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Die Kathedrale von Chartres als bedeutender gotischer Sakralbau. Aufbau und Besonderheiten

Hausarbeit 2009 40 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Kathedrale von Chartres
2.1. Grundriss
2.2. Außenbau der Kathedrale
2.2.1. Westfassade
2.2.2. Langhaus
2.2.3. Querhausfassaden
2.2.4. Chor
2.3. Das Innere der Kathedrale
2.3.1. Aufriss
2.3.2. Chor
2.4. Baugeschichte
2.5. Vergleiche mit anderen gotischen Kathedralen
2.5.1. Vorbilder / Vorgänger
2.5.2. Chartres als Vorbild

3. Fazit

4. Abbildungen

5. Abbildungsverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Stilepoche der Gotik entstand um 1140 in der Île-de-France und breitete sich von dort in ganz Europa aus, bis sie um 1500 mit dem Ende des Mittelalters von der Renaissance abgelöst wurde. Der Bau- und Kunststil ist „[…] das Endresultat des im romanischen Stile immer lebhafter hervortretenden Strebens nach dem vollkommenen Ausdruck der Einheit zwischen dem Ganzen und den Teilen […]“[1]. In der Architektur kommt dieser Anspruch bei den Kathedralbauten zur Geltung, indem der Innenraum als Raumeinheit konzipiert wird, was die Verschmelzung von Säulen, Wandvorlagen, Fensterrahmen und Gewölbe zur Folge hat.[2] Die massiven Mauern der Romanik werden mithilfe von Strebepfeilern aufgelöst und Wandflächen zugunsten von Fenstern reduziert. Das Resultat ist eine „Lichtarchitektur“[3], die zusammen mit der gesteigerten Höhe und Weite des Gebäudes den Gedanken der Gegenwart Gottes, der Kathedrale als „irdisches Abbild des Himmlischen Jerusalem“[4], erweckt.

Frankreich als Quelle gotischer Architektur spielt für die Entwicklung des klassischen Kathedralschemas eine maßgebende Rolle. Zu den bedeutendsten französischen Sakralbauten dieser Zeit, die einen entscheidenden Beitrag zur Entfaltung der gotischen Charakteristika geleistet haben, zählt auch die Kathedrale von Chartres, welche das Thema dieser Hausarbeit bildet.

Ziel des Aufsatzes ist es einen allgemeinen Überblick über den Aufbau der Kathedrale zu geben und dabei die Besonderheiten bzw. Neuerungen gegenüber Vorgängerbauten herauszuarbeiten. Die Beschreibung des Gebäudes wird von West nach Ost erfolgen. Ausgewählte Vergleiche sollen dabei unterstützend herangezogen werden um die Bedeutung des Bauwerkes für die Stilepoche der Gotik zu demonstrieren.

2. Die Kathedrale von Chartres

2.1. Grundriss

Bei der Kathedrale von Chartres handelt es sich um einen kreuzförmig angelegten Bau mit einem dreischiffigen Langhaus und einem weit ausladenden Querhaus, welches sich ebenfalls aus drei Schiffen zusammensetzt. Im Westen erhebt sich eine Fassade, die weit über die Fluchtlinien des Langhauses hervorstößt und von zwei ungleichen, annähernd quadratischen Türmen flankiert wird. Ein fünfschiffiger Chor gliedert sich im Osten an das Querhaus an, der von einem doppelten Umgang mit Kapellenkranz abgeschlossen wird (siehe Abb. 1).

Die Zweiturmfassade umklammert zwei Joche, die ohne Trennung in das Hauptschiff münden. Die beiden Türme hingegen werden von dicken Mauern von den Seitenschiffen separiert.

Das Langhaus setzt sich aus sieben querrechteckigen Jochen zusammen, dessen Abmessungen variieren. Die Seitenschiffe weisen nahezu quadratische Raumeinheiten auf. Das Mittelschiff ist im Grundriss dominierend, da es etwas mehr als die doppelte Breite eines Seitenschiffes einnimmt.

Das Querhaus besteht aus 6 Jochen und wird von der Vierung unterbrochen, die nach drei Jochen folgt und genau in der Mitte der gesamten Längenerstreckung der Kathedrale liegt. Die Vierung ist ebenso wie die Raumeinheiten der Querhausseitenschiffe leicht queroblong. Die Joche des Hauptschiffs wiederum sind ebenfalls querrechteckig und unterscheiden sich in ihrer Länge. An die beiden Fassaden des Querhauses schließt sich jeweils eine Vorhalle an. Über den beiden äußersten Jochen der Seitenschiffe befindet sich jeweilig ein annähernd quadratischer Fassadenturm.

Vier gerade Joche bilden den Chor. Die Apsis hat einen 7/12 – Schluss und wird von zwei Chorumgängen eingefasst (entsprechend der Verdopplung der Seitenschiffe im Langchor). Die Raumeinheiten der äußeren Chorseitenschiffe sind etwas schmäler als die inneren Seitenschiffe und somit fast quadratisch, während die restlichen Joche des Chors queroblong sind. Stark und seicht hervorspringende Kapellen wechseln sich am Chorumgang ab. Während die Scheitelkapelle und die Diagonalpolygone mit fünf Seiten des Achtecks nach außen schließen, handelt es sich bei den anderen Radialkapellen lediglich um Ausbuchtungen der Umgangsmauer. Dies hat Auswirkungen auf die Gewölbe: Die großen Kapellen wurden mit einem eigenen Gewölbe versehen, während die Gewölbe der flachen Polygone mit den Gewölben des äußeren Chorumgangs zusammengezogen sind. Hier muss man wiederum zwischen den beiden westlichsten und den anderen beiden Kapellen differenzieren, da die ersteren aus drei Seiten bestehen und letztere nur aus zwei gebildet werden. Daraus resultiert ein rhythmischer Wechsel der Gewölbe des äußeren Rings; je nach Zahl der vorspringenden Seiten ändert sich auch die Zahl der Gewölbeeinheiten. Der innere Chorumgang hingegen weist durchgängig trapezförmige Gewölbe auf. Betrachtet man die übrigen Gewölbe der Kathedrale in Lang-, Querhaus und Langchor, so stößt man ausschließlich auf vierteilige Kreuzrippengewölbe, die dazu beitragen, dass jede Wölbung genau ein schmales Joch überspannt (und nicht mehr zwei Joche wie es beim sechsteiligen Kreuzrippengewölbe der Fall ist).

2.2. Außenbau der Kathedrale

2.2.1. Westfassade

Die Westfassade setzt sich aus zwei ungleichen Türmen und einem Mittelteil, der sich in eine dreiteilige Portalanlage, eine große Dreierfenstergruppe und eine Fensterrose untergliedert, zusammen (siehe Abb. 2).

Die Asymmetrien des Westbaus lassen sich darauf zurückführen, dass dieser Teil der Kathedrale nicht in einem Zug errichtet worden ist (siehe 2.4.). Bis zu den Turmfreigeschossen bildet die Fassade ein Massiv, das in drei nahezu gleich breite Abschnitte unterteilt ist, welche von den beiden Türmen und dem Mittelteil gebildet werden. Die Turmpartien sind nur mit wenigen Fenstern versehen, während die Mittelwand durch die großen Fenster und die Portale stärker geöffnet ist. Außerdem bewirken die Strebepfeiler und Blenden an den Turmabschnitten ein plastisches Erscheinungsbild, das im Kontrast zum flächig konstruierten Mittelteil steht.[5]

Der Mittelteil (siehe Abb. 3) wird im unteren Bereich vollständig von der dreitorigen Portalanlage ausgefüllt, die sich durch spitze Tympana und Archivolten auszeichnet. Das Hauptportal ist breiter und höher als die beiden Seitenportale und lässt eine größere Tiefe erkennen, die durch eine zusätzliche vierte Archivolte hervorgerufen wird. Tympana, Archivolten und Gewände weisen reichen Skulpturenschmuck auf. Unmittelbar über dem die Portalmauer abschließenden Konsolgesims liegt ein Gruppenfenster, das in seiner Dreiteiligkeit das Motiv der Portalanlage wiederholt.[6] Die Fenster gleichen in ihrer Größe den Portalen und sind von Gewänden eingefasst. Eine Verbindung zwischen Portalanlage und Gruppenfenstern schaffen die Wandvorlagen, welche die Portale horizontal voneinander trennen und sich über dem Konsolgesims zwischen den Fenstern fortsetzen (siehe Abb. 4). Portal- und Fensterzone sollen als architektonische Einheit verstanden werden.[7] Unmittelbar über den Fenstern schließt sich ein mit Blattfries besetztes Gesims an, über dem sich eine gewaltige Fensterrose öffnet. Die Rose liegt in einer Wandsenkung und wird von zwei breiten Lisenen horizontal gerahmt. Sie besteht aus einem zentralen Okulus, einem Kreis aus Arkaden und 12 mit Bogenkränzen gerahmten Okuli, die mit Vierpässen am äußeren Rand alternieren. Ein zweifacher Profilring umschließt die Rose. Ein Abschlussgesims mit Laufgang bildet den weiteren Aufbau der Fassade. Darüber erhebt sich die Königsgalerie, welche die beiden Türme verbindet. Hinter der Königsgalerie ragt der dreieckige Dachgiebel hervor, der mit Fialen, einem Wimperg und einer Kreuzblume geschmückt ist und eine Madonna mit zwei knienden Engeln in einer Nische zeigt.

Die Türme weisen bis zum Gesims unter der Königsgalerie einen ähnlichen Aufbau auf. Sie sind mit drei Strebepfeilern versehen, wobei zwei die äußeren Seiten und einer die Mitte des jeweiligen Turms betonen. Unterschiede gibt es bei der horizontalen Gliederung der Wandflächen: Der Nordturm ist in vier Abschnitte unterteilt, wobei der dritte keine Fensteröffnungen aufweist, sondern nur durch die sich verjüngenden Strebepfeiler gegliedert ist, während der Südturm in drei Partien aufgeteilt ist. Das zweite Geschoss nimmt die Größe von den zwei sich auf gleicher Höhe befindlichen Abschnitten des Nordturms ein und ist reicher verziert (u.a. mit Doppelblenden). Das darüber liegende Geschoss ist dann wieder auf beiden Seiten sehr ähnlich gestaltet mit stark zurückspringenden Doppelfenstern (Unterschiede gibt es nur in der Profilierung). Dieses Geschoss wird von einem schmalen Gesims abgeschlossen und bildet das einzige horizontale Element der Westfassade, das über alle drei Fassadenteile ohne Unterbrechung hinweg läuft (siehe Abb. 5).

Der frei stehende Teil des Südturmes setzt sich aus einem Oktogon und einem riesigen Helm zusammen. Die Seiten des Achtecks tragen Giebel, welche als Vorläufer der in der späteren gotischen Architektur verwendeten Wimperge zu sehen sind.[8] Außerdem sind an den diagonalen Seiten des Turms Ecktürmchen befestigt, die das Motiv des hochgotischen Baldachins vorbereiten.[9] Der Ansatz des Steinhelmes wird mit Hilfe der Giebel verschleiert und erzeugt so einen fließenden Übergang.[10]

Der freistehende Teil des Nordturms wurde von Jean de Beauce im frühen 16. Jahrhundert errichtet. Es handelt sich um ein spätgotisches Element, das sich durch reiche Verzierung im „style flamboyant“ auszeichnet. Der Turm steht mit seiner Filigranität in starkem Kontrast zur Wuchtigkeit der Fassade und des Südturms (siehe Abb. 6).[11] Der Nordturm setzt sich aus einem Laufgang, einem hohen Glockengeschoss und einem offenem Achteck aus Pfeilern und Bögen zusammen. Das Oktogon wird von einem Gesims und einer Brüstung abgeschlossen, welche den Helmansatz verbergen. Der Helm besteht aus einer achteckigen Pyramide, die mit Krabben verziert ist. Die beiden Türme sind trotz aller stilistischen Unterschiede im Aufbau ähnlich. Bei beiden Türmen werden der Übergang von den quadratischen zu den oktogonalen Turmteilen, sowie der Helmansatz verschleiert.[12]

2.2.2. Langhaus

Das Langhaus (siehe Abb. 7, 9) wird von seinen stark hervorspringenden Strebepfeilern bestimmt. Diese fußen auf einer enormen Sockelzone, die durch kleine Rundbogenfenster, die noch Teil der alten romanischen Krypta sind, unterbrochen wird. Den Hauptteil der Seitenschiffmauer füllen einfache Lanzettfenster zwischen den Strebepfeilern fast vollständig aus. Die Strebepfeiler verjüngen sich im Bereich der Seitenschiffmauer insgesamt dreimal. Sie werden durch Gesimse, Rücksprünge und Wasserschläge gegliedert. Ein kräftiges Kranzgesims schließt die Seitenschiffmauer ab und läuft über die Strebepfeiler hinweg. Darüber befindet sich ein Laufgang, der durch die Strebepfeiler hindurchführt und durch eine Brüstung gesichert ist. Im Abschnitt der Hauptschiffmauer sind in die Strebepfeilerfronten schmale Nischen mit Satteldach eingelassen, in denen ein Repräsentant der Kirche erscheint. Dahinter springt der Strebepfeiler stark zurück und wird von einem Dreieckgiebel bekrönt, hinter dem eine Schräge ansteigt. Über der Schräge steigt der Strebepfeiler noch ein Stück an, um abschließend von einer Stufenpyramide bekrönt zu werden. Insgesamt drei Strebebögen verbinden die Strebepfeiler mit der Hochschiffwand (siehe Abb. 8). Die ersten beiden sind durch eine Säulenarkatur zu einer Einheit zusammengeschlossen, was zu einer erhöhten Widerstandsfähigkeit führt.[13] Der untere der beiden Bögen ruht auf einer kleinen Säule, deren Schaft von Joch zu Joch zwischen rund und achteckig alterniert. Hier wird der Stützenwechsel aus dem Inneren der Kathedrale widergespiegelt (siehe Abb. 10).[14] Über der erwähnten Stufenpyramide sitzt der dritte schmalere Strebebogen, der sich bis zum oberen Rand der Mittelschiffmauer emporschwingt. Zwischen den Strebepfeilern und – bögen im Bereich des Obergadens, der in seiner Höhe mit der Seitenschiffwand übereinstimmt, wird die Wand von einem Gruppenfenster (Lanzettenpaar) und einem Okulus, der in der Art einer Fensterrose komponiert ist, ausgefüllt. Rundbögen über den Okuli, die tiefe Nischen bilden, schließen die Fenster zum oberen Mauerrand ab.

Insgesamt ist die Massivität und Monumentalität des Strebewerks hervorzuheben. Dies führt zu einer stärkeren Geschlossenheit des Außenbaus. Als Grund für die Mächtigkeit der Strebepfeiler wird mangelnde Erfahrung mit dem entstehenden Gewölbedruck einer so gewaltigen Kathedrale angeführt.[15] Bei Dieter Kimpel und Robert Suckale ist von einem „dialektischen Verhältnis“[16] zwischen Innenaufriss und Strebewerk die Rede. Der Innenaufriss gewinne an Monumentalität und das Äußere an Gestalt.[17]

2.2.3. Querhausfassaden

Bei den beiden Querhausfassaden handelt es sich um mächtige Zweiturmfassaden, die sich aus einer breiten Mittelpartie und zwei schmalen Türmen zusammensetzen (siehe Abb. 11). Tiefe Vorhallen verlängern die dreiteiligen Portale nach außen, welche über eine ausladende Treppe zu erreichen sind. Die Portalarchivolten werden von mächtigen Spitztonnen fortgesetzt, die wiederum von Giebeldächern aus Stein bekrönt werden. Die Spitztonnen ruhen auf Freipfeilern, sodass ein Durchgang von Portal zu Portal entsteht. Die seitlichen Tonnen der südlichen Querhausfassade ruhen auf von dünnen Säulchen umstellten Pfeilern, die den Pfeilern ihre Schwere nehmen (siehe Abb. 12).[18] Auf der Nordseite hingegen ruhen die Tonnen auf einer Vielzahl von Säulchen und schlanken Mauerstücken, die Brigitte Kurmann-Schwarz als „ausgehöhlte bzw. diaphane Stützen“[19] bezeichnet hat (siehe Abb. 13). Auf der Südseite sind die Stützen der Vorhallen mit Figurenbaldachinen versehen, die von zwei kleinen Helmen bekrönt werden (siehe Abb. 12). Auf der Nordseite fehlt dieses Element völlig und offenbart die nackte Mauerwand. Die Portale weisen wie das Westportal reichen Skulpturenschmuck auf, der nicht nur die Archivolten, Tympana, Gewände und Säulen, sondern auch die Spitztonnen im inneren Bereich schmückt. Der Mittelteil der Fassaden wird von einer riesigen Fensterrose dominiert. Unterhalb der Rose füllen fünf große Lanzettfenster die Fläche aus. Auf der Nordseite wurden Fenster und Rose noch weiter zusammengerückt, sodass der Eindruck einer einheitlichen Verglasungsfläche verstärkt wird (siehe Abb. 11).[20] Das Rosenmaßwerk unterscheidet sich darin, dass die Nordrose netzartig gestaltet ist und so als Vorstufe der filigranen Bauweise der Spätgotik gelten kann.[21] Die Westrose dagegen wirkt wuchtig und viel architektonischer. Die Südrose bildet eine Zwischenstufe mit ihrem „Charakter eines steinernen Gestänges“ (siehe Abb. 14-16).[22]

Die Türme werden an den Ecken von Strebepfeilern betont und im obersten Geschoss von Doppellanzetten vollständig geöffnet. Auf der Südseite sind das Sockelgeschoss und die Strebepfeiler mit schlanken Säulchen verhüllt und nehmen der Mauer jede Schwere.[23] An beiden Fassaden verbindet eine Arkatur über dem Kranzgesims die Strebepfeiler. Darüber steigt der Dachgiebel in die Höhe. Der südliche Dachgiebel wird zusätzlich von zwei achteckigen Türmchen gerahmt.

Die Querhäuser sind in ihrer Monumentalität und ihrem Aufwand in der Ausführung zu diesem Zeitpunkt einzigartig.[24]

2.2.4. Chor

Zwischen Langhaus und Chor sind mehrere prägnante Unterschiede zu bemerken, die besonders durch die höhere Komplexität des Chores hervorgerufen werden (siehe Abb. 17). Die Strebepfeiler des Chores sind wesentlich schmaler als am Langhaus, sodass die Seitenschifffenster im Langchor in Form eines Lanzettpaares, einem kleinen Okulus und einem Entlastungsbogen erweitert werden konnten (ähnlich den Obergadenfenstern). Im Bereich der Kapellenpolygone füllen einfache Lanzettfenster die Seiten zwischen den Strebepfeilern aus. Ein Laufgang zieht sich um alle Kapellen herum und setzt sich am Langchor fort. Die Obergadenfenster des Langchors sind mit denjenigen von Quer- und Langhaus identisch. Die Fenster der Hauptchorapsis bilden dagegen einfache Lanzetten. Die Verdopplung der Seitenschiffe im Chor führt auch zu einer Verdopplung des Chorstrebewerks (siehe Abb. 18). Die äußeren Strebepfeiler werden von Ädikulen geschmückt. Diese sind mit den Figurennischen der Langhausstrebepfeiler vergleichbar, unterscheiden sich jedoch dadurch, dass Freisäulen und keine Figuren in den von vier Säulchen getragene Elementen platziert sind. Laut Jan van der Meulen ist mit der Säule die Bedeutung einer Gestalt fest verknüpft und führt so die Austauschbarkeit beider Formzeichen vor.[25] Von den Dreiecksgiebeln der Ädikulen schwingen sich Strebebögen über dem äußeren Seitenschiff zu den Zwischenpfeilern hinüber. Das innere Seitenschiff überspannen wie am Langhaus drei Strebebögen. Auch hier sind die beiden unteren Strebebögen durch eine Arkatur miteinander verbunden. Diese wird aber nicht aus vollplastischen Säulchen gebildet, sondern aus einer flachen Steinplatte mit spitzbogigen Lanzettöffnungen. Hier macht sich im Vergleich zum Langhaus der Wandel vom „Gliedhaft-Plastischen“[26], von der „wuchtigen Schwere“[27] zum „Folienhaft-Durchsichtigen“[28], vergleichbar mit einem „dünnen Gitter“[29], bemerkbar (siehe Abb. 19, 20). Die Verwendung von schmalerem Strebewerk kann dadurch erklärt werden, dass so massive Strebepfeiler wie am Langhaus die Chorkapellen stark verdunkelt hätten.[30] Eine andere Begründung geben Kimpel und Suckale, indem sie auf den Grundriss, der durch die Krypta bestimmt war, verweisen, der in seiner radialen Anordnung der Polygone eine breitere Stirnfläche der Strebepfeiler verhindert.[31] Die Chorflankentürme gehören in statischer Hinsicht zum Strebewerk und übernehmen die Funktion der äußeren Strebebögen.

2.3. Das Innere der Kathedrale

2.3.1. Aufriss

Chartres weist einen dreiteiliges Aufrisssystem auf, das sich in Arkadenzone, Triforium und Obergaden gliedert (siehe Abb. 21, 22). Der Wegfall der Empore führt zu einer Vergrößerung der Fensterfläche und zu höheren Seitenschiffen, deren Fenster wiederum zu einem höheren Lichteinfall beitragen.[32] Der künstlerische Gedanke des „durchleuchteten Raumes“[33] soll für diese Art der Konstruktion entscheidend gewesen sein. Arkaden und Obergaden sind exakt gleich hoch und werden genau in der Mitte vom Triforium, einem Laufgang, voneinander getrennt. Die Arkaden stehen auf kantonierten Pfeilern. Diese Art von Stütze zeichnet sich dadurch aus, dass an den Kanten des Pfeilers Vorlagen angebracht sind, die sich mit dem Pfeilerkern verbinden und man deswegen auch von einem Verschmelzen der beiden Elemente sprechen könnte. Daraus entstand der Vorteil, dass die Pfeiler aus einzelnen Steinplatten in Schichten aufgemauert werden konnten und somit eine serielle effizientere Produktion möglich wurde. In der Kathedrale von Chartres gibt es einen Stützenwechsel bei den kantonierten Pfeilern: Pfeiler mit achteckigem Kern und vier runden Säulen wechseln sich mit runden Pfeilerkernen, die von vier oktogonalen Schäften umgeben sind, ab (siehe Abb. 21, 22). Die Abwandlung der Stützen führt dazu, dass der Betrachter zwei Joche als Einheit empfindet; je zwei Joche ergeben im Grundriss ein Quadrat. Hier hat der Stützenwechsel also die Funktion die Trennung der Joche zu betonen.[34] Jede der vier Säulen ist mit einem Element der Arkade oder des Gewölbesystems verbunden. Zwei Säulen stützen die Arkaden des Mittelschiffs, eine fängt den Gurtbogen zwischen zwei Seitenschiffgewölben auf und die vierte, dem Mittelschiff zugewandte, Säule trägt das fünfteilige Dienstbündel, das zum Hochschiffgewölbe empor läuft. Dies führt zur Aufhebung des Gegensatzes zwischen der Schwere des Pfeilers und den Diensten, die in die Höhe streben.[35] Außerdem wird durch den durchlaufenden Dienst die Arkadenzone mit einbezogen, was zur Betonung der Vertikaltendenz des Systems führt (siehe Abb. 21, 22).[36] Kimpel und Suckale verweisen auf das „subtile Ambivalenzverhältnis“[37] zwischen Pfeilerkern und Vorlagen. So betone der durchgehende Kämpfer die Zusammengehörigkeit der beiden Formen, während die Dienstkapitelle, die nur halb so hoch wie die Pfeilerkernkapitelle sind, deren Eigenständigkeit hervorheben.[38] Die Dienste wiederum setzen sich in Rippen des Gewölbes fort: in den Schildbögen, dem Gurtbogen und den Diagonalrippen (siehe Abb. 23). Gurt- und Rippenbögen werden verschieden behandelt. Die Gurtbögen weisen ein breiteres Profil auf. Dieser Unterschied wird in den späteren gotischen Bauten mit der Entwicklung zur rippengleichen Gotik eliminiert.

[...]


[1] Jakob, Georg: Die Kunst im Dienste der Kirche, Landshut 21870, S. 69.

[2] Vgl. [Art.] Gotik. In: Der Brockhaus Kunst. Künstler, Epochen, Sachbegriffe. Hrsg. von der Lexikonredaktion des Verlages F.A. Brockhaus, Mannheim 2006, S. 320.

[3] Ebd.

[4] Oster, Uwe A. (Hrsg.): Die großen Kathedralen. Gotische Baukunst in Europa, Darmstadt 2003, S. 15.

[5] Vgl. Kurmann-Schwarz, Brigitte/ Kurmann, Peter: Chartres: die Kathedrale, Regensburg 2001, S. 30f.

[6] Vgl. ebd., S. 31.

[7] Vgl. Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 31.

[8] Vgl. ebd., S. 34.

[9] Vgl. ebd., S. 36.

[10] Vgl. Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 37.

[11] Vgl. ebd., S. 38.

[12] Vgl. ebd., S. 39.

[13] Vgl. Mâle, Emile: Notre-Dame de Chartres, Paris 1994, S. 75.

[14] Vgl. Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 59.

[15] Vgl. Kimpel, Dieter/ Suckale, Robert: Die gotische Architektur in Frankreich: 1130 - 1270, München 1985, S. 252.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 62.

[19] Vgl. Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 62.

[20] Vgl. ebd., S. 70.

[21] Vgl. Kimpel, Die gotische Architektur, S. 254.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 62.

[24] Vgl. Meulen, Jan van der/ Hohmeyer, Jürgen: Chartres: Biographie der Kathedrale, Köln 1984, S.94.

[25] Vgl. Meulen, Chartres, S. 124.

[26] Ebd., S. 129.

[27] Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 66.

[28] Meulen, Chartres, S. 129.

[29] Kurmann-Schwarz, Chartres, S. 66.

[30] Vgl. Meulen, Chartres, S. 129.

[31] Vgl. Kimpel, Die gotische Architektur, S. 253.

[32] Vgl. Mâle, Notre-Dame de Chartres, S. 68.

[33] Simson, Otto von: Die gotische Kathedrale. Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung, Darmstadt 1992, S. 282.

[34] Vgl. Kimpel, Die gotische Architektur, S. 253.

[35] Vgl. Simson, Die gotische Kathedrale, S. 289.

[36] Vgl. Pevsner, Nikolaus: Europäische Architektur von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 31997, S. 160.

[37] Kimpel, Die gotische Architektur, S. 253.

[38] Vgl. ebd.

Details

Seiten
40
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656711865
ISBN (Buch)
9783656713180
Dateigröße
8.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277861
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
Gotik Chartres Kathedrale Architektur

Autor

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