Lade Inhalt...

Wie grün ist Green Grabbing? Edle Absichten vs. Akkumulation durch Enteignung

Hausarbeit 2012 13 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie: Akkumulation durch Enteignung

3 Entstehung und Folgen von Land Grabbing

4 Green Grabbing - Umweltschutz auf Kosten der lokalen Bevölkerung

5 Fallbeispiele für Green Grabbing in Kolumbien und Bolivien

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Land Grabbing, Landraub, Landkauf, ausländische Direktinvestitionen - das hier behandelte Phänomen hat viele Namen, je nachdem, von welcher Stelle man davon hört. Zunächst bedeutet es, dass Industrieländer, aber auch beispielsweise China oder Südkorea Land in Entwicklungsländern, in denen scheinbar grenzenlos viel Land zur Verfügung steht, kaufen, um es für ihre Zwecke zu nutzen. Die Käufer bauen also u.a. Getreide an, mit dem sie die Nahrungsmittel ihrer eigenen Bevölkerung sichern, oder sehr häufig auch Soja. Da es nicht nur als Kraftstoff genutzt werden kann, sondern auch als Viehfutter, befriedigt es in den Industrieländern auch gleich das große Bedürfnis nach Fleisch.

Doch meist bleibt es eben nicht nur beim Kauf von Land. Häufig wird die lokale Bevölkerung gezwungen große Gebiete zu räumen, die dann zu Anbauflächen gemacht werden. Die Interessen der Einheimischen werden nicht in die Pläne mit einbezogen, vielmehr wird deren Umwelt durch Waldrodung, Erosion und Pestizide zerstört. Dem gegenüber steht nun das sogenannte Green Grabbing - ein Land Grabbing, das sich (zumindest nach außen hin) dem Umweltschutz verpflichtet. Hierbei wird Land gekauft, um es zu schützen, so wird es jedenfalls propagiert. Doch tatsächlich wird es nicht nur geschützt. Auch der Ökotourismus kommt ohne eine funktionierende Infrastruktur nicht aus. Wege und Straßen müssen angelegt, Unterkünfte gebaut werden. Diese Maßnahmen erfordern häufig, dass auch hier einheimische Bewohner „umgesiedelt“ werden.

Im Folgenden wird daher erörtert, wie Land Grabbing und/oder Green Grabbing mit David Harveys Theorie der Akkumulation durch Enteignung zusammenhängt. Dies stellt den ersten Teil dieser Arbeit dar, gefolgt von einem Abschnitt zu Land Grabbing im Allgemeinen. Im Anschluss werden Akteure, Folgen und Vorgehensweisen von Green Grabbing näher betrachtet. Anhand zweier Fallbeispiele soll Green Grabbing veranschaulicht werden, bevor zuletzt ein Fazit folgt.

2 Theorie: Akkumulation durch Enteignung

David Harveys Konzept der Akkumulation durch Enteignung ist eine Abwandlung von Karl Marx‘ Konzept der ursprünglichen Akkumulation. Was genau also versteht Marx unter ursprünglicher Akkumulation? Für ihn ist sie der allererste Schritt im Prozess von Kapitalanhäufung bzw. Kapitalüberschuss. Es findet eine Trennung des Produzenten von der Produktion statt, d.h. die Produktions- und Subsistenzmittel werden in Kapital umgewandelt und die eigentlichen Produzenten zu Lohnarbeitern gemacht, die von ihren Arbeitsmitteln enteignet werden. Die Mittel zur Trennung beinhalten eine gewaltsame, widerrechtliche Inbesitznahme von Gemeinbesitz und sogar parlamentarischen Raub, wenn Grundbesitzer per Gesetzeserlassung das Land der Menschen zu ihrem Privateigentum machen können (Glassmann 2006: 610).

Weiterhin schafft der Kapitalismus erstmals eine Gesellschaft, die auf einer Kontrolle über die Natur basiert und damit auch auf der systematischen Entwicklung von produktiven Kapazitäten und der Expansion von Bedürfnissen. Die ursprüngliche Akkumulation ist für Marx somit ein unausweichlicher Schritt in diese Richtung. Da Marx diese Form der Akkumulation nur als eine Phase der kapitalistischen Entwicklung betrachtete, war er der Überzeugung, dass die ursprüngliche Akkumulation irgendwann überall von einem normalisierteren Prozess einer sich ständig selbst erweiternden Reproduktion der kapitalistischen Produktion abgelöst wird. Die bereits erreichte Trennung des Produzenten von den Subsistenzmitteln erlaubt dabei allerdings auch die Ausübung von Gewalt und Enteignung, was wiederum oft zur Folge hat, dass sich soziale Protestbewegungen bilden (Glassmann 2006: 610f., 622).

Neo-Marxisten schieben nun den Fokus radikaler Sozialbewegungen weg von industriellen Arbeitern im Globalen Norden hin zu heterogeneren (d.h. populär-nationalistischen) sozialen Bewegungen im Globalen Süden. Als Grund führen sie an, dass die wichtigsten Revolutionen im 20. Jahrhundert nicht in den kapitalistischen Ländern des Globalen Nordens stattfanden, sondern in Russland, China und Kuba (Glassmann 2006: 612, 614).

Harvey, dessen Konzept der Akkumulation durch Enteignung als leicht veränderte Weiterführung von Marx‘ ursprünglicher Akkumulation weit diskutiert wurde und wird, stimmt Marx darin zu, dass Akkumulation von Kapital auf Raub, Betrug und Gewalt basiert. Allerdings sei dies nicht nur bei ursprünglicher Akkumulation der Fall, wie Marx es darstellt (Spronk und Webber 2007: 32). Er betont in seinen Ausführungen zudem die globale Expansion des Kapitalismus in die Peripherie. Zugkraft der Akkumulation durch Enteignung ist dabei die Privatisierung, da sie den Kapitalisten eine private Aneignung öffentlichen Eigentums ermöglicht. Die neoliberale Akkumulation durch Enteignung gilt für ihn als ein Versuch, die strukturellen Probleme der Überakkumulation zu überwinden, und stellt im neoliberalen Zeitalter die Hauptform von Akkumulation dar. Primär erhöhte auch die sinkende Ertragskraft seit der Krise des Fordismus Mitte der 1970er-Jahre die Intensität der Akkumulation durch Enteignung (Glassmann 2006: 620f.).

Schließlich unterscheidet Harvey in seinem Konzept vier Hauptprozesse: Privatisierung, Finanzialisierung, Management und Manipulation von Krisen sowie staatliche Umverteilung. Bei der Privatisierung gehen öffentliche Güter an private Unternehmen, z.B. wandert öffentliches Weideland in die Hand von Ökotourismusunternehmen oder Ackerland und/oder Wald an Bergbauunternehmen. Auch wenn dabei die Rechte der Armen gesichert werden sollen, ist dies trotzdem mit einer Entfremdung von Land und Natur verbunden (Fairhead, Leach und Scoones 2012: 243).

Die Finanzialisierung bezieht sich darauf, wie das Finanzsystem zum Zentrum einer Umverteilungsaktivität wird. Wie die Natur mit einer handelbaren, finanzialisierten Welt verbunden wird, ist dabei ein wachsendes Diskussionsfeld in der Wissenschaft: Dieser Prozess wird mit einer neuen Konzeptualisierung von Natur assoziiert, nämlich der Institutionalisierung von Ideen, Werten und Praktiken zu Natur und Ökologie. Dadurch entstehen neue „grüne“ Märkte - der finanzielle Wert der Natur hat eine Verräumlichung von Natur zur Folge und somit ergeben sich neue Potenziale für Ungleichheiten. „Grüner Handel“ ist schlichtweg der Handel mit Natur, der allerdings stark von Ungleichheiten abhängt: arm vs. reich, urban vs. ländlich, Globaler Süden vs. Globaler Norden. Ein Beitrag zur Verbesserung der oft zerstörten globalen Umwelt soll durchaus geleistet werden, aber vorzugsweise dort, wo es am billigsten ist oder die Schäden am geringsten sind (ebd.: 243- 245).

Harveys dritter Hauptprozess seines Konzeptes sind Management und Manipulation von Krisen, die auch bei Enteignungen bezüglich green grabs die treibende Kraft darstellen. Durch die Akkumulation einiger weniger findet die Enteignung vieler anderer statt, z.B. können verschuldete Staaten zu Liberalisierung und Privatisierung gezwungen werden, wie es u.a. bei den Strukturanpassungsprogrammen der 1980er-Jahre in vielen Entwicklungsländern der Fall war. Und schließlich ist die staatliche Umverteilung der vierte Hauptprozess. Fiskalpolitik soll generell Investitionen begünstigen (z.B. auch Landkauf) und begünstigt daher diejenigen, die Kapital besitzen, anstatt Einkommen und damit mehr Sicherheit für die ärmere Bevölkerung zu garantieren. Auch für Entwicklungsländer ist dieses Vorgehen jedoch attraktiv, da dann Kapital zu ihnen fließt, allerdings werden viele Investitionen auf Spekulationsbasis getätigt. Somit könnte es durchaus sein, dass die derzeitige Situation erst den Anfang von Green Grabbing markiert (ebd.: 245f.).

3 Entstehung und Folgen von Land Grabbing

Seit einigen Jahren ist in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ein „Land Grabbing“ genanntes Phänomen zu beobachten. Neutral formuliert bedeutet dies einfach nur „Landkauf“ - doch was steckt tatsächlich dahinter? Die Hauptursache des Land Grabbings liegt in der rapide wachsende Weltbevölkerung, die wiederum unterschiedliche Ansprüche stellt. In erster Linie muss sie mit Nahrungsmitteln versorgt werden, doch diese Aufgabe gestaltet sich zunehmend schwieriger, da zu den verfügbaren Flächen keine weiteren dazukommen und noch darüber hinaus aufgrund wenig fruchtbarer Böden, Erosion oder Desertifikation nicht alle für den Anbau geeignet sind. Gleichzeitig birgt auch der hohe Fleischkonsum Probleme, denn Vieh muss gehalten und gefüttert und dieses Futter großflächig angebaut werden. Und noch ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt kommt hinzu: Nicht nur in den Industrieländern, sondern auch vermehrt in Schwellenländern steigt die Nutzung von Kraftfahrzeugen und damit der Bedarf an Treibstoff ständig weiter an (FDCL o.J.).

Als vermeintlich einfache und praktische Problemlösung trat schließlich 2007/2008 das Land Grabbing in den Vordergrund. Länder wie China oder Südkorea und zahlreiche mehr fingen verstärkt an, Land in Entwicklungsländern zu kaufen, in denen es scheinbar ausreichend zur Verfügung stand. Dieses Land wurde bebaut, die Ernte ins eigene Land importiert und somit dort die Nahrungsmittelknappheit überwunden. Anfangs waren die Länder, in denen Land gekauft wurde, hauptsächlich afrikanische Staaten, doch mittlerweile wird auch viel in Lateinamerika und Asien angebaut. Allerdings steht Nahrungsmittelanbau, der tatsächlich auch zur direkten Nahrungsmittelversorgung dient, dabei nicht einmal im Vordergrund - eher die oben erwähnte Versorgung von Nutztieren sowie das Bereitstellen von Treibstoff (ebd.).

Verglichen mit Afrika bietet Lateinamerika ideale Voraussetzungen: Der Boden ist nicht nur günstig und fruchtbar, sondern Wasser auch leichter zugänglich, es herrscht eine stabilere Rechtssicherheit, die Infrastruktur ist besser ausgebaut. Innerhalb Lateinamerikas ist Brasilien das Land, in dem am meisten Land Grabbing zu verzeichnen ist, nicht allein aufgrund seiner großen Fläche. 25% des Zuckers weltweit kommt von Zuckerrohrplantagen in Brasilien, aber besonders die Anbauflächen für Soja sind gewachsen - zwischen 2000 und 2005 von knapp 15 Mio. ha auf knapp 25 Mio. ha. Damit steht Brasilien global an erster Stelle der Sojaexportländer.

[...]

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656708681
ISBN (Buch)
9783656709398
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277952
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,7
Schlagworte
green grabbing edle absichten akkumulation enteignung

Autor

Zurück

Titel: Wie grün ist Green Grabbing? Edle Absichten vs. Akkumulation durch Enteignung