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Wie das Kind sprechen lernt. Die Rolle der Sprache bei der gemeinsamen Formbildung

Seminararbeit 2013 9 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Spiel und Form für Sprache und Lernen

2. Gemeinsame Formbildung beim Spiel zwischen Mutter und Kind
2.1 Form und Ablauf des Spiels
2.2 Die Fallstudie „Jonathan“
2.2.1 Veränderungen und Entwicklungen
2.2.2 Ergebnisse und Bemerkungen
2.3 Die Fallstudie „Richard“
2.3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Jonathan
2.3.2 Verlauf und Beobachtungen zu Spiel und Verhalten von Richard

3. Schlussgedanke
3.1 Ziele und Erkenntnisse des gemeinsamen Formschaffens
3.2 Formatbildung, –überschneidung und –austreten im Alltag

4. Literatur

1. Spiel und Form für Sprache und Lernen

Ausgehend von Bruners Interaktionstheorie und weiteren Studien findet sich eine interessante Themenkombination in seiner wissenschaftlichen Arbeit „Wie das Kind sprechen lernt“ (1997), welche zum einen Muster und Variationen beim gemeinsamen Interagieren und die Rolle und Funktion der Sprache beim gemeinsamen Spiel vereint. Der folgende Text befasst sich hauptsächlich mit der gemeinsamen Formerzeugung von Mutter und Kind und der dabei verwendeten Sprachgebrauch.

Lernen durch Spiel und Sprache mit der Mutter ist für Säuglinge und heranwachsende Kinder ein wichtiger Bestandteil der Kindheit, der es den Jungen hauptsächlich ermöglicht, Erfahrungen im Umgang mit anderen Lebewesen zu sammeln, ohne dabei die Konsequenzen tragen zu müssen. Nicht nur bei Menschen ist das gemeinsame Spiel zwischen Mutter und Kind gängig, auch bei Primatenarten wurde ein derartiges Verhalten beobachtet. Aus Studien erkannte man, dass es weniger Zurechtweisungen für Primaten auf einer höheren Evolutionsstufe gibt, es wird also häufiger auf das Training durch Drohung und Strafe verzichtet. Stattdessen findet auch hier das Spiel miteinander statt, welches oftmals seitens der Mutter eingeführt wird, um das Junge vor frustrierenden Situationen und Erfahrungen zu schützen. Die Funktion des Spiels zwischen der Mutter und dem Jungen bei Primaten ist die Vorbereitung des Jungen auf das spätere technisch-soziale Leben. Beim Menschen wäre der soziale Aspekt etwa der Umgang mit anderen Menschen und der technische Aspekt beispielsweise der Einsatz von Hilfsmitteln zum gezielten Problemlösen. Bezüglich des gemeinsamen Spiels zwischen Mutter und Kind stellt der Mensch eine besondere Ausnahme dar, da er das einzige Lebewesen ist, bei dem Spiele den Mittelpunkt und die Freude der gesamten Kindheit ausmachen. Hierbei verweist Bruner auf eine Vielzahl von gängigen Kinderspielen wie dem Verstecken oder dem Auf-den-Knien-Reiten. Diese Spiele bedienen sich des Gebrauches von Sprache und sind daher nur von sprechenden Wesen durchführbar und geben dem Kind zusätzlich die Gelegenheit, einen ersten systematischen Spracheinsatz gegenüber Erwachsenen zu verwenden. Zusätzlich entdecken Kinder für sich, was sie mit Worten erzeugen können, sowie verschiedene Mittel zu nutzen, die jedoch zum selben Zweck führen (vgl. Bruner, 1997).

2. Gemeinsame Formbildung beim Spiel zwischen Mutter und Kind

Das interaktive Spiel zwischen Mutter und Kind entspricht einem festen Format. Unter einem Format versteht Bruner ein „eingespieltes, standardisiertes Ablaufmuster von Handlungs- und Redeaktivitäten zwischen Kind und Erwachsenem.“ (Bruner, 1997, S. 131)Die häufigste Form der Interaktion und gemeinsamen Formerzeugung zwischen Kind und Mutter ist demnach das gemeinsame Spiel, bei dem die variable Verteilung der Rollen eine wichtige Rolle spielt. Als Analogie verwendet Bruner hier die Sprachspiele nach Ludwig Wittgenstein, welcher jedes dieser Spiele als eine in sich geschlossene „Lebensform“ darstellt (vgl. Bruner, 1997). Die Handlungen in solchen Spielen sind idealisiert, das heißt sie sind auf die spezielle Situation des Spiels angepasst und nur unter diesen Umständen sinnvoll und gültig. Außerdem ergibt sich ihr Ziel aus dem Spielen selbst heraus und entspricht somit nicht der Realität. Als Beispiel wird das Wiedererscheinen eines verdeckten Gesichtes mit dem Ausruf „Buuh!“ genannt. Der Ausruf hat außerhalb des Spiels keine funktionale Bedeutung, spielt in der „Lebensform“ allerdings eine wichtige Rolle und ist konventionalisiert sowie syntaktischer Natur. Das ganze Spiel wird mit Sprache begleitet. Zusätzlich besitzen nach Bruner (1997) interaktive Spiele eine eigene „Tiefenstruktur“ und einige Realisierungsregeln für die „Oberfläche“ des Spiels. Beim Beispiel des Versteckenspiels versteht Bruner (1997) unter der Tiefenstruktur das kontrollierte Verschwinden und Wiedererscheinen. Mit Oberflächenstruktur ist die weitere Ausgestaltung des Spiels durch Benutzung von Hilfsmitteln wie etwa Türchen oder Zwischenwänden gemeint. Wie bereits erwähnt, spielt die Rollenverteilung und der -wechsel bei derartigen Spielen eine wichtige Rolle. Normalerweise handelt es sich um die Rollen des Handelnden (Akteur) und die des Beobachtenden beziehungsweise Reagierenden. Ein weiteres Merkmal des interaktiven Spiels ist die Ähnlichkeit zu Protokonversationen, welche ebenfalls eine Art der gemeinsamen Formschaffung sind. Die Sprache ist bei der Kommunikation zwischen der Mutter und dem Säugling das notwendige Medium, das jede Protokonversation zu einem eigenen Format macht. Das interaktive Spiel wird als Thema des Formates anerkannt, während die Teilnehmer Veränderungen beobachten und kommentieren. Die einzelnen Elemente des Spiels werden also miteinander verknüpft.

2.1 Form und Ablauf des Spiels

Zur Veranschaulichung solcher Formate zieht Bruner zwei Fallstudien heran. Die beiden Kinder Richard und Jonathan wurden alle zwei Wochen zuhause je eine Stunde beobachtet. Richard wurde von 0;5 Monaten bis 2;0 Jahren und Jonathan von 0;3 Monaten bis 1;6 Jahren beobachtet. Die Familien der Kinder kommen aus der amerikanischen Mittelklasse. Die Beobachtungen wurden aus dem Hintergrund, also ohne Beteiligung der Beobachter am Geschehen, durchgeführt. Die natürlichen Reaktionen auf Annäherungen der Kinder und Eltern und neue Sprachformen der Kinder wurden unverzüglich in Notizbüchern, die die Eltern führten, aufgezeichnet. Die durchgeführten Spiele handelten vom Verschwinden und Wiedererscheinen von Gegenständen (vgl. Bruner, 1997). Im Folgenden wird zunächst die Fallstudie Jonathan behandelt sowie der Ablauf des Spiels erklärt, dann die Fallstudie Richard, welche in analogen Werten dargestellt wird.

2.2 Die Fallstudie „Jonathan“

Ein Spielzeugclown, der mittels eins Stabs bewegt werden konnte, um ihn an einem am Stab befestigten Tuch heraustreten und wieder verschwinden zu lassen, ist hierbei der Hauptgegenstand des Spiels. Nach zweimonatiger Einführung beginnt das Spiel im Alter von 0;5 Monaten. Zunächst beobachtet Jonathan das Spektakel des Verschwindens und Wiedererscheinens lächelnd, beginnt jedoch sich den Ablauf zu merken und vorherzusehen, was mit dem Clown passieren wird. Allgemein zeigt er ein hohes Interesse an dieser Art Spiel. Diese Version und andere Nebenversionen werden gespielt bis Jonathan 0;9 Monate alt ist, verschwinden dann und beginnen im Alter von 1;2 Jahren wieder.

Bruners Analyse folgend setzt sich das Spiel aus einem Anfangs- und einem Fortsetzungsthema zusammen, dem Verschwinden und Wiedererscheinen, wobei sich das Anfangsthema in die beiden Komponenten Vorbereitung und Verschwinden untergliedert und das Fortsetzungsthema sich aus dem Wiedererscheinen und der Wiederherstellung zusammensetzt. Jede dieser Komponenten grenzt sich von einer anderen durch Pausen oder andere Markierungen ab und lässt sich wiederum in je zwei Untergruppen aufteilen, sodass sich eine Art hierarchisches Muster herausbildet. Diese Einteilung schafft die Rahmenbedingungen für das Format. In der Phase der Vorbereitung versucht die Mutter, die Aufmerksamkeit des Kindes auf den sich bewegenden Clown zu lenken, was meist mit dem Aufruf zur Aufmerksamkeit „Wer ist das?“ sprachlich begleitet wird. Sobald das Kind aufmerksam ist, haben sich die Rollen im Spiel ebenfalls fest verteilt, sodass das Kind die passive Person und die Mutter die aktive Person spielt. Die Komponente des Verschwindens setzt sich aus den drei Konstituenten „Start“, „Vollendung“ und „Suche“ zusammen sowie einer langen Pause, gefolgt vom Start des Wiedererscheinens bis hin zu dessen Vollendung. Nach einer weiteren Pause beginnt die Wiederherstellung, bei der der Clown auf Jonathan zubewegt wird, während die Mutter dazu Geräusche macht, um Jonathan danach durch den Aufruf „nicht aufessen!“ einzuschränken. Die Tiefenstruktur bleibt bei diesem Spiel immer gleich, allerdings können die einzelnen Konstituenten beliebig variiert werden, sodass jedes dieser Spiele eine individuelle „Lebensform“ darstellt (vgl. Bruner, 1997).

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Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656701798
ISBN (Buch)
9783656702696
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v277354
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – IPS
Note
1,0
Schlagworte
Kind sprechen sprache fortbildung eltern psycholinguistik psycho linguistik psychologie lernen säugling baby mutter beziehung

Autor

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Titel: Wie das Kind sprechen lernt. Die Rolle der Sprache bei der gemeinsamen Formbildung