, es liegt in ihrer Natur. Auf diese Weise wurde lange argumentiert. Daraus ergab sich, dass sich Frauen aufgrund ihrer Nähe zur Natur und ihrer Fähigkeit zu gebären, von Männern unterscheiden. Sie sind im Gegensatz zum Mann liebliche, sanfte und nach Freud masochistische und passive Wesen (vgl. Badinter 1991, S.267ff). Auf diese Weise wurde nicht nur die sexistische Unterdrückung der Frau legitimiert, sondern ihr auch der Zugang zu öffentlichen Bereichen und in Folge ein beruflicher Aufstieg untersagt. Das weibliche Geschlecht wurde dem Reproduktionsbereich zugeordnet und wurde nach Simone de Beauvoir (1949) als „das andere Geschlecht“ angesehen, während der Mann das „Absolute“ repräsentierte (vgl. Beauvoir 1949/1987, S.11). Die Frau stand folglich stets unter dem Mann und zeichnete sich nach und nach durch eine Unterwerfungsbereitschaft aus (vgl. ebd. S.11f).

Während der industriellen Entwicklung, als die Frau allmählich an der Produktion teilhaben wollte, wurde sie zurück „an den Herd“ gedrängt und sollte sich der Kindererziehung widmen (vgl. ebd. S.12). Mutterliebe wurde als ein „Instinkt der Natur“ oder ein Sozialverhalten dargestellt (vgl. Badinter 1991, o.S.), an dem sich die Frau zu orientieren und dem sie sich zu fügen hatte. Rousseau und Freud interpretierten die Hingabe und Opferbereitschaft der Frau sogar „als Wesensmerkmale“ (ebd.).

Erst in den 1960er Jahren breitete sich eine feministische Bewegung von den USA aus, die sich mit der Konstruiertheit scheinbarer Wesensmerkmale auseinandersetzte. Die Frauenrechtsbewegung sprach sich für neue weibliche Verhaltensweisen, einen strukturellen gesellschaftlichen Wandel und die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter aus. Besonders der Freudsche Mythos und seine phallogozentrischen Normvorstellungen der Psychoanalyse[1] gerieten ins Visier, begannen ins Wanken zu geraten und an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Einflussfaktoren wie Sozialisation und Erziehung, die eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität spielen, bekamen einen höheren Stellenwert.

Elisabeth Badinter (1991) versucht in ihrem Werk „Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute“ die Mutterrolle als ein Konstrukt zu entlarven. In diesem Sinne beschäftigt sich die vorliegende Hausarbeit mit ihrer Argumentation gegen die Natürlichkeit der Mutterliebe. Es wird den Frage nachgegangen, wie Weiblichkeit konstruiert wird und was dies für die Mutterrolle bedeutet, wie Frauen ihre „Bestimmung als Hausfrau und Mutter“ fanden und was hinter dem Mythos steckt.

II. Weiblichkeit aus feministischer Perspektive

Zum Verständnis von Weiblichkeit gibt es die verschiedensten Ansichten. Um nur ein paar von ihnen zu nennen: Simone de Beauvoir (1949), die „Mutter der feministischen Philosophie“ (Young 1989, S.37), geht beispielsweise davon aus, dass Weiblichkeit eine Erfindung des Mannes ist. Somit diene die Frau lediglich der Subjektwerdung des Mannes, der Hervorbringung von Männlichkeit. „Das Andere“ dürfe es gar nicht geben, es solle demnach nur ein Geschlecht existieren. Sie sieht das Weibliche als ein Konstrukt an, als etwas einschränkendes, das man abstreifen müsse (vgl. de Beauvoir 1949/1987, S.190ff).

Iris Young (1989) erhebt Kritik an Simone de Beauvoirs Ansichten von Weiblichkeit. Sie kritisiert die Gleichsetzung von Mensch-Sein mit Männlichkeit; des Weiteren blieben in Beauvoirs Analysen gewisse Wertvorstellungen unangetastet. Rationalität und Macht würden von Beauvoir nicht in Frage gestellt. Reproduktive Tätigkeiten erführen zudem eine Abwertung. Young stellt in ihrer Arbeit den Humanistischen Feminismus (Vertreterinnen: z.B. Simone de Beauvoir sowie die meisten Feministinnen des 19. und 20. Jahrhunderts) dem Gynozentrischen Feminismus (Vertreterinnen: z.B. Carol Gilligan, Mary O´Brien, Nancy Hartsock etc.) gegenüber[2].

Vor allem der Sachverhalt, dass die Auffassungen von Weiblichkeit kulturell und sozial geprägt und somit konstruiert sind, ist für die vorliegende Seminararbeit grundlegend. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie dem weiblichen Geschlecht die Rolle der liebenden Mutter und Hausfrau über Jahrhunderte hinweg unhinterfragt zugeschrieben wurde und welche Rolle dabei das Verständnis von Liebe spielt.

II.1 Liebe als weibliches Attribut

Liebe scheint in der von einer Heteronormativität geprägten ‚westlichen Welt’ bislang ein Gefühl zu sein, das besonders dem weiblichen Geschlecht häufig zugeschrieben wurde. Auf diese Weise versuchte man beispielsweise, die im Zuge der Industrialisierung einsetzende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zu legitimieren, was u. a. die Sozialhistorikerin Karin Hausen (1976) in ihrem Werk „Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ veranschaulicht. Daraus geht hervor, dass „Charaktereigenschaften“, wie Passivität, Emotionalität sowie Schwäche den Frauen und Aktivität, Rationalität oder Durchsetzungsvermögen den Männern zugeordnet wurden, um eine Separation in öffentliche und private Sphäre und die damit verbundene Zuständigkeit der Geschlechter für je eine derselben zu rechtfertigen (vgl. Hausen 1976, S.368).

Aufgrund ihrer Gebärfähigkeit wurde die Frau nahezu wie selbstverständlich dem Reproduktionsbereich zugewiesen. Marianne Weber (1907) ging hierbei davon aus, dass Frauen somit als Geschlechtswesen und Männer als die zur Kulturarbeit Bestimmten definiert wurden (vgl. Hausen 1976, S.369). Die patriarchalen Strukturen sahen es dabei vor, dass das weibliche Geschlecht als „herrschaftsunterworfene Hausfrau“ (vgl. ebd.) dem Mann zu dienen hatte. Als im Zuge der Französischen Revolution die Forderung nach Gleichberechtigung jedoch immer vehementer zunahm, suchte man nach einer neuen Form der Legitimation, um die patriarchale Ordnung aufrecht zu erhalten. In diesem Zusammenhang stieg das Interesse an den vermeintlichen Geschlechtscharakteren deutlich an. Ziel war es nun, Naturbegabungen herauszuarbeiten und die „Bestimmung des Weibes zur Gattin, Hausfrau und Mutter“ (ebd., S.373) zu postulieren. Fichte (1796) ging zudem davon aus, dass die Frau nur über einen einzigen Naturtrieb – die Liebe – verfügen würde. Ihr Trieb sei es somit, „einen Mann zu befriedigen. Liebe ist nach Fichte die völlige Hingabe der Persönlichkeit und konsequenterweise auch die Abtretung allen Vermögens und aller Rechte an den einen und einzigen Mann“ (ebd.). Die Frau wird somit ausschließlich über ihre Familie und ihre mütterlichen Pflichten definiert, was in weiterer Folge, trotz der zuvor propagierten Menschenrechte, zur Privilegierung der Männer in sämtlichen Bereichen führte (vgl. ebd., S.375). Bock und Duden (1976) zeigen in ihrem Text „Arbeit aus Liebe – Liebe als Arbeit: Zur Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus“ zudem auf, dass die Hausarbeit, welche Frauen zu verrichten hatten, als etwas ebenso Natürliches dargestellt wurde wie Sexualität. Hausarbeit, als „labor of love“ (Bock/Duden 1976, S.121) entstamme der Liebe und werde durch Liebe entlohnt (vgl. ebd.). Auf diese Weise wurden spezifische Geschlechtscharaktere verfestigt und als etwas Natürliches verbreitet.

[...]


[1] Der Mann war dieser Theorie zufolge stets der Aktive, während die Frau in ihrer Passivität verharrte (vgl. ebd., S.268f) und in der Immanenz zurückblieb (vgl. Beauvoir 1992, S.799f). Freud, der von einem Penisneid der Frau ausging, sah das Gebären lediglich als dessen Kompensation an und schrieb der Frau einen natürlichen Masochismus zu, indem er der Auffassung war, dass sie die Schmerzen beim Gebären und Stillen als Lust und Freude empfinden würde. Ihre Erfüllung könne die Frau nur in ihren Kindern finden und sie sei die Hauptverantwortliche für das Wohl und Glück des Nachwuchses (vgl. Badinter 1991, S.268f).

[2] „Der humanistische Feminismus definiert Weiblichkeit als die Ursache der Unterdrückung der Frau und verlangt, daß die von Männern getragenen Institutionen auch Frauen den vollen Zugang zu den weltbestimmenden Aktivitäten von Industrie, Kunst und Wissenschaft gewähren. Im Gegensatz dazu stellt der gynozentrische Feminismus den Wert dieser traditionell öffentlichen, männlichen Unternehmungen in Frage. Die Repression der Frau besteht nicht darin, daß sie von ihrer Selbstverwirklichung abgehalten wird, sondern in der Negation und Abwertung spezifisch weiblicher Tugenden und Tätigkeiten durch eine übermäßig instrumentelle und autoritäre männliche Kultur. Weiblichkeit ist für den gynozentrischen Feminismus nicht das Problem; vielmehr ist sie der Ausgangspunkt einer Vision der Gesellschaft und des Subjekts, die nicht nur Frauen, sondern alle Personen befreien kann.“ (Young 1989, S.55f).

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656708933
ISBN (Buch)
9783656712220
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278094
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
mutterliebe mythos

Autor

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Titel: Mutterliebe. Nur ein Mythos?