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Die Dekonstruktion - Jacques Derridas Sprachlogik

Hausarbeit 2003 18 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung und Zielsetzung

2. Literaturbegriff und –theorie

3. Friedrich Nietzsche als ein philosophischer Vorläufer Jacques Derridas

4. Poststrukturalismus

5. Dekonstruktion und Derridas Zeichentheorie

6. Konsequenzen für die Literaturkritik

7. Ausblicke und Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

Im Sommersemester 2003 besuchte ich das Seminar „Literaturtheorie“, in dem diesbezügliche wissenschaftliche Lektüreverfahren vorgestellt wurden. Am Beispiel des Erstlingswerkes von Johann Wolfgang von Goethe „Die Leiden des jungen Werther“ beleuchteten die Studenten unter anderem Ansätze und Positionen der Hermeneutik und der historischen Diskursanalyse, der strukturalistischen Zeichentheorie Ferdinand de Saussures, weiterhin die Bedeutung Sigmund Freuds Psychoanalyse als auch feministischer Theorien für die Literatur sowie die Dekonstruktion des französischen Kultur- und Sprachphilosophen Jacques Derrida (*1930). Über letzteres Konzept hielten mein Kommilitone Andreas Moser und ich ein Referat. In dieser Hausarbeit geht es folglich um diese Theorie, die ein wichtiges Verfahren zur Interpretation von Texten darstellt und um welche seit Erscheinen in den 1960er Jahren eine lebendige Diskussion innerhalb der Philosophie, aber auch der Literaturwissenschaft entfacht ist.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es in erster Linie, diejenigen philosophischen Ansätze Derridas herauszuarbeiten, welche für eine Interpretation von Literatur relevant erscheinen. Dazu werde ich jene Ideen der poststrukturalistischen Wissenschaftskritik verfolgen, die ein konsequentes Infragestellen der abendländischen Metaphysik bedeuten, aus welchem im Ergebnis die Forderung der Dekonstruktivisten nach einem freieren Lesen erwächst.

Mein Bemühen ist es zum einen, den Einfluss der Arbeiten des Philosophen Friedrich Nietzsches auf Anschauungen Derridas darzustellen, zum anderen werde ich versuchen, die Kritik Derridas am strukturalistischen Zeichenmodell de Saussures zu begründen. In einem nächsten Schritt gilt es dann, die Methode der Dekonstruktion zu erläutern. Anschließend stelle ich die sich daraus ergebenden Konsequenzen für eine Interpretation von Texten vor, um in einem persönlichen Fazit übergreifende Erkenntnisse zu formulieren.

2. Literaturbegriff und –theorie

Das Vorhandensein von Literaturtheorien impliziert Literatur. Wenngleich „ ... Literatur nicht wirklich `objektiv` definiert werden kann“1, ist doch unbestritten, dass es sie gibt. Terry Eagleton meint: „Literatur, ... , ist nicht-pragmatischer Diskurs“2, sie solle als etwas aufgefasst werden, was auf den allgemeinen Zustand der Welt verweise.

Literaturtheorien versuchten nun dabei, die Fülle konkreter literarischer Phänomene auf abstrahierende Art und Weise zu erfassen, welche auf `etwas in der Welt` - im Außen - verwiesen. Der Anspruch ist, unabhängig von der Position, sehr hoch. Friedrich Schleiermacher als Vertreter der Hermeneutik macht deutlich: „ Man muß so gut verstehen und besser verstehen als der Schriftsteller.“3

Über den Weg zum Verstehen allerdings gehen die Ansichten auseinander, ergänzen sich, laufen zusammen, widersprechen sich. In Abhängigkeit von Zeitgeschichte und Zeitgeist, von Glauben und Persönlichkeit ist eine Vielzahl von Theorien entstanden, welche ein Charakteristikum vereinen mag: die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. Um eines vorwegzunehmen – ich halte es in der genannten Hinsicht mit Hermann Hesse, der schrieb: „Für die Erkenntnis gibt es keine endgültigen Ziele, sondern der Fortschritt der Erkenntnis ist nichts als eine Differenzierung der Fragestellungen.“4

Jede Theorie, sei sie nun die Hermeneutik, die Psychoanalyse, Systemtheorie oder die zu erläuternde Dekonstruktion, ist ein Werkzeug in diesem fortwährenden Prozess des Verstehens, der nie abgeschlossen sein wird.

3. Friedrich Nietzsche als ein philosophischer Vorläufer Jacques Derridas

Seit Friedrich Nietzsche (*1844-†1900) sind die Brüche in der Philosophie zu einem Problem der Sprache geworden. Diese charakterisiere die Metaphysik der abendländischen Philosophie. Im Betreiben einer solchen Philosophie könnten wir ihr nicht entgehen. Auf der Suche nach Wahrheit müssten wir uns einer Sprache bedienen, die gerade durch unkontrollierbare Sinnverschiebungen und Polysemien ein Denken beherrsche, das uns vom Ziel eher wegführe: „Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.“5

„Nietzsche forderte in seiner Philosophie eine „Umwertung aller Werte“ in der Tradition einer repressiven, auf Ressentiments gegründeten „Sklavenmoral“ des Christentums, die er in der ... Formel „Gott ist tot“ kumulierte.“6

Diese Forderung ist als Neudenken zu verstehen, als Abkehr von bis dahin postulierten Wegen zur Wahrheit, als Abkehr von der Gültigkeit hermeneutischer Herrschaftsansprüche, welche er konsequent in Frage stellte. Wesentlich dazu sind seine Betrachtungen zum Kausalitätspinzip, welches im allgemeinen der Ursache die logische und zeitliche Priorität gegenüber der Wirkung einräumt. Nietzsche argumentiert nun jedoch, dass diese kausale Struktur nicht einfach gegeben, sondern das Ergebnis einer chronologischen Umdrehung im Erkenntnisprozess sei. Um dies darzustellen, beziehe ich mich an dieser Stelle auf ein sehr anschauliches Beispiel Cullers: „ Nehmen wir einmal an, jemand empfindet Schmerz. Dies veranlasst ihn dazu, nach einer Ursache zu suchen; indem er vielleicht eine Nadel erblickt, postuliert er eine Beziehung und kehrt die wahrgenommene oder phänomenologische Ordnung: Schmerz-Nadel um und erstellt die kausale Folge: Nadel-Schmerz.“7

Nietzsche war bewusst, dass uns in unserer `inneren Welt` nur ein Stück Außenwelt bewusst wird, weil wir eben nur in Kategorien zu denken vermögen.

Durch dieses Bemühen jedoch, eine strukturelle Ordnung aufzubauen, würde uns die Präsenz allen Seins unerkennbar bleiben. Die Ordnungsprinzipien spiegelten nach ihm in Sprache und Schrift wider, welche die Realität, die Welt, nicht einmal re-präsentiere, da beides – Sprache und Welt – nicht authentisch sei. Diese Ungewissheit von Sprache und Schrift greift Derrida auf und bedient sich zu seiner Beweisführung Ferdinand de Saussures (*1857-†1913) Zeichentheorie, um dortige Schwachstellen aufzugreifen und zu dem Ergebnis zu kommen, dass in einer Interpretation philosophischer – später daraus abgeleitet auch belletristischer – Literatur lediglich `Spuren` aufgegriffen und begriffen werden könnten, in welcher jedoch stets noch etwas unfassbar und daher ausgeschlossen bliebe. Zentralproblem Derridas Philosophie ist ein Denken zwar innerhalb der Tradition, aber auch der nietzscheanischen Umkehrung und Auflösung bisheriger Hierarchien wie der von Sprache und Schrift, Wörtlichkeit und Metaphorik, Wahrheit und Fiktion. Letztendlich erwächst daraus die Forderung nach einem freieren Lesen, das auch den Autor als absolute Instanz in Frage stellt. Dem Weg Jacques Derridas zu diesem für die damalige Philosophie erschütternden Fazit widmen sich die folgenden Kapitel.

4. Der Poststrukturalismus

Das Theorieparadigma des Poststrukturalismus ist noch ein sehr junges. Die als Wissenschaftskritik zu verstehende Strömung entwickelte sich Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre. Als ein Wegbereiter dieser Denkrichtung wird neben Michel Foucault und Jacques Lacan der Franzose Jacques Derrida angesehen, dessen Werke zu neuen Ansichten und Erkenntnissen in der Philosophie, Literaturtheorie und Psychoanalyse führten. Frank Lentricchia, nach J. Culler selbsternannter Philosoph, bemerkt dazu:

„Irgendwann in den frühen 70ern erwachten wir aus dem dogmatischen Dämmerzustand unseres phänomenologischen Schlafes und stellten fest, daß eine neue Präsenz die kritische Vorstellungskraft unserer Avantgarde völlig in ihren Bann gezogen hatte: Jacques Derrida. Etwas verblüfft stellten wir fest, daß er uns, entgegen einigen ungenauen Charakterisierungen, die das Gegenteil besagten, keineswegs den Strukturalismus brachte, sondern etwas, das schließlich `Poststrukturalismus` genannt wurde.“ 8

[...]

1 Eagleton, 9

2 ebd., 8

3 Schleiermacher, Friedrich D.E.: Hermeneutik. Hg. Von H. Kimmerle, Heidelberg, 1959, S. 56, zitiert nach Brackert, 583

4 Hesse, Hermann: unveröffentlichte Briefe, zitiert nach Michels, 109

5 Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne, Nachgelassene Schriften 1870-1873, KSA 1/880f., zitiert nach Köpper, 16

6 MS Enzyklopädie ®, Stichwort `Nietzsche`

7 Culler, 96

8 Lentricchia, Frank: After The New Criticism. Chicago: University of Chicago Press, 1980, S. 159, zitiert nach Culler, 13

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638297387
ISBN (Buch)
9783668299504
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27783
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Germanistik
Note
zwei
Schlagworte
Dekonstruktion Jacques Derridas Sprachlogik Einführung Literaturtheorie

Autor

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Titel: Die Dekonstruktion - Jacques Derridas Sprachlogik