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Individualisierung als gesellschaftliche Gefährdung

Individuum: Segen oder Gefahr der modernen Gesellschaft?

Hausarbeit 2007 26 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Individualität, Individuum und Individualisierung

3. Der lange Weg zur Individualität
3.1 Das Mittelalter
3.2 Reformation und Aufklärung
3.3 Emanzipation der Individualisierung

4. Deutungen gesellschaftlicher Wirklichkeit
4.1 Individualisierung als Risiko
4.2 Gefährdete Individualität
4.3 Individualisierung als Gefahr

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich bin nicht gemacht wie irgendeiner von denen, die ich bisher sah, und ich wage zu glauben, daß ich auch nicht gemacht bin wie irgendeiner von allen, die leben. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich doch wenigstens anders.[1]

Jean-Jacques Rousseau beruft sich in seinen „Bekenntnissen“ auf Einzigartigkeit. Einzigartigkeit nicht nur im Bezug auf die äußere Erscheinung, sondern vor allem auch bezüglich seiner Innerlichkeit. Seine Denkstruktur, seine Gefühle, seine Wünsche, seine Leidenschaften, seine Vorlieben und Ressentiments, all diese machen ihn, gerade in der Art des Zusammenspiels dieser und der jeweiligen “Größen“, in denen sie auftreten, zu einem Individuum, in der Weise, in der wir Individualität heute denken.

Rousseaus „Bekenntnisse“ werden als die erste so umfassende Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und der eigenen Persönlichkeit in derart säkularisierter Form beschrieben. Nirgendwo sonst im 18. Jahrhundert findet sich eine ähnlich introvertierte und die eigene Seelenwelt mehr zentrierende Schrift, in der es ausser seinen Empfindungen keine weiteren Wertbestimmungen gibt.[2]

Darzustellen, welchen Weg der Mensch gehen musste um sich selbst und seine eigene Persönlichkeit in diesem Maße thematisieren zu können, wird ebenso Anliegen meiner Hausarbeit sein wie der Versuch, deutlich zu machen, dass Individualität von den verschiedenen Menschen in den geschichtlichen Epochen keinesfalls homogen gedacht werden konnte. © Ralph Paschwitz Das Individuum hatte, abhängig von den gegebenen Strukturen und Zeiten in die es geboren wurde, vielmehr immer nur einen bestimmten vorgegebenen Spielraum in dem sich Individualität ausbreiten konnte, und dieser Aspekt hat auch heute noch erhebliche Gültigkeit. Über eine Hinführung zu der heutigen individualisierten Gesellschaft werden die „Desintegrationstheorie“ Wilhelm Heitmeyers, die „Risiko- bzw. Bürgergesellschaft“ Ulrich Becks als auch – als vermeintliche Gegenposition zu ersterer – die Theorie des Kontrollverlustes gegenüber korporativen Akteuren von James Coleman vorgestellt, um daraus, aus der Beleuchtung eben dieser verschiedenen Sichtweisen auf Individualität bezüglich der modernen Gesellschaft, eine relativ objektive Schlussbetrachtung und ein Fazit anschließen zu können, welches die Forschungsfrage nach Gefahr oder Segen von Individualität und fortschreitender Individualisierung ausreichend zu beantworten gedenkt.

Bereits an dieser frühen Stelle meiner Ausarbeitung sei auf die Probleme hingewiesen, Individualität in einer Zeit zu denken, in der die übergroße Mehrheit der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnte, in der die Nahrungsmittelbeschaffung den gesamten Tagesablauf bestimmte und sich das gesamte Leben nach Fragen der Existenzsicherung richtete. Auch die Recherche der spärlichen Quellen, die uns ein Bild liefern über “den Menschen“ z. B. im Mittelalter, um hier bewusst nicht von Individuum zu sprechen, muss immer unter dem wichtigen Vorsatz betrieben werden, dass hier hoch privilegierte Personen am Werk waren, welche über die entsprechende Bildung, Zeit und finanziellen Mittel verfügten, um diese Schriften anfertigen zu können. Der Masse der Menschen waren diese Voraussetzungen nicht gegeben. Wenn man also im 17. und 18. Jahrhundert von einer Individualität spricht, die sich getragen durch Romane und Briefe selbst entdeckt und thematisiert, meint diese nicht eine Individualität der gesamten “Bevölkerung“, sondern vielmehr den gesellschaftlichen Bereich der ökonomischen und adeligen Oberschicht, der für den “Luxus“ des sich mit sich selbst Auseinandersetzens Zeit und Finanzen hatte.[3]: ,,<<Erlebnisunmittelbarkeit>> statt barocker <<Gelegenheit sittlicher Bewährung>>, individuelles Aufgehen in der Passion des Gefühls statt höfisch-stoischer Affektkontrolle“[4] war Privileg der gehobenen Klassen und Stände und in dieser Form in der teils verarmten Land- als auch Stadtbevölkerung nicht existent.

Dieser wichtige Punkt einer verschiedenartigen Sicht auf die eigene Person und Einzigartigkeit, oder anders formuliert: diese unterschiedlichen Individualitätsentwicklungen innerhalb derselben Gesellschaft und derselben Zeit sollen in den gesamten Ausführungen im Hinterkopf behalten werden. Denn erst mit der entwickelten Industriegesellschaft, die im 19.Jahrhundert geringen, aber stetigen Wohlstand und Bildung auch in den “unteren“ Bevölkerungskreisen ermöglichte, änderte sich dieser Zustand.

Kurz skizziert sei auch, dass Individualität schon in ihren Anfängen eine benutzte Floskel, eine Umschreibung politischer und ideologischer Brisanz war: „<<Der Mensch>> wird zum Kampfbegriff schon gegen die von unten nachdrängenden Schichten, vor allem aber gegen den Adel und seine Privilegien. Die Geburt und das Blut können nicht mehr Garant gesellschaftlicher Stellung sein, denn als <<Mensch>> sind alle gleich.[5] Wie “gleich“ die Menschen wirklich waren und als wie “gleich“ sie wirklich angesehen wurden, veranschaulicht der Sachverhalt, dass Sklaverei und der Handel mit Leibeigenen[6] von dieser Parole scheinbar unberührt blieben. So konnte und kann: ,,das Individuum [...] stets nur das, (sein) <<was ihm sowohl seine Epoche als auch sein gesellschaftliches Milieu zu sein erlauben“>>[7] © Ralph Paschwitz Doch gegen all die “Hindernisse“, welche das Individuum in seiner Emanzipation zu überwinden hatte und die vor allem aus Herrschafts- und Bevormundungsschranken bestanden, setzte es sich im Laufe der Zeit durch.

Individualität hat sich emanzipiert. Gegenüber ständischer Herrschaft, gegenüber traditionalen Vergemeinschaftungsformen wie bspw. der Familie und inzwischen gegenüber einer Gesellschaft, die scheinbar nur noch aus Individuen besteht. In seiner langen Entwicklungsgeschichte hatte das Individuum noch nie ein so großes gesellschaftliches Gewicht und sah sich dermaßen weiten und vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten ausgesetzt. Sport, Freizeit, Kleidung, Tagesablauf, Arbeit, Arbeitslosigkeit, Mutter- als auch Vaterschaft, Ehe. Alles ist zur Option geworden, die, zwar nicht autonom also generell unabhängig[8], aber zumindest individuell entschieden werden kann.

Trotz dieser scheinbar so paradiesischen Konstellationen für das Individuum, wird gerade durch die große Aktualität des Diskurses um Individualität und Gesellschaft ein Problem zwischen beiden gezeitigt und der Konflikthaftigkeit zwischen Subjekt und Gesellschaft sogar eine Instanz gewidmet, die sich mit der Vermittlung beider beschäftigt.[9]

Was ist nun der Grund dafür, dass die sich über Jahrtausende weiter emanzipierende Individualität und die seit mehreren Jahrhunderten von werdenden Individuen geforderte, unterstützte und förmlich umkämpfte Individualisierung in ein solch negatives Licht gerät? Gleichsam wird damit die Frage aufgeworfen, ob genau das, wonach die Menschen über mehrere Jahrhunderte hinweg gestrebt haben, nun zu einer Gefährdung für die bestehende Gesellschaftsordnung geworden ist. © Ralph Paschwitz

2. Individualität, Individuum und Individualisierung

Individualität meint gemeinhin Einzigartigkeit. Einzigartigkeit, wie sie schon Jean-Jacques Rousseau bei sich bemerkte. Jeder Mensch besitzt demnach eine persönliche Eigenart, die ihn von den anderen Menschen unterscheidet. Diese ihm eigene Identität bildet sich im Laufe des Erwachsenwerdens und ist danach für sein weiteres Leben bestimmend. Eine Person zu kennen, schließt die Fähigkeit ein, seine Eigenheiten und die ihm eigene Art zu handeln, zu sprechen oder zu denken, beschreiben zu können.

In der heutigen Gesellschaft und im Umgang mit unseren Mitmenschen gehen uns diese Möglichkeiten langsam verloren, und allein diese Veränderung im Miteinander der Individuen, welche wir selber erleben und erfahren, verdeutlicht das Problem, Individualität, Persönlichkeit, Individuum wie Individualisierung in seiner heutigen Denkstruktur auf frühere Gesellschaften zu übertragen. Was Individualität ist und wie sie wahrgenommen wird, ist den geschichtlichen Epochen nicht in Gleichzeitigkeit zu unterstellen. Selbst Individualität und Persönlichkeit in einer uns ähnlichen Weise zu denken, stößt – gehen wir nur weit genug in der Geschichte zurück – an seine Grenzen. Unser “Wissen“ über individuelle Einmaligkeit von jetzt in jeden Homo Sapiens zu pressen, ist ein fehlerhaftes Unterfangen, was durchaus häufige Praxis ist. Es ist uns einfach nicht (mehr) möglich, Mensch ohne Individualität und vor allem ohne die Realisierung der eigenen Persönlichkeit zu denken.

Der lange Weg, den die Individualisierung gehen musste, war auch keineswegs ein Geradliniger. Nicht nur nicht-stetiger “Fortschritt“, sondern auch räumliche Unterschiede in der Erfahrung der eigenen Persönlichkeit je nach gesellschaftlicher Ausformung, kennzeichnen seinen Werdegang und sind auch heute noch Teil der „Weltgesellschaft“. So ist Individualisierung keinesfalls eine fortdauernde Entwicklung, und Rückschläge in dessen Emanzipation zeitigen ebenfalls seinen Weg, wie regelrechte Individualisierungsschübe.[10]

Individuum/Identität und Individualität meint nicht zwangsläufig immer dasselbe. Verwiesen sei an diesem Punkt an die pathologische Erscheinung der „multiplen Persönlichkeit“ bzw. der „multiplen Identität“. In solchen Fällen handelt es sich ohne Zweifel um einen Menschen mit einer ihm eigenen Individualität, allerdings ohne dabei nur ein einziges Individuum zu sein bzw. nur eine einzige Identität zu besitzen.[11]

Um jetzt die Brücke von dieser philosophischen Beschreibung zu unserem Thema zu schlagen, sei die Veränderung der Individualitätskonzepte in der heutigen Zeit und Gesellschaft erwähnt. Eine eigene gefestigte Identität zu haben, drückt ja gerade die Fähigkeit aus, in einem Wechsel von Zeit, Raum und Zustand immer dieselbe Persönlichkeit zu bleiben. In der Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft wird aber gerade das Gegenteil zunehmend nachgefragt. Sich in verschiedene Identitäten wechseln zu können und je nach Anforderung oder Nachfrage eine passende Persönlichkeit zu bieten, wird eine individuelle Begabung, die oftmals Erfolg oder Misserfolg im existenziellen Sinne bedeutet. Individualität und Individuum nach eigenen Vorstellungen zu sein und seine Individualisierung in dem Maße führen zu können, in dem man es sich wünscht, ist damit an Zwänge gebunden, die sich oftmals nicht mehr im individuell zu entscheidenden Bereich befinden.

Eine einzigartige Persönlichkeit zu formen und nach Vorlieben noch eine solche, welche: „mit einem im Laufe der Sozialisation erworbenen festumrissenen Bewusstsein der Person von sich selbst und ihrem Platz in der Gesellschaft sowie einer Vorstellung von Sinn und Zweck ihres Lebens“[12] ausgestattet ist, wird mehr und mehr nicht realisierbar. Die „Normal- oder Standardbiographie“ wird zum Auslaufmodell einer sich überkommenden Gesellschaft und sich anschließende Puzzel-Mentalitäten nach dem Schlüssel-Schloss Prinzip werden zu einer ökonomisch geforderten Gegebenheit.

Individualisierung ist heute nicht mehr nur Anstoß für positives Streben und Lob, sondern kommt zuweilen vor als Aufstand gegen strukturelle Abhängigkeiten und beschriebene Zwänge. Zur Individualität gesellschaftlich ermutigt, stößt das Individuum auf gesellschaftliche Schranken, welche es an einer allzu individuellen Lebensart hindern. Das Resultat dieses Paradoxons ist eine automatisierte Individualität und eine Art Individuum vom Fließband, denn alles Individuelle bewegt sich letztlich in einem Rahmen, der nicht allein aufgestellt werden kann.[13] Für Aristoteles war dieser Rahmen die dem Menschen durch höhere Wesen gegebene Sozialität, in der er den Menschen als soziales Wesen ansah. Vergemeinschaftung liegt danach in der Natur des Menschen. Wie schwer es wird, unter einer solchen Prämisse Individualität auch nur zu erahnen, lässt sich kaum beschreiben. Erst Hobbes brach mit diesem Muster und vermittelte eine neue Sicht auf das „Individuum“, indem er den menschlichen Naturzustand als einen getrennter einzelner postulierte[14]. Die Entwicklung vor und nach Hobbes soll nun im Folgenden kurz beschrieben werden.

3. Der lange Weg zur Individualität

Die Beschreibung einer Entwicklungsgeschichte der (westlichen) Individualität muss zwangsläufig an einer bestimmten Stelle in der Geschichte ansetzen und begonnen werden. Meine Wahl ist der verwendeten Literatur geschuldet und wird im Mittelalter beginnen. Wie schon beschrieben, ist die Entwicklung der Individualität keineswegs eine geradlinige, und nicht zuletzt aufgrund dieses Umstandes wäre es interessant gewesen, etwa die antike griechische oder römische Vorstellung von “Individuum“, “Identität“ und “Individualisierung“ zu recherchieren – sofern diese Worte nicht schon eine Semantik beschreiben, die an dem Gegenstand vorbei geht. Auch die asiatische Sicht auf “Persönlichkeit“ kann hier nicht thematisiert werden. Das würde bei weitem nicht nur die quantitativen Vorgaben dieser Arbeit übersteigen, sondern auch am Thema vorbeigehen, welches ja in der Bearbeitung von Individualisierung als Gefahr für die heutige, westliche, moderne Gesellschaft liegt.

Doch zunächst zur Entwicklungsgeschichte: Wie schon eingangs beschrieben, lässt sich unsere jetzige Vorstellung von Individuum und Individualität keinesfalls in frühere Gesellschaften übertragen. Selbst in der Zeit Jean-Jacques Rousseaus, der sich mit ’Einzigartigkeit’ schon weit dem Bild genähert hat, das wir heute von Individualität haben, wird ’Individuum’ bei weitem nicht in dem Maße oder in den Kategorien gedacht und vorausgesetzt, wie es gegenwärtig der Fall ist. Sich diesen Sachverhalt klar zu machen, ist Bedingung für ein annäherndes Verständnis der Selbstsicht – sofern sich davon überhaupt sprechen lässt – als auch der Entwicklung dieser, bezüglich der Menschen im Mittelalter, der Aufklärung oder in der Industriegesellschaft.

3.1 Das Mittelalter

Das Verhältnis zu erklären, in dem der mittelalterliche Mensch zu sich selber stand, ist wie schon erwähnt eine sehr schwierige Aufgabe, da sich eine beliebige Person für uns nicht mehr ohne Individualität erfassen lässt. Wir neigen aus diesem Grund dazu, anzunehmen, dass die Art und Weise, in der sich das mittelalterliche „Individuum“ sah – sofern es das tat – eine Frühform dessen gewesen sein muss, was uns heute in unserer Individualität ausmacht. Gegen so eine Auffassung steht Sonntag und formuliert darüber gleichsam eine Kritik an Elias Prozess der Zivilisation: „Der mittelalterliche Mensch figuriert (bei Elias) im doppelten Sinn als <<Rohform>> heutiger Menschen. Aber statt um den rudimentären Keim der heutigen könnte es sich auch um eine andere psychostrukturelle Verfassung handeln. So deutet die Gleichzeitigkeit von für uns unvereinbaren Verhaltens- und Erlebnisweisen auf eine spezifische psychische Organisation.“[15] Diese “spezifische psychische Organisation“ und “andere psychostrukturelle Verfassung“ ist ohne eingehende Erklärungen nicht erfassbar.[16]

Im Mittelalter müssen (soziale) Ordnung als auch Herrschafts- und Machtbeziehungen anders gedacht werden als “moderne“ Zentralisation oder Kaiser- bzw. Königsherrschaft. Ohne diese wichtige Denkleistung verkümmert das Mittelalter zu einem Ort der Anarchie und Gewalt, als welche es oft dargestellt wird.

Mit der Geburt in eine bestimmte Gruppe, einen bestimmten Stamm oder eine bestimmte Sippe begann für den Menschen ein Dasein, in dem er sich allein über die Zugehörigkeit zu dieser, seiner Gruppe, definierte. Damit übernahm er gleichsam die freundschaftlichen und herrschaftlichen Beziehungen seines Vaters bzw. seines Hauses zu anderen Häusern und deren Angehörigen.

Dieses Leben war durch eine ungeheuer große Vorbestimmtheit gekennzeichnet. Herrschaft, Freundschaft als auch die eigene Tätigkeit innerhalb des Hauses, welches nahezu ausschließlich Subsistenzwirtschaft betrieb, waren festgelegt und konnten nur in verschwindend geringen Fällen überhaupt beeinflusst werden. Geschlechts- und Altersspezifische Rollen waren vorgegeben und wurden nicht in Frage gestellt. Die eigenen Möglichkeiten, sich selbst, seine Zukunft oder seinen Tätigkeitsbereich zu modifizieren – denn von bestimmen konnte keine Rede sein – waren ungemein gering. Das Haus war der Bezugspunkt jeglicher Beziehungen, die das “Subjekt“ konstituierten. Allerdings bestimmten nicht die “Mitglieder“ eines Hauses den Status, den es trug, sondern das Haus bestimmte das Ansehen seiner Angehörigen und war zugleich Ordnungsinstanz.[17] Herrschaft, Abhängigkeit, Rechte und Pflichten waren durch das Haus geregelt. “Hoheitsrechte“, die sich im Hausherren manifestierten, machten diesen zum Teilhaber einer “Staatsgewalt“, die nicht souverän existierte. Eine Person war in bestimmten Konstellationen damit der Herrschaft mehrerer unterworfen und eventuell gleichsam Herr über eine Vielzahl Untergebener. Die Fülle an ungeschriebenen Interaktionsregeln, denen sich die Personen dadurch ausgesetzt sahen, und die Menge an Verhaltensnormen, die “nach oben“ wie “nach unten“ eingehalten werden mussten, waren enorm. Die Konfliktanfälligkeit eines solchen Miteinanders war daher eben so groß wie die Regeln für deren Beilegung.

[...]


[1] Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) in seinem autobiographischen Werk „Die Bekenntnisse“, die zwischen 1764 und 1770 entstanden und ab 1782 veröffentlicht wurden. In: Sonntag, Michael: Das Verborgene des Herzens. Zur Geschichte der Individualität. Reinbek, 1999 S. 212

[2] Vgl. Sonntag, Michael: Das Verborgene des Herzens. Zur Geschichte der Individualität. Reinbek, 1999 S. 211 ff.

[3] „Personen, die in ihrem jeweiligen individuellen So-Sein die Quelle ihrer Handlungen sind, begegnen bereits in einem 1642 erscheinenden Schäferroman, in dem sich <<zum ersten Mal im Roman des 17.Jahrhunderts ein individuelles Erlebnis>> findet, eine fast schon <<empfindsame>> Liebesgeschichte, <<eine einfache Konstellation zwischen zwei Menschen, wie sie so, mit aller Besonderheit des Seelischen, noch nie gestaltet worden war. [...] Dichten bedeutet hier nicht [...] Rechtfertigung der Seele vor Gott, dem letzten Bezugspunkt des Barockromans, sondern Rechtfertigung der Seele vor sich selbst>>. Sonntag S. 203

[4] Sonntag S.203

[5] Sonntag S. 171

[6] Der „Versuch über den Roman“ (1774) von Friedrich von Blanckenburg (Sonntag S. 171), der sich dieses Thema zum Inhalt macht, lässt sich hier als gutes Beispiel nennen, da er in einer Zeit entstand, in welcher der englische Sklavenhandel einen Höhepunkt erreichte. Auch die zahllosen Verkäufe Leibeigener und Landsknechte aus deutschen Herzog- und Fürstentümern nach England, um im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu kämpfen, demonstrieren den kurzen Aktionsraum und geringen Wirkungsbereich, auf den derartige Forderungen schon von vornherein angelegt waren.

[7] Sonntag S. 17

[8] Abhängigkeiten sind zum Beispiel finanzielle Mittel, oder auch das zeitliche Budget. Hinter jeder vermeintlich autonomen Entscheidung stehen also andere Determinanten, die sich auf die Entscheidung auswirken und diese beeinflussen.

[9] Gemeint ist die Soziale Arbeit als Arbeits- und Studienfeld.

[10] Luthers Thesenschlag oder der Individualisierungsschub des letzten Jahrhunderts sind zu nennende Beispiele.

[11] Vgl. Sonntag S.8

[12] Sonntag S. 9

[13] Jegliches noch so bewusst individuelles Verhalten, was darauf abzielt, genau diesen Rahmen zu sprengen, da er als Zwang oder Abhängigkeit wahrgenommen wird und eine individuelle Vor-Bestimmtheit darstellt, markiert dennoch kein völlig autonomes Handeln. Alternative Kleidung, Punks, Hipp Hopper und alle sonstigen Subkulturen unterliegen in ihrer Rebellion gegen die Gesellschaft und für Individualität einer klaren Fehleinschätzung, denn sie alle befinden sich innerhalb dessen, was Individualität nach den heutigen Denkmustern bedeuten kann.

[14] Vgl. Chwaszcza, Christine: Thomas Hobbes (1588-1679) In: Maier, Hans/Denzer, Horst (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens. Von Plato bis Hobbes. C.H. Beck oHG, 2004

[15] Sonntag S. 72

[16] Sonntag breitet diesbezügliche Erläuterungen auf ca. 50 Seiten aus, welche eine genaue Beschreibung der Herrschafts- und Lebensverhältnisse im Mittelalter einschließen. Eine adäquate Wiedergabe wird mir nur schwer möglich sein, aber dennoch versucht.

[17] „Über den Hausherren ist das Haus Grundbaustein aller herrschaftlichen Ordnung. Ein <<Herr>>, vom Grundherren bis zum König, ist vor allem anderen <<Hausherr>>. Noch Jean Bodin, der Begründer der absolutistischen Staatstheorie, leitet 1576 die Herrschaft des Souveräns aus der Hausherrschaft ab. Für das gesamte Mittelalter ist die Hausherrschaft Modell und Ursprung von Herrschaft überhaupt, <<Herrschaft des Mannes über Frau, Kinder, und Gesinde, Diener und Leibeigene und ... der Freien über Halbfreie und Unfreie>> [...] Die Hausherrliche munt, die Schutzgewalt über die im Haus lebenden Personen, ist die Quelle aller politischen Rechte.“ Sonntag S. 37-38

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656700845
ISBN (Buch)
9783656702672
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277429
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Individualisierung Individuum Individualität Gesellschaftsgefährdung Ralph Paschwitz

Autor

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