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Normenbildung für tourismusethnologische Forschung

Eine Gegenüberstellung zweier Fallbeispiele

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Themeneingrenzung und Relevanz

2. Zwei tourismusethnologisch relevante Fallbeispiele
2.1 Alarde von Fuenterrabia
2.2 Aboakyer-Festival

3. Rezeptionen auf den Tourismus in den Fallbeispielen
3.1 Reaktionen der lokalen Bevölkerung auf den Tourismus
3.2 Ethnologische Wertungen auf touristische Einflüsse

4. Normenbildung für die Tourismusethnologie

5. Notwendigkeit von Tourismusethnologie und deren Umgang mit der Dialektik des Tourismus

Literaturverzeichnis im Anhang

1. Themeneingrenzung und Relevanz

Diese Hausarbeit behandelt eine Gegenüberstellung von zwei lokalen Festivals, die tourismusethnologisch unterschiedlich rezipiert worden sind. Bei den Festivals handelt es sich einerseits um die Alarde von Fuenterrabia, die im spanischen Baskenland stattfindet und andererseits um das Aboakyer-Festival in Winneba, Ghana. Grundlage für den Vergleich sind die Forschungen von Davydd Greenwood (1989) und Robert Wyllie (1994). Zunächst werden die beiden Festivals kurz beschrieben, um danach die lokale Rezeption auf den Tourismus ins Zentrum der Betrachtung zu stellen. Ein weiterer interessanter Aspekt sind unterschiedliche Wertungen, die durch die Autoren vorgenommen werden. Hieraus ergibt sich die Frage, welche ableitbaren Folgen sich für die Tourismusethnologie aus den differenten Fallbeispielen ergeben. Wie können Ethnologen den Tourismus angemessen erforschen und ist die Tourismusethnologie ein notwendiges und zukunftsfähiges Feld innerhalb der Ethnologie? Es kann vermutet werden, dass die unterschiedliche Rezeption der lokalen Bevölkerung und der Ethnologen auf den touristischen Einfluss auf lokale Kulturen eine Dialektik innerhalb des Tourismus zeigt. Die Tourismusethnologie ist aber gerade in ihrer Anfangszeit durch eine oft negativ konnotierte Tourismusrezeption aufgefallen. Daher soll gezeigt werden, dass sie sich vielmehr der Tourismusdialektik annehmen sollte, weshalb im weiteren Verlauf Normen für die Forschung herausgearbeitet werden. Das Ziel der Arbeit ist knapp zusammengefasst das Herausarbeiten der ableitbaren Normen für die Tourismusethnologie anhand der Gegenüberstellung der lokalen Rezeptionen der Alarde von Fuenterrabia und dem Aboakyer-Festival.

Die Relevanz des Themas ist in erster Linie mit der Entwicklung des Tourismus hin zu einem Massenphänomen begründet. John Urry führt passend dazu aus, dass der Tourismus lange Zeit als soziales Phänomen unterschätzt worden ist: „Tourism, holiday-making and travel are more significant social phenomenathan most commentators have considered“ (Urry 2002: 2). Jonathan Benthall hat bereits im Jahr 1988 das ethnologische Potenzial in der Tourismusforschung erkannt: „It is clear that tourism is still an unusually fresh and stimulating subject-area […], and also that there are a good many opportunities for applied consultancy work” (Benthall 1988: 20). Die Ethnologie hat demnach die Möglichkeit, Tourismus als soziales Massenphänomen zu erforschen und zusätzlich eine beratende Rolle einzunehmen, weshalb es lohnenswert ist, in dieser Arbeit über Notwendigkeit und Umsetzung von tourismusethnologischer Arbeitsweise zu diskutieren.

2. Zwei tourismusethnologisch relevante Fallbeispiele

Im Folgenden werden die zwei öffentlichen Rituale, anhand derer der Einfluss von Tourismus analysiert werden soll, kurz vorgestellt. Nach einer Beschreibung des Ablaufs und der Klärung des Ursprungs, wird die lokale Bedeutung des Festes für die jeweilige Region und vor allem für die lokale Bevölkerung erläutert. Schließlich wird auf die Frage eingegangen, wie und warum die jeweilige Region ihr Ritual für Touristen zugänglich gemacht hat. Die Definition eines öffentlichen Rituals von Clifford Geertz zeigt, dass die lokalen Bedeutungssäulen einer Kultur in diesem Ritual dramatisch zur Schau gestellt werden: „ Public rituals can be viewed as dramatic enactments, commentaries on, and summations of the meanings basic to a particular culture“ (Geertz, zitiert nach Greenwood 1989: 174, Markierungen des Autors). Außerdem haben die Rituale nach Geertz eine integrative Funktion und sollen den Zusammenhalt von Menschen innerhalb einer regionalen, gesellschaftlichen Gruppe sicherstellen (ebd.).

2.1 Alarde von Fuenterrabia

Die Alarde von Fuenterrabia ist ein öffentliches Ritual in der baskischen Stadt Fuenterrabia (dt. Hondarribia), welches an den erfolgreichen Widerstand der Stadt gegen die französische Belagerung aus dem Jahr 1638 erinnert. Ursprünglich feiert die Bevölkerung der Stadt einmal jährlich dieses Ereignis. Am Tag des Festes findet nach Greenwood ein gemeinsamer Umzug zum zentralen Platz der Stadt statt. An diesem Umzug nehmen sechs nach Stadtteilen gegliederte Gruppen teil. Dabei tragen sie Waffen, um an die erfolgreiche Schlacht zu erinnern. Diese Waffen nehmen darüber hinaus noch eine Funktion auf symbolischer Ebene ein: „The guns, by ward and then together, speak with one unified voice of the solidarity between the inhabitants that allowed them to survive” (Greenwood 1989: 175). Dieses Beispiel des parallelen Schießens verdeutlicht, dass die Alarde symbolisch für den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb der lokalen Bevölkerung steht. Jeder ist an den Vorbereitungen für das Fest beteiligt und alle sozialen Schichten feiern gemeinsam. „It involves almost all the men, women, and children in the town during the preparations for it and includes a staggering number of them in the actual enactment” (ebd.: 174). So wird eine Idee der Gleichheit zum Ausdruck gebracht. Es soll daran erinnert werden, dass 1638 alle Bevölkerungsgruppen die französische Belagerung überstanden haben. Die Einheimischen sprechen in diesem Kontext nach Greenwood von einem „unique concept of Basque ´collective nobility´“ (ebd.: 175, Markierung des Autors). Man kann daher von einer integrierenden Funktion des Festes sprechen, das für Werte wie Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität steht, weshalb die Alarde von Fuenterrabia folglich nach der Definition von Geertz als öffentliches Ritual bezeichnet werden kann.

Ursprünglich war die Alarde nicht für Außenstehende und Touristen gemacht, sie findet allerdings zufällig während der Touristensaison statt. Greenwood betont die Schwierigkeit für Außenstehende, sich der Bedeutung des Rituals bewusst werden zu können: „It is a performance for the participants, not a show. It is an enactment of the ´sacred history´ of Fuenterrabia history by its very nature inaccessible to outsiders, even when equipped with a two-paragraph explanation courtesy of the Ministry of Information and Tourism” (ebd.: 176, Markierungen des Autors). Trotz dieser Distanz zwischen Einheimischen und Außenstehenden haben gerade wirtschaftliche Gründe für die Öffnung des Rituals nach außen gesorgt. Außerdem wird durch das Zitat ersichtlich, dass in erster Linie die Politik und die Kommunalregierung der baskischen Region die Öffnung nach außen vorangetrieben hat. „They [Kommunalregierung] declared that the Alarde should be given twice in the same day to allow everyone to see it” (ebd.: 178, Markierungen des Autors). Greenwood bezeichnet diese Kommerzialisierung „turning point“ (ebd.: 177), welcher weitreichende Folgen für die lokale Bedeutung des Alarde-Rituals hatte (vgl. 3.).

2.2 Aboakyer-Festival

Das Aboakyer-Festival findet jährlich in der südghanaischen Stadt Winneba statt. Das Ritual wird durch den Stamm der Effutu organisiert und durchgeführt (Wyllie 1968: 21). „The Aboakyer, known throughout Ghana as the ´Winneba Deer Hunting Festival,´ is held annually in early May. It commemorates the founding of Winneba some three centuries ago” (Wyllie 1994: 78, Markierungen des Autors). Das Ritual soll also an die 300 Jahre alte Gründung Winnebas erinnern und gibt so die lokale Bevölkerung an einen Gründungsmythos. und lockt pro Jahr zwischen 25.000 – 30.000 Besuchern an (ebd.). Am Tag des Festivals, welches in der Regel an einem Samstag stattfindet, gibt es eine rituelle Wildtierjagd zwischen zwei Kompanien, die die Hauptveranstaltung des Festivals stellt: „The central event of the festival is the deer hunt itself, which is organized as a contest between the town's two asafo companies (ebd.). Die Mitgliedschaften in dem Kompanien werden nach dem patrilinearen Prinzip vererbt: “Recruitment follows the patrilineal principle, every Effutu at birth becoming a member of his father's company” (Wyllie 1968: 22). Überwiegend werden religiöse Traditionen während der Feierlichkeiten aufrechterhalten. Das bei der Jagd erlangte Opfertier wird geteilt und erinnert an die 77 Göttlichkeiten, die es bei den Effutu gibt: „The sacrificial deer is decapitated and skinned and its flesh cut into 77 pieces (one for each of the Effutu deities)” (Wyllie 1994: 79). Knapp zusammengefasst liegt die Bedeutung des Rituals für die lokale Bevölkerung demnach in der traditionellen Religionsausübung und dem Erinnern an die Stadtgründung. Wyllie bezeichnet es als „the most important event in the ritual calendar“ (ebd.: 78). Außerdem wird den Göttern und Vorfahren gedankt und gehuldigt und man betet für Schutz für das neue Jahr und betont familiäre Bindungen (ebd.).

Das Festival hatte schon immer eine große Anziehungskraft und ist bei Touristen sehr beliebt, weshalb Wyllie es als „national visitor attraction“ (ebd.) bezeichnet. Anders als bei der Alarde von Fuenterrabia war das Aboakyer-Festival gleich von Beginn an darauf ausgelegt, Besucher von außerhalb anzulocken. Es wird sogar Wert darauf gelegt, dass überregionale Medien (Fernsehen und Zeitungen) über das öffentliche Ritual berichten. So können sich die Bevölkerung und die Stadt Winneba bewusst nach außen präsentieren (ebd.). Von einer erzwungenen Öffnung nach außen wie bei der Alarde kann also nicht gesprochen werden. „From its beginnings as a communal ritual the Aboakyer has attained the status of a major national festival and is recognized as such in Ghana Tourist Board guidebooks and in brochures published by national tour operators” (ebd.). Diese öffentliche und überregionale Form des Aboakyer-Festivals wird von den Einheimischen in erster Linie wirtschaftlich begründet. Wyllie verweist daher auf den hohen wirtschaftlichen Nutzen des Rituals: „The most obvious result of the concentration in Winneba of masses of spectators in holiday mood is an increase in the circulation of wealth and the stimulation of business and trading activity. The sales of food and drink are estimated to be about four times greater on the day of the hunt than on a normal Saturday” (Wyllie 1968: 28). Das Festival in Winneba erfüllt des Weiteren die Definition des öffentlichen Rituals von Geertz. Das Gründungsritual entspricht der integrativen Funktion des Zusammenhalts von öffentlichen Ritualen, da ein gemeinsamer Gründungsmythos Jahr für Jahr wieder auflebt. Darüber hinaus werden traditionelle religiöse Verhaltensweisen wie die symbolisch behaftete Tierjagd werden für die Besucher deutlich sichtbar und bewusst in den Vordergrund gerückt, also im Sinne der Definition von Geertz, dramatisiert dargestellt.

3. Rezeptionen auf den Tourismus in den Fallbeispielen

Im nachfolgenden Kapitel soll die jeweilige Rezeption und Reaktion der lokalen Bevölkerung auf den Tourismus analysiert werden. In einem zweiten Schritt wird dann untersucht, wie die Ethnologen Greenwood und Wyllie den touristischen Einfluss bewerten und inwiefern ihre Bewertungen dabei von den Ansichten der lokalen Bevölkerung geprägt worden sind. Mit diesen Erkenntnissen lassen sich allgemeine Schlüsse über den Tourismus ziehen.

3.1 Reaktionen der lokalen Bevölkerung auf den Tourismus

Die im zweiten Abschnitt vorgestellten Fallbeispiele unterscheiden sich erheblich, wenn man die Reaktion der lokalen Bevölkerung auf den Tourismus bei ihren öffentlichen Ritualen auswertet. Die baskischen Bewohner von Fuenterrabia stehen dem Tourismus kritisch und ablehnend gegenüber. Die hohe Bedeutung des Alarde-Rituals für große Teile der Bevölkerung hat nach der Schilderung von Greenwood durch die Zunahme des Tourismus erheblich abgenommen. Der geschilderte „turning point“ ist innerhalb der großen Masse der Bevölkerung auf Ablehnung und Wut gestoßen. Greenwood formuliert drastisch: „The Alarde is dying for them, and they are powerless to reverse the process. Making their culture a public performance took the municipal government a few minutes; with that act, a 350-year-old ritual died” (Greenwood 1989: 180, Markierungen des Autors). Nach der touristischen Öffnung und der zweiten Alarde an einem Tag gibt sogar es Schwierigkeiten, Teilnehmer zu mobilisieren. Um die Alarde nach den Wünschen der Kommunalregierung durchführen zu können, mussten Teilnehmer gar durch Bezahlung angeheuert werden (ebd.).

Laut Greenwood haben die Bewohner das öffentliche Ritual in erster Linie für sich selbst durchgeführt. Dies ist auch beim Aboakyer-Festival in Ghana so, allerdings unterscheiden sich die ghanaischen Reaktionen deutlich von den spanischen. In Winneba ist nach den Schilderungen von Wyllie eine viel positivere Grundstimmung gegenüber dem Tourismus wahrnehmbar. Die Einheimischen sind stolz auf das auswärtige Interesse und wollen den Besuchern etwas bieten. „The growth of the festival as a visitor attraction has not dampened local enthusiasm for the event” (ebd.: 79f.). Der Enthusiasmus ist also im Gegensatz zum baskischen Festival nicht rückläufig. Die Effutu haben ihr Aboakyer-Festival bewusst an modernere Zeiten angepasst und unterscheiden sich damit von der Alarde, obwohl beide Rituale ähnlich lange bestehen. Laut Wyllie hängt dies mit der aufgekommenen städtischen Umgebung zusammen: „[…] it has adjusted to the urban environment” (Wyllie 1968: 31, Markierung des Autors). Wyllie verweist in seinen Ausführungen sogar direkt auf Greenwoods einseitige Betrachtung der Alarde von Fuenterrbia und stellt eine kontrastierte Zukunftsprogonose für das ghanaische Ritual: „It seems unlikely that the Aboakyer will in the near future experience the kinds of problems encountered in the Alarde festival of Fuenterrabia, where tourism-induced commoditization is said to have caused widespread local apathy and loss of meaning” (Wyllie 1994: 80). In Winneba gibt es keine Sorge vor einem Überhandnehmen der Kommerzialisierung, selbst wenn die Besucherzahlen noch weiter ansteigen sollten (ebd.).

3.2 Ethnologische Wertungen auf touristische Einflüsse

In diesem Teil wird die Frage beantwortet, wie der Tourismus bei öffentlichen Ritualen von den beiden Ethnologen bewertet wird. Auffällig ist hierbei das Anpassen an die Resonanz der lokalen Bevölkerung (vgl. 3.1). Während Greenwood von einer zerstörerischen Kraft des Tourismus ausgeht und davon spricht, dass das Alarde-Ritual durch die Kommerzialisierung jegliche Bedeutung verloren hat („the meaning is gone“ (Greenwood 1989: 178)), bildet Wyllie mit seinen Ausführungen ein klares Gegenstück zu Greenwood. Wyllie fällt kein klares und undifferenziertes Urteil, sondern ist bemüht eine differenzierte Betrachtung des touristischen Einflusses auf das Aboayker-Festival auszuarbeiten. Er spricht sowohl von Problemen als auch von den (vor allen Dingen wirtschaftlichen) Vorteilen des Tourismus und ist bemüht, seine eigene Position außen vor zu lassen, auch wenn ihm eine generell zustimmende Haltung gegenüber dem Tourismus attestiert werden kann. Probleme beschreibt er als vorrübergehend und weniger dramatisch und betont sehr stark die infrastrukturellen Vorteile und Möglichkeiten des Aboayker-Festivals: „[…] there are some residents who believe that the increasing popularity of the Aboakyer may eventually compel the government to improve the water supply and other elements of the local infrastructure” (Wyllie 1994, 80).

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Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656700890
ISBN (Buch)
9783656701149
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277466
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
normenbildung forschung gegenüberstellung fallbeispiele

Autor

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Titel: Normenbildung für tourismusethnologische Forschung