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Kann eine Finanztransaktionssteuer zukünftige Finanzkrisen verhindern?

Bachelorarbeit 2013 25 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Geschichte der Finanztransaktionssteuer

III. Funktionsweise der Finanztransaktionssteuer
III.1. Das Steuersubjekt
III.2. Der Steuersatz
III.3. Das Steueraufkommen
III.4. Der Steuerbegünstigte

IV. Ziele der der Finanztransaktionssteuer
IV.1. Schutzfunktion vor Marktversagen
IV.2. Reduzierung von Marktrisiken
IV.3. Verhaltensteuerung
IV.4. Kostenbeteiligung

V. Problematik
V.1. Zielkonflikte
V.1.1. Das Tinbergen-Modell
V.1.2. Pigou-Steuer vs. Einkunftsgenerierung
V.2. Auswirkungen
V.2.1. Wirtschaft
V.2.2. Marktliquidität und -volatilität
V.3. Ausweichbewegungen
V.4. Umwälzung der Finanztransaktionssteuer
V.5. Genauigkeit der Finanztransaktionssteuer
V.6. Uneinigkeit in der EU

VI. Fazit und Prognose

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die im September 2007 begonnene Finanzmarktkrise ist bis heute ständiger Wegbegleiter des medialen und realwirtschaftlichen Lebens.

Nachdem im September 2008 die US-amerikanische Großbank Lehman Brothers Insolvenz anmeldete, kam es zu dramatischen Kurseinbrüchen an den Börsen weltweit. Im Zuge der im Oktober 2009 erfolgten Offenlegung der Staatsverschuldung Griechenlands wurden die Haushalte mehrerer Staaten im europäischen Wirtschaftsraum (EWR) durch amerikanische Ratingagenturen überprüft.

Durch einen zum Teil hohen Verschuldungsgrad folgten mehrere Abstufungen für zahlreiche Mitglieder der Eurozone. Dies hatte für die betroffenen Länder steigende Kosten für die Refinanzierung am Kapitalmarkt zur Folge, was die Gesamtsituation weiter verschärfte und einen zusätzlich stark negativen Einfluss auf die Realwirtschaft ausübte. Aktuell werden von hoher Verschuldung betroffene Mitgliedsstaaten durch Gelder der Europäischen Union (EU) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor der Staatsinsolvenz bewahrt (ten Dam, 2011, S. 22).

Diese bis heute spürbaren Auswirkungen einer Finanzkrise, die ihren Ursprung durch falsch bewertete Risiken im amerikanischen Immobilienmarkt und dem „Auseinanderfallen von Eigenverantwortung und Haftung“ hat, lassen vermehrt Rufe nach Instrumenten zum Schutz vor einer solchen Krise laut werden. Neben einer deutlich stärkeren Regulierung und Überwachung der Marktteilnehmer werden momentan verschiedene mögliche Lösungen durch die Europäische Kommission (EU-Kommission) geprüft (Kroker, 2013).

Ein Lösungsansatz zur Vermeidung zukünftiger Finanzkrisen sieht die Einführung einer Finanztransaktionssteuer in 11 Mitgliedsländern (Belgien, Deutschland, Est- land, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien, Österreich, Portugal, Slowenien, Slowakei) zum 01.01.2014 auf EU-Ebene vor. Die Steuer wird bei dem Handel von Wertpapieren fällig, wenn mindestens ein Handelspartner ein in der EU ansässiges Finanzinstitut ist.

Dadurch soll unter anderem eine Reduktion der Quantität von Spekulationsgeschäf- ten (zumeist mit Derivaten) und den damit einhergehenden Risiken erzielt werden.

Unter einem Derivat versteht man hierbei ein Wertpapier, dessen Kurs von einem anderen Wertpapier (Basiswert) abhängt.

Derivatkontrakte sind per se nicht als „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten. Sie leisten ihren Beitrag zur wahren Preisfindung durch die Veränderung eines Kurses basierend auf erwarteten Entwicklungen.

Davon abzugrenzen ist der Arbitragehandel. Hierbei soll der Preisunterschied des- selben Gutes an zwei unterschiedlichen Märkten zu einem (risikolosen) Gewinn führen. Diese marktausgleichende Wirkungsweise stellt eine wichtige Aufgabe von Spekulationen dar, um die Möglichkeit des risikolosen Gewinnes („free lunch“) zu minimieren. Die in einem solchen Fall ausgenutzte Informationsasymmetrie wird durch den Kauf des Finanztitels auf dem günstigeren Markt (führt ceteris paribus [c.p.] zu einem Preisanstieg des Wertpapieres) und Verkauf des Finanztitels zu besseren Konditionen auf einem anderen Markt (senkt c.p. den Preis des Wertpa- pieres ausgeglichen.

Wesentlich bedeutsamer ist das sogenannte Hedging. Hierbei nutzen Unternehmen Derivatkontrakte als eine Art Versicherung (Poitras, 2002). So können Unternehmen, die global agieren und somit Zahlungen in unterschiedlichen Währungen erhalten und leisten müssen, sich beispielsweise durch ein Financial Future gegen zukünftige Währungsunsicherheiten absichern. Hierbei werden durch ein Terminkontrakt Währungen zu einem festgelegten Kurs zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft geliefert oder gekauft.

Unter einer reinen Spekulation hingegen ist die (kurzfristige) Gewinnerwirtschaftung durch reine Kurs- bzw. Preisveränderung zu verstehen. Ein Turbo-Zertifikat bei- spielsweise partizipiert überproportional an den Kursschwankungen des zugrunde- liegenden Basiswertes. Durch die Zertifikatsstruktur sind hohe Renditen bei gerin- gem Kapitaleinsatz möglich, allerdings steigt damit auch das Risiko des Verlustes deutlich an (Poitras, 2002).

Welchen Effekt eine Finanztransaktionssteuer auf solche Spekulationen haben wird und welche allgemeinen Möglichkeiten, Auswirkungen aber auch Probleme eine solche Steuer mit sich bringen kann, soll in dieser Arbeit untersucht werden.

II. Geschichte der Finanztransaktionssteuer

Bereits im Jahr 1936 befasst sich John Maynard Keynes in seinem bekannten Werk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ mit dem Gedanken einer Finanztransaktionssteuer, die der Eindämmung der Spekulationen am Aktienmarkt dienen sollte. Auch die hiervon ausgehende Gefahr der Illiquidität des Marktes und geringe Handelsvolumina als Folge der Finanztransaktionssteuer fanden Eingang in seine theoretischen Überlegungen.

James Tobin griff den Grundgedanken der Finanztransaktionssteuer 1972 auf und veröffentlichte seine Überlegungen zu der Regulierung von Devisengeschäften als Tobin-Steuer. Diese Steuer sollte bei internationalen Devisentransaktionen mithilfe eines geringen Steuersatzes kurzfristige Spekulationen auf Währungsschwankungen unattraktiv machen.

Fortgeführt und erweitert wurde die Tobin-Steuer von Paul Bernd Spahn, der 2002 mit der Spahn-Steuer die Schwäche der Ursprungssteuer bei Währungskrisen eli- minierte. Hintergrund hierbei war, dass eine Tobin-Steuer bei einer Währungskrise durch den geringen Steuersatz starke Wechselkursschwankungen nicht verhindern konnte. Um dem entgegenzuwirken, kombinierte Spahn die Steuer auf Devisen- transaktionen „mit einer auf spekulative Schwankungen reagierenden Zusatzsteu- er”(Spahn, 2002).

Im Falle starker Wechselkursschwankungen wird die Zusatzsteuer mit einem Steu- ersatz von bis zu 100% aktiv und führt dadurch den Wechselkurs zurück in einen zuvor definierten Korridor. Dieser verläuft ober- und unterhalb eines Referenzkurse, der als ein „an die Wechselkursentwicklung anpassungsfähiger gleitender Durch- schnitt von täglichen amtlichen Mittelkursen der betreffenden Währung im Verhält- nis zu einer Referenz- oder Ankerwährung“ definiert ist (Spahn, 2002).

Die Ideen und Überlegungen dieser Wissenschaftler sind, trotz ihres zum Teil an- sehnlichen Alters, aktuell gefragter denn je. Die durch die Finanzkrise ausgelösten Ereignisse bedürfen einer Lösung, die sich unter Umständen in der Vergangenheit finden lässt.

III. Funktionsweise einer Finanztransaktionssteuer

Wesentlich bei der Definition einer Steuer sind die Bestimmung des Steuerpflichtigen (Steuersubjekt), die Höhe der zu entrichtenden Steuer und des Empfängers der Steuerschuld, also des Steuerbegünstigten. Beabsichtigt ist die Einführung der Finanztransaktionssteuer zum 01.01.2014.

III.1. Das Steuersubjekt

Steuersubjekt sind all diejenigen natürlichen oder juristischen Personen, die an die Steuerpflicht gebunden sind. Die Erfüllung des Tatbestandes orientiert sich hierbei an der Durchführung einer Transaktion von „Wertpapieren, Anleihen, Anteile und Derivate“ (EU-Commission, 2011b) zwischen zwei Transaktionspartnern, wovon mindestens einer ein in der Europäischen Union ansässiges Finanzinstitut ist oder aber das Finanzprodukt innerhalb der beteiligten Mitgliedsstaaten ausgegeben wurde.

Dabei sind als Finanzinstitute, nach Definition der EU-Kommission, eine „breite Pa- lette von Einrichtungen“ deklariert. Insbesondere Wertpapierunternehmen, geregel- te Märkte, Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen, Organismen für gemeinsame Anlagen und ihre Verwalter, alternative Investmentfonds (wie Hedgefonds), Finanz- verleihunternehmen und Zweckgesellschaften werden als Finanzinstitute deklariert und unterliegen somit der Steuerpflicht. Die EU- Kommission hat hierbei bewusst eine weitgefasste Bestimmung der zu besteuernden Finanzinstitute gewählt, um eine breite Bemessungsgrundlage zu schaffen und eine Umgehung der Steuer zu verhindern (EU-Kommission, 2011b).

III.2. Der Steuersatz

Die aktuell bewusst niedrig geplante Besteuerung von Finanzinstituten wurde ins- besondere aufgrund der präventiv einschränkenden Wirkung bei der Umgehung der Finanztransaktionsteuer gewählt. Auch die breite Bemessungsgrundlage spielt hierbei eine wesentliche Rolle, um mit niedrigen Steuersätzen hohe Einkünfte zu generieren (Anthony, J. et al., 2012). Geplant werden Steuersätze von 0,1 % auf den Handel von Anteilen (Aktien) und Anleihen und 0,01 % auf den Handel von De- rivatkontrakten.

III.3. Das Steueraufkommen

Das voraussichtliche Steueraufkommen innerhalb Europas wird von der WIFO auf rund 2,11 % des nominellen Bruttoinlandsprodukts (BIP) (BIP-Berechnung anhand aktueller Marktpreise) bei einem Steuersatz von 0,1 % bzw. 0,68 % des nominellen BIP bei einem Steuersatz von 0,01 % auf alle Finanztransaktionen geschätzt. Dabei wird eine mittlere Dämpfung des Transaktionsvolumens durch die Finanztransaktionssteuer zugrunde gelegt. Absolut ergäbe sich somit ein Steueraufkommen pro Jahr (ausgehend von einem europäischen BIP von rund 11,7 Billionen Euro1 ) zwischen circa 79,6 Mrd. Euro und 246,9 Mrd. Euro.

Schulmeister (2008), Steueraufkommen in % des BIP bei geringer/ mittlerer /hoher Dämpfung des Transaktionsvolumens Vorausgesetzt wird hierbei die Besteuerung sämtlicher EU- Länder, wobei 99 % al- ler Börsentransaktionen auf die Finanzplätze auf Deutschland und Großbritannien entfallen.

Das geschätzte Steueraufkommen der Finanztransaktionssteuer bei Anwendung durch die elf beteiligten Mitgliedsstaaten wird auf 30 bis 35 Milliarden jährlich beziffert (EU- Commission, 2013c).

III.4. Der Steuerbegünstigte

Die erzielten Steuereinnahmen sollen ihre Verwendung im EU-Haushalt, in der Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Finanzkrise, sowie in einer Verteilung auf die Mitgliedsländer finden. Auch eine Reduktion der EU-Beiträge der einzelnen EU-Länder findet Eingang in die Überlegung der EU-Kommission. Anhand aktueller Kalkulationen könnten durch diese zusätzlichen Einnahmen bis zu 50 % der auf dem Bruttonationaleinkommen (BNE) basierenden Beiträge der EUMitgliedsstaaten ersetzt werden, die als Zahlungen in den Haushalt der Europäischen Union fließen (EU- Commission, 2012).

IV. Ziele der Finanztransaktionssteuer

In Brüssel hofft man, mit der Einführung einer Finanztransaktionssteuer mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Neben dem Schutz vor Marktversa- gen und einer verhaltenslenkenden Komponente soll auch eine Beteiligung des Fi- nanzmarktes an den Kosten der Finanzkrise ein wesentliches Ziel der Finanztrans- aktionssteuer darstellen. Die Notwendigkeit dieser Intervention durch die EU ergibt sich nach Schulmeister (2008) aus der Überschussliquidität auf den Finanzmärkten, die zu quantitativ starken Spekulationsspitzen führen und damit Finanztitel zu Prei- sen fernab realmarktwirtschaftlicher Realitäten treiben. Beispielsweise ist das Han- delsvolumen von Devisen 70 Mal höher als der Handel mit Wirtschaftsgütern, was ein großes Spekulationsverhalten und erhöhte Risikobereitschaft indiziert. Den dar- aus resultierenden marktwirtschaftlichen Gefahren soll nun durch die Finanztrans- aktionssteuer entgegengewirkt werden.

IV.1. Schutzfunktion vor Marktversagen

Von einem Versagen des Marktes wird gesprochen, wenn eine nichtoptimale Ressourcenallokation im Markt vorliegt und somit kein Wohlfahrtsmaximum der Marktteilnehmer und des Marktumfeldes erreicht werden kann. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einer Pareto-Ineffizienz.

Pareto-Effizienz herrscht hingegen, wenn kein Marktteilnehmer besser gestellt werden kann, ohne einen anderen Marktteilnehmer schlechter zu stellen. Die wesentlichen Ursachen sieht Bator (1958) hierbei in der Existenz von Informationsasymmetrie, Externalitäten, natürlichen Monopolen und öffentlichen Gütern.

Betrachtet werden im Folgenden die zwei erstgenannten Friktionen, auf die eine Finanztransaktionssteuer die deutlichsten Auswirkungen hat.

Informationsasymmetrie liegt vor, wenn ein Marktteilnehmer mehr und / oder besse- re Informationen als andere Marktteilnehmer besitzt. Dieser Wissensvorsprung kann durch eine entsprechende Spekulation als Gewinn ausgezahlt werden. Durch die Reduktion des Spekulationsgewinnes verringert sich der Wert der zusätzlichen Informationen, was dazu führt, dass Aufwendungen, um diese in Erfahrung zu brin- gen, reduziert werden. Somit sinkt die Informationsasymmetrie (Anthony, J. et al., 2012).

Unter Externalitäten versteht man die Auswirkung eines Handels zweier Markakteure auf einen nicht involvierten Dritten. Hierbei finden die Folgen keinen Eingang in die Preisgestaltung und es erfolgt kein (finanzieller) Ausgleich.

Ein Beispiel zur Erhöhung der Transparenz mit direktem Themenbezug:

Zwei Banken handeln untereinander mit Derivaten auf Immobilienkredite, großvo- lumig und mit spekulativen Motiven. Aufgrund von Fehleinschätzungen, wenigen Kontrollmechanismen und dem platzen der daraus resultierenden Blase verliert der Basiswert drastisch an Substanz und stürzt eines der involvierten Finanzinstitute in große Probleme.

[...]


1 Quelle:Eurostat, BIP innerhalb der EU (2011), Tabelle im Anhang 7

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656725978
ISBN (Buch)
9783656725794
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277652
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
kann finanztransaktionssteuer finanzkrisen

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