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Erbwörter, Lehnwörter, Fremdwörter. Versuch einer Differenzierung und Didaktisierung

Hausarbeit 2013 12 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdifferenzierung
2.1 Erbwörter
2.2 Lehnwörter
2.3 Fremdwörter

3 Methodisch-didaktische Hinweise im Umgang mit Erbwörtern, Lehnwörtern und Fremdwörtern
3.1 Umgang mit Erbwörtern
3.2 Umgang mit Lehnwörtern
3.3 Umgang mit Fremdwörtern

4 Abschlussbetrachtung

1 Einleitung

Sprache unterliegt einem Wandel. Ein einziger Gang entlang einer Kaufhausmeile liefert dafür Beispiele zur Genüge. Natürlich sind nicht alle sprachlichen Neuerungen gleich im Duden zu finden und etwa die Aussage „Da werden Sie geholfen.“ aus ei- ner Fernsehwerbung wird mit größter Wahrscheinlichkeit niemals Schule machen, jedoch kann davon ausgegangen werden, dass einige der Fehler von heute die Re- geln von morgen sind. Dieser Prozess ist so alt wie die Sprache selbst, da diese im- mer an eine Funktion gebunden ist und deshalb jederzeit anderen Bedürfnissen des jeweiligen Sprechers angepasst werden muss (Römer/Matzke 2010, S. 79). Während oben genannte Aussage auf eher geringe Akzeptanz stoßen wird, finden sich vor allem junge Menschen zum Beispiel in den Wirren der technischen Neuerungen gut zurecht und wissen, was mit Tablet, Bluetooth oder Netbook gemeint ist. Diese Ände- rungen auf der lexikalischen Ebene der Sprache verbreiten und legitimieren sich recht schnell - verglichen mit grammatischen Aspekten (Nübling u. a. 2010, S. 135). Solcherlei Wortübernahmen ins Deutsche aus anderen Sprachen gründen auf kultu- rellen und sozialen Berührungspunkten der Völker (Römer/Matzke 2010, S. 84). Auch Wörter wie Mauer, Brief oder Tisch gelangten einst aus einer fremden Sprache ins Deutsche und gehören in diese Rubrik. Doch anders als die Neoanglizismen hat- ten diese Jahrhunderte lang Zeit, sich in die Zielsprache zu integrieren. Daraus ent- stand eine Differenzierung unseres Wortschatzes in Erbwörter, Lehnwörter und Fremdwörter, und man könnte diese Unterteilung noch fortsetzen, doch soll an dieser Stelle die für die Schule anwendbare Taxonomie angeführt werden. Wie kann nun genau eine terminologische Unterscheidung getroffen werden und wie kann der Leh- rer diese auch transparent und logisch darstellen?

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem der Begriffsdifferenzierung von Erbwörtern, Lehnwörtern und Fremdwörtern im Wortschatz des Deutschen im Allgemeinen. Ziel soll es sein, dem Deutschlehrer ein Verständnis darüber zu verschaffen, was er mit welchem Ziel wie vermitteln kann.

2 Begriffsdifferenzierung

2.1 Erbwörter

Der Erbwortschatz macht den größten Teil unseres Gesamtwortschatzes aus und bildet den Kern des neuhochdeutschen Lexikons. Die Einteilung nach der histori- schen Herkunft der Wörter einer Sprache offeriert die Möglichkeit, die Vorstufen ei- nes Wortes nachzuvollziehen. Dabei spielt der Forschungsstand in der Etymologie eine entscheidende Rolle, macht aber gleichzeitig eine zweifelsfreie Bestimmung schwierig, da immer von den aktuellen Kenntnissen ausgegangen werden muss. Vor diesem Hintergrund kann folgende konventionelle Festlegung getroffen werden: Tritt ein Wort in allen Vorstufen einer Sprache auf, so kann man von einem Erbwort spre- chen. Ist ein Wort jedoch nachgewiesenermaßen bereits vorher in einer anderen Sprache vorhanden und wurde demzufolge übernommen, so ist von einer lexikali- schen Entlehnung die Rede (Bergmann 2005, S. 174). Betrachtet man beispielswei- se das neuhochdeutsche Wort Huhn etymologisch, dann lässt sich im Mittelhoch- deutschen und bereits Althochdeutschen die Form huon nachweisen. Daraus ist wie- derum die germanische Form hōnes rekonstruierbar (Wermke u. a. 2007, S. 348). Für das Deutsche gilt also: Ist ein Wort bereits in der urgermanischen Form Element des Wortschatzes, kann man es als Erbwort auffassen. Aus diesem Grunde und ob der Quellenproblematik in germanischer Zeit zählen dazu auch Wörter, deren Ur- sprung ungeklärt ist und solche, die bereits im Urgermanischen entlehnt wurden, et- wa aus dem Keltischen (Bergmann 2005, S. 174).

2.2 Lehnwörter

Betrachtet man nun in Abgrenzung zum Erbwortschatz den Lehnwortschatz auf lexi- kalischer Ebene, lassen sich darin Lehnwörter im weiteren Sinn (im Folgenden: Fremdwörter) und Lehnwörter im engeren Sinn (im Folgenden: Lehnwörter) unter- scheiden (Bußmann 2008, S. 165). Gründe für die Übernahme von Wörtern aus fremden Sprachen sind meist „[…] in verschiedenen politischen, kulturellen, gesell- schaftlichen oder wirtschaftlichen Entwicklungen […]“ zu finden (ebd., S. 164). Diese Entlehnungen wurden in den vergangenen Jahrhunderten oftmals schubweise ins Deutsche übernommen. So kamen die Germanen aufgrund der römischen Expansi- on in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung gehäuft in Kontakt mit den Römern und der lateinischen Sprache. Daraus resultierte eine Vielzahl an Entleh- nungen etwa aus dem Bereich der militärischen Organisation (Pfeil, Kampf), der Verwaltung und Rechtsprechung (Kaiser, Pfand), des Handels (kaufen, Markt, Mün- ze), des Weinanbaus (Wein, Becher, Essig), der Lebensmittel (Kohl, Senf, Pflanze), der Baukunst (Ziegel, Fenster, Keller, Mauer) oder des Haushaltes (Pfanne, Tisch, Spiegel, Pflaster) (Nübling u. a. 2010, S. 137-138). Diese Wörter haben danach den gleichen Lautwandel vollzogen wie die Erbwörter und wurden oftmals vollständig as- similiert, weshalb sie einem Laien nicht mehr als Lehnwörter auffallen. Eben solche Entlehnungswellen gab es in der Folgezeit auch aus dem Griechischen, dem Fran- zösischen, dem Italienischen oder schließlich seit dem 18. Jahrhundert vermehrt aus dem Englischen in die deutsche Sprache.

Doch was unterscheidet nun das Lehnwort vom Fremdwort? Oder: Warum ist schrei- ben ein Lehnwort und scannen ein Fremdwort? Laut Schmöe (2005, S. 375) ist ein Lehnwort „[…] weitgehend in das phonol[ogische], morpholog[ische] und graphe- mat[ische] System der Nehmerspr[ache] integriert […].“ Das bedeutet, dass der fremde Ursprung des Wortes nicht mehr ersichtlich ist, weder im Klang (schreiben - bleiben), noch in Flexion und Wortbildung (schreibe - schrieb - geschrieben; Schrift, verschreiben, schriftlich) sowie dem Schriftbild. Die Semantik eines Lehnwortes refe- riert zumeist auf Alltägliches und kann deshalb ebenfalls keinen Hinweis zur Herkunft geben (Nübling u. a. 2010, S. 139). Problematisch bei der Determinierung eines Lehnwortes erweist sich jedoch die graduelle Anpassung eines Wortes an die deut- sche Sprache (Schmöe 2005, S. 375). Beispielhaft soll hier nur einmal das parallele Auftreten verschiedener Schreibweisen (Likör/Liqueur, Portmonee/Portemonnaie, Thunfisch/Tunfisch) und mehrerer Pluralformen (Bonus - Bonusse/Boni, Komma - Kommas/Kommata, Konto - Kontos/Konten/Konti) angeführt werden.

2.3 Fremdwörter

Nach Bußmann (2008, S. 203) wird ein Fremdwort ebenso wie ein Lehnwort aus ei- ner anderen Sprache in die Zielsprache aufgenommen, jedoch divergiert das Fremdwort dadurch, dass es noch nicht an die neue Sprache angepasst wurde. Das referiert wiederum auf das phonologische, morphologische und graphematische Sys- tem der Sprache. Sprachen, die ihren Ursprung nahe beieinander haben, wie etwa das Deutsche und das Niederländische, können einen solchen Wortaustausch natür- lich mit weniger Hürden vollziehen als beispielsweise das Deutsche und das Chinesi- sche, da bereits eine Vielzahl an Übereinstimmungen in den Sprachsystemen vor- handen ist. Der Aspekt des Alters kann dadurch in den Hintergrund gedrängt werden und jüngere Assimilationen schneller ablaufen als ältere. Für das obige Beispiel scannen bedeutet das, dass bezüglich der Angrenzung zur Kategorie der Lehnwörter zum einen die Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln für den ersten Vokal (/a/ → <a>) nicht angewendet werden können. Zum anderen ist die morphologische Struk- tur des Wortanfangs (<sc> + Vokal) für das Deutsche untypisch. Auch bezeichnen Fremdwörter nach Nübling u. a. (2010, S. 139) „[…] häufig neue Inhalte, die erst seit kurzem Eingang in das Alltagsleben gefunden […]“, was bei scannen ob der neuen Technologie außer Frage steht. Anhand dieser durchaus ambigen Beschreibung las- sen sich die fließenden Grenzen zwischen Lehn- und Fremdwörtern als zwei Entleh- nungsstufen nachvollziehen (Bußmann, 2008, S. 203).

Römer und Matzke (2010, S. 87) weisen darauf hin, dass Fremdwörter im Deutschen keinesfalls eins-zu-eins übernommen werden, da flektierbare Wörter immer geringfü- gig angepasst werden. Substantiven wird ein Artikel zugewiesen und damit auch ein Genus, was teilweise wieder zu Unstimmigkeiten oder Parallelformen führt (der/das Laptop). Ungeachtet der Schreibweise in der Herkunftssprache (vgl. Englisch) wird der erste Buchstabe eines Substantives immer großgeschrieben. Und auch die Ver- ben werden verändert. Sie fügen sich in das deutsche Konjugationssystem ein. Der Aspekt des Fremden im Wort muss deshalb im Detail gesucht werden. Merkmale der Fremdheit sind hauptsächlich:

- Fremdphoneme: in deutscher Sprache ungebräuchliche Phoneme ([ʒ] in Gara- ge [ɡaˈraːʒə], Nasal in Balkon [balˈk}ː])
- Fremdgrapheme: im deutschen Grapheminventar nicht vorkommende Graphe- me (Złoty)
- Fremde Graphem-Phonem-Relationen: im Deutschen unübliche Art der Zuord- nung von Graphemen und Phonemen (scannen)
- Fremde Phonemkombinationen: im Deutschen für gewöhnlich nicht auftretende Kombinationen von Phonemen (scannen, Sweatshirt)
- Fremde Graphemkombinationen: im Deutschen für gewöhnlich nicht auftreten- de Kombinationen von Graphemen (<gh> in Joghurt, <ou> in Mountainbike)
- Fremde Akzentuierungen: im Deutschen unübliche Akzentmuster (normaler- weise Erst- oder Stammsilbenakzent - zum Beispiel Übernahme des Endsil- benakzentes: Legion‘är, telefon’ieren)
- Fremde Flexionsmarker: Übernahme flexionsmorphologischer Merkmale des fremden Wortes (Pluralbildung bei Salto - Salti, Pronomen - Pronomina)
- Fremde Wortbildungsmorpheme: Affixübernahmen (pro-, sub-, -ismus) (Römer/Matzke 2010, S. 87-88)

Als Faustregel gilt: Fremdwörter sind im Gegensatz zu den Lehnwörtern auch als solche ersichtlich. Als Hilfsmittel zur Unterscheidung können dabei oben genannte Merkmale hinzugezogen werden.

3 Methodisch-didaktische Hinweise im Umgang mit Erbwörtern, Lehnwörtern und Fremdwörtern

Die Behandlung von Erb-, Lehn- und Fremdwörtern in der Schule ist lediglich im Lernbereich 4: „Sprache thematisieren“ der Klasse 6 im Lehrplan für das Gymnasium in Sachsen gefordert (SBI 2011, S. 17). Mit dem Operator „Einblick gewinnen“ wird die oberflächlichste Form der Kompetenzentwicklung ausgeschrieben, in der dazu- gehörigen Beschreibung der Lernziele wird eine „Begegnung […]“ erwartet, welche nur eine „[…] grundlegende Orientierung, ohne tiefere Reflexion“ geben soll (ebd., S. V). Demzufolge ist eine tiefergehende Beschäftigung mit diesem Thema stark an die Eigeninitiative, Auf- und Vorbereitung der Lehrkraft gebunden. Da es erst ganz zum Schluss des mit Grammatik beladenen Lernbereiches auftritt, können - wenn überhaupt - nur sehr wenige der 24 dafür veranschlagten Unterrichtsstunden aufgewandt werden. Darum gilt es, mit interessanten und lebensweltnahen Fakten und Beispielen die Geschichte der deutschen Sprache den Schülern zu erschließen.

3.1 Umgang mit Erbwörtern

Unumgänglich bei der Behandlung von Erbwörtern ist die Einbeziehung von Wörter- büchern. Doch um das Thema anzureißen, sollte nicht sofort das etymologische Wör- terbuch hinzugezogen werden. Vielmehr kann der Lehrer hier auf Vorerfahrungen und Lebenswelt der Schüler zurückgreifen und Parallelen in den Ursprüngen des Deutschen nutzen: den germanischen Sprachen. Gemeint ist damit vor allem das in jüngster Zeit bereits in der Grundschule gelehrte Englisch. Über Vergleiche (bread - Brot, brother - Bruder, hand - Hand) können Ähnlichkeiten die Neugier auf Sprache initiieren und damit zum übergeordneten Lernziel der Sprachbewusstheit maßgeblich beitragen (Budde/Riegler/Wiprächtiger-Geppert 2011, S. 137-138). Da Kinder meist unbewusst mit Sprache experimentieren und spielen, gilt es, diese Freude an der Sprache auch im Sprach- und speziell im unter Schülern eher verrufenen Gramma- tikunterricht einzubinden und zu nutzen, um somit das Interesse und die kognitive Aufnahmebereitschaft zu fördern (ebd., S. 138). Über einen in jedem Fall Erstaunen hervorrufenden Einstieg kann im Folgenden eine Reflexion von Sprache durch Wis- sen über Sprache unterstützt werden (ebd.). Das metasprachliche Wissen durch eine historisch-diachrone Sprachbetrachtung beinhaltet demzufolge den Verweis auf die Herkunft verschiedener Sprachen in der germanischen Sprachgruppe (Sprachen- stammbaum). Ein Bezug zum Vorwissen aus dem Geschichtsunterricht kann dabei in Absprache mit Kollegen hergestellt werden, um zum Beispiel die Völkerwanderung vernetzt, also fächerübergreifend, darstellen zu können. Auch bekommen die Schüler einen Einblick in das Leben der Germanen und es lässt sich feststellen, dass Erbwör- ter vornehmlich bestimmten Bereichen zuordenbar sind (Familie, Nutztiere, Arbeits- geräte, Pflanzen, Tätigkeiten der Feld- und Hausarbeit etc.) (Kaiser-Deutrich u. a. 2010, S. 98-99). Dabei haben unter Umständen Schüler aus Dörfern Vorteile, weil sie mit dem traditionsreichen Ackerbau mehr in Kontakt geraten als ihre Altersgenossen aus der Stadt. Auch das muss bei der Planung berücksichtigt werden, da unter- schiedliche Lebenshintergründe eine Differenzierung erfordern und in diesem Fall produktiv genutzt werden können. So wird eine begriffliche Fundierung gewährleistet, deren Mangel Budde, Riegler und Wiprächtiger-Geppert (2011, S. 139) anprangern und deren Vorhandensein sie als maßgeblich für ein echtes und nachhaltiges Ver- ständnis erachten.

Der Umgang mit Erbwörtern erweist sich mehr als Geschichtsstunde denn Gramma- tikunterricht. Aber will man Sprache verstehen, gehört auch das dazu. Die Schüler sollen einen ersten Einblick in die Sprachgeschichte gewinnen, welche dann in Klas- se 7 (Lautwandel und Bedeutungsveränderung), Klasse 9 (Sprachentwicklungsperi- oden des Deutschen und Beziehungen zwischen germanischen, romanischen und slawischen Sprachen) und Klasse 10 (Entwicklung europäischer Sprachen) ihre Fort- setzung findet (SBI 2011). Durch eine bildhafte und beispielreiche Gestaltung kann der Grundstein für die zu erwerbende Kompetenz zur Sprachreflexion gelegt werden.

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Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656704485
ISBN (Buch)
9783656707431
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277630
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
erbwörter lehnwörter fremdwörter versuch differenzierung didaktisierung

Autor

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Titel: Erbwörter, Lehnwörter, Fremdwörter. Versuch einer Differenzierung und Didaktisierung