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Antisemitismus in den geistlichen Spielen des Spätmittelalters am Beispiel des Frankfurter Passionsspiels von 1493

Eine paradigmatische Untersuchung

Akademische Arbeit 2014 22 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das geistliche Spiel im ausgehenden Mittelalter: Merkmale und Entstehung

3. Die Juden im Spätmittelalter: Stereotype und Diskriminierung
3.1. Begriffe Antisemitismus - Antijudaismus
3.2. „Wucherer und Christusmörder“: Antisemitische Stereotypen
3.3 Sozialgeschichtlicher Kontext: Pogrome und Ghettoisierung

4. Antisemitismus im „Frankfurter Passionsspiel“ von 1493
4.1 Spezifische Merkmale des „Frankfurter Passionsspiels“
4.2 dan die warheit uch losen soll: Das Prophetenvorspiel
4.3 Vnd an ein krutz schlage: Der Mordkomplett der Juden gegen Jesus

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das „Frankfurter Passionsspiel“ aus dem Jahre 1493 (im Weiteren: FP) nimmt im Rahmen der geistlichen Spiele des ausgehenden Mittelalters in vielerlei Hinsicht eine herausragende Stellung ein. Es gilt als Prototyp der literarischen Gattung Passionsspiel1 und auch als Spiel, in dem sich in besonders auffallender Weise die in allen Passionsspielen mehr oder weniger latent vorhandene Judenfeindlichkeit niederschlägt. Diesen Komplex des Antisemitismus näher zu beleuchten, hat sich die vorliegende Arbeit zur Aufgabe gemacht, die dabei einen sozialgeschichtlichen Ansatz verfolgt. Konkret im Fokus der Untersuchung steht die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der zeitgenössischen Judenfeindschaft und dem Judenbild im FP. Inwieweit lässt sich die negative Darstellung der Juden im Spiel als Reaktion auf antisemitische Stereotype in der Bevölkerung verstehen oder auch umgekehrt: als politisch motivierte Verstärker und Multiplikatoren solcher antisemitischer Stimmungen?

Um sich der Frage systematisch anzunähern, wurde folgender Aufbau gewählt: Zunächst soll das Passionsspiel in den größeren Zusammenhang des geistlichen Spiels des Mittelalters eingeordnet werden, um dann in einem weiterem Schritt das Phänomen des Antisemitismus zu beleuchten. Dabei sollen der Begriff geschärft, die klassischen Topoi skizziert und schlussendlich die Stellung, Rolle und reale Erfahrungen der Juden in der mittelalterlichen Gesellschaft der deutschen Landen umrissen werden. Vor der Folie dieses Wissens werden dann exemplarisch ausgewählte Judenszenen des FP aufgearbeitet. Nach der kurzen Darstellung der wesentlichen Eigenheiten des Spieles werden zwei zentrale Szenenkomplexe des FP, das Prophetenvorspiel und die eigentlichen Passionsszenen um die Tötung von Jesus, im Detail und nah am Text analysiert. Abschließend sollen die wichtigsten Ergebnisse kurz zusammengefasst und eine Bilanz gezogen werden.

Allgemein herrscht an Literatur über Antisemitismus kein Mangel, was in Anbetracht der nationalsozialistischen Verbrechen im 20. Jahrhundert kaum verwundern kann. Allerdings gibt es immer noch überraschend wenig mediävistische Forschungsarbeiten, die sich mit der Frage auseinandersetzen, welcher Anteil mittelalterlicher Literatur an der Weiterverbreitung von antisemitischem Gedankengut zuzuschreiben ist. Als richtungsgebend für diese Arbeit und ihren Ansatz erwies sich die erschöpfende Monografie der Berliner Mediävistin Edith Wenzel über die Rolle und Funktion der Juden in spätmittelalterlichen Spielen.2 Aber auch die Dissertation von Natascha Bremer ist in diesem Zusammenhang zu nennen.3 Vor allem für die allgemeinen Ausführungen zu den mittelalterlichen Passionsspielen hilfreich waren die Forschungen von Rolf Steinbach.4 Die Verse aus den Passionsspielen werden nach der Johannes Janota herausgegebenen kritischen Edition zitiert. 5

2. Das geistliche Spiel im ausgehenden Mittelalter: Merkmale und Entstehung

Als „geistliches Spiel“ werden allgemein alle Dramatisierungen von biblischen Ereignissen zusammengefasst.6 Das geistliche Spiel wird im Hinblick auf seine Gattungszugehörigkeit in der Regel dem Drama zugeordnet, hat aber auf jeden Fall in der Hochzeit im 14. und 15. Jahrhundert allgemein nichts mit dem Drama der Antike und der Neuzeit zu tun, in dem ein „aus Handlung, Person oder Weltzustand erwachsener, literarisch gestalteter Konflikt“7 im Zentrum steht. Es ist tatsächlich eine christliche Form des Theaters im mitteleuropäischen Mittelalter, „eingespannt zwischen Kultübung und Welttheater“8, die das christliche Heilsgeschehen in (melo)dramatischer Gestaltung vorführt. Die Ursprünge des geistlichen Spiels sind in der christlichen Liturgie zu finden, wie Rolf Steinbach in seinem Beitrag ausführlich darlegt.9 Ausgehend von allegorischen Auslegungen der christlichen Messe durch den mittelalterlichen Liturgietheologen von Metz und der daraus folgenden kunstvollen Erweiterung des Ostertrophus10 entwickelt sich im 9. und 10. Jahrhundert die liturgische Osterfeier, der Ausgangspunkt des mittelalterlichen Theaters. Immer mehr biblische Szenen wurden in die Osterfeier integriert, wodurch ab dem 13. Jahrhundert die umfangreichen und unter geistlicher Regie stehenden Osterspiele entstanden. Im Zuge der kontinuierlichen thematischen Erweiterung kamen durch die Einbeziehung der Leidensgeschichte Christi auch die ersten Passionsspiele auf. Als ältestes Passionsspiel gilt das „Benediktbeurer Passionsspiel“ aus dem Jahre 1300.11 Zur Blütezeit der Gattung, im 15. und 16. Jahrhundert, weiteten sich die Spiele zur Zeit der zentralen Feste des Kirchenjahres (v.a. Ostern, Weihnachten) zu „szenischen Kompendien der gesamten Heilsgeschichte“12 aus, die Aufführungsdauern von bis zu einer Woche hatten. Die Texte bestanden in der Regel abwechselnd aus Liedern und sogenanntem `Lektionsgesang`, einer Art Sprechgesang aus meistens paarweisen gereimten Versen.13 Inzwischen hatten sich nicht nur der Inhalt, sondern auch die Rahmenbedingungen der Spiele grundlegend geändert. Aus den kleinen, an der Liturgietheologie orientierten Theaterstücken waren nicht nur im deutschen Sprachraum groß angelegte, volkstümliche Massenveranstaltungen mit politisch-sozialem Bezug und entsprechender Wirkung und Sprengkraft geworden. Eine der wichtigsten Gründe dafür lag in der zunehmenden Einführung der Volkssprache. Zwar blieben bis ins 16. Jahrhundert wichtige Passagen in lateinischer Sprache verfasst, doch für weite Teile wurde die deutsche Volkssprache verwendet, wodurch die Zuschauer das Geschehen aktiv verfolgen konnten und auch von den Spielleitern so eingesetzt wurden. Nicht selten waren Hunderte von Menschen an den Spielen direkt beteiligt, mal als Zuschauer, mal als Schauspieler. Eine deutliche Trennung war oft gar nicht mehr zu ziehen. Angesichts der Massenaufläufe war die Kirche als Ort des Geschehens längst auch zu klein geworden. Zur typischen Bühnenform avancierte die Simultanbühne, bei der meist um einen Marktplatz herum neben- oder auch übereinander die verschiedenen Schauplätze aufgebaut waren und Zuschauer und Akteure gemeinsam von Szene zu Szene zogen.14 Auch der rein theologische Charakter der Passionsspiele ging zunehmend verloren. Natürlich blieb die christliche Botschaft inhaltlich im Zentrum, doch die Texte der Figuren und Charaktere wichen immer mehr von der rein biblischen Überlieferung ab und versuchten einen Bezug zur jeweiligen Gegenwart herzustellen. Das Spiel gewann also zunehmend eine didaktische Funktion und wurde zu einem pädagogisch-politischen Lehrstück. Dazu passte die Rolle der Spielansager (proclamtores), die jeweils in die Szene einführten und diese auch den Zuhörern erklärten.15 Umso mehr die Spiele zu „multimedialen szenischen Massenpredigten“16 wurden, so argumentiert u.a. Bremer, desto mehr wurden sie auch zu einem zentralen Instrument der öffentlichen Meinung. 17 Bremer erklärt diese Entwicklung mit dem Aufstieg des Bürgertums ab dem 13. Jahrhundert, das die Spiele vor allem als „Repräsentationsmittel“18 sah. Dass sich die Spiele immer mehr zu einem Spiegelbild der zeitgenössischen Wirklichkeit entwickelten, wird sich auch exemplarisch an der Darstellung der Juden in dem Frankfurter Passionsspiel zeigen, das von nun an im Mittelpunkt der Betrachtung stehen soll. Bevor es um die Darstellung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Juden im Spätmittelalter gehen wird, sollen zunächst zentrale Begriffe geklärt werden.

3. Die Juden im Spätmittelalter: Stereotype und Diskriminierung

3.1. Begriffe Antisemitismus - Antijudaismus

In der Forschung ist es umstritten, den Begriff Antisemitismus auch für die Zeit des Mittelalters zu verwenden, weil dieser erst im späten 19. Jahrhundert in einem anderen historischen Kontext und in einer eigenen, `modernen` Bedeutung entstanden ist. 19 Als der deutsche Journalist Wilhelm Marr 1879 erstmals im Zusammenhang mit der Ablehnung von Juden den Begriff Antisemitismus benutzte20, wollte er damit die grundsätzliche genetische Abstammungsverschiedenheit zwischen Juden und Nichtjuden betonen. Nicht der Religions-, sondern ein prinzipiell unüberbrückbarer Rassenunterschied trenne seines Erachtens nach die beiden Gruppen.21 Um diesen ab Ende des 19. Jahrhunderts immer populärer gewordenen rassistischen Antisemitismus, welcher der systematischen Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten Mitte des 20. Jahrhundert zugrunde lag, von der `traditionellen` christlichen Judenfeindlichkeit auch begrifflich zu unterscheiden, wird letztere in einigen Arbeiten als „Antijudaismus“ bezeichnet. Ich werde im Folgenden aber Wenzels Argumentation folgen, wonach „der Antisemitismus alle Erscheinungen des Judenhasses umfasse, die Judenfeindschaft der Antike und des Mittelalters ebenso wie den Antijudaismus in der christlichen Theologie“.22 Danach werde die Judenfeindlichkeit über die Jahrhunderte hinweg zwar mit unterschiedlicher Stoßrichtung (religiös, wirtschaftlich, rassisch) pseudorational legitimiert, dabei lassen sich aber immer wiederkehrende Stereotypen und Denkfiguren erkennen. Einen vollkommen `neuen` Judenhass gebe es also nicht, vielmehr bleibe das Grundmuster immer gleich. Im Folgenden sollen nun die im Mittelalter besonders ausgeprägten antisemitischen Denkfiguren kurz vorgestellt werden: die des „Gottesmörders“ und die des „Wucherers“.

3.2. „Wucherer und Christusmörder“: Antisemitische Stereotypen

Die Wurzeln des Antisemitismus liegen in dem historischen Konkurrenzkampf zwischen Juden- und Christentum, der dadurch noch emotional verstärkt wurde, dass sich das Christentum aus dem Judentum entwickelte. Das Selbstverständnis der Christen, in direkter Abgrenzung zu den Juden die `wahre` Religion zu verkörpern, führte dazu, dass die Juden als von Gott verlassen, ja als die Feinde Gottes dargestellt wurden. Zunächst in den entsprechenden Passagen im Neuen Testament niedergelegt, später dann in Predigten oder Pamphleten verbreitet und zugespitzt, entwickelte sich im frühchristlichen Europa eine tiefe antijüdische Grundhaltung, deren zentraler und schwerwiegendster Vorwurf lautete: Die Juden haben Jesus Christus, den Messias, verraten und sind an seinem Tod schuld.23 Als Strafe für ihre Mordtat seien sie von Gott dazu verdammt, „heimatlos in der Welt umherzuirren und durch ihre elende Existenz die Wahrheit des Christentums zu bezeugen.“ 24 Nach dieser klassischen christlichen Lesart des Antisemitismus sind die Juden das Böse und gleichzeitig der Beweis für die Richtigkeit des Christentums. Aber sie können sich retten, indem sie umkehren und zu Christen werden: durch Taufe.25

Auf Grundlage dieser religiös motivierten Feindschaft entstand mit der langsamen Änderungen der Wirtschaftsweise hin zur Geldwirtschaft ab dem 12. Jahrhundert ein zweites zentrales, ökonomisches Stereotyp: der Jude als „Wucherer“ und „Ausbeuter“. Von den meisten handwerklichen Berufen weitgehend ausgeschlossen, wurden Juden in den Handel getrieben, besonders in den Geldhandel, der ursprünglich den Christen aus kirchlichem Dogma verboten werden sollte und der deswegen zunächst vor allem von Juden betrieben wurde. Gleichzeitig hetzte die Kirche in Predigten und auf Konzilen gegen den „jüdischen Wucher“ und schuf damit in ideeller Allianz mit den christlichen Konkurrenten aus dem Bürgertum das bis in Gegenwart wirksame antisemitische Vorurteil vom `geldgierigen` Juden. Auch die biblische Stelle von der Vertreibung jüdischer Geldwechsel aus dem Tempel durch Jesus spielt dabei sicherlich eine konstituierende Rolle. Bereits im 13. Jahrhundert begannen Intellektuelle in diesem Zusammenhang von einem Charakterzug der Juden zu sprechen; sie seien „geborene Wucherer“, äußerte sich z.B. Thomas von Aquin26 und nahm damit die Essenz des späteren Rassenantisemitismus auf, der Juden genetisch bedingte unabänderliche Eigenschaften zuschrieb. Gerade dieses Beispiel macht deutlich, wie künstlich die strenge Trennung zwischen religiösem, ökonomischem und rassischem Antisemitismus ist. Im christlich geprägten Europa des Mittelalters verfestigte sich das Zerrbild des Juden als raffgierigen, gottlosen Zeitgenossen, der sich perfekt als „Sündenbock“27 und Projektionsfläche für alle Probleme eignete. Im Folgenden soll nun kurz dargelegt, wie sich diese Stereotype auf die konkreten Lebensbedingungen der Juden, speziell der Frankfurter Juden zur Zeit der Entstehung des Passionsspieles, auswirkte.

3.3 Sozialgeschichtlicher Kontext: Pogrome und Ghettoisierung

Mit der Ausbreitung des Christentums in ganz Europa ab dem 4./5. Jahrhundert nach Christus begann auch die systematische Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft. Als Anhänger einer feindlichen Religion wurden sie mit zahllosen Verboten aus der christlichen Berufswelt gedrängt und standen schon früh gegen Zahlung eines Zins unter `Schutz` des Königs, der sie aber vor allem als „Knechte“ verstand und oft gegen die ab dem 10. Jahrhundert verstärkten Verfolgungen nichts ausrichten wollte oder konnte.28 Im Rahmen von religiös aufgeheizten Ereignissen wie den Kreuzzügen im 11. Jahrhundert oder zu damaliger Zeit unerklärbarer Naturkatastrophen wie z.B. die Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts kam es landesweit immer wieder zu Vertreibungen, die mit Massakern und Massenmord einhergingen. Ab dem 14. Jahrhundert verschärften sich vielerorts die gesetzlichen antijüdischen Maßnahmen. So zielte das Wuchergebot gegen die Handelstätigkeit von Juden und wenn sie nicht gleich ganz vertrieben wurden, wurden sie in ein bestimmtes Wohngebiet, in ein Ghetto abgedrängt. So auch in Frankfurt, das im Spätmittelalter eine international bedeutsame Handelsstadt war und deren Judenschaft durch die Ausübung von klassischen Berufen: Geldwechsel und Pfandleihe zwar vergleichsweise wohlhabend, aber „nur widerwillig und aus finanziellen Gründen geduldet war, als `Kammerknechte`, die man nach Belieben schröpfte“29. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts mussten sie spezifische Abzeichen an ihrer Kleidung tragen (grauer Kreis) und in einem engen Wohnbezirk bei der Stadtmauer leben. 30 In Frankfurt ging es „den Juden so schlecht wie fast überall, mit dem Unterschied, daß (sic) man sie nicht vertrieb.“31 Um 1500 war die christliche Gesellschaft allgemein, nicht nur in Frankfurt, angesichts der Verweltlichungstendenzen der Kirche, angesichts einer Vielfalt von Epidemien und angesichts der `islamischen Bedrohung` aus dem Osten in einer tiefen Krise. Nicht wenige sahen angstvoll das `Ende der Welt` aufziehen.32 Nicht zuletzt die Juden hatten wieder als Sündeböcke für alle „Gebrechen der Christenheit“33 herzuhalten. Medium der verschärften Judenhetze war in Frankfurt gerade auch das Passionsspiel, wie im Folgenden aufgeführt wird.

4. Antisemitismus im „Frankfurter Passionsspiel“ von 1493

4.1 Spezifische Merkmale des „Frankfurter Passionsspiels“

Das FP in der Fassung von 1493 wird in der Regel als erstes großes Spiel im deutschsprachigen Raum genannt. Als Hauptschreiber und Spielleiter der Aufführung gilt der Gerichtsschreiber Johannes Kremer.34 Zum ersten Mal dauerte das Spiel mehrere Tage und die Teilnehmerzahl stieg in den Jahren bis 1498 auf über 300 Personen an. 35 Vor allem aber aufgrund seiner Entstehungsgeschichte gewinnt das FP von 1493 seine besondere Stellung.36 So hängt das Passionsspiel aufs engste mit der „Frankfurter Dirigierrolle“ (im Weiteren: FD) zusammen, das wohl zwischen 1315 und 1360, also mindestens 150 Jahre, früher entstanden ist. Wie Wenzel detailliert nachweist, entwickelte sich das große FP über mehrere nicht erhaltene Zwischenstufen aus der FD weiter, die ursprünglich nur Bühnenanweisungen und die Schlagverse enthielt.37 Zwar steht im Zentrum jeden Passionsspiels naturgemäß die durch die Bibel überlieferte Passion Christi, doch war es den Leitern durch die Auswahl der jeweiligen Szenen bzw. Erweiterung und Verkürzung ihres Umfangs möglich, den Inhalt den gewünschten Absichten anzupassen. Dies lässt sich durch die Nähe der beiden Frankfurter Spiele leicht dokumentieren; gerade was die Judenszenen betrifft, sind markante Änderungen zu bemerken. Insgesamt ist im FP die Zahl der Verse erheblich erweitert, es gibt mehr Szenen in deutscher Sprache und auch die Musik büßt ihre markante Rolle ein.38 Inhaltlich fällt auf, dass die Passion Christi noch mehr ins Zentrum rückt, so werden z.B. die in der Dirigierrolle nicht vorgesehene Geißelungsszene Jesu und die Kreuzigung episch und detailreich geschildert – Szenen, in denen sich die vermeidliche Niederträchtigkeit der Juden besonders gut darstellen lässt. So endet das Passionsspiel auch nicht mit der Freudenbotschaft der Auferstehung Jesu, sondern mit der Grablegung Christi. „Alles, worin FP (…) über FD hinausging, bezog sich auf den Gegensatz zwischen Jesus und Juden.“ 39 Auch die Judenbekehrungsszene in der Dirigierrolle, einzigartig in der Passionsspieltradition, findet im FP selbstverständlich nicht statt. Die Juden sind hier zur Gottlosigkeit verdammt und werden zum `Bösen an sich` stilisiert. Die wesentliche Intention des Schauspiels wird bereits in dem Prophetenvorspiel deutlich, mit dem das Passionsspiel eröffnet wird und das im Anschluss nun exemplarisch dargestellt wird.

4.2 dan die warheit uch losen soll: Das Prophetenvorspiel

In dem Prophetenvorspiel kommt es gleich zu einer direkten Konfrontation zwischen den Propheten, die die Messianität von Jesu Christus und damit die Richtigkeit des Christentums bezeugen, und den jüdischen Schriftgelehrten, die als uneinsichtig und ausschließlich an ihren Geldgeschäften interessiert dargestellt werden. Auf jede Prophetenrede folgt eine jüdische Gegenrede. Dabei charakterisiert bereits der jeweilige Redestil der gegnerischen Disputanten die beiden Parteien: die heiligen Propheten werden überzeugend und elegant, die jüdischen Vertreter ungehobelt, verbohrt und mit derber Gossensprache gezeichnet. Die jüdischen Vertreter weichen in ihren Antworten immer den Argumenten der Propheten aus und verhalten sich frech und respektlos. So wirft Rabbi Sandir in seiner zweiten Replik dem Propheten Salomon Vielweiberei vor („ du bijst ein vngetruen lip,/ du hast nach men dan tzwentzig wibe“ FP: V 128/12940 ) – sicherlich auch eine zeitgenössische Anspielung auf die Verweltlichungserscheinungen in der Kirche zu dieser Zeit – und nennt ihn gar einen „Teufelsboten“ („du wilt vns sagen von gotte/ vnd bist doch selbes ein dufelsbote“ FP: V 129/130). Immer wieder wiederholt sich die Grundstruktur, wonach die Juden auf die prophetischen Auslassungen mit billigen Diffamierungen und der Anpreisung des eigenen Pfandleihgeschäfts reagieren. Wie später auch Rabbi Lieberman („ Swiga, dummelicher man“ FP: V239) reagiert der Rabbi Joseph auf den erneuten Verweis von Daniel auf Jesu („ der war heilant Crist, der vns zu droste kunfftig ist“ FP: V141/142) zunächst mit rüden Beschimpfungen:

[...]


1 Vgl.: Dauven-van Knippenburg, Carla: Maria Magdalena als Katalysator des Antijudaismus im ‚Frankfurter Passionsspiel 1493‘, in: dies./ Helmut Birkhan, Sô wold ich in Fröiden singen. Festgabe für Anthonius H. Touber zum 65. Geburtstag, Amsterdamer Beiträge zur Älteren Germanistik 43/44, 1995, S. 161 -168. Hier: S. 162, Anm. 7.

2 Wenzel, Edith: 'Do worden die Judden alle geschant' - Rolle und Funktion der Juden in spätmittelalterlichen Spielen, München 1992.

3 Bremer, Natascha: Das Bild der Juden in den Passionsspielen und in der bildenden Kunst des deutschen Mittelalters, Frankfurt am Main, Univ., Diss., 1984.

4 Steinbach, Rolf: Die deutschen Oster- und Passionsspiele des Mittelalters – Versuch einer Darstellung und Wesensbestimmung nebst einer Bibliographie zum deutschen geistlichen Spiel des Mittelalters, Köln/Wien 1970.

5 Janota, Johannes (Hg.): Die hessische Passionsspielgruppe Frankfurter Dirigierrolle, Frankfurter Passionsspiel: mit den Paralleltexten der "Frankfurter Dirigierrolle", des "Alsfelder Passionsspiels", des "Heidelberger Passionsspiels", des "Frankfurter Osterspielfragments" und des "Fritzlarer Passionsspielfragments", Tübingen 1997.

6 Vgl.: Eming, Jutta: Gewalt im Geistlichen Spiel: Das Donaueschiger und das Frankfurter Passionsspiel, in: The German Quarterly 78.1 (2005), S. 1-22. Hier: S.1.

7 Sorensen, Bengt Algot: Geschichte der deutschen Literatur Band I: Vom Mittelalter bis zur Romantik, München 1997, S. 81.

8 Müller, Jan Dirk: Mittelalterliches Theater: Geistliches Spiel, in: Lüdeke, Roger/Richter, Virgina: Theater im Aufbruch – das europäische Theater der Frühen Neuzeit, Berlin/ New York 2008, S. 19–30. Hier: S. 20.

9 Der Eingangssatz seiner ambitionierten Gesamtdarstellung lautet schlicht: „Das geistliche Spiel des Mittelalters ist aus der Liturgie erwachsen“. Vgl.: Steinbach (1970), S. 3. Zum Folgendes siehe auch sein dortiges Unterkapitel: „Der Ursprung des mittelalterlichen geistlichen Spieles“, S. 3-25.

10 Ostertrophus bezeichnet den weiterentwickelten Eingangsgesang der Ostermesse, der inhaltlich den Gang der drei Frauen zum leeren Grab Jesu behandelt und dramaturgisch in Form eines kurzen Dialogs zwischen ihnen und dem Engel inszeniert wird. Vgl.:Ebda, S. 5.

11 Vgl.: Bremer (1984), S. 52.

12 Sorensen (1997), S. 83.

13 Ebda.

14 Vgl. u.a.: Ebda; o.V.: Mittelalterliches Drama und Theater - Geistliches Spiel. URL: http://www.literatur-im-foyer.de/Sites/Drama/geistlichesdrama.htm. Abrufdatum: 04. 10. 2010.

15 Manche Autoren sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer mittelalterlichen Form des „epischen Theaters“. Vgl.: Mittelalterliches Drama und Theater – Geistliches Spiel, Ebda.

16 Sorensen (1997), S.83.

17 Vgl.: Bremer (1984), S.51.

18 Ebda.

19 Praktisch jede Forschungsarbeit über Judenfeindlichkeit beschäftigt sich mit der Problematik der Terminologie. Vor allem aus Sicht der Mediavistik setzte sich Edith Wenzel sehr ausführlich mit dem Thema auseinander. Vgl.: Wenzel (1992), S. 22 - 30.

20 Vgl.: Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus, München 2002, S.6.

21 Nach dieser rassistischen Logik würden Juden auch nach einem Übertritt zum Christentum Juden bleiben.

22 Bergmann (2002), S. 22.

23 U.a: Ebda.

24 König, Julia, Was ist Antisemitismus - Judenfeindschaft von der Antike bis zur Neuzeit. Dossier Bundeszentrale für politische Bildung. URL: http://www.bpb.de/themen/YKUQ09,0,0,Judenfeindschaft_von_der_Antike_bis_zur_Neuzeit.html. Abrufdatum: 06. 10.2010. Ausführlicher dazu: Bremer (1984), S. 28f.

25 Über die Beziehung der Kirche zu den Juden u.a.: Ebda, S. 27-37.

26 So nach: Ebda., 32.

27 Vgl.: Prengel, Haiko: René Girards Sündenbocktheorie in Anwendung auf den Antijudaismus des Mittelalters: Das Frankfurter Passionsspiel von 1493, München 2002. Auch: Frey, Winfried, ZEHEN TUNNE GOLDES – Zum Bild des ‚Wucherjuden‘ in deutschen Texten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: Dauven-van Knippenburg, Carla, Helmut Birkhan, Sô wold ich in Fröiden singen. Festgabe für Anthonius H. Touber zum 65. Geburtstag, Amsterdamer Beiträge zur Älteren Germanistik 43/44, 1995, S. 177-194.

28 Dazu und zu dem Folgenden u.a.: Bergmann (2002), 23 f.

29 Frey, Winfried:Die Juden im Frankfurter Passionsspiel in: Gott in Frankfurt? Hg. von Matthias Benad. Frankfurt, 1987, S.34-42. Hier:S.36.

30 Vgl.: Alicke, Klaus-Dieter: Frankfurt am Main, in: ders.: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Bd.1: Aachen - Groß-Bieberau, Gütersloh 2008, S.753-770. Hier: S.754.

31 Winfried Frey, Passionsspiel und geistliche Malerei als Instrumente der Judenhetze in Frankfurt am Main um 1500. In: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv, Bd. XIII, 1984, S. 15-57. Hier: 19.

32 Vgl.: Frey (1987), S.35. Gerade der Reformator Martin Luther, ein besonders großer Hetzer gegen die Juden, sprach immer wieder von einer kommenden Apokalypse.

33 Ebda, 36. Ausführlicher dazu: Frey (1995).

34 Vgl.: Wolf, Klaus: Kommentar zur „Frankfurter Dirigierrolle“ und zum „Frankfurter Passionsspiel“, Ergänzungsband 1 „Die Hessische Passionsspielgruppe“, herausgegeben von Johannes Janota, Tübingen 2002, S. 335.

35 Vgl.: Frey (1987), S.36.

36 Minutiös: Wolf (2002), S.283-503.

37 Vgl.: Wenzel (1992), S.53- 58. Hier vor allem: S.53f. Sehr ausführlich auch für das Folgende das Unterkapitel „Die Entwicklung der deutschen Passionsspiele, dargestellt an den Frankfurter Spielen in: Steinbach (1970), S. 141-160. Zu den vielfältigen Frankfurter Spielzeugnissen wieder: Wolf (2002), S. 283-333.

38 Vgl.: Bremer (1984), S. 54. Mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede betont: Steinbach (1970), S.142ff.

39 Steinbach (1970), S.152.

40 Diese und die im Weiteren zitierten Verse sind der folgenden aktuellen kritischen Edition entnommen: Janota (1997).

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656708643
ISBN (Buch)
9783656710110
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277973
Note
Schlagworte
Antisemitismus Passionsspiele Vorurteile Literaturgeschichte Mittelalter.

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Titel: Antisemitismus in den geistlichen Spielen des Spätmittelalters am Beispiel des Frankfurter Passionsspiels von 1493