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Regulationsstörungen. Exzessives Schreien im Säuglingsalter und Trimenonkoliken

Symptome, Zusammenhänge, Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote

Studienarbeit 2014 59 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungen

1 1. Einleitung

2 2. Definition Trimenonkolik, Regulationsstörungen und exzessives Schreien
2.1 2.1. Trimenon- bzw. "Dreimonatskoliken"
2.2 2.2. Regulationsstörungen im Säuglingsalter
2.3 2.3.Leitsymptome von Regulationsstörungen:
2.4 2.4. Exzessives Schreien bzw. das "Schreibaby" allgemein

3 3. Diagnoseerhebung und Diagnosestellung bei Regulationsstörungen und Trimenonkoliken
3.1 3.1. Diagnoseerhebung und Anamnese
3.2 3.2. Diagnosestellung und Klassifikation

4 4. Zusammenhänge von Regulationsstörungen und Trimenonkoliken

5 5. Behandlungsmöglichkeiten
5.1 5.1. Behandlungsmöglichkeiten der Trimenonkolik
5.2 5.2. Trimenonkoliken naturheilkundlich behandeln
5.3 5.3. Weitere Hilfen bei Trimenonkoliken
5.4 5.4. Vorbeugende Maßnahmen bei Trimenonkoliken

6 6. Behandlungsmöglichkeiten von Regulationsstörungen
6.1 6.1. Behandlungsmöglichkeiten des exzessiven Schreiens:
6.2 6.2. Behandlungsmöglichkeiten von Fütterungsstörungen:
6.3 6.3. Behandlungsmöglichkeiten von Schlafstörungen beim Säugling und Kleinkind
6.3.1 6.3.1 Optimale Schlafumgebung für Säuglinge und Kleinkinder
6.3.2 6.3.2 Optimale Schlafvoraussetzungen für Säuglinge und Kleinkinder
6.3.3 6.3.3 Den Schlafrhytmus finden
6.4 6.4. Ärztliche bzw. psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten von Schlafstörungen beim Säugling und Kleinkind:
6.5 6.5. Schlafstörungen beim Säugling und Kleinkind alternativ/ naturheilkundlich behandeln:

7 7. Hilfsangebote bei Regulationsstörungen
7.1 7.1. Therapeutische Ansätze
7.2 7.2. Weitere Hilfen

8 8. Fazit

Vorwort

Ursprünglich hatte ich vor, meine Studienarbeit sowie alle weiteren Arbeiten zum Thema „Aromapflege in der Psychiatrie“ zu schreiben. Als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einer psychiatrischen Tagesklinik hätte sich dieses Thema angeboten und ist im täglichen Arbeitsgeschehen hochaktuell und wird gerne angewandt. Nach dem ersten Drittel des Studiums hat sich dann eine Schwangerschaft eingestellt, mit der ich nicht gerechnet hatte und damit natürlich auch die Elternzeit, die ich voll auszuschöpfen gedenke. Das Ursprungsthema stand auf einmal nicht mehr zur Verfügung, zumal ich auch auf längere Zeit keinen Kontakt mehr zu den erforderlichen Mitteln und zu den zu behandelnden Menschen haben werde. Gesegnet mit einem Säugling, der gastrointestinal sehr anfällig war, ständig von Koliken geplagt und auch sonst häufig am Weinen oder Schreien, musste ich feststellen, dass es zum Thema Trimenonkoliken kaum Studien und überhaupt keine zusammenhängende Literatur gibt. Auch zum Thema Regulationsstörungen gab es nur wenig und das meiste war dann eher Fachliteratur für angehende Ärzte und das ist nicht für jeden verständlich. Ansonsten konnte man sich einzelne Artikel in verschiedenen Büchern über Kinderkrankheiten zusammen suchen. Mit viel Geduld haben sich dann auch 2 internationale Studien zum Thema gefunden, sich daraus ein zufriedenstellendes Resultat zu bilden war eine große Herausforderung. Selbst die Bibliothekarin der wissenschaftlichen Bibliothek meines Arbeitgebers war erschrocken - auch sie mit ihren vielen Zugängen und Verbindungen konnte nicht viel zu speziell dieser Thematik finden. So entstand zusammen mit meiner Pflegedienstleitung, der Bibliothekarin und meiner Hebamme die Idee, vorhandenes Wissen zusammenzutragen und eine kleine Informationsbroschüre für betroffene Mütter zu erstellen. Diese soll aktuelles ebenso wie älteres Wissen über die Symptome, Ursachen, Zusammenhänge und Behandlungsmöglichkeiten der genannten Störungs- und Krankheitsbilder enthalten. Sie soll den Leserinnen ersparen, sich mühsam durch diverse Bücher lesen zu müssen zu einem Zeitpunkt, an welchem sie in der Regel weder die Zeit noch genügend Nerven dafür haben. Alles Wissenswerte soll auf wenigen Seiten zusammengefasst und zur Verfügung gestellt werden, so dass man in wenigen Augenblicken alle Informationen bekommen kann, die benötigt werden und welche hilfreich sein können. Zur Auslage kann die Broschüre in Hebammenpraxen sowie bei Kinderärzten kommen und auch unsere wissenschaftliche Bibliothek ist an einer Ausgabe interessiert- ebenso wie die Mutter-Kind-Stationen. Ebenfalls zu überlegen wäre an eine Veröffentlichung, beispielsweise im GRIND-Verlag, um jeder interessierten oder betroffenen Mutter den Zugang zu ermöglichen. Mit der vorliegenden Studienarbeit ist der erste Schritt getan, die Literaturrecherche hat sich erwartungsgemäß nicht leicht gestaltet und umso zufriedener bin ich selbst mit dem vorliegenden Ergebnis. Ich selbst wäre froh gewesen, hätte mir vor einigen Monaten etwas in dieser Art vorgelegen- es hätte mir sicher vieles leichter gemacht. Widmen möchte ich diese Arbeit- auch wenn es nicht unbedingt üblich ist- meiner Schwester Kathrin. Sie hat im Juli diesen Jahres entbunden und war die erste, die einen Ausdruck erhalten hat. Bleibt zu wünschen, dass diese Lektüre für sie in mancher Hinsicht ein interessantes Nachschlagewerk sein kann, aber dennoch nicht wirklich gebraucht wird…

Birkenau, den 7. Juli 2014 Sabine Eichhorn

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Auswirkung von Regulationsstörungen auf die Eltern (aus Papousek et al. 2004)

Abbildung 2: Engels- und Teufelskreise der Genese von Regulationsstörungen (nach Papousek, 2004)

Abbildung 3: Alters- und entwicklungsphasentypische Symptome der Regulations-störungen (Dr.M.Bolten 2010)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Dr. Rüdiger Kißgen, Phasentypische Probleme in der frühkindlichen Entwicklung

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Wurde früher angenommen, es handle sich bei "Dreimonatskoliken" ausschließlich um eine gastrointestinale Störung, die - bedingt durch die Unreife des Darms - sich nach etwa 3 Monaten von alleine wieder reguliert, so zeigen neuere Studien, dass die

" Dreimonatskolik " mit all ihren Begleiterscheinungen durch viele verschiedene Faktoren ausgelöst wird. Sie wird heute als Regulationsstörung bezeichnet, die sich außer in exzessivem Schreien häufig auch in Fütterungs- und Schlafstörungen äußert.

Die Regulationsstörungen ( veraltet: Trimenon- bzw. Dreimonatskoliken) der kleinen Säuglinge sind für alle Betroffenen ein belastendes Problem, für das die konventionelle Medizin selten befriedigende Erklärungen oder Lösungen anbietet. Schreiende Babys versetzen Eltern in Alarmbereitschaft, was den Alltag auf Dauer erheblich erschwert. Da sich diese Babys kaum beruhigen lassen, treten bei den Eltern Schuld-, Ohnmachtsgefühle und Versagensängste auf, was das frische Elternglück stark einschränken kann. Auf Dauer können sogar - durch stressbedingte gegenseitige Schuldzuweisungen- partnerschaftliche Probleme entstehen.

Die gestressten Eltern reagieren immer heftiger, wenn sich das Baby nicht beruhigen lässt. Schreibabys sind laut Studien besonders gefährdet, ein Schütteltrauma zu erleiden, wenn unwissende Eltern es in ihrer Verzweiflung schütteln. Innerhalb kürzester Zeit kann das Baby dadurch schwerwiegende Schäden erleiden: Wird ein kleines Kind geschüttelt, während es am Oberkörper gehalten wird, schleudert sein Köpfchen nach vorne und hinten. Die Nackenmuskulatur ist noch schwach und der Kopf macht bei Babys einen großen Teil des Körpergewichts aus. Dadurch bewegt sich die Gehirnmasse hin und her, wodurch Blutgefäße und Nervenbahnen reißen können und es zu Hirnblutungen und Hirnverletzungen kommen kann. Auch Blutungen an der Augennetzhaut sind möglich, die zu Sehstörungen oder sogar zu Blindheit führen können.

In Deutschland gibt es etwa 400 Fälle von Schütteltraumen jährlich. Fast 25% der Kinder können nicht mehr gerettet werden, viele leiden unter schwerwiegenden Folgeschäden.

Als Mutter eines Schreibabys ist es nahezu unmöglich, spezielle Informationen zu genau diesem Thema z.B. in Form einer Broschüre oder eines Flyers zu bekommen, womit man sich vorab informieren und die erste Verunsicherung überwinden könnte.

Die vorliegende Arbeit soll Interessierten oder Betroffenen alle relevanten Informationen zusammengefasst zur Verfügung stellen sowie in komprimierter Form Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote aufzeigen.

In der gängigen Literatur finden sich häufig nur kurze Artikel zu diesem Thema, die es nicht umfassend abhandeln und viele Fragen offen lassen. Die Zeit, sich Informationen durch ausgiebige Suche selbst zu beschaffen, haben Eltern in dieser Situation in der Regel nicht. Dies zu ändern war die Motivation, dieses nicht ganz einfache Thema zu wählen und zusammenzutragen, was Forschung und Literatur der letzten Jahre zu bieten haben.

2 Definition Trimenonkolik, Regulationsstörungen und exzessives Schreien

2.1 Trimenon- bzw. "Dreimonatskoliken"

Das Störungsbild der Trimenonkolik beginnt meist in der zweiten Lebenswoche und bildet sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nach drei bis vier Monaten zurück. Aufgrund des zeitlichen Auftretens und der unbewiesenen Vermutung, dass eine Kolik Ursache der Beschwerden des Säuglings sein könnte, wird das Störungsbild als Dreimonatskolik bezeichnet. Charakteristisch ist die Unruhe, die in ein paroxysmales, gequältes Weinen der betroffenen Kinder übergeht. Die Symptomatik setzt kurz nach dem Stillen oder der Flaschennahrung ein und nimmt gegen Nachmittag und Abend zu, wobei die Kinder herzzerreißend schreien, die Beine anziehen, Fäustchen machen, sich krümmen und oft nach Nahrung zu suchen scheinen. Der Arzt findet häufig ein aufgetriebenes Abdomen mit viel Luft und ein Rumoren in den Därmen. Entsprechend bessern Aufstoßen und Blähungsabgang- wenn auch nur vorübergehend- die Beschwerden. Als Ursache werden eine physiologische Unreife des Magen-Darm-Traktes, eine Prädisposition zur Muskelhypertonie, Hunger, Fehler beim Füttern der Kinder, Allergien sowie auch eine Reaktion auf ein angespanntes, familiäres Umfeld diskutiert. Erfahrungsgemäß trinken die betroffenen Kinder sehr hastig und schlucken dabei zu viel Luft, was dann zu den Blähungskoliken führt. Trotzdem vermutet man heute, dass Bauchschmerzen nur ein Teil der Ursachen sind. So sieht der Magen-Darm-Trakt im Röntgenbild bei "Kolikbabys" nicht anders aus als der von Babys ohne Schreiattacken- er enthält z.B. nicht mehr Gas. Auch leiden mit Flaschennahrung aufgezogene Kinder nicht häufiger an Dreimonatskoliken als Stillkinder, was gegen Nahrungsunverträglichkeiten als Ursache spricht. Interessanterweise beginnen auch bei Frühgeborenen die Koliken erst 2 Wochen nach dem errechneten Geburtstermin.1

Etwa 16 bis 29 Prozent aller Säuglinge sind in den ersten drei Lebensmonaten betroffen. Bei etwa 8 Prozent besteht das Verhalten über den dritten Monat hinaus.2

Ronald Illingworth untersuchte 1954 in einer der frühesten Studien, die sich mit exzessivem Schreien befassten, 50 Säuglinge, die an rhythmisch auftretenden, unstillbaren Schreiattacken ohne erkennbare Ursache litten. Da die Schreiepisoden bis zum Alter von drei Monaten nachließen, sprach er von einer Dreimonatskolik („three months’ colic“). Das Wort „Kolik“ leitet sich aus dem griechischen Wort „Kolon“ ab, das im medizinischen Sprachgebrauch den Darm bezeichnet und impliziert eine Störung des Magen-Darm-Traktes als Ursache exzessiven Schreiens. Diese Vermutung konnte jedoch im Verlauf der folgenden Jahrzehnte nicht gesichert werden, so dass der Terminus „Dreimonatskoliken“ von einigen Autoren als eine mögliche Fehlbezeichnung verstanden wird.3

In den ersten sechs Lebensmonaten verdoppeln Säuglinge ihr Körpergewicht. Diese Phase intensiven Wachstums ist von einer starken Aktivität des kindlichen Darms geprägt und setzt dessen optimales Funktionieren voraus. Eine gestörte Anpassung der Funktion des kindlichen Magen-Darm-Traktes könnte auf zwei unterschiedliche Weisen zu krampfartigen Schmerzen führen: zum Einen könnten verstärkte Bewegungen des kindlichen Darms (Peristaltik) direkt Krämpfe verursachen; zum Anderen könnten zu langsame Darmbewegungen eine schmerzhafte Auftreibung des Darms durch Gase (Blähungen) bewirken. Daneben wird als weitere Ursache das Ess- und Trinkverhalten des Säuglings diskutiert: So könnten eine zu hohe Trinkgeschwindigkeit, zu große Nahrungsmengen und das Schlucken von Luft während des Essens die Ansammlung von Gasen im Darm begünstigen. Ursache einer gestörten Magen-Darm-Funktion könnte außerdem eine Störung des kindlichen Stoffwechsels im Zusammenhang mit Passivrauchen sein. So ließ sich ein statistischer Zusammenhang zwischen exzessivem Schreien des Babys und Nikotinkonsum der Eltern nachweisen. Bei Säuglingen mit Dreimonatskoliken wurden zudem teilweise erhöhte Werte für das im Magen-Darm-Trakt wirksame Hormon Motilin gefunden. Da weiterhin eine Korrelation erhöhter Motilinkonzentrationen mit Nikotinkonsum besteht, wird aufgrund dieser Befunde ein Zusammenhang von mütterlichem Nikotinkonsum während der Schwangerschaft und Passivrauchen mit der Entstehung von kolikartigen Beschwerden diskutiert. Die These, dass Koliken die Ursache für die Schreistörung sind, unterstützt auch eine neue Studie, welche die Darmflora von Säuglingen untersucht hat. Die Säuglinge, die durch vermehrtes Schreien auffällig wurden, hatten auch vermehrt Proteobacteria im Stuhl. Zu diesen gehören auch Gasbildner, welche schmerzhafte Blähungen auslösen könnten.

Des weiteren sind bei der Geburt einzelne Enzyme noch nicht vollständig funktionsfähig, beispielsweise die Speichel- und Pankreasamylase oder die Aktivität des Milchzucker spaltenden Enzyms, was in den ersten Monaten zu Koliken führen kann.4

Daneben könnte aber auch eine Nahrungsmittelunverträglichkeit das Schmerzempfiden auslösen. Hierbei spielt es keine Rolle, ob das Kind gestillt oder mit dem Fläschchen ernährt wird, denn auch die Muttermilch ist ganz unterschiedlich- abhängig von der Ernährung der Mutter- zusammengesetzt. Ferner könnten die Dreimonatskoliken durch eine Kuhmilchallergie oder eine Laktoseintoleranz ausgelöst werden. Beide Ursachen lassen sich ausschließlich durch einen Arzt abklären. Auch Blähungen selbst

können der Grund für die Schreiattacken sein. Von diesen sind viele Babys in unterschiedlichen Intervallen betroffen. Einige Babys leiden jedoch regelmäßig bis täglich an den Blähungen, was bezeichnend für die Dreimonatskolik ist. Eine weitere, meist unterschätzte Ursache ist der Reflux, beziehungsweise die Refluxkrankheit. Hierbei läuft die Nahrung zusammen mit Magensäure über die Speiseröhre zurück in den Mund, betroffene Babys speien über die übliche Menge hinaus und das noch bis zu 2 Stunden nach der Mahlzeit. Es kommt in der Folge zu schmerzhaftem Sodbrennen, die Babys verweigern die Nahrung oder überstrecken den Kopf nach hinten. Normalerweise ist dies ein vorübergehendes Problem, das sich mit Ablauf des ersten Lebensjahres von selbst verwächst, es kann aber auch krankhafte Züge annehmen. Sofern es zu einem regelmäßigen Reflux kommt, kann die Speiseröhre stark angegriffen werden und es kann zu Entzündungen kommen. Ebenso sind physische Schmerzen möglich, etwa Probleme mit der Hüfte oder das Kiss- oder Kid-Syndrom unter welchem nicht wenige Babys, beispielsweise aufgrund einer anstrengenden Geburt, leiden.

2.2 Regulationsstörungen im Säuglingsalter

Regulationsstörungen der frühen Kindheit beinhalten Schrei, Schlaf-und Fütterungsstörungen. Sie gehören zu den häufigsten Problemen und betreffen jedes 4.-5. körperlich gesunde Kind. Die kindliche Entwicklung geht meist nicht störungsfrei vonstatten, zu jeder Entwicklungsaufgabe in den ersten Lebensmonaten gehören auch phasentypische Probleme:

Tabelle 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem Begriff Regulationsstörungen liegt die Auffassung zugrunde, dass reife Neugeborene über eine biologisch vorgegebene, später immer differenziertere, auch psychisch mitbestimmte Fähigkeit zur Selbstregulation in den Bereichen Schlaf, Nahrungsaufnahme und Affektivität verfügen. Die angeborenen Fähigkeiten des Säuglings bedürfen zur Stabilisierung und Differenzierung der unterstützenden Co-Regulation. In den ersten drei Monaten gibt es aber auch Säuglinge, die in ihrer Selbstregulation unreif oder eingeschränkt sind. Sie erfordern besondere Co-Regulationsfähigkeiten der Eltern. Häufig sind mehrere Regulationsbereiche gleichzeitig betroffen. In repräsentativen Stichproben von reifgeborenen, körperlich gesunden Säuglingen präsentieren sie sich bei etwa jedem vierten bis fünften Kind, d. h. bei 20 – 25 % der Säuglinge. Die Mehrzahl dieser Kinder hat die Symptomatik nur passager in den ersten 3 Lebensmonaten bzw. in Zusammenhang mit späteren Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben.

Eine Regulationsstörung im Säuglingsalter (früher teilweise auch Dreimonatskoliken genannt) bezeichnet die außergewöhnliche Schwierigkeit eines Säuglings, sein Verhalten in einem, häufig aber in mehreren Interaktions- und regulativen Kontexten (Selbstberuhigung, Schreien, Schlafen, Füttern, Aufmerksamkeit) angemessen zu regulieren. Säuglingen und Kleinkindern ist es nur möglich, ihr Verhalten in der Interaktion zu regulieren, d. h. sie können dies nur im direkten Austausch mit ihren Eltern. Aus diesem Grund findet man Regulationsstörungen häufig zusammen mit Belastungen oder Störungen der frühen Eltern-Kind-Beziehungen.5

Eine Regulationsstörung liegt vor, wenn über die Verhaltensauffälligkeit(en) des Kindes hinaus auch ein akutes oder chronisches Überlastungssyndrom der Eltern sowie belastende, dysfunktionale Eltern-Kind-Interaktionen bestehen. So konstatiert Mechthild Papoušek, Leiterin der Forschungs- und Beratungsstelle „Frühentwicklung und Kommunikation“ am Kinderzentrum München, eine alterstypische Symptomtrias, die bei allen Regulationsstörungen im Säuglingsalter zu beobachten sei. Es sind also von der Störung mehrere, unterschiedliche Bereiche betroffen:

-Verhaltensauffälligkeit(en) des Kindes (beispielsweise das exzessive Schreien)
-Überforderung der Mutter oder beider Eltern im Umgang mit dem „schwierigen“ Säugling
-Dysfunktionale Interaktionsmuster (durch das auffällige Verhalten des Kindes ist die soziale Interaktion und die Kommunikation der Eltern mit dem Kind betroffen, was zunehmend die Beziehung zu dem Kind belasten kann)6

2.3 Leitsymptome von Regulationsstörungen:

Leitsymptome des exzessiven Schreiens:

- Akut auftretende, unstillbare Schrei- oder Unruheepisoden ohne erkennbare Ursache
- Fehlendes Ansprechen auf angemessene Beruhigungshilfen
- Kurze Tagschlafphasen (meist < 30 Minuten Dauer) mit ausgeprägten Einschlafproblemen
- Gehäuftes Auftreten in den Abendstunden mit abendlicher kumulativer Überreizung/Übermüdung
- Evtl. geblähtes Abdomen, hochrotes Hautkolorit und Hypertonie der Muskulatur (klinisches Syndrom der sogenannten "Säuglingskoliken")

Die Schreiepisoden betreffend kann man sich an die sogenannte Dreierregel von Wessel et al. (1954) halten: Es besteht eine durchschnittliche Schrei-/Unruhedauer von mehr als 3 Stunden pro Tag an durchschnittlich mindestens 3 Tagen der Woche über mindestens 3 Wochen.

Die Ursache exzessiven Schreiens ist unbekannt. In der medizinischen Literatur wird eine Reihe von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren diskutiert, ohne dass ein allgemein akzeptiertes ursächliches Modell existiert. Viele Autoren betonen die Bedeutung des Zusammenspiels mehrerer Faktoren. Zudem wird darauf hingewiesen, dass sich einzelne Faktoren wechselseitig verstärken können.

Leitsymptome von Schlafstörungen:

- Einschlafprobleme mit verzögerter Einschlafdauer
- Abendliches/nächtliches Einschlafen ist nur mit elterlichen Einschlaf- und Regulationshilfen möglich
- Wiederholtes nächtliches Aufwachen mit Schrei- und Unruhephasen
- Schlafen im elterlichen Bett, sofern dies von den Eltern als störend empfunden wird
- Phasenverschiebung in der circadianen Verteilung der Schlaf-Wach-Phasen

Leitsymptome von Fütterungsstörungen

- Nahrungsverweigerung mit oder ohne angstgetönte Abwehr
- Rumination [1] /Erbrechen
- Von den Eltern als provokativ empfundenes Essverhalten
- Grob altersunangemessenes Essverhalten
- Bizarre Essgewohnheiten hinsichtlich Art und Anzahl akzeptierter Nahrungsmittel
- Altersunangemessener Kontext der Fütterung (z.B. hinsichtlich Fütterungsposition, Fütterungszeit)
- Kau-, Saug- und Schluckprobleme, Gedeihstörungen7

2.4 Exzessives Schreien bzw. das "Schreibaby" allgemein

Ein Säugling ist bereits von Geburt an mit einer Reihe von Kompetenzen ausgestattet, welche es ihm ermöglichen, mit seinen Bezugspersonen in soziale Interaktion zu treten und damit sein Überleben zu sichern. Von den Ausdrucksmöglichkeiten eines Babys ist das Schreien die stärkste Form. Schreien ist das wichtigste, angeborene Alarmsignal, mit dem der Umwelt Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Frieren oder Schwitzen, Missbehagen oder Schmerzen bei Erkrankungen, sowie Nähebedürfnisse mitgeteilt werden. Es ist aber auch möglich, dass das Baby signalisiert, dass es keine weiteren Reize verarbeiten kann.

Schreien gehört zum normalen Verhaltensmuster eines Säuglings. Wie häufig, ausdauernd und laut Babys schreien, ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Manche Babys tun sich allerdings schwer damit, ihren Rhythmus zwischen Schlafen und Wachsein zu finden, selbständig einzuschlafen oder sich selbst zu beruhigen. Sie schreien häufig ohne erkennbaren Grund und kommen nur mit elterlicher Hilfe zur Ruhe.

Unter exzessivem Schreien im Säuglingsalter wird die "3er-Regel" nach Wessel verstanden. Das heißt, die betreffenden Kinder schreien täglich mehr als drei Stunden, an mindestens drei Tagen in der Woche und das über wenigstens drei Wochen und reagieren dabei kaum auf die Beruhigungsversuche der Eltern.

Krankheitsanzeichen sind in den wenigsten Fällen erkennbar und schon nach kurzer Zeit sind die betroffenen Eltern oft verzweifelt und verunsichert: Wie können sie helfen? Was ist die Ursache? Schuld sind die Eltern hierbei in den wenigsten Fällen. Oft schreien die Kleinen bereits direkt ab dem Tag der Geburt exzessiv. Dies steigert sich innerhalb der ersten beiden Wochen und bleibt dann auf einem kontinuierlichen Niveau bestehen. Je nach Alter sind etwa 10-25 Prozent aller gesunden Säuglinge betroffen. Meist ist die Intensität und Häufigkeit der Schreiepisoden in den Abendstunden zwischen der zweiten Lebenswoche und dem Ende des dritten Monats am größten. Sie können darüber hinaus auch bis zum sechsten Lebensmonat anhalten.

Obwohl das exzessive Schreien in der Regel für das Kind harmlos ist, kann es eine starke Belastung für die Eltern darstellen. Die Verunsicherung und Ratlosigkeit der Eltern sowie der Schlafmangel führen oft zu Anspannung, Frustration, Verzweiflung oder auch Wut. Dysregulierte kindliche Verhaltenszustände können auf Seiten der Eltern außerdem zu Erschöpfung, Schlafdeprivation, Ohnmachtsgefühlen und Versagensängsten führen. Auch Ablehnung, Selbstvorwürfe oder ängstliche Überfürsorglichkeit können die Folge sein. Wie in Abbildung 2 schematisch dargestellt, ist das unstillbare Schreien in ein Netz von Folgen, die zum Teil wiederum aufrechterhaltend bzw. verstärkend auf die Problematik einwirken, eingebettet. Chronische Unruhe und unstillbares Schreien wirken sich negativ auf die Beziehungsgestaltung zum Kind aus und gehen zunehmend auf Kosten entspannter Interaktionen zwischen Eltern und Säugling. Eine positive Eltern-Kind-Interaktion stellt jedoch einen zentralen Verstärker für Eltern und Kind dar. Belastungsfaktoren für das Eltern-Kind-System sind besonders dann kritisch, wenn infolge der überwiegenden negativen Rückkopplungssignale des unstillbar schreienden Säuglings und der erlebten Hilflosigkeit durch die Eltern die intuitive elterliche Kompetenz in ihrer Ausprägung gehemmt wird oder nicht mehr auf die kindlichen Bedürfnisse abgestimmt ist. In solchen Fällen fehlt dem Säugling die koregulatorische Unterstützung seiner Eltern. Damit kann das gesamte System in einen Teufelskreis der negativen Gegenseitigkeiten geraten und es kann im schlimmsten Fall zu einer tiefgreifenden Ablehnung, Vernachlässigung oder sogar Misshandlung des Kindes kommen. Je länger eine solche dysfunktionale Wechselseitigkeit aufrecht erhalten wird und somit belohnende Beziehungserfahrungen fehlen, umso mehr können sich bestimmte Interaktionsmuster verselbständigen, rigide werden und die Entwicklung langfristig gefährden.8

Abbildung 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Diagnoseerhebung und Diagnosestellung bei Regulationsstörungen und Trimenonkoliken

3.1 Diagnoseerhebung und Anamnese

Die Eltern müssen unbedingt in den diagnostischen Prozess und in die Therapie einbezogen werden. Deshalb sollte zu Beginn im Rahmen eines anamnestischen Gesprächs mit den Eltern Dauer, tageszeitliche Verteilung und Verlauf des exzessiven Schreiens erfasst werden. Außerdem sollte nach bestehenden Erkrankungen gefragt werden. Eine wichtige Information, welche sowohl im Gespräch als auch durch Beobachtung erhoben werden sollte, sind die selbstregulatorischen Fähigkeiten des Säuglings, also seiner Fähigkeit, sich ohne Hilfe der Eltern zu beruhigen ( z. B. durch Saugen an den Händen oder Gegenständen und Nutzen von Ersatzobjekten wie Tuch oder Kuscheltier).

Wenn Eltern wegen exzessiven Schreiens zur Beratung kommen, sind sie meist extrem belastet. Schlafentzug kann die Stimmung negativ beeinflussen und zu depressiven Episoden führen. Dies wiederum wirkt sich beeinträchtigend auf die Eltern-Kind-Interaktion aus und kann somit störungsfördernd bzw. -aufrechterhaltend sein. Es bedarf einer äußerst feinfühligen Anamnese mit den Eltern, um die aktuelle Belastung abzuschätzen. In Hinblick auf die Rahmenbedingungen, die die Störung aufrechterhalten, ist es wichtig, dass die Eltern hinsichtlich aktueller Belastungen und Krisen in der Familie, ihren Lebensverhältnissen (in diesem Zusammenhang auch nach einer möglichen sensorischen Überstimulation des Säuglings), ihren Erziehungsvorstellungen und -normen, zurückliegender oder aktueller psychischer Probleme und ihren störungsspezifischen Belastungen und Bedeutungszuschreibungen befragt werden.

Es folgt Überblick über die diagnostischen Einzelschritte und mögliche Instrumente:

1.Beurteilung des Schweregrades der Störung

- Tageszeitliche Verteilung und Dauer der Schreiphasen, Fütterungs- und Schlafzeiten (Schreitagebuch)
- Beginn und Verlauf des unstillbaren Schreiens, Erfassung komorbider Fütterungs- oder Schlafprobleme
- Selbstregulatorische Fähigkeiten des Säuglings (Beobachtung, evtl. videogestützt)

2. Störungsspezifische Entwicklungsgeschichte erfassen

-Begleitende somatische Erkrankungen oder Behinderungen des Kindes (Abklärung durch den behandelnden Kinderarzt)
-Biologische und psychosoziale Belastungen der Eltern, insbesondere der Mutter während Schwangerschaft, Geburt und postnataler Anpassungsphase
-Elterliche Vorerfahrung mit Regulationsstörungen in der eigenen Kindheit/Vorgeschichte (Anamnese)

3. Weitergehende Diagnostik und Differentialdiagnostik,

Interaktionsdiagnostik (videogestützte Beobachtung) der Eltern-Kind-Beziehungen zur Abschätzung:

- der elterlichen Responsivität/Sensitivität in störungsspezifischen Kontexten (z. B. beim Wickeln, Füttern oder Spielen)
- der Angemessenheit des elterlichen Verhaltens
- dysfunktionaler Interaktions- bzw. Kommunikationsmuster zwischen Kind und Eltern
- Schlafgewohnheiten der Familie und Einschlafrituale
- Entwicklungsanamnese der Essfertigkeiten

4. Störungsaufrechterhaltende Faktoren erfassen

- Elterliche Psychopathologie (aktuell oder zurückliegend, besonders Depression, Angst und Essstörungen)
- Elterliche Bedeutungszuschreibung und dysfunktionale Gedanken der Eltern in Bezug auf die Regulationsproblematik
- Einschätzung der Störung der Eltern-Kind-Beziehungen (z. B. Globale Einschätz- Skala der Eltern-Kind-Beziehung, Zero- to- Three National Center for Infants and Families, 1999)
- Elterliche Paarbeziehung einschließlich der Bewältigung des Übergangs zur Elternschaft (z. B. Partnerschaftsfragebogen PFB; Hahlweg, 1996)
- Familiäre Lebenssituation und Krisen
- Erziehungsvorstellungen und -normen der Eltern9

5. Ausschlussdiagnosen, also sonstige Diagnosen, bei denen keine Regulationsstörung diagnostiziert werden sollte, sind:

Bei exzessivem Schreien:

- Hirnorganische Schädigungen, die mit einer hierdurch bedingten vermehrten Schrei- und Unruheneigung des Säuglings einhergehen
- Kindesmisshandlung als Ursache von exzessivem Schreien Bei Schlafstörungen:
- Schlaf-Apnoe-Syndrom
- Hirnorganische Störungen (z.B. cerebrale Anfälle), die mit einer Störung in der Schlaf-Wach-Regulation einhergehen können, soweit die Schlafstörung eindeutig in ursächlichem Zusammenhang mit dieser Störung steht10

3.2 Diagnosestellung und Klassifikation

Die ICD-10 bietet für spezifische Verhaltensprobleme in der frühesten Kindheit zum momentanen Zeitpunkt nur unzureichende Klassifikationsmöglichkeiten. Auch das exzessive Schreien im Säuglingsalter wird bisher nicht angemessen berücksichtigt. Aus dem englischen Sprachraum stammt das Diagnosemanual „Zero-to-Three“ des National Center for Infants, welches im Deutschen als „Diagnostische Klassifikation: 0 - 3. Seelische Gesundheit und entwicklungsbedingte Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern“ erhältlich ist.

Hier ist eine multiachsiale Bewertung, also die Einschätzung der Krankheit auf mehreren Ebenen möglich. Die verschiedenen Achsen sind:

- Primäre Klassifikation der klinischen Störung des Kindes
- Klassifikation der Eltern-Kind-Beziehung
- Medizinisch-neurologische Störungen und Entwicklungsstörungen (nach ICD-10)
- Psychosoziale Belastungsfaktoren
- Emotionales und soziales Funktionsniveau

Auf der ersten Achse wird die grundlegende Störung erfasst und benannt. Auf der zweiten Achse wird die Eltern-Kind-Beziehung eingeschätzt und wird beispielsweise als ängstlich- angespannt oder überinvolviert o. a. klassifiziert. Auf der dritten Achse werden medizinische Störungen analog zum ICD-10 bewertet. Auf der vierten Achse wird die Belastung der Bezugspersonen bewertet und auf der letzten das emotionale und soziale Funktionsniveau kurz beschrieben.11

4 Zusammenhänge von Regulationsstörungen und Trimenonkoliken

Lange wurde angenommen, dass das exzessive Schreien Ausdruck einer gastrointestinalen Störung ist. Daher stammt auch der Begriff des Kolikschreiens. Mittlerweile gilt es jedoch als gesichert, dass lediglich 10 % der Schreikinder eine somatische Störung im Magen-Darm-Trakt aufweisen.

Vielmehr ist das unstillbare, exzessive Schreien durch eine Störung in der kindlichen Verhaltensregulation bedingt, welche Folge einer Dysregulation aktivierender und inhibierender neurologischer Prozesse sind. Als Ursache werden in den ersten drei Lebensmonaten eine passagere Unreife bzw. Anpassungsschwierigkeiten vermutet. Bei persistierendem, exzessivem Schreien über den 3. Lebensmonat hinaus scheint jedoch eine konstitutionell bedingte erhöhte Reaktivität vorzuliegen. Es gibt einige Studien, die verschiedene Risikofaktoren für die Entstehung von Regulationsstörungen beschreiben. So konnten z.B. Papousek & von Hofacker (1998) zeigen, dass in der Gruppe der persistierend schreienden Kinder retrospektiv häufiger pränataler psychosozialer Stress und Ängste vorhanden waren sowie von Partnerschaftsproblemen berichtet wurde. Diese psychosozialen Belastungen setzen sich postnatal fort bzw. wurden sogar noch stärker. Hinzu kamen erhöhte Raten an mütterlichen Psychopathologien und soziale Isolation. St James-Roberts & Conroy (2005) untersuchten 2 Kohorten und kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Während in der ersten Kohorte eine Reihe von prä- und perinatalen Risikofaktoren (z.B. pränatale Ängste, Herzratenabnormalitäten während der Geburt, Dauer der Geburt) signifikant häufiger bei den exzessiv schreienden Kindern beobachtet wurden, konnte dies in der zweiten Kohorte nicht bestätig werden. Regulationsstörungen im Allgemeinen und das Exzessive Schreien im Besonderen können nicht isoliert als kindliche Probleme allein betrachtet werden, denn meist gehen diese Probleme mit Überlastungssyndromen auf Seiten der Eltern und einer beeinträchtigten Eltern-Kind-Interaktion einher (M. Papoušek, 2004). Papoušek und Papoušek (1979) führten deshalb ein entwicklungsdynamisches Modell ein, welches sich an dynamischen Systemtheorien orientiert und auf gemeinsamen Regulationsprozessen von Eltern und Kind in der vorsprachlichen Kommunikation basiert und die Störung in eine diagnostische Trias einordnet. In Anlehnung an dieses Bedingungsmodell lässt sich das exzessive Schreien als Störung der frühkindlichen Regulation und Beziehung erklären. Dabei wirken intuitive elterliche Kompetenzen und selbstregulatorische Kompetenzen des Säuglings interaktiv zusammen.12

Abbildung 2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5 Behandlungsmöglichkeiten

5.1 Behandlungsmöglichkeiten der Trimenonkolik

Auch wenn man nach Sichtung aktueller Literatur zu diesem Thema sagen kann, dass die Wissenschaft die Dreimonatskoliken für eine Fehlbezeichnung hält und allgemein nur von Regulationsstörungen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen gesprochen wird, ist es dennoch wichtig, hierfür Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Gerade fütterungssensible Säuglinge leiden in den ersten Monaten häufig unter Blähungen und der noch ungewohnt lebhaften Darmperistaltik. Zudem gilt es, Nahrungsmittelunverträglichkeiten sowie krankhafte, organische Ursachen auszuschließen.

Für eine effektive Behandlung der Dreimonatskoliken ist vor allem die Diagnose ausschlaggebend. Je nach Ursache der Beschwerden wird der Kinderarzt entsprechende Maßnahmen einleiten. Ist beispielsweise eine Laktoseintoleranz oder eine Kuhmilchallergie für das Schreien des Kindes verantwortlich, gilt es, die Nahrung auf entsprechend laktosefreie oder kuhmilchfreie Nahrung umzustellen. Könnten sonstige Allergien für die Koliken verantwortlich sein, kann auch eine Nahrungsumstellung auf hypoallergene Milchnahrung empfohlen werden. Der Kinderarzt hat in der Regel entsprechende Proben in der Praxis, die zum Test mitgegeben werden können. Wird das Kind gestillt, muss natürlich eine Nahrungsumstellung bei der Mutter erfolgen. Häufig verschreibt der Kinderarzt auch Entschäumer mit den Wirkstoffen Simeticon oder Dimeticon. Diese sollen dazu führen, dass das Kind nicht so viel Luft im Bauch bildet, welche für Blähungen sorgt. Allerdings ist auch bei diesen Mitteln die Wirkung begrenzt. Sollten organische Gründe vorliegen, gilt es natürlich diese zu behandeln.13

5.2 Trimenonkoliken naturheilkundlich behandeln

Wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen stößt, was bei Dreimonatskoliken nicht selten der Fall ist, können sich Eltern auch naturheilkundlicher bzw. alternativer Methoden bedienen:

- Ernährungstherapie: Hier steht die stillende Mutter im Vordergrund, die ihre Ernährung grundlegend überdenken und umstellen muss. Es wird Wert auf eine Vollwerternährung gelegt. Tierische Eiweiße, Zucker sowie zuckerhaltige Produkte und Kaffee sollten reduziert werden. Des weiteren sollten blähende Speisen wie Hülsenfrüchte, Kohl, Zwiebeln oder auch kohlensäurehaltige Getränke vermieden werden.

- Reflexzonentherapie: Unter Umständen kann die vorsichtige Behandlung der Reflexzonen, welche für den Magen-Darm-Trakt verantwortlich sind, Linderung schaffen. Eltern können die Füße des Kindes auch während des Trinkvorganges massieren.

- Homöopathie: Sollten die Beschwerden besonders akut sein, kann auch eine symptomatische, homöopathische Behandlung sinnvoll sein. Hier empfehlen sich zum Beispiel Colosynthis (bei Babys, die sich während der Schreiattacken krümmen), Chamomilla, oder auch Carbo vegetabilis (bei einem stark geblähten Bauch). Auch Magnesium phosphoricum kann bei Blähungen hilfreich sein. Innerhalb der letzten Jahre haben sich vor allem Komplexmittel bewährt. Hier gilt jedoch: Keine Experimente, sondern vorab immer mit dem Arzt, Heilpraktiker oder Homöopathen die Gabe der Globuli abklären, da die Mittel auf die charakterlichen Eigenschaften des Kindes abgestimmt sein müssen.

- Ordnungstherapie: Die Ordnungstherapie zielt vor allem darauf ab, einen regelmäßigen Rhythmus, vor allem in Bezug auf die Nahrungsaufnahme, zu finden. Diese sollte alle vier bis fünf Stunden erfolgen. Darüber hinaus sollte der Tagesablauf grundlegend gefestigt werden( feste, möglichst immer gleiche Tagesstruktur). Es gilt außerdem, den psychischen Zustand der Mutter in Einklang zu bringen, da dieser sich auf das Kind auswirken kann.

- Physikalische Therapie: Hier ist vor allem die Wärmeanwendung zu erwähnen. Warme Bauchkompressen können während des Trinkvorganges für Entspannung sorgen. Aber auch nach dem Stillen bzw. dem Fläschchen wirken warme Kirschkernkissen auf dem Bauch krampflösend und helfen diesen zu entspannen.

- Einreibungen des Babybauchs mit warmem Öl oder spezieller "Bäuchleinsalbe" können ebenfalls Linderung verschaffen.

- das kreisende Bewegen der Babybeine- ähnlich der Bewegung beim Fahrrad fahren- hilft, überschüssige Luft auf natürlichem Wege loszuwerden14

5.3 Weitere Hilfen bei Trimenonkoliken

- Fliegergriff: Der Fliegergriff ist eine altbewährte Tragestrategie, die sich bei Koliken und Blähungen bewiesen hat. Dabei wird das Baby bäuchlings auf den Unterarm und die Hand der Bezugsperson gelegt und langsam hin und her geschaukelt. Eventuelle Luft im Bauch kann dadurch besser entweichen.

- Kein Schaum im Fläschchen: Wenn das Baby mit Milchnahrung gefüttert wird, muss unbedingt darauf geachtet werden, dass sich kein Schaum im Fläschchen befindet. Dieser könnte zusätzliche Blähungen auslösen.

- Saugergröße altersentsprechend: Die Saugergröße der Fläschchen muss unbedingt altersentsprechend sein. Ist sie zu groß, wird das Baby gezwungen schneller zu trinken, als es kann, was zu Bauchschmerzen führt. Ist der Sauger hingegen zu klein, ist der Trinkvorgang anstrengend und das Kind zieht unter Umständen zu viel Luft mit ein.

- Reizquellen ausblenden: Zu potenziellen Reizquellen zählen TV-Geräte, Radios oder auch tobende Geschwister.

- Bauchmassagen im Uhrzeigersinn können sich entblähend auswirken.

- Tragetücher oder Pucksäcke und Puckdecken, in denen das Kind eng angeschmiegt wie im Mutterleib liegt, vermitteln ein vertrautes und beruhigendes Gefühl15

5.4 Vorbeugende Maßnahmen bei Trimenonkoliken

Grundsätzlich gibt es keine richtigen vorbeugenden Maßnahmen, um Dreimonatskoliken zu verhindern. Allerdings gibt es einige wichtige Hinweise, die beachtet werden können und sollten:

- Stillende Mütter sollten von Anfang an auf ihre Ernährung achten und möglichst keine kohlensäurehaltige Getränke oder blähende Nahrungsmittel aufnehmen. Die Nahrung sollte möglichst mild und bekömmlich sein.
- Wenn die Flasche gegeben wird, empfiehlt es sich, PRE-Nahrung zu nutzen. Diese wird jeder Kinderarzt empfehlen. 1er-Nahrung könnte zu einer Überfütterung führen und führt in den ersten Lebenswochen häufig zu Obstipation.
- Bei dem Gebrauch von Fläschchen muss darauf geachtet werden, dass die Saugergröße dem Alter entsprechend angepasst ist.
- Das Kind sollte möglichst viel Ruhe bekommen, denn vor allem in den ersten Lebensmonaten besteht der Babyalltag hauptsächlich aus Schlafen. Dabei gilt es, das Kind auch von Geschwisterkindern und Lärmquellen fernzuhalten.
- Geregelte Abläufe in der Familie können zu einer psychischen Entlastung der Mutter und des Kindes führen. Dieser Effekt wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden des Kindes aus.
- Regelmäßige Fütterungszeiten sind für den Magen-Darm-Trakt des Kindes und für das Gewicht des Kindes sehr wichtig. Idealerweise sollte das Fläschchen alle vier bis fünf Stunden gegeben werden. Sollte das Kind vorher, etwa schon nach zwei Stunden, nach der Flasche verlangen, kann ein Tee oder Wasser Abhilfe schaffen. Oftmals genügt bereits die Gabe des Schnullers.
- Darüber hinaus darf das Bäuerchen nach den Mahlzeiten, auch wenn es länger dauert, nicht vergessen werden.16

6 Behandlungsmöglichkeiten von Regulationsstörungen

6.1 Behandlungsmöglichkeiten des exzessiven Schreiens:

Erfolgreich sind verschiedene Formen der Eltern-Kind-Beratung/Psychotherapie. Diese konzentrieren sich meist auf die Interaktion und/oder die elterlichen Vorstellungen von dem Kind und benötigen i. d. R. nur wenige Sitzungen. In schweren Fällen, vor allem wenn die Eltern selbst eine Psychopathologie aufweisen, etwa eine schwere postnatale Depression, die Eltern stark erschöpft sind, etwa die Mutter keine Entlastung durch ihren Partner erfährt oder besonders belastende psychosoziale Umstände vorliegen, kann auch eine stationäre Eltern-Kind-Psychotherapie indiziert sein. Es werden auch videogestützte Beratungs- und Psychotherapieansätze empfohlen.17

Eine amerikanische Übersichtsarbeit hat versucht, alle verfügbaren Studien mit der Behandlung von Medikamenten daraufhin zu analysieren, welche Behandlung des exzessiven Schreiens, was früher auch als Dreimonatskolik bezeichnet wurde, nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten tatsächlich wirksam ist. Unter verschiedenen zum Einsatz kommenden Medikamenten zeigte lediglich Dicyclomin, eine Substanz aus der Gruppe der Anticholinergika, einen messbaren Effekt. Allerdings ist es in Deutschland nicht erhältlich und hat selbst in den USA und Kanada wegen vereinzelter ernsthafter Nebenwirkungen für die entscheidende Altersgruppe unter sechs Monaten keine Zulassung. Als wirkungslos wurden die auch in Deutschland weit verbreiteten Simeticon-Präparate wie auch das ebenfalls zu den Anticholinergika gehörende Scopolamin eingestuft.18

Bei psychotherapeutischen Interventionen im Säuglings- und frühen Kindesalter muss immer die Entwicklungsdynamik mit in Betracht gezogen werden. Dieser Tatsache tragen zeitlich begrenzte Interventionen Rechnung, die auf eine rasche Veränderung problematischer Interaktions- und Beziehungsbereiche abzielen und intermittierend wieder aufgenommen werden, wenn im Rahmen weiterer Entwicklungsschritte des Kindes oder im Zuge familiärer Veränderungen das Problemverhalten erneut auftritt oder aufzutreten droht.

Im Kontext des exzessiven Schreiens müssen Alter und Entwicklungsstand des Säuglings berücksichtigt werden. Dabei ist insbesondere das passagere exzessive Schreien innerhalb der ersten drei Lebensmonate vom persistierenden exzessiven Schreien über den dritten Lebensmonat hinaus zu unterscheiden.

Regulationsstörungen äußern sich in alters- und entwicklungsphasentypischen Symptomen. Diese sind im ersten Lebensjahr vor allem Probleme mit der Schlaf-Wach-Regulation, das exzessive Schreien, Schlaf- sowie Fütterungsstörungen:

Abbildung 3:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grundsätzlich müssen therapeutische und pädagogische Maßnahmen an die individuellen Bedürfnisse und Gegebenheiten der jeweiligen Eltern-Kind-Beziehung und ihrer Störung angepasst sein. In der Regel ist bei exzessivem Schreien eine ambulante Behandlung ausreichend. Von einer ambulanten Therapie sollte insbesondere dann Abstand genommen werden wenn:

- die elterliche Wahrnehmung der kindlichen Verhaltenssignale schwerwiegend verzerrt ist mit der Gefahr von Kindesvernachlässigung oder -misshandlung
- die Störung mehrere Regulations- und Interaktionskontexte umfasst
- das Gedeihen des betroffenen Säuglings wesentlich beeinträchtigt ist
- bei den Eltern eine psychische Störung vorliegt, die mit einer deutlichen Beeinträchtigung einhergeht (z. B. Schizophrenie) und/oder die intuitiven elterlichen Kompetenzen schwerwiegend einschränkt

- bereits eine ambulante Eltern-Säuglings-Psychotherapie ohne Erfolg durchgeführt wurde

[...]


[1] Rumination=Heraufwürgen von Essen ohne Übelkeit und wiederholtes Schlucken, Essstörung der frühesten Kindheit, auch Meryzismus

Details

Seiten
59
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656705352
ISBN (Buch)
9783656709251
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276412
Institution / Hochschule
Steinbeis-Hochschule Berlin
Note
Schlagworte
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Titel: Regulationsstörungen. Exzessives Schreien im Säuglingsalter und Trimenonkoliken