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Heterogenität und Inklusion. Binnendifferenzierung und Individualisierung

Seminararbeit 2012 16 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Klärung der Begrifflichkeiten
2.1 Heterogenität
2.2 Inklusion
2.3 Binnendifferenzierung
2.4 Individualisierung

3. Das Konzept der Inklusion
3.1 Geschichte
3.2 Rechtliche Grundlagen
3.3 Leitlinien und Handlungsfelder
3.4 Umsetzung durch Binnendifferenzierung und Individualisierung

4. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Die Gesellschaft in Deutschland ist durch Globalisierung und demographischen Wandel in den letzten Jahren wesentlich vielfältiger und verschiedener geworden. Von den 82,1 Millionen Einwohner haben 15,6 Millionen, also 19%, einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt, 2010). Es findet sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Kulturen und Lebensstilen. Auch in den deutschen Schulen hat die Vielfalt der Schüler[1] in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Klassen setzten sich aus Jungen und Mädchen, Schülern mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Hochbegabten, Schülern mit Migrationshintergrund und solchen mit Behinderung zusammen. Auch unterscheiden sich die Schüler oft stark in ihren Begabungen, Sprachkenntnissen und kognitiven Voraussetzungen. Gerade in Deutschland wird diese Vielfältigkeit oft als anstrengend und problematisch angesehen. In keinem anderen Land in Europa wird beispielsweise so früh auf die verschiedenen weiterführenden Schulen selektiert wie in Deutschland und somit ein Versuch unternommen, die Vielfältigkeit und Verschiedenheit der Schüler innerhalb einer Klasse auf ein Minimum zu beschränken. Auch besitzt Deutschland ein sehr verzweigtes und ausgebautes Sonderschulwesen, wodurch der Anteil behinderter Kinder an allgemeinbildenden Schulen nur 15,7 % beträgt. Dies stellt in Europa einen der niedrigsten Werte und somit einen weiteren Versuch dar, die Verschiedenheiten innerhalb einer Klasse zu mindern (Warzecha, B., 2003; von Saldern, M., 2011).

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention im März 2009 wurde nun eine gesetzliche Basis für den Umgang mit Vielfalt und Andersartigkeit geschaffen. Begriffe wie „Heterogenität“, „Inklusion“, „Binnendifferenzierung“ und „Individualisierung“ werden dabei immer wieder stark diskutiert, jedoch selten einheitlich definiert.

Ziel dieser Arbeit ist es, diese Begriffe zu klären und ihren Zusammenhang aufzuzeigen (Kapitel 2). Anschließend wird das Konzept der Inklusion näher betrachtet, indem auf die Geschichte, die rechtlichen Grundlagen sowie auf die konkreten Handlungsfelder eingegangen wird. Dabei wird auch auf die Änderung des hessischen Schulgesetzes im August 2011 eingegangen (Kapitel 3.1 bis 3.3). In Kapitel 3.4 werden konkrete Maßnahmen der Binnendifferenzierung und Individualisierung aufgezeigt. Abschließend werden die wesentlichen Erkenntnisse kurz zusammengefasst, Probleme aufgezeigt und ein Ausblick gegeben (Kapitel 4).

2. Klärung der Begrifflichkeiten

2.1 Heterogenität

Der Begriff Heterogenität findet in den Medien wie auch in der Literatur zahlreiche Verwendung. Selten wird dabei jedoch geklärt, was unter dem Terminus explizit zu verstehen ist. Etymologisch lässt sich der Begriff Heterogenität vom altgriechischen Wort „heterogenes“ ableiten. Dieses setzt sich aus den Worten „heteros“ (= anders, verschieden) und „genos“ (= Klasse/Art) zusammen (Kluge, 2011) und verweist somit auf die Verschieden- oder Andersartigkeit innerhalb einer bestimmten Klasse. Des Weiteren ist festzustellen, dass es sich bei Heterogenität um das Gegenteil zur Homogenität handelt. Letztere beschreibt den Zustand der relativen Einheitlichkeit der Mitglieder einer Gruppe in Hinblick auf sozialstrukturelle Kriterien. Als Heterogenität kann demnach der Zustand der relativen Ungleichheit der Mitglieder einer Gruppe in Hinblick auf die sozialstrukturellen Kriterien bezeichnet werden (Wenning, 1999). Diese Kriterien bzw. die Bereiche, in denen die Heterogenität ihren Ausdruck findet, können unterschiedlich ausdifferenziert werden. Für diese Arbeit werden die folgenden acht Heterogenitätsbereiche nach Heyer, Preuss-Lausitz & Sack (2003) zu Grunde gelegt:

Heterogenität als Unterschiede in:

- den kognitiven Lernvoraussetzungen
- den sprachlichen Kompetenzen
- den sozialen Kompetenzen
- den Interessen und Neigungen, der Leistungsmotivation und den Erwartungen an Lehrer, Gleichaltrige und Schulinhalte
- Alter
- Geschlecht
- Traditionen, Wertmustern und Normen
- den psychischen und physischen Voraussetzungen

In der heutigen pluralistischen Gesellschaft ist Heterogenität als Normalfall anzusehen. Auch die Schulen sehen sich somit mit einer immer heterogener werdenden Schülerschaft konfrontiert, die neue Unterrichtspraktiken erfordern. Trotzdem besteht in Deutschland weitgehend eine Tendenz zur Homogenisierung, in der die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler verdrängt oder sogar bestritten werden (Schweitzer, 2010).

2.2 Inklusion

Der Begriff der Inklusion gewinnt in Deutschland gegenwärtig immer mehr an Bedeutung. Dabei wird er jedoch des Öfteren als Synonym für „Integration“ verwendet, was seiner eigentlichen Bedeutung nicht gerecht wird. Vielmehr ist die Inklusion als eine Weiterentwicklung der Integration zu sehen. Während unter Integration meist die Einbeziehung einer „andersartigen“ Gruppe in eine „normale“ Gruppe“, also beispielsweise die Einbeziehung behinderter Kinder in eine Klasse nicht-behinderter Kinder gemeint ist, erteilt das Prinzip der Inklusion dieser Unterteilung in „normal“ und „andersartig“ eine strenge Absage. Vielmehr wird die Gruppe als Ganzes mit vielen unterschiedlichen Charakteristiken betrachtet. Die Inklusion stellt somit eine Antwort auf die zunehmende Heterogenität dar, in der diese nicht als Problem sondern als normal und wertvoll angesehen wird (Landesschülervertretung Hessen, 2011). Auch die Individualität und die besonderen Bedürfnisse eines jeden Schülers werden anerkannt und spezifisch gefördert. Die inklusive Schule ist daher eine „Schule für Alle“, in der die Schüler unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, Beeinträchtigungen oder anderen heterogenen Faktoren gemeinsam unterrichtet und individuell gefördert werden. Vor allem in Bezug auf behinderte Schüler stellt dies eine neue Entwicklung dar, da diese meist noch getrennt von nicht-behinderten Schülern in Sonderschulen unterrichtet werden (Jürgens-Pieper & Pieper, 2011).

2.3 Binnendifferenzierung

Der Begriff der „Differenzierung“ leitet sich vom lateinischen Wort „differentia“ (=Verschiedenheit) ab (Knollmüller, 2005). In der Literatur wird der Begriff sehr unterschiedlich definiert. Grundsätzlich kann darunter jedoch die (zeitweise) Bildung von möglichst homogenen Gruppen verstanden werden, mit dem Ziel auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler optimal einzugehen und diese mit Hilfe angepasster Maßnahmen zu fördern.

Die Differenzierung kann in zwei Arten unterschieden werden:

Äußere Differenzierung: Hierbei handelt es sich um eine dauerhafte Homogenisierung der Lerngruppen durch organisatorische Maßnahmen, wie z.B. die Aufteilung der Schüler auf die verschiedenen Schulformen. Hierzu zählt auch das Unterrichten von behinderten Kindern in Sonderschulen.

Innere Differenzierung oder Binnendifferenzierung: Diese umfasst alle Maßnahmen, die zur Differenzierung innerhalb einer Klasse angewandt werden. Eine Einteilung in homogene Gruppen findet somit nur für einen sehr begrenzten Zeitraum statt (Borgwardt, Enter, Fretwurst & Walz, 1993).

Winkeler (1978, 40) hebt den Unterschied zwischen innerer und äußerer Differenzierung nochmals deutlich hervor: „Innere Differenzierung … unterscheidet sich … von … der äußeren Differenzierung dadurch, daß sie den herkömmlichen, heterogen zusammengesetzten Klassenverband erhält. Sie versucht, ihrer Aufgabe durch geeignete unterrichtsorganisatorische Maßnahmen innerhalb der bestehenden Schulklasse gerecht zu werden.“

2.4 Individualisierung

In der Literatur wird der Begriff der Individualisierung oft mit dem der Binnendifferenzierung gleichgesetzt. Auch die viel zitierten Autoren Klafki & Stöcker (1994) verwenden beide Begriffe synonym. Andere Autoren beschreiben die Individualisierung als extremste Form der Binnendifferenzierung, wenn sich diese nicht auf eine Gruppe, sondern auf einen einzelnen Schüler konzentriert (Schulte zu Berge, zit. nach Joswig, 1998). Beide Ansichten können folgendermaßen zusammengeführt werden: Jede Form der Binnendifferenzierung stellt eine Individualisierung dar, da der Unterricht individuell an die verschiedenen Voraussetzung der Schüler angepasst wird. Dabei kann der Grad der Individualisierung variieren, je nachdem ob die angewandten Methoden für eine ganze Gruppe von Schülern oder für einzelne Schüler innerhalb der Klasse angewandt werden.

Nach Klärung der Begriffe wird folgender Zusammenhang deutlich: Heterogenität stellt heutzutage den Normalfall dar und kann somit als Ausgangslage in den Schulklassen betrachtete werden. Das Konzept der Inklusion kann als Oberbegriff für einen positiven und konstruktiven Umgang mit dieser Heterogenität gesehen werden. Ziel ist eine „Schule für Alle“, in der kein Schüler auf Grund einer Beeinträchtigung oder anderen heterogenen Faktoren vom Unterricht ausgeschlossen wird. Binnendifferenzierung und Individualisierung stellen in diesem Zusammenhang eine planerische und unterrichtwirksame Antwort auf Heterogenität und Inklusion dar. Es sind also die Maßnahmen und Konzepte, die konkret zur Umsetzung der Inklusion in den Schulen verwendet werden können (Wenzel, 2011).

3. Das Konzept der Inklusion

3.1 Geschichte

Wie bereits erwähnt, sind der Begriff und somit auch das Konzept der Inklusion eher neueren Datums. Historisch kann die Inklusion nachfolgend an die drei großen pädagogischen Epochen der Exklusion, Separation und Integration angeschlossen werden, in denen jeweils ein unterschiedlicher Umgang mit Heterogenität und speziell mit behinderten Menschen vorherrschend war.

Exklusion: Während dieser Epoche war es Menschen mit Behinderung gänzlich verboten, eine Schule zu besuchen. In Europa war diese Handhabung mindestens bis Ende des 18. Jahrhunderts üblich.

Separation: Nach diesem Konzept war es nun auch Menschen mit Behinderung erlaubt eine Schule zu besuchen. Allerdings keine allgemeinbildenden Schule. Dies bedeutete zwar keine Exklusion mehr, jedoch trotzdem eine Separierung von behinderten und nicht-behinderten Menschen. In Europa begann diese Epoche, vor ungefähr 200 Jahren und kann als Anfang des Sonderschulwesens gesehen werden.

Integration: Die Phase der Integration begann in den 1960ern. Behinderte Kinder durften nun erstmals zusammen mit nicht-behinderten Kindern in allgemeinbildenden Schulen unterrichtet werden. Dafür war die Mitarbeit von Sonderpädagogen nötig. So kam erstmals eine Zusammenarbeit von Regelschulkräften und sonderpädagogischen Lehrkräften zu Stande. Die Separierung von behinderten Kindern wurde so teilweise aufgehoben. Trotzdem blieb diese Handhabung eher die Ausnahme. Die meisten behinderten Kinder wurden weiterhin in Sonderschulen unterrichtet und auch in der Gesellschaft wurde dies als der „Normalfall“ angesehen.

[...]


[1] Zu Gunsten der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden der Begriff „Schüler“ sowohl für männliche Schüler als auch für weibliche Schülerinnen benutzt

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656705826
ISBN (Buch)
9783656709039
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276506
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
heterogenität inklusion binnendifferenzierung individualisierung

Autor

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Titel: Heterogenität und Inklusion. Binnendifferenzierung und Individualisierung