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Zur Säkularisierungsdebatte in muslimischen Gesellschaften

Das Modell des „Okzidentalismus“ nach Dr. Hassan Hanafi

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vom Orientalismus zum Okzidentalismus
2.1 Die Gefahren und Herausforderungen der Verwestlichung
2.2 Das europäische Bewusstsein und die Zukunft der globalen Kultur

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im heutigen Diskurs wird der Begriff der Säkularisierung im Zusammenhang mit den Begriffen „Moderne“ und „Globalisierung“ im europäischen, sowie im nichteuropäischen Kontext gegensätzlich debattiert. Im Laufe der Thematik der Säkularisierung, dessen Hauptmerkmal nach westlichen Denkern die Trennung vom staatlichen und religiösen Bereich kennzeichnet, hat sich die Moderne mit ihrem Vernunftsgrundsatz herausgebildet (vgl. Prenner 2011 : 124).

Die Bezeichnung „Säkularismus“ (arab.ʿalmāniyya) trägt in der arabisch-islamischen Welt dennoch eine negative Konnotation. Mit dem Begriff werden zum einen die Spätfolgen des Kolonialismus und die Übernahme politischer Modelle und deren Scheitern in Verbindung gebracht und zum anderen die enttäuschten Erwartungs- haltungen, die mit diesen Modellen in Verbindung gebracht wurden (vgl. Prenner 2011 : 125). Der bedeutende Philosoph Mohammed Abd al-Jabri stellt seine zwei Hauptgedanken der politischen Ideengeschichte als Grund für die anhaltende Stagnation in der arabischen Welt dar: Für ihn hat sich vor allem zum einen die Nachahmung statt dem kritischen Denken als zentrale Form der Erkenntnis behauptet, zum anderen die Beratung des Herrschenden anstatt seiner Kontrolle (vgl. Hegasy 2010 : 1). Im Mittelpunkt der arabischen Gegenwartsphilosophie steht die Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen. Die Rückbesinnung richtet sich dabei auf eine stärkere Individualisierung der eigenen Lebens- und Gesellschaftsordnung bis hin zu Debatten über die Etablierung von Menschenrechten und Pluralität aus (vgl. Prenner 2011 : 125). Die Meinungen von Intellektuellen, Reformern, Traditionalisten und Aufklärern gehen bei diesem Diskurs auseinander.

Geht es nach dem ägyptischen Philosophen Dr. Hassan Hanafi (geb. 1935), so sieht er nicht nur die traditionsbewussten konservativen Gelehrten, sondern auch die verwestlichten Intellektuellen der arabisch-islamischen Welt in diesem Diskurs als erfolglos an (Prenner 2011 : 134). Nach Hanafi soll das islamische Erbe (arab. turāth) in Verbindung mit gegenwärtigen Bedürfnissen neu interpretiert werden. Das daraus entstehende Produkt ist eine Ideologie, aus der im Folgenden eine politische Bewegung herausbildet (vgl. Hourani 1992 : 533). Für ihn sind nicht nur das einseitige Festhalten an der Tradition sondern auch vergebende Neuerungen unangebracht. Dies begründet er dadurch, dass das Festhalten an den Traditionen den Problemen der Gesellschaft nicht genügte und das letztere den Großteil der Bevölkerung nicht erreichte, weil es für sie eine fremde Sprache mit sich brachte (vgl. Hourani 1992 : 533). Im folgenden Abschnitt soll Hassan Hanafis alternatives „islamisches Moderne- konzept“ (Prenner 2011 : 124) des „Okzidentalismus“ veranschaulicht, seine Grundhaltung gegenüber der Gefahr der Verwestlichung und eine klare Abgrenzung zum Konzept des „Orientalismus“ aufgezeigt werden.

2. Vom Orientalismus zum Okzidentalismus

Der Orientalismus als Studiengebiet, dessen Begriff Edward Said seit 1978 nachhaltig prägte (vgl. Fuchs 2009 : 197), ist ein Produkt des Westens, welches seinen Höhepunkt wie andere westliche Denkströme im 19. Jahrhundert erreichte (vgl. Hanafi 2005 : 1). Im Orientalismus enthüllen sich viele Übereinstimmungen mit den Ideologien der westlichen Kolonialkultur wie Imperialismus, Rassismus, Narzissmus, Faschismus, die die europäische Hegemonie gegenüber dem Orient maßgeblich gekennzeichnet hat (vgl. Prenner 2011 : 134). Damit definiert der Orientalismus, welcher eher Kenntnis über die Mentalität des Westens, anstatt der orientalischen Wesensart gewährt, das ungleiche Machtverhältnis zwischen dem westlichen Selbst und dem fremden orientalischen Anderen. Der Orientalismus bestimmt seit jeher die allgemeine historische Grundhaltung (vgl. Hanafi 2005 :1). In diesem Konzept steht die Verbindung von „Wissen und Macht“ vor allem anderen (vgl. Fuchs 2009 : 197). Dadurch hatte der „Orient“ nie die Chance, sich selbst zu positionieren. Die Bilder und Stereotypen wurden als gegeben betrachtet, ohne dass sich die Stimmen den Orients selbst äußern konnten.

Ebenso kritisiert Hanafi die Grundsätze „Neutralität“ und „Objektivität“, die als maßgebend für die westlichen Wissenschaften stehen; Orientalismus ist nach Hanafi nichts von all dem. Neutralität und Objektivität sind nur die Tarnung für die eigentlichen Vorurteile, die das Objekt der Forschung mit Absicht deformiert und der Subjektivität, die der Forschung inne liegt (vgl. Hanafi 2008 : 3).

Schon Michel Foucault hat die Begriffe „Wissen“ und „Macht“ nachhaltig geprägt. In einem gesellschaftlichen Diskurs werden, nach Foucault, Individuen als sozial konstituierte Subjekte betrachtet, welche nur aus ihrer eigenen sozialen Situation heraus, sich selbst definieren und handeln können (vgl. Kögler 2004 : 102). Das Individuum ist also im kontextbezogenen Rahmen oder der Macht des Diskurses gefangen und wird erst durch diesen definiert. Macht wird hier vielmehr durch die Pluralität von bestimmten, auf die Beziehung der Individuen untereinander ausgerichteten sozialen Handlungen bestimmt (vgl. Kögler 2004 : 193). Erst den 1980er Jahren nahm Foucault eine Unterscheidung zwischen Herrschaft und Macht vor (vgl. Kögler 2004 : 193). Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll deutlich werden, welchen Einfluss diese beiden Begriffe auf die Beziehung zwischen Orient und Okzident hat.

Hassan Hanafi unterstellt dem westlichen Konzept der Moderne ein Scheitern in der islamischen Gesellschaft, da dessen Grundzüge auf einem speziellen europäischen Bewusstsein beruhen, und damit auch einen universellen Anspruch voraussetzen der nicht in allen Kulturen gegeben sein kann (vgl. Prenner 2011 : 134). Der Okzidentalismus, oder auch „ʿIlm al-istighrāb“ (Wissenschaft des Okzidentalismus) (Fuchs 2009 : 197) dagegen ist ein Konzept, welches sich aus den so genannten „Dritte- Welt-Ländern“ entwickelt hat und den Westen von einem nicht-westlichen Blickwinkel aus betrachtet (vgl. Hanafi 2005 : 1). Mit diesem Konzept soll, nach Hanafi, der Prozess der Dekolonialisierung und die eurozentristische prävalente Sicht auf die Modernisierung beendet werden um den einst unterdrückten Ländern die Chance geben, selbst vom Objekt zum Subjekt der Betrachtung zu werden (vgl. Fuchs 2009 : 197, vgl. Prenner 2011 : 134). Dabei ist die militärische, ökonomische und politische Dekolonialisierung unvollständig, wenn die wissenschaftliche und kulturelle Komponente nicht berücksichtigt wird (vgl. Hanafi 2008 : 1). Die „Moderne“ spiegelt im Fall des Okzidentalismus eine andere Möglichkeit zur Gegenaufklärung wieder, welche das neu gewonnene Selbstbewusstsein der Peripherie als Mittel nutzt, um die Trennung von der hegemonialen Herrschaft des Westens voranzutreiben (vgl. Prenner 2011 : 135). Ebenso merkt er an, dass es einen Rollentausch dieser Form zwischen Kulturen und Menschen, bedingt durch die Geschichte, schon immer gegeben hat (vgl. Hanafi 2008 : 1). Ein Beispiel nennt Hasan Hanafi an dieser Stelle nicht. Hier kann aber die arabische Herrschaft in Spanien ab 711 angeführt werden (vgl. Bossong 2011 : 1). Von diesem Zeitpunkt, bis zu ihrer Rückeroberung 1492, war Al-Andalus ein Teil des islamischen Reiches und ein Zentrum für Kunst &Wissenschaft auf europäischen Boden (vgl. Bossong 2011 : 1).

Den beiden Konzepten Orientalismus und Okzidentalismus ist gemein, dass sie durch Machtverhältnisse bestimmt werden. Doch mit dem Ende des Orientalismus, welches Hanafi als gegeben annimmt, die Rollen zwischen Zentrum und Peripherie erneut getauscht werden (vgl. Hanafi 2005 :1). Hanafi hebt ganz klar die Abgrenzungen zwischen Orientalismus und Okzidentalismus hervor, wobei er den Okzidentalismus als eine Wissenschaft beschreibt, die sich von den Rändern der Peripherien aus entwickelt hat und den Zentren der westlichen Wissenschaften immer untergeordnet war (vgl. Hanafi 2005 : 1). Dennoch strebt der Okzidentalismus keine Hegemonie gegenüber westlicher Prinzipien an, das Konzept gilt vielmehr als konstruktive Position, welche die destruktive Meinung des Orientalismus ablösen soll (vgl. Hanafi 2005 : 1). Damit ist auch die Verbannung von den Westen selbst definierenden Bildern gemeint, die den Westen immer wieder in seiner hegemonialen Position gestärkt haben. Bilder, die durch Assoziationen wie der Farbe Weiß, der Westen, Demokratie, logische Denkweise, Zivilisation, Frieden, Toleranz, Entwicklung, Unabhängigkeit, Säkularismus, Modernität und Fortschritt, gegenüber den Antonymen dieser Begriffe, die mit dem Orient in Verbindung gebracht werden (vgl. Hanafi 2008 : 2).

Die bisherige Geschichtsschreibung der Welt ist nach Hassan Hanafi so verfasst, dass der Westen als Zentrum des Universums dargestellt wird und die Geschichte antiker Zivilisationen nur auf ein Minimum reduziert wurde. Er sieht den Orientalismus als ein von westlichen Denkern erschaffenes „Opfer“, die Europa als den Gipfel aller Zivilisationen gesehen hat. Der Okzidentalismus dagegen zielt darauf ab, die Balance zwischen den Geschichtsschreibungen wiederherzustellen und die Ungerechtigkeiten, die ihr zugrunde liegen, zu berichtigen (vgl. Hanafi 2008 : 3).

2.1 Die Gefahren und Herausforderungen der Verwestlichung

Hassan Hanafi sieht auch die Globalisierung als große Gefahr für die Weiterentwicklung der islamischen Moderne und beschreibt sie als neue Form der „westlichen Hegemonie“ und Unterdrückung nach dem Ende des Kolonialismus. Die Verwestlichung und auch die einpolige Amerikanisierung, was nach ihm nicht gleichzusetzen ist, sind allgegenwärtig. So ist Amerika der einzige Pol, der heute noch besteht (vgl. Hanafi 2005 :1).

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Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656694267
ISBN (Buch)
9783656695684
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276448
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Schlagworte
säkularisierungsdebatte gesellschaften modell okzidentalismus hassan hanafi

Autor

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