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Die Gewalt in Friedrich Schillers "Die Räuber"

Ursprung, Funktion, Erscheinung

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

0.Einleitung

1.Der Bruderzwist – Ursprung des Hasses
1.1 Franz gewaltsames Machtstreben
1.2 Der Zusammenbruch von Karls Sympathielehre

2.Funktion der Gewalt
2.1 Franz­ – Usurpator, Tyrann und Vergewaltiger
2.2 Karls Rachefeldzug

3. Erscheinung der Gewalt
3.1 Franz – Der umgekehrte Arzt
3.2 Karl als Hauptmann der Räuber
3.3 Die Gräueltaten des Räuberhaufens: Verbrechen zur Triebbefriedigung und Selbstbereicherung

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat[1]

Was Arznei nicht heilt, heilt Eisen, was Eisen nicht heilt, heilt Feuer

Männer, Frauen, Kinder. Verbrannt, vergewaltigt, ermordet. Mehr als 383[2] Menschen verlieren in Friedrich Schillers Debutdrama „Die Räuber“ ihr Leben. Die desintegrierten Akteure agieren zerstörerisch und wirken außerhalb der Gesellschaftsnorm. „[…]die Privaterbitterung gegen den unzärtlichen Vater wütet in einen Universalhaß gegen das ganze Menschengeschlecht aus“[3], so kommentiert Schiller selbst das Handeln des nach Rache dürstenden Karls.

Die Gewaltorgie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück. Grund genug die Gewalt an sich in dieser Arbeit zu untersuchen.

Am Anfang der Arbeit soll der Ursprung dieses „Universalhasses“ näher erläutert werden: der Bruderzwist. Dabei soll die psychosomatische Disposition von Karl und Franz untersucht werden – Wie konnte es zu so einem Bruch der Familienbande kommen? Danach wird die Funktion der Gewalt beleuchtet. Warum üben die beiden Charaktere Gewalt aus? Als dritter Punkt wird die Erscheinung der Gewalt dargestellt und interpretiert. In was für Taten äußern sich die Exzesse der beiden Brüder? Bei Franz soll hierbei der Fokus auf dem versuchten Vatermord liegen. Im Anschluss werde ich Karls Auslöschung einer ganzen Stadt thematisieren. Schließlich werde ich noch die Gräueltaten des Räuberhaufens darstellen.

Der Schluss beinhaltet eine Zusammenfassung der Ergebnisse und eine kurze Gegenüberstellung der brüderlichen Charakterprofile.

1. Der Bruderzwist­ – Ursprung des Hasses

1.1 Franz gewaltsames Machtstreben

Karl Moor studiert in Leipzig und führt dort ein ausschweifendes und wildes Studentenleben. Als er tief verschuldet ist und generell viele Probleme hat, schreibt er einen Brief an seinen Vater Maximilian Moor, worin er ihm seine Taten gesteht und ihn um Vergebung bittet, sodass er wieder nach Hause zurückkehren kann. 40 000 Dukaten Schulden, eine entjungferte Tochter und ein Bankier, den Karl im Duell erstochen hat, stehen zwischen ihm und seiner Rückkehr nach Hause. Karl geht fest davon aus, dass ihm sein Vater vergibt, doch sein Bruder Franz hat andere Pläne:

Herr muss ich sein, dass ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht (I, 2)[4]

Franz will die Macht an sich reißen. Mit allen Mitteln. Dafür muss er jedoch erst Karl aus dem Weg räumen, weil er der Erstgeborene und somit direkter Erbe ist. Dazu spinnt Franz eine perfide Intrige: Er überredet seinen Vater Karl zu enterben. Maximilian erhofft sich dadurch eine läuternde Wirkung auf Karl, wodurch dieser vielleicht nach Hause zurückkehrt und seine Sünden bereut.

Ich will ihm schreiben, dass ich meine Hand von ihm wende […] Bis er anders worden. (I, 1)

Schließlich überlässt Maximilian Franz die Aufgabe den Brief zu verfassen. Er ermahnt Franz sogar noch: „[…] bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.“ (I, 1) Franz hat jedoch vor den Brief so zu verfassen, sodass Karl die Rückkehr nach Hause verwehrt bleibt. Doch woher rührt dieser tiefverwurzelte Machthunger und Hass gegenüber seinem Bruder und der Welt an sich?

Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein […] Warum bin ich nicht der erste aus dem Mutterleib gekrochen? Warum nicht der einzige? Warum musste mir diese Bürde von Hässlichkeit aufladen? Gerade Mir? […] Warum mir die Lappländernase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen? (I,1)

Franz beschreibt sich selbst als eine Ausgeburt der Hässlichkeit. Diese Merkmale werden hier auch nicht zufällig genannt. Das damalige Europa assoziierte mit diesen Merkmalen die primitiven Menschenrassen.[5] Allein schon durch seine Erscheinung ruft er Widerwillen und Ekel in seinem gesellschaftlichen Umfeld hervor. Jemand der täglich mit solch einem Laster kämpfen muss verändert sich. Das hinterlässt tiefe Spuren. Wenn man den Hass von Franz ergründen will, muss man zugleich auch seine psychosomatische Disposition ergründen.

Das Leben im Schloss muss für Franz die Hölle gewesen sein.[6] Seinem Bruder wird all die Liebe zu Teil, die ihm verwehrt bleibt. Karl ist das Genie und der Universalkopf. Der väterliche Liebesentzug macht aus dem jüngeren Bruder den „kalte[n], hölzerne[n] Franz“, den „trockene[n] Alltagsmensch[en]“ (I, 1)[7]. Seinen Mangel an Schönheit macht er jedoch durch eine andere Qualität wieder wett: Seine Intelligenz. Er war stets darum bemüht seinem Schicksal auf den Grund zu gehen, das hat seine Intelligenz geschärft.[8] Er hat einen leidenschaftlichen Willen entwickelt einen Ausweg aus seiner erbärmlichen Existenz zu finden[9]: Herrscher zu sein, dafür muss er seinen Vater ermorden. Das Leben an sich versteht Franz im darwinistischen Sinn: Nur der Stärkere überlebt.[10]

Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist geh unter! Sie [die Natur] gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat das gleiche Recht zum Größten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.

Mit Franz Moor hat Schiller eine Figur erschaffen, die das Böse selbst repräsentiert. Schiller zeichnet einen Charakter eines umgekehrten Aufklärers, der die philosophische Bildung usurpiert, um sie dem Zweck einer intellektuellen und moralischen Vervollkommnung des Menschen zu entfremden und damit sein Lastersystem stützt[11]. Das Erschreckende an Franz sind nicht die Mordpläne an sich, sondern ihre philosophische Legitimation.[12] Er ist nicht nur Vatermörder, er ist auch ein „philosophischer und moralischer Nihilist“[13], der die Ideale der Aufklärung ins Gegenteil verkehrt, um so seine Gewaltexzesse und Verbrechen zu rechtfertigen.[14]

1.2 Der Zusammenbruch von Karls Sympathielehre

Die Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauren. (I, 2)

Karl hat vollstes Vertrauen darauf, dass sein Vater ihm vergibt und er somit wieder in die „väterlichen Haine“ (I, 2) zurückkehren kann. Selbst nach all seinen Exzessen ist es für ihn selbstverständlich, dass sein Vater ihm die versöhnliche Hand reicht. Die erwartet positive Antwort von Maximilian steht für ihn auf der gleichen Stufe wie eine „Generalabsolution“.[15]

Doch wie kann er sich überhaupt so sicher sein, dass sein Vater ihm vergibt? Die Antwort muss man in Karls gesellschaftlichem Umfeld suchen:

Der Diener Daniel:

[…] Ihr seid immer mein bester, köstlicher Junker […] ich hab Euch immer so lieb gehabt […] Wie manches Zuckerbrot, oder Biskuit oder Makrone ich Euch hab zugeschoben, hab Euch immer am gernsten gehabt […] (IV, 3)

Der alte Moor:

O Karl! Karl! Wüßtest du, wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! Wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehen Jahre zusetzen würde […] (I, 1)

Er war ein Engel, war Kleinod des Himmels! (I, 1)

Franz (zum alten Moor):

[...]


[1] Friedrich Schiller: „Die Räuber“. Reclam. 2001.

[2] Maximilian (V, 2), Franz (V, 1), Amalia (V, 2), Spiegelberg (IV, 5), Roller (III, 2), ein Advokat (II, 3), ein Bankier (I, 1), 83 Bürger (II, 3), 293 Soldaten (III, 2). Ich habe nur diejenigen Personen dazugezählt, deren Tod ausdrücklich im Buch erwähnt wird.

[3] http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8139&ausgabe=200505 (11.03.13)

[4] Reclam: Friedrich Schiller „Die Räuber“.2001. Im Folgenden wird im Text direkt zitiert.

[5] Gert Sautermeister: Die Räuber-Generationenkonflikt und Terrorismus. In: Zum Schillerjahr 2009-Schillers politische Dimensionen. 2009. S. 18

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Wolfgang Riedel: Die Aufklärung und das Unbewusste. Die Inversion des Franz Moor. In: Von Schillers Räubern zu Shelleys Frankenstein. 2006. S. 19

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Gerhard Oberlin: Die Mechanik des Bösen in Schillers „Räubern“. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 50 2006. S. 121

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656704874
ISBN (Buch)
9783656706601
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277604
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Friedrich Schiller Die Räuber Gewalt Gewaltdarstellung Bruderzwist Universalhass Karl Moor Franz Moor Ursupator Interpretation

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Titel: Die Gewalt in Friedrich Schillers "Die Räuber"