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Wüstenstromprojekte in Nordafrika mit ungewisser Zukunft. Grüner Fortschritt oder Green Grabbing?

Hausarbeit 2014 29 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis und physikalische Einheiten

1. Einleitung: Annäherung an das Thema und Vorgehensweise

2. Dependenztheoretische Überlegungen
2.1. Klassiker der Dependenztheorie: Prebisch, Frank und Wallerstein
2.2. Transnationale Ebene: Zentrum-Peripherie-Modell
2.3. Innerstaatliche Ebene: Die Rolle der nationalen Eliten
2.4. Zwischenfazit

3. Green Grabbing, DESERTEC und die Konfliktpotentiale
3.1. Green Morocco Plan: Paradigmenwechsel in Marokko?
3.2. Der DESERTEC-Plan im Schatten des Klimawandels
3.3. Ableitbare Konfliktpotentiale für Marokko und die MENA-Region
3.3.1. Umweltaspekte: Wasserprobleme und der Preis der Energieversorgung
3.3.2. Rechtliche Aspekte: Das Marokkanische Landrecht
3.3.3. Soziale Aspekte: Die Interessen der Landbevölkerung

4. Schlussfolgerungen, Anknüpfpunkte und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Physikalische Einheiten[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. EINLEITUNG: ANNÄHERUNG AN DAS THEMA UND VORGEHENSWEISE

Jede Sekunde, so Angaben der Entwicklungs- und Hilfsorganisation Oxfam, fällt in einem Entwicklungs- oder Schwellenland eine Fläche in der Größe eines Fußballfeldes unter die Kontrolle von Banken und privaten, als auch staatlichen Akteuren.[2] Während der Fokus dabei vor allem auf die fruchtbaren und ertragreichen Ländereien der Sub-Sahara liegt, sind die nordafrikanischen Wüstenstaaten wie Marokko, Libyen oder Ägypten scheinbar nur selten mit diesem Phänomen des Landraubs konfrontiert. Diese Region ist und bleibt auch ungeachtet dieser Vorgänge eine Region voller Gegensätze mit zahlreichen ungelösten Konflikten, was Kooperationen erschwert und das Interesse von Investoren bisher abschreckte.[3] So sind beispielweise in Marokko nicht nur innerstaatliche Probleme, wie der ungelöste Westsahara-Konflikt oder zunehmende Flüchtlingsströme aus der Sub-Sahara-Region bei gleichzeitiger Verriegelung der Grenzen durch die Europäische Union, sondern vor allem die Folgen und Auswirkungen des Arabischen Frühlings auch an dem scheinbar stets stabilen Land nicht spurlos vorbeigegangen, so dass politische Konsequenzen in diesem Land gezogen werden mussten.[4] Die Demonstrationen während des Arabischen Frühlings fielen in Marokko daher vergleichsweise mild aus, weshalb man auch von der „Marokkanischen Ausnahme“ spricht.[5]

Ungeachtet dieser angespannten politischen Lage, die keineswegs als vollkommen betrachtet werden kann[6], scheint zumindest die wirtschaftliche Lage in dem nordafrikanischen Staat eine sehr positive Entwicklung zu nehmen. Bei einer allgemeinen Betrachtung sozio-ökonomischer Merkmale lassen sich in Marokko einige Besonderheiten feststellen: Seit dem Jahr 2000 ist in allen Indikatoren des Entwicklungsindex der Weltbank ein signifikanter Anstieg zu verzeichnen. So stieg innerhalb von 20 Jahren die Anzahl der Kinder, die heutzutage eine Schule besuchen können, auf nahezu 100%, während es 20 Jahre zuvor lediglich 70% waren. Nicht nur in diesem Punkt liegt Marokko in seiner Entwicklung weit über dem regionalen Durchschnitt in Nordafrika und dem Nahen und Mittleren Osten. So konnte man auch die Zahl der Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, um 7,3 Prozentpunkte auf 9,0% senken. Vor allem überzeugt Marokko auf dem ersten Blick mit seinen wirtschaftlichen Kennzahlen: insbesondere die Entwicklung des Wirtschaftswachstums mit durchschnittlich 4,0 bis 5,0% in den vergangenen Jahren liegt teils sogar weit über regionalen Vergleichswerten.[7] Diese Entwicklung ist augenscheinlich durchaus als positiv zu bewerten, auf den zweiten Blick lassen diese sich jedoch in Frage stellen. Betrachtet man den Human Development Index, dann wird deutlich, dass Marokko im Jahr 1992 mit einem Ergebnis von 0.429 Punkten Platz 106 belegte. Im aktuellsten HDI für das Jahr 2012 erzielte Marokko 20 Jahre später zwar mit 0.591 ein höheres Ergebnis, fiel damit aber um 24 Ränge auf Platz 130 zurück.[8]

Diesen Unterschied zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und mangelnder gesellschaftlicher Modernisierung als Anlass für verschiedene Konfliktpotentiale für inner- und überstaatliche Angelegenheiten Marokkos gilt es zu untersuchen. Die theoretische Frage dieser Arbeit ist daher: Wie erklärt sich diese Dualität aus anhaltendem wirtschaftlichem Fortschritt und damit nicht einhergehender gesellschaftlicher Entwicklung? Die Beantwortung soll anhand dependenztheoretischer Überlegungen erfolgen. Es wird argumentiert, dass diesem Dualismus eine konstituierende Kraft für Ungleichheit zu Grunde liegt, die eine Angleichung verschiedener Weltregionen sowohl hinsichtlich des Wohlstands als auch in der gesellschaftlichen Entwicklung per se unmöglich macht. Letztlich soll aus den Erkenntnissen der theoretischen Auseinandersetzung die empirische Frage dieser Arbeit beantwortet: Wie lässt sich dieser Dualismus am Beispiel von Wüstenstromprojekten einordnen? Hierbei soll argumentiert werden, wie mit diesen Projekten im Sinne der Landraub-Thematik umfangreiche Konfliktpotentiale assoziiert werden können. So findet sich das Land als einziges Land des Maghreb und neben dem Sudan als einziges nordafrikanisches Land unter den zehn am stärksten von Landraub betroffenen Ländern.[9] Landraub, oder die oft geläufigere englische Variante ‚Land Grabbing‘, ist eines der aktuellsten Probleme, die den afrikanischen Kontinent in seiner Entwicklung negativ beeinflussen. In der vorliegenden Arbeit soll im konkreteren Fall der Vorgang des Green Grabbing als Konfliktpotential auf die Agenda gesetzt werden. Green Grabbing meint damit im Speziellen die Nutzung oder Aneignung von Land für den Zweck von umweltschonenden oder nachhaltigkeitsorientierten Projekten.[10] Im speziellen Fall soll es um die Bemühungen europäischer Staaten gehen die Flächen in Nordafrika für die Energiegewinnung aus regenerativen Quellen nutzen zu wollen. Dieses Projekt läuft unter dem Namen DESERTEC.

Die diesem Text zugrundeliegende Herangehensweise ist die Arbeit mit spezifischen Fallbeispielen nach induktiver Logik. Im empirischen Teil soll zuerst die Konstruktion des DESERTEC-Projekts als Chance der Akteure herausgearbeitet werden, bevor dieses anhand empirischer Beispiele konterkariert wird. Die daraus abgeleiteten Ergebnisse soll nicht nur mit der technischen und wirtschaftlichen Machbarkeit, sondern über ihren entwicklungspolitischen Mehrwert hinsichtlich der Frage der Nachhaltigkeit beurteilt werden. Berücksichtigt werden dabei umweltpolitische, rechtliche und soziale Dimensionen dieser internen und externen Policy-Strategien. Diese Arbeit verfolgt dabei drei Ziele: Es sollen (1) ausgehend von dem kritischen Blickwinkel der Dependenztheorie die Policy-Strategien beurteilt werden, woraufhin diese im nächsten Schritt (2) anhand dieser Kritik die Konfliktpotentiale erläutern, um (3) anschließend zusätzlich die Aktualität der Dependenztheorie zu evaluieren.

2. DEPENDENZTHEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN

Autor Ray Bush argumentiert, dass die Armen sind heutzutage arm, da sie in die vorherrschende kapitalistische Weltwirtschaft eingebunden sind.[11] Leuten geraten in Armut wenn sich Teil dieses Systems werden, nicht wenn sie aus diesem ausgeschlossen sind. Gerade in Bezug auf den afrikanischen Kontinent wird kaum jemand eine solche Behauptung anzweifeln wollen. Aber warum ist das so? Der folgende Abschnitt sucht in Gestalt der Dependenztheorie aufklärende Antworten zu gewinnen.

2.1. Klassiker der Dependenztheorie: Prebisch, Frank und Wallerstein

Der dependenztheoretische Ansatz entsprang kritischen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre weitestgehend in Teilen Zentral- und Südamerikas. Sie entstammt als Antwort auf die Modernisierungstheorie und beschäftigt sich mit den sich in die Unabhängigkeit transformierenden ehemaligen Kolonialstaaten sowie den Problemen, die der Kolonialismus dort hinterlassen hat. Dies sei vor allem der Grund, warum Staaten sich auch heute noch massiv durch wirtschaftliche Zwänge in ihrer Autonomie und Innenpolitik beeinflusst fühlen.[12] Dieser Theoriestrang ist dabei Teil einer größeren Bewegung gewesen, vor allem Raul Prebisch, Andre Gunder Frank und Emanuel Wallerstein sind die zentralen Autoren dieser Strömung. Essentiell für die Dependenztheorie war die Annahme, dass das Konstrukt der internationalen Beziehungen zum damaligen Zeitpunkt in Frage zu stellen sei, da Wohlstand und Macht der reichen Akteure auf den Kosten der ärmeren bzw. armen Akteure gesichert wird.[13] Damit konnte sich die Dependenztheorie gegenüber der Modernisierungstheorie, die in der Interaktion zwischen Nord und Süd durch wirtschaftliches Wachstum und einhergehende gesellschaftliche Entwicklung eine Annäherung beider Regionen vermutet, im Neoliberalismus seit den 1970er Jahren nicht behaupten.[14] Die Modernisierungstheorie fand schließlich ihren Höhepunkt im Washingtoner Konsens, der weltweit bis in die 2000er Jahre die Entwicklungspolitik dominierte.[15]

Nichtsdestotrotz stellt sich, wie auch bei Marokkos rückläufiger Entwicklung im HDI, die Frage: Warum ist es so vielen Staaten in der Welt nicht möglich sich zu entwickeln? Warum ist es Marokko nicht möglich trotz massiver wirtschaftlicher Verbesserungstendenzen nicht in seiner gesellschaftlichen Entwicklung voranzukommen? Eine davon abgeleitete Frage liegt auch dieser Arbeit zu Grunde: Können Projekte wie DESERTEC die immer wieder aufkommende Frage von Ungleichheit nachhaltig beseitigen und Länder in ihrer Entwicklung voranbringen oder bergen sie vielmehr Konfliktpotential als gesellschaftlichen Nutzen?[16] Herkömmliche Antworten, wie das Verfolgen falscher ökonomischer Policy-Strategien oder die negativen Einflüsse korrupter und autokratischer Regierungen, würden vielen der Dependenztheoretiker zu kurz greifen. Im Folgenden soll auf diese Überlegungen genauer eingegangen werden.

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit wird mit Einheiten der Energie hinsichtlich von Netzkapazität und Energieverbrauch gearbeitet. Die abgebildete Übersicht dient zur Umrechnung, aber in erster Linie zur Einschätzung der Verhältnisse. Die Tabelle ist aus folgender Quelle entnommen: Erdle, Steffen. 2010. ‘The Desertec Initative’, German Development Institute Discussion Paper 10/2010, online verfügbar: <http://edoc.vifapol.de/opus/volltexte/2011/3328/pdf/DP_12.2010.pdf>

[2] Oxfam. 2014. ’A Guide to Land Grabs’, online verfügbar: <http://www.oxfam.org.uk/get-involved/campaign-with-us/our-campaigns/grow/guide-to-land-grabs>

[3] Diese Erkenntnis bezieht sich insbesondere auf die vielfältigen Diskussion und insbesondere auf die Abschlusssitzung des Seminars „Konfliktregion Mittelmeer“ bei Dr. Ulrike Borchardt im Sommersemester 2014 an der Universität Hamburg

[4] Siehe z.B. The Guardian. 2011. ‘Morocco annouces constitutional reform plan’, online verfügbar: <http://www.theguardian.com/world/2011/mar/09/morocco-constitutional-reform-king>

[5] Hashas, Mohammed. 2013. ‘Moroccan Exceptionalism Examined: Constitutional Insights pre- and post-2011. IAI Working Papers, 13 (34). pp. 1-18

[6] Ibid:15/16

[7] World Bank. 2012. ‘Worldbank Data Report 2012’, online verfügbar: <http://data.worldbank.org/country/morocco>

[8] United Nations Development Programme. 1992. ‘Human Development Report 1992‘, Oxford University Press: Oxford, p. 20; sowie: United Nations Development Programme. 2013. ‘The 2013 Human Development Report – The Rise of the South: Human Progress in a Diverse World’, online verfügbar: <http://hdr.undp.org/en/reports/global/hdr2013/>, p. 154

[9] Marokko rangiert mit einer Fläche von 700.000 ha auf Platz 9 auf dem Afrikanischen Kontinent; Vgl.: AllAfrica. 2013. ‘15 Most Land-Grabbed Countries in Africa‘, online verfügbar: <http://allafrica.com/view/photoessay/ post/post/id/201306240002.html>

Details

Seiten
29
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656708957
ISBN (Buch)
9783656710684
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v278006
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
Schlagworte
wüstenstromprojekte nordafrika zukunft grüner fortschritt green grabbing konfliktpotentiale policy-strategien zusammenarbeit entwicklung energiequellen

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