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Der schulische Leistungsbegriff. Verständnis, Funktion und Auswirkung

von Daniel Philipp Scheffler (Autor)

Hausarbeit 2014 20 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1 Was ist Leistung?
2.2 Gesellschaftlicher Leistungsbegriff
2.3 Pädagogischer Leistungsbegriff

3. Umsetzung des Leistungsbegriffs in der Schule

4. Leistungsmessung und -bewertung
4.1 Begriffserklärung
4.2 Gütekriterien schulischer Leistungsmessung
4.3 Verfahren schulischer Leistungsmessung und -bewertung

5. Bezugsnormen schulischer Leistungsbewertung

6. Funktionen von Leistungsmessung und -bewertung

7. Aspekte der Leistungserziehung

8. Schluss

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Leistungsmessung, Leistungsbewertung und Notengebung in der Schule sind umfassende Aufgaben von Lehrkräften. Sie sollen den Schülerinnen und Schülern den zu lernenden Unterrichtsstoff beibringen sowie deren Lernerfolg messen und gerecht bewerten. Die Schülerinnen und Schüler sollen zum einen darauf vorbereitet werden, den Leistungsanforderungen in ihrem späteren Berufsleben gerecht zu werden, zum anderen darf jedoch hierbei die erzieherische Funktion der Schule nicht außer Acht gelassen werden. Damit steht das Problem der Leistungsbewertung der Schülerinnen und Schüler im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen und pädagogischen Aspekten der Leistungserziehung.

Problematisch kann demnach die Beurteilung von Leistungen durch Noten in stark heterogenen Klassen werden, da hier die Leistungsvoraussetzungen sehr unterschiedlich sind. Für eine gerechte Bewertung sollte allgemein, aber verstärkt in eben genannten Fällen, sowohl die Leistung an sich als auch der Lernprozess, der zu der erbrachten Leistung führt, miteinbezogen werden.

Da die Notenvergabe in der Schule, vor allem bei Abschlussnoten, eine für Schülerinnen und Schüler richtungsweisende Funktion für ihr späteres Leben besitzt, werde ich die komplexen Zusammenhänge, die bei der Messung und Bewertung von Leistungen auftreten, in dieser Arbeit näher erläutern.

Beginnen werde ich mit einem kurzen Überblick in welchen Bereichen der Begriff „Leistung“ Verwendung findet und was er in beispielhaften Zusammenhängen bedeutet. Darüber hinaus werde ich das gesellschaftliche gefolgt von dem pädagogischen Verständnis des Leistungsbegriffs erläutern und die derzeitige Integration der jeweils geformten Leitbilder in der Schule beschreiben.

Der weitere Verlauf der Arbeit wird sich mit den Verfahren der Notengebung anhand der Gütekriterien für Leistungsmessung und den Bezugsnormen für die Leistungsbeurteilung beschäftigen. In einem weiteren Kapitel werden die Funktionen der Leistungsmessung und ‑bewertung vorgestellt und im Hinblick auf ihre schulischen und gesellschaftlichen Auswirkungen näher erläutert.

Um die Kernaussagen der Arbeit hinsichtlich positiver und negativer Auswirkungen abzuwägen, werde ich in einem abschließenden Kapitel die Aspekte kritisch gegenüber stellen. Als Fazit fasse ich meine gewonnenen Erkenntnisse nochmals zusammen und werde sie in einem Ausblick für die schulische Praxis nutzen.

2. Begriffserklärung

2.1 Was ist Leistung?

Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich den Begriff der Leistung allgemein definieren. Der Begriff „Leistung“ wird in zahlreichen Zusammenhängen verwendet. In der Physik z.B. beschreibt Leistung die Energie, die in einer bestimmten Zeitspanne aufgebracht wird. In der Rechtswissenschaft versteht der Jurist bei der Verwendung des Begriffs „Leistung“ eine „bewusste und zweckgerichtete Vermehrung fremden Vermögens“ (Stiebert 2012).

In dieser Arbeit soll jedoch der Leistungsbegriff in der Schule näher betrachtet werden. In diesem Zusammenhang versteht man unter „Leistung“ die zu Ergebnissen führende Anstrengung innerhalb eines Prozesses, der auf festgelegte Anforderungen bezogen ist (vgl. Jürgens & Sacher 2008, S. 30).

2.2 Gesellschaftlicher Leistungsbegriff

Auf der Grundlage des Leistungsstrebens jedes einzelnen Menschen lässt sich der gesellschaftliche Leistungsbegriff beschreiben. Das Streben nach „Anerkennung und (Selbst‑)Achtung durch erfolgreich bewältigte Anforderungen“ (Jürgens & Sacher 2008, S. 30) ist ein wesentliches Grundbedürfnis für jedes Individuum. Diese Arten des Selbstbewusstseins und der Anerkennung lassen sich demnach vor allem durch das Erbringen von Leistungen realisieren.

Das Prinzip der Leistung reicht somit auf dieser Grundlage in nahezu alle Bereiche und Strukturen der Gesellschaft hinein. Dadurch wird ein Ordnungsprinzip geschaffen, dass nach Jürgens (2010, S. 14) auf vier Grundsätzen basiert, die nachfolgend erläutert werden. Aufgrund von erbrachten Leistungen, die mit gleichwertigen Gegenleistungen belohnt werden, soll dem Leistungsprinzip eine Verteilungsfunktion zugesprochen werden. Des Weiteren stellt das Leistungsprinzip die Sicherung von Lebensstandard, Produktivität und Fortschritt dar, zu dem jeder Mensch in einem individuellen Umfang beiträgt. Durch diesen Beitrag zur Gesellschaft erhält jeder Mensch somit seinen Platz in der Gesellschaft, da unweigerlich Einkommen, Prestige und Machtvermögen aufgeteilt werden. Hierdurch wird ein Konkurrenzkampf ausgelöst, aus dem jeder Mensch heraus seine Fähigkeiten bestmöglich entwickeln kann und somit eine klare Zuordnung von Person und Position in der Gesellschaft vollzogen werden kann.

Folgt man dieser Strukturierung der Leistungsgesellschaft, so ist es offensichtlich, dass der ausgeübte Beruf und der soziale Status, den sich jedes Individuum erarbeiten kann, maßgeblich auf die individuell erbrachte Leistung zurückzuführen ist. Diesem Ideal stehen in der Realität allerdings einige Widersprüche gegenüber. Zum einen wird durch Subventionsmaßnahmen allen Menschen ein Mindesteinkommen gesichert ohne, dass sie dafür Leistungen erbracht haben. Somit ist die Verteilung von Gütern in unserer Gesellschaft tatsächlich nicht immer von Leistungen abhängig (vgl. Bohl 2009, S. 26).

Zum anderen müsste jeder Mensch von Anfang an die gleichen Möglichkeiten für die Erbringung von Leistungen haben. Hier treten bereits die ersten Probleme mit dieser Theorie der Leistungsgesellschaft auf. Durch Ungleichheiten der Bildungschancen aufgrund von soziokulturellen und ökonomischen Voraussetzungen kann nur eine ideale Vorstellung der Leistungsgesellschaft beschrieben werden (vgl. Jürgen 2010, S. 17).

Aufgrund dieser Diskrepanz zwischen Theorie und Realität kann unsere moderne Gesellschaft nicht als Leistungsgesellschaft bezeichnet werden. Man spricht von einer stark leistungsorientierten Gesellschaft, da sie durchaus den Grundsätzen des Leistungsprinzips weitgehend folgt.

2.3 Pädagogischer Leistungsbegriff

In pädagogischen Zusammenhängen wird der Leistungsbegriff unter anderen Gesichtspunkten als in der Leistungsgesellschaft gesehen. Er beinhaltet dabei eine wesentliche Rolle für die Leistungsmessung und -bewertung. Der folgende Abschnitt stellt die Merkmale des pädagogischen Leistungsbegriffs dar.

Leistung ist in diesem Sinne norm- und zweckbezogen. Es ist erforderlich eine Norm als Leistungssoll festzulegen, um im Anschluss an eine gemessene Leistung entscheiden zu können, ob ein Handlungsziel erreicht wurde oder nicht. Diese Gegebenheit muss zudem sicherstellen, dass eine optimale pädagogische Förderung der Schülerinnen und Schüler Beachtung findet. Des Weiteren ist es unumgänglich, dass die Schülerinnen und Schüler die Sinnhaftigkeit von Leistungen reflektieren und man verdeutlicht was, warum und wofür etwas geleistet wird. Dabei sollten die Leistungen nicht nur durch auferlegte Anforderungen von außen erbracht werden, sondern gleichermaßen durch Selbstbestimmtheit der Lern- und Handlungsziele (vgl. Jürgens 2010, S. 26 f.).

Ein weiterer wichtiger Aspekt des pädagogischen Leistungsbegriffs ist, dass dieser anlage- und umweltbedingt ist (vgl. Jürgens 2010, S. 29). Leistungen der Schülerinnen und Schüler dürfen nicht nur auf ihre individuelle Begabung zurückgeführt werden. Begabung und Leistung entwickeln sich erst mit fortschreitendem Lernprozess. Hierzu trägt eine individuelle Förderung maßgeblich dazu bei, wodurch die Kinder zu Verantwortlichkeit in der Gesellschaft erzogen werden sollen. Durch Umweltbedingungen, die auf die Kinder einwirken, werden die Leistungen außerdem in erheblichem Maße beeinflusst, wie z.B. das familiäre oder schulische Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Bohl (2009, S. 27) verdeutlicht in diesem Zusammenhang nochmals, dass eine vertrauensvolle Beziehungsstruktur eine notwendige Voraussetzung für das Erbringen von Leistungen seitens der Kinder sei.

Da dieses soziale Umfeld die Schülerinnen und Schüler ständig begleitet, umgibt es auch ihren Lernprozess. Demnach stellt Jürgens (2010, S. 31) einen weiteren Aspekt des pädagogischen Leistungsbegriffs dar. Leistung im pädagogischen Kontext beinhaltet demnach nicht nur das Lernergebnis, sondern ebenfalls den Lernprozess. Beide Seiten dieses Leistungsverständnisses sollten bei der Leistungsmessung und -bewertung beachtet werden. Das Lernergebnis lässt sich leichter durch Klassenarbeiten oder mündliche Tests feststellen, dennoch kann auch der Lernprozess, also das Zustandekommen von Leistungen, in die Bewertung einfließen, der sich z.B. im Unterrichtsgespräch zweifelsfrei feststellen lässt. Für die Bewertung einer Leistung sollten nach Möglichkeit alle Faktoren Einfluss nehmen.

Außerdem sollte unter dem Leistungsbegriff in der Schule das individuelle und soziale Lernen verstanden werden, da nicht jede Schülerin und jeder Schüler die gleichen Voraussetzungen mitbringt. Hierzu ist es notwendig die Leistungsanforderungen an die individuellen Lernmöglichkeiten anzupassen, wobei ein differenzierter Unterricht eine sinnvolle Maßnahme der Realisierung darstellt. Angepasst an den Wissensstand und die Lernvoraussetzungen der Kinder sollten die Aufgaben gestellt werden. Dies trägt außerdem dazu bei, das Konkurrenzverhalten zwischen den Kindern und Jugendlichen zu verringern, und bietet zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten für den Unterricht (vgl. Jürgens 2010, S. 32 f.).

Unter dem weiteren Aspekt des problemmotivierten und vielfältigen Lernens versteht man, Leistungen wie z.B. Kreativität, Produktivität und Kooperation in den Unterricht zu integrieren. Der pädagogische Leistungsbegriff beschränkt sich hierbei also nicht auf die intellektuellen und verbalen Leistungen in der Schule, so dass ein vielfältiges Lernangebot geschaffen werden sollte (vgl. Jürgens 2010, S. 35 f.).

Abschließend ist nach Bohl (2009, S. 28) anzumerken, dass der pädagogische Leistungsbegriff mit seinen Aspekten, wie der zunehmenden Individualisierung, Prozessorientierung und Vielfältigkeit im Unterricht, niemals als wertfrei bezeichnet werden kann. Leistung ist in diesem Zusammenhang immer subjektiven Gewichtungen unterlegen und kann im pädagogischen Sinn nicht objektiviert werden.

3. Umsetzung des Leistungsbegriffs in der Schule

Die Leistungserziehung nach den Grundsätzen des gesellschaftlichen Leistungsprinzips ist in der Schule nicht als praktikabel anzusehen. Man könnte dessen Umsetzung nicht mit der Begründung durchsetzen, man wolle die Kinder auf ihr späteres Leben in der Leistungsgesellschaft vorbereiten. Denn aufgrund von Faktoren wie der Chancenungleichheit unsere Gesellschaft keine ausschließliche Leistungsgesellschaft ist. Der gesellschaftliche Leistungsbegriff ist in der Schule demnach nicht von essentieller Bedeutung (vgl. Jürgens 2010, S. 19).

Stattdessen treten erzieherische und pädagogische Leitlinien in den Vordergrund. Eine Erziehung zur Mündigkeit soll bei den Schülerinnen und Schülern erzielt werden. Dies bedeutet, dass die Kinder in der Schule neben den fachlichen auch soziale Kompetenzen erwerben sollen, die die Voraussetzung für ein individuelles gesellschaftliches Leben darstellen. Demnach sollte die Fähigkeit von Solidarität sowie Selbst- und Mitbestimmung verstärkt in der Schule gefördert werden (vgl. Jürgens 2010, S. 20).

Diese Forderung implementiert das Verständnis einer ganzheitlichen Förderkultur, die sich nach Jürgens und Sacher (2008, S. 33) durch Wissenserwerb, Lernen moralischer Regeln und dem Einüben von Handlungskompetenzen auszeichnet. Der pädagogische Leistungsbegriff umfasst in dieser Hinsicht die Beachtung einer gemeinsamen Grundlage von sozialen Werten, die von den Schülerinnen und Schülern eingefordert werden sollten. Bohl (2009, S. 27) betont in diesem Zusammenhang zusätzlich, dass der der Schule durch das Gesetz beigemessene Erziehungsauftrag unbedingt eingehalten werden sollte. Um Diesem gerecht zu werden, stehen sowohl die bereits genannten Fähigkeiten zu Solidarität und Kooperation als auch die Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit im Vordergrund. Die Schule hat daher Sorge zu tragen, dass sie Lernprozesse so aufbaut und fördert, so dass die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben die sozialen Kompetenzen wie z.B. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Selbstständigkeit, Kooperation, Kreativität und Fertigkeiten zur Problembewältigung zu entwickeln (vgl. Jürgens 2010, S. 21 f.).

Aufbauend auf diesem Leistungsverständnis sollte das Bewertungsverständnis der Schule überarbeitet werden, so dass die fachspezifischen Inhalte nicht alleine den Ausschlag für die Benotung geben. An dieser Stelle spielt die Prozessorientierung des pädagogischen Leistungsbegriffs eine bedeutende Rolle, der die Entwicklung des Lernprozesses stärker fokussiert. Bewertungen sollten somit nach Jürgens und Sacher (2008, S. 47 f.) auch von den Lernwegen an sich abhängig gemacht werden, ohne aber das Resultat dessen davon zu isolieren.

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Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656699064
ISBN (Buch)
9783656700111
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276564
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Schlagworte
leistungsbegriff verständnis funktion auswirkung

Autor

  • Autor: undefined

    Daniel Philipp Scheffler (Autor)

    2 Titel veröffentlicht

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Titel: Der schulische Leistungsbegriff. Verständnis, Funktion und Auswirkung