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Gesamtschule als Lösung

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesamtschule als Lösung?
2.1 Entwicklung der Gesamtschulkonzepte
2.1.1 Ältere Gesamtschulvorstellungen
2.1.2 Neuere Gesamtschulvorstellungen
2.1.2.1 Westdeutschland
2.1.2.2 Ostdeutschland
2.2 Die Gesamtschuldiskussion – Hintergründe
2.2.1 Ausgangslage
2.2.2 Probleme im gegliederten Schulwesen
2.2.3 Vision Gesamtschule – eine Schule für alle
2.3 Die Gesamtschulkonzeption
2.4 Die Gesamtschultypen
2.4.1 Integrierte Gesamtschule
2.4.2 Kooperative Gesamtschule
2.5 Schulversuche mit Gesamtschulen
2.6 Etappe einer Konfliktentwicklung:
2.7 Gesamtschule in Bayern
2.8 Gesamtschule – was kann sie denn nun?
2.8.1 Möglichkeiten der Gesamtschule
2.8.1.1 Was ist machbar
2.8.1.2 Eine Musterschule: Die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim
2.8.2 Grenzen der Gesamtschule

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung:

Als Helmut Schelsky 1959 dem Schulsystem mit dessen Einstufung als „Zuteilungsapparatur von Lebenschancen“[1] einen defizitären und unsozialen Charakter attestierte, befand sich Deutschland[2] inmitten einer intensiven pädagogischen Diskussion und einer Phase der Umwälzungen in der Schulentwicklung.[3] Nicht nur die vertikale Gliederung des Schulsystems wurde in Frage gestellt, auch die Unterrichtsprinzipien und Methoden standen im Fokus der Reformbefürworter.

Eine Möglichkeit, um der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit Rechnung zu tragen, schien die Einrichtung von Gesamtschulen - einer Schule für alle. Im Jahr 1968[4] wurden in Deutschland die ersten Gesamtschulen gegründet, und in den folgenden Jahren flächendeckende Schulversuche mit 40 Gesamtschulen in ganz Deutschland durchgeführt. Diese Schulkonzeption wurde im Modellversuch schwerpunktmäßig in den Jahren 1971-1976 deutschlandweit erprobt und ausgewertet.[5] Die Ergebnisse der Untersuchung wurden je nach parteipolitischer Ausrichtung der Regierung in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich interpretiert und als erfolgreich eingestuft oder umgekehrt als gescheitert erklärt. Die Tatsache, dass es schon immer „politischen Machtverhältnisse gewesen sind, die einer Schulstruktur eine Chance gaben oder nicht“[6] erklärt dieses dogmatisch geschiedene Meinungsbild: Ihre Befürworter glauben, sie fördere die Schwachen, wohingegen die Gegner der Gesamtschule ihre Gleichmacherei verteufeln. Entsprechend der regierenden Partei wurden die Gesamtschulprojekte weitergeführt, oder weitestgehend abgeschafft.

Die Diskussion ist jedoch weiterhin im Gange und bleibt aktuell: In den vergangenen Jahren wurde der Einschätzung, ¸¸dass unser dreigliederiges Schulsystem in hohem Maße ungerecht ist" [7] , mit Studien, die belegen sollen, dass die Gesamtschuleinführung folgenlos war und Bildung je nach dem bildungsfernem bzw. –nahem Milieu entsprechend vererbt wird [8] , eine weitere Facette hinzugefügt: Auch die Gesamtschule löst die Bildungsmisere scheinbar nicht. Je nach Lesart, lassen sich Meinungen finden, die der Gesamtschule Wirkungslosigkeit in einem ihrer Kernziele, der Chancengleichheit, attestieren oder die Schule der Zukunft identifiziert zu haben glauben.

Die vorliegende Arbeit versucht, das vorherrschende Meinungskonglomerat zu entwirren, Erfahrungen und Konzepte zu beschreiben und sofern möglich auch zu bewerten. Neben den Zielen der Gesamtschule sind die Möglichkeiten und Grenzen der Gesamtschule Untersuchungsgegenstand.

2. Gesamtschule als Lösung?

2.1 Die Entwicklung der Gesamtschule

2.1.1 Ältere Gesamtschulkonzepte

Eine umfassende Vertiefung der Pädagogischen Tendenzen, die über Jahrhunderte die Gesamtschulkonzepte (oder ähnliche Vorstellungen) bestimmt haben, ist dem Zweck der Arbeit nicht zuträglich. Trotzdem erscheint es angebracht, die historischen Entwicklungen zumindest zu streifen.

Comenius´ Vorstellung von Bildung bzw. Unterricht, die über die Ordnungsprinzipien der Welt letztlich zur Erlösung der Menschheit führt, macht ihn zu einem großen pädagogischen Denker der Barockzeit. Ohne den theosophisch-mystischen Hintergrund[9] wird erkennbar, dass seine Forderung omnes omnia omnio tatsächlich alle (beide Geschlechter und alle sozialen Stände) in gleicher Weise und umfassend erziehen will.[10] Seine Konzeption der universalen Schulen entspricht also bis zu einem gewissen Grad der heutigen Gesamtschule. Betrachtet man Humboldts Vorstellung der allgemeine Schulbildung, die von Fach- und Standesbildung losgelöst war[11], im Neuhumanismus, oder auch die Vorstellungen Süverns, so fällt hier als Überschneidung mit der heutigen Konzeption das Streben nach dem Abbau hierarchischer Klassenstruktur ins Auge.[12]

Mit Bönsch lassen sich weiter im Mannheimer Schulsystem entscheidende Elemente identifizieren, sei es das Förderklassensystem für „untermittelmäßige Schüler“ und Vorbereitungsklassen für „übermittelmäßige“, was Übertritte erlaubt, oder die Tatsache, dass die Schüler nach Leistung und nicht nach Herkunft eingeteilt wurden.[13] Das dreigliedrige System nach Max Greil in Thüringen ermöglichte aufgrund eines gleichen Lehrplans der drei Schularten den Besuch der jeweils unterschiedlichen Klassen, das Lübecker Modell beinhaltete sog. Förder-Züge, und auch die Ideen der „Entschiedenen Schulreformer“ zeichneten sich durch den Verzicht auf Jahrgangsklassen und der Einrichtung eines Kurssystems aus.[14] Viele Elemente, die heute eine Gesamtschule ausmachen sollen, lassen sich also in einem historischen Kontext betrachten.

2.1.2 Neuere Gesamtschulkonzepte

2.1.2.1 Westdeutschland

In Westdeutschland existierte von [15]1948-1965 das Konzept des sog. „Differenzierten Mittelbaus“, welches nach der Grundschule weiteres gemeinsames Lernen bis zur 8. Klasse beinhaltete. Differenzierung der Schüler wurde durch ein spezielles Kurssystem mit Kern,- Kurs- und Stammunterricht zur Unterstützung aller Leistungsgruppen erreicht.

2.1.2.2 Ostdeutschland

Das ostdeutsche Äquivalent zur [16]Gesamtschule stellt die sog. Einheitsschule/Polytechnische Oberschule dar, mit der ab 1965 ein System aus Unterstufe (1.-3. Klasse), Mittelstufe (4.-6.) und Oberstufe (7.-10.) für alle schulpflichtigen Kinder eingeführt wurde. Neben dem Klassenunterricht wurden viele Arbeitsgemeinschaften der Schüler untereinander gebildet. Problematisch waren selbstverständlich die tendenziöse Ausrichtung und die latent vorhandene sozialistische Indoktrination.

2.2 Die Gesamtschuldiskussion - Hintergründe

2.2.1 Ausgangslage

Den Anstoß für das Umdenken im deutschen Schulwesen gab die Erkenntnis, dass Deutschland im Vergleich zu den Nachbarländern ein mangelhaftes Bildungswesen besitzt. So setzte aufgrund der positiven Erfahrungen mit ausländischen Schulreformen, z.B. die politische und schulische Entwicklung von England und Schweden[17] ein:

Bewusstwerden der Zusammenhänge von Gesellschafts- und Bildungspolitik verstärkt Bemühungen ein, das bestehende Bildungswesen […] an den für eine demokratisch verfasste Gesellschaft verbindlichen Prinzipien auszurichten und zu gestalten.[18]

2.2.2 Probleme im dreigliedrigen Schulsystem

Die Gesamtschulpädagogik möchte der eingangs zitierten Zuteilungsapparatur von Lebenschancen entschieden entgegenwirken. Die Aspekte, in denen das gegliederte Schulwesen als mangelhaft betrachtet wird, sind zahlreich. Neben der hohen Anzahl an Wiederholern und frühzeitigen Abgängern, stehen vor allem „pädagogisch einseitige und problematische sozial selektive Auswirkungen“[19] am Pranger. Zudem soll das Gesamtschulkonzept die regionalen und sozialen Unterschiede der Bildungschancen auffangen.

2.2.3 Vision Gesamtschule – eine Schule für alle

Auch wenn die Äußerung Wilfried Kretschmers, des Gesamtschulleiters aus Hildesheim, "Wir brauchen eigentlich nur die Natur zulassen, denn die Menschen sind von Natur aus neugierig,"[20] naiv anmutet und an die Montessori-Pädagogik erinnert, lässt sich doch daran ein entscheidender Bestandteil der Gesamtschulvision festmachen: Das Schulsystem, das aufgrund seiner Struktur automatisch einen Teil der Schüler zu „schwächeren“ Schülern erklärt, verändern und den Leistungsdruck zu de-institutionalisieren: Den Stress vor dem Übertritt soll es nicht mehr geben, ebenso keine Angst mehr vor dem Durchfallen.

Das Konzept der Gesamtschule zur Egalisierung der unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen lässt sich anhand der Ergebnisse des gesamtschul-orientierten Bundeskongresses von 1995 in Rödinghausen als Verpflichtung zur Chancengleichheit konkretisieren. Annedore Prengel stellt den zu Grunde liegenden Dreischritt im Spannungsverhältnis von Gleichheit und Differenz einleuchtend dar:[21]

1. Es ist ungerecht, wenn sich unterschiedlich privilegierte Schichten der Bevölkerung selbst rekrutieren.
2. Die entsprechende konservative Ideologie, die wenigen Reichen und Gebildeten seien begabter, intelligenter, kompetenter, qualifizierter, ist falsch.
3. Kinder der ärmeren und bildungsferneren Schichten sollen mit allen anderen in einer Institution – der Gesamtschule – unterrichtet werden.

Die soziokulturelle Benachteiligung muss akzeptiert werden, soll aber durch kompensatorische Erziehung in der Gesamtschule abgeschwächt werden. Die zugrunde liegende pädagogische Idee ist also, jedem Kind die Chance zu geben, in seinem eigenen Lernprozess ernst genommen zu werden und in einer heterogenen Kindergruppe anerkannt zu werden – unabhängig von den unterschiedlichen Voraussetzungen. Wieland, der damalige Bundesvorsitzende des GGG, hebt an der Gesamtschulkonzeption pathetisch hervor, dass die Fülle an neuen Kriterien und pädagogischen Konzepten zahlreiche Antworten auf die Probleme im Schulsystem geben:

Die Gesamtschulen haben bei Bewältigung von Heterogenität, die auf Bildungseinrichtungen oder Schulformen vermehrt zukommen wird, […] eine beeindruckende Fülle von Kriterien und Symbolen, von sozialen Erfindungen und pädagogischen Inszenierungen entwickelt, um den Anspruch auf Menschenwürde aller Verschiedenen denkbar, fühlbar, lebbar zu machen.[22]

Entscheidend ist zudem, dass der Gesamtschulansatz nicht vordergründig auf Änderung von Methoden und Konzepten basiert – sondern auf die Struktur des Schulwesens an sich ausgerichtet ist.[23] Statt der Vielfalt der Schulformen muss also eine „Pädagogik der Vielfalt als bewusste und gewollte Arbeit mit heterogenen Lerngemeinschaften“[24] vorherrschen, die in letzter Konsequenz die „einheitliche Vielfaltsschule“[25] konstituiert.

[...]


[1] Helmut Schelsky, zitiert nach: Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung: Auswertungsbericht der Projektgruppe Gesamtschule, S.29

[2] Anmerkung: Eine differenzierte Betrachtung der Schulentwicklung nach DDR und Westdeutschland kann nicht erschöpfend durchgeführt werden, weshalb der schiefe Begriff Deutschland für den Untersuchungszeitraum verallgemeinernd verwendet wird

[3] Die komplizierte Gemengelage mit teilweise zeitgleichen Veränderungen und Konzeptionen ist überzeugend dargestellt in: REBLE, Albert: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart (2004), S.330-349. Im folgenden Abschnitt, sofern nicht anders angegeben Bezugnahme auf Reble

[4] TILLMANN, Klaus-Jürgen: Gesamtschulen in der Bundesrepublik, in: GGG (Hrsg.) Gesamtschule im historischen Prozess (= Die Blaue Reihe Bd. 2). Aurich (1985), S.2

[5] Die Auswertung der Projektgruppe „Gesamtschule“ wird detailreich vorgestellt, in: Modellversuche mit Gesamtschulen: Auswertungsbericht der Projektgruppe Gesamtschule. Bund-Länder Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung. Bühl/Baden (1982), im folgenden: Modellversuche mit Gesamtschulen

[6] HERRLITZ, Hans-Georg: Gesamtschulreform im historischen Prozess, in: GGG (Hrsg.) Gesamtschule im historischen Prozess (= Die Blaue Reihe Bd. 2). Aurich (1985), S.9

[7] SPD-Bildungsministerin Schleswig-Holstein, Ute Erdsiek-Rave, zitiert nach SCHMIDT, Marion (2005): Die Wiederentdeckung der Gesamtschule, abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/313/396100/text/

[8] LEFFERS, Jochen (2008): Gesamtschule folgenlos, Bildung wird vererbt, abrufbar unter: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,526424,00.html, im Folgenden: Leffers (2008).

[9] Reble (2004), S.114ff

[10] BÖNSCH, Manfred: Gesamtschule, Hohengehren (2006), S.73, im Folgenden: Bönsch (2006).

[11] Zu Comenius, siehe Reble (2008), S.193 ff, zu Strüver siehe auch Bönsch (2006), S.73

[12] Bönsch (2006), S.75ff

[13] Ebd., S.78ff

[14] Ebd. ,S.80ff

[15] Ebd., S.87ff

[16] Ebd., S.87ff

[17] Modellversuche mit Gesamtschulen (1982), S.29f

[18] Ebd., S.29

[19] Ebd., S.29

[20] Kretschmer, zitiert nach HÜBNER, Bernhard (2009): Schule für alle – in Bayern, abrufbar unter: http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/schule-fuer-alle-in-bayern/

[21] Sinngemäß zu finden in: PRENGEL, Annedore: Gesamtschule der Vielfalt, in: GGG (Hrsg.): Gesamtschule – Schule der Vielfalt (= Die Blaue Reihe der GGG Bd. 49). Aurich (1995), S.44, im Folgenden: Prengel (1995).

[22] zitiert nach: WIELAND, Dieter: Jeder Mensch muss ohne Angst verschieden sein Können, in: GGG (Hrsg.): Gesamtschule – Schule der Vielfalt (= Die Blaue Reihe der GGG Bd. 49). Aurich (1995), S.37f

[23] Modellversuche mit Gesamtschulen (1982), S.29

[24] Prengel (1995), S.53

[25] Ebd. (1995), S.49

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656701316
ISBN (Buch)
9783656706526
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277505
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
gesamtschule lösung

Autor

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Titel: Gesamtschule als Lösung