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Weak Master Planning in Mega Cities. Fallbeispiele Shanghai und Kairo

Seminararbeit 2012 25 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Executive Summary

1 Einführung

2 Städtewachstum und Megastädte

3 Masterpläne

4 Fallbeispiel Shanghai
4.1 Bevölkerungsentwicklung
4.2 Stadtentwicklung seit dem 19.Jahrhundert
4.3 Masterpläne in Shanghai
4.4 Schwächen und Probleme der Planung im Raum Shanghai

5 Fallbeispiel Kairo
5.1 Bevölkerungswachstum
5.2 Informelle Siedlungen
5.3 Kairo’s Stadtentwicklung im 19. Und 20.Jahrhundert
5.4 Masterpläne in Kairo
5.5 Probleme und Schwächen der Planung im Raum Kairo

6 Diskussion

7 Schlussfolgerung

8 Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Entwicklung von Pudong

Abb. 2 Satellitenstadt Gaoqiao nach holländischem Vorbild

Abb. 3 Satellitenstadt Fengcheng nach spanischem Vorbild

Abb. 4 Comprehensive Plan of Shanghai 1999-2020

Abb. 5 Auszug aus dem Masterplan der Gated Community „The Emerald“

Abb. 6 International Community im Zentrum von Shanghai

Abb. 7 Aufteilung von Greater Cairo in fünf Gouvernements

Abb. 8 Informelle Siedlung Manshiet-Nasser

Abb. 9 Entstehung von New Towns um Kairo seit 1977

Abb. 10 Der Masterplan von Al-Rehab City mit einem Foto des Hauptkreisels

Abb. 11 Visualisierung aus dem Masterplan „Stone Towers“

Abb. 12 Visualisierung der Prachtsallee zu den Pyramiden von Gizeh

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Bevölkerungszahlen und Wachstumsraten der Megastädte in den Jahren 2011 und 2025

Executive Summary

Weltweit nimmt die Zahl der Menschen in Städten zu. 2007 wurde die weltweite Urbanisierungsquote von 50% überschritten (Mattheis 2006). Die Zahl der Städte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern, sogenannte Megastädte, wuchs in den letzten 50 Jahren von 2 im Jahr 1970 auf 10 im Jahr 1990 und derzeit 23 (2011) und wird für das Jahr 2025 auf 37 geschätzt (United Nations 2011: 6f.). Einerseits wächst in diesen Ballungsräumen nicht nur die Anzahl und Dichte an Menschen und Funktionen, andererseits dehnen sie sich auch in die Fläche aus, wobei umliegende Siedlungen mit eingeschlossen werden. Dieses zusammenhängende Wachstum von Flächenverbrauch, Funktionen, Menschen und Mobilitätsansprüchen erfordert leistungsfähige Planungsinstrumente, die klare Ziele und Entwicklungsrichtungen definieren, gleichzeitig aber auch genügend Flexibilität im Massstab wie im Zeithorizont erlauben.

Die beiden Megastädte Shanghai und Kairo, welche in dieser Arbeit als Fallbeispiele für Masterplanung in Entwicklungs- und Schwellenländern diskutiert werden, besitzen Pläne sowohl mit gesamtstädtischen als auch mit sektoralen oder selektiven Entwicklungszielen. Die nähere Untersuchung der historischen und aktuellen Entwicklung der beiden Städte zeigt sowohl spezifisch lokale Herausforderungen als auch Probleme, welche auch auf andere Städte und Megastädte in Entwicklungs- und Schwellenländern zutreffen dürften.

Die Geschwindigkeit des Bevölkerungswachstums einerseits und die Globalisierungsprozesse andererseits werden derzeit als die grössten Herausforderungen für die umfassende Planung besonders für Megastädte angesehen und setzen diese aufgrund ihres demographischen und funktionalen lokalen bis nationalen Gewichts stark unter Druck. So wird der ersten Herausforderung in beiden Fallbeispielen unter Anderem mit der Planungsstrategie der Satellitenstädte begegnet. Die Globalisierungsprozesse hingegen scheinen die Megastädte auf eine Gratwanderung zwischen der Lösungsfindung für interne Probleme (z.B. informeller Siedlungsbau bei gleichzeitiger Entstehung von Gated Communities) und dem Streben nach einem guten globalen Ranking in Bezug auf wirtschaftliche Standortfaktoren zu zwingen. Das Resultat ist eine fragmentierte Entwicklung, die nicht nur in räumlichen und sozialen Aspekten der Gesellschaft sichtbar wird, sondern auch im städtebaulichen Erscheinungsbild zwischen Blechdächern in Slums und privaten Pools in Gated Communities in erscheinung tritt.

1 Einführung

Seit 2007 wohnen weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land (Mattheis 2006). Die Städte werden bevölkerungs- und flächenmässig nicht nur immer grösser, sondern nehmen weltweit auch in ihrer Anzahl zu. Für Städte mit über 10 Millionen Einwohnern wird der Begriff der Megastadt verwendet. Zählte man 1970 bloss 2 Megastädte, so waren es 1990 bereits 10, 2011 sogar 23 und für das Jahr 2025 rechnet die UNO mit einer Zunahme auf bis zu 37 Megastädten (United Nations 2011: 6f). Die Herausforderungen mit denen sich diese Städte aufgrund der Bevölkerungsgrösse konfrontiert sehen, unterscheiden sich stark je nach Entwicklungsstand des jeweiligen Staates. Von den 23 Megastädten im Jahr 2011 befinden sich lediglich sechs in Industriestaaten (Moskau mit einbezogen) und die restlichen in Entwicklungs- und Schwellenländer.

Folgen des rasanten Bevölkerungswachstums. Für diese Städte ist es nicht nur die Bevölkerungs zahl, sondern auch die Wachstums geschwindigkeit, welche die städtische Infrastrukturen belastet und die Planungsbehörden herausfordert. Land-Stadt-Migration und eine hohe natürliche Wachstumsrate stellen dabei die Hauptgründe des Wandels von Städten in riesige Ballungsräume dar. Für die betroffenen Städte bedeutet dies ein dringender Handlungsbedarf in der Bereitstellung von Wohn- und Erholungsraum, Arbeitsplätzen und Infrastruktur.

Fokus Entwicklungs- und Schwellenländer. Die hohe Wachstumsgeschwindigkeit bedingt unter anderem, dass die Planung nicht nur die Bedürfnisse der Gegenwart, sondern zukünftige Entwicklungen gleichermassen mitberücksichtigen muss. Gesamtstädtische und langfristige Entwicklungspläne sind daher eine Hauptvoraussetzung für eine Entschärfung der Situation in Megastädten. Obwohl die meisten über solche Planungsinstrumente verfügen, wird nicht selten an den eigentlichen Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen vorbeigeplant. Dazu kommt, dass die zunehmende Globalisierung, allen voran diejenige der Wirtschaft, zu einem weltweit wirkenden Städtewettbewerb geführt hat und die nationalen sowie städtischen Regierungen unter Druck und Konkurrenzzwang setzt. Da die heute am stärksten wachsenden (Mega)städte in den Entwicklungs- und Schwellenländer vorzufinden sind und die Stadtplanung in diesen Ländern aufgrund der rasanten Wachstumsraten besondere Schwierigkeiten und Herausforderungen erfahren, wird der Fokus dieser Arbeit auf diese gelegt.

Ziel der Arbeit. Ziel dieser Arbeit ist es, auf Grund von zwei konkreten Planungsbeispielen (Kairo und Shanghai) herauszufinden, worin die Schwierigkeiten und Herausforderungen der heutigen Planung in den Megastädten der Entwicklungs- und Schwellenländer liegen. Vom ursprünglichen Ziel mehr Fallbeispiele in diese Arbeit einzufügen musste zu Gunsten eines dafür tieferen Einblicks in zwei Megastadtplanungen abgesehen werden. Der detailliertere Einblick in die beiden Fallbeispiele soll allgemeine Rückschlüsse ermöglichen, die auch auf andere Megastädte übertragbar und anwendbar sein könnten. Aus diesem Grund wurden zwei Megastädte gewählt, die zusammen möglichst viele Themen der Planung in einer Arbeit zusammen bringen können. Kairo als Beispiel für eine Megastadt in einem Entwicklungsland mit schwacher staatlicher Kontrolle und Shanghai als Beispiel für eine Megastadt in einem Schwellenland mit starker staatlicher Kontrolle. Das Diskussionskapitel widmet sich diesen Aspekten aus einer übergeordneten Perspektive und stellt einen Versuch dar, planerische Herausforderungen der Megastädte in einer Zeit der zunehmenden Globalisierung zu kommentieren.

2 Städtewachstum und Megastädte

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, wobei weltweit nicht alle Regionen das gleiche Urbanisierungsniveau aufweisen. Bis 2050 wird geschätzt, dass die Weltbevölkerung zu 67% urbanisiert ist (United Nations 2011: 2). Der Urbanisierungsgrad von 50% wird in Asien jedoch erst für das Jahr 2020 prognostiziert und für Afrika für das Jahr 2035 (United Nations 2011: 1). Die aktuelle Bedeutung des Städtewachstums lässt sich in der folgenden Tatsache erkennen: Bis 2050 schätzt die UNO mit einer Weltbevölkerungszunahme von 2.3 Mia. Einwohner, jedoch mit einer städtischen Bevölkerungszunahme von 2.6 Mia. Einwohner (United Nations 2011: 1). Diese Schätzungen zeigen, dass in den Städten die Bevölkerungszunahme nicht nur durch das natürliche Wachstum bestimmt wird, sondern insbesondere durch das migrationsbedingte.

Definition. Als Bezeichnung für die entstehenden grossen Ballungsräume, werden heutzutage Begriffe wie „Metropole“, „Global City“ oder „Megastadt“ verwendet. Während bei den ersten zwei Begriffen hauptsächlich funktionale Kriterien wie die Zentrumsfunktionen, die verkehrliche Anbindung sowie unter Anderem die internationale Strahlungskraft von Bedeutung sind, wird die Megastadt rein quantitativ durch eine Mindestzahl an Einwohnern definiert (Bronger, Trettin 2011: 43). Die Definitionen sind jedoch nicht einheitlich und reichen von 5 Mio. über 8.Mio. bis hin zu 10 Mio. Einwohnern (Kraas 2003). Da jedes Jahr mehr Städte – allen voran in Asien – die obere Grenze von 10 Mio. Einwohnern überschreiten, nimmt besonders dieser Grenzwert an Bedeutung zu. Beim weltweiten Vergleich sowie bei der Definition von Städten ist im Umgang mit den Bevölkerungszahlen jedoch Vorsicht geboten. Nebst dem nicht einheitlich definierten Stadtbegriff fehlt meist ein Bezug zur Fläche (Bronger, Trettin 2011: 32). In dieser Arbeit wird der Begriff der Megastadt als Ballungsraum mit mindestens 10 Millionen Einwohnern verwendet.

Tab. 1 Bevölkerungszahlen und Wachstumsraten der Megastädte in den Jahren 2011 und 2025. Fettgedruckt sind Megastädte mit einer durschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von über 2.0%

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Datengrundlage: United Nations 2011: 6f., eigene Bearbeitung)

Megastädte und Wachstumsraten. Tab. 1 zeigt eine aktuelle Auflistung der derzeitigen Megastädte nach der offiziellen Definition der Vereinten Nationen. Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass die grössten Megastädte in Bezug auf das Wachstum nicht die dynamischsten sind. Die am schnellsten wachsenden Megastädte (durchschnittliche Wachstumsrate >2%; in der Tabelle fettgedruckt) befinden sich alle in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ein besonderes Augenmerk gilt Lagos, eine Megastadt, welche heute noch nicht zu den 10 grössten Megastädten gehört, jedoch eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Bevölkerung von 3.71% im Jahr aufweist. Ansonsten ist jedoch davon auszugehen, dass die wenigsten Megastädte zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt gehören: Von 1975 bis 2005 war das durchschnittliche jährliche urbane Bevölkerungswachstum bei 2.4%. (United Nations 2005: 3). Trotz der Grösse und Dynamik der Megastädte leben zur Zeit nur 10% der Weltbevölkerung in diesen Ballungsgebieten. Der grösste Teil der Bevölkerung lebt und wird auch in Zukunft nach wie vor in kleineren Städten leben (United Nations 2011: 2).

Besonders in den schnell wachsenden Megastädten ist eine Planung notwendig, die vereinbar mit der zukünftigen Dynamik des Wachstums, flexibel und anpassungsfähig ist. Um die Infrastruktur möglichst effizient zu nutzen und das Funktionieren der Strukturen gesamtstädtisch zu gewährleisten, muss diese Planung den Stadtraum als ein Ganzes betrachten und sich an einheitlichen und klaren Richtlinien orientieren können. Masterpläne sind eines der Instrumente, die heute als Ansatz für eine solche ganzheitliche Planung verwendet werden.

Megastädte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wie zuvor aufgezeigt wurde, ist ein wichtiger Unterschied der heutigen Megastädte der Welt deren unterschiedliche Wachstumsdynamik. Damit einher geht insbesondere in Entwicklungsländern das Phänomen der informellen Siedlungsentwicklung, welches in diesen Ländern besonders stark vertreten ist und davon zeugt, dass die Planung mit den aktuellen sozialen und infrastrukturellen Entwicklungen nicht mithalten kann. In Megastädten von Industrieländern hingegen stagniert die Bevölkerungszahl mit Ausnahme von Tokyo, wo sich die Bevölkerung im 20.Jahrhundert verzehnfacht hat (United Nations 2005: 3).

Was die Megastädte der Entwicklungs- und Schwellenländern weiter unterscheidet, ist die ausgeprägte demographische und funktionale Primacy auf nationaler Ebene, die gleichzeitig wichtigster Pull-Faktor ist und zu einer starken räumlichen Disparität zwischen Land und Stadt führt. Dabei kommt es zu einer räumlich punktuellen Entwicklung und funktionellen Ausdifferenzierung meist der Hauptstadt (Bronger, Trettin 2011: 39). Zusätzlich unterscheiden sie sich durch die Rolle in der Globalisierung, welche sie gegenüber anderen Städten auf globaler Ebene übernehmen. Während vor allem die Megastädte und grösseren Städte der Industrieländer auch gleichzeitig Global Cities mit global agierenden Akteuren sind, spielen die Megastädte der Entwicklungsländer darin eine untergeordnete Rolle. Gerade dieser Bedeutungsverlust im weltweiten Städtevergleich setzt diese Megastädte unter einen verstärkten Wettbewerbsdruck (Feldbauer et al. 1993: 12).

3 Masterpläne

In der Stadtentwicklung ist der Begriff „Masterplan“ keineswegs eindeutig. Er wird sowohl in Bezug auf den Inhalt als auch auf den Massstab unterschiedlich verwendet und wird nicht nur im Kontext von Megastädten, sondern auch für kleinere Städte angewendet. Es gibt Masterpläne mit Richtlinien für Siedlungsentwicklung, Verkehrsentwicklung, städtebauliche Visionen sowie solche, die alles in einem vereinen. Sie reichen von spekulativen Visionen bis hin zu konkreten Umsetzungsstrategien und unterscheiden sich damit auch in der Präzision, mit der die Ideen und Planungsvorgehen und -umsetzung dargestellt werden. Des Weiteren können sie öffentlich initiiert sein, aber auch aus privaten Kreisen hervor gehen. Was den Perimeter betrifft, so gibt es sie für einzelne Plätze, Stadtteile, gesamte Städte oder Stadtregionen. Um einige Beispiele zu nennen: Es gab in Basel sowohl für die Entwicklung des Bahnhofs SBB einen Masterplan, als es auch einen für das Campus Novartis gibt. 2010 hat Köln für die gesamte Innenstadt einen Masterplan fertiggestellt. Nigeria plant derweil auf Basis eines Masterplans, welcher nicht nur die Stadt Lagos berücksichtigt, sondern die gesamte Verkehrsachse bis zur beninischen Grenze hin und in Indien gibt es Masterpläne für die Entwicklung von wirtschaftlichen Korridoren, welche mehrere Städte miteinschliessen.

Begriffsdefinition und Ziele. Heute werden für das Konzept der gesamtheitlichen langfristigen Planung verschiedene Begriffe wie Comprehensive Plan, Richtplan oder City Development Plan verwendet. Die Cities Alliance spricht dabei von City Development Strategy (CDS) und unterstützt Städte bei der Erarbeitung solcher Planungsinstrumente. Ein CDS und damit auch ein Masterplan hat dabei folgende Ziele (Cities Alliance 2012):

1) Umgang mit knappen Ressourcen optimieren (Boden, Rohstoffe, etc.)
2) Kapital anziehen und haushälterisch damit umgehen
3) Eine Zukunftsvision klarstellen
4) Notwendige Partnerschaften aufbauen
5) Vorbereitung auf mögliche Schocks (Naturkatastrophen, Migrationsströme, etc.)
6) Wachstum lenken: Art, Rate und Richtung von Wachstum können beeinflusst und notwendige Infrastruktur im Voraus geplant werden.

Aus diesen Zielen wird ersichtlich, dass bei zunehmender Stadtgrösse die Erarbeitung einer solchen Strategie unabdingbar wird, um das gute Funktionieren bei einer hohen Konzentration an Bevölkerung, Funktionen, Infrastruktur, und Wirtschaftskraft zu gewährleisten.

4 Fallbeispiel Shanghai

Shanghai ist die bevölkerungsreichste Stadt Chinas und in wirtschaftlicher Hinsicht die Hauptstadt der Volksrepublik. Die wichtige Funktion des Hafens seit jeher sowie die günstige Lage am Ende des Yangzi, dem grössten Fluss in China, machten Shanghai früh zu einem wirtschaftlich bedeutenden Ort, weil dieses Wasserstrassennetz und der Zugang zum Meer für den Handel mit Tee, Seide, Baumwolle und Opium genutzt werden konnte und einen frühen Industrialisierungsprozess begünstigte (Pilz 1997: 180). Heute strebt Shanghai an, ein internationaler Finanzplatz zu werden, was sich städtebaulich in einem enormen Bauboom äussert, so dass dort seit einigen Jahren mehr Wolkenkratzer stehen als in New York (Trentmann 2012).

4.1 Bevölkerungsentwicklung

Die frühe internationale Prägung Shanghais führte aufgrund der relativ hohen Sicherheit früh zu nationaler Zuwanderung (Pilz 1997: 178). Damit stand der Shanghaier Wirtschaft nicht nur die gebildete Elite, sondern auch billige Arbeitskraft zur Verfügung, was weiterhin chinesisches und ausländisches Kapital anzog (Pilz 1997: 179). Einzig während der Regierungszeit Maos stagnierte die Bevölkerung Shanghais. Die Einführung des Hukou-Systems, nach welchem die chinesische Bevölkerung in ländlich und städtisch unterteilt und der Wohnsitz streng kontrolliert wird, führte dazu, dass Shanghai in den 1980er Jahren weniger Einwohner hatte als noch in den 1960er Jahren (Pilz 1997: 185). Trotz der zahlreichen negativen Auswirkungen der Mao-Politik für die Industrie, die Lebensqualität der Bevölkerung sowie für die Umwelt, gilt die Entwicklung der Stadt als einzigartig im Verlauf des weltweiten Megastadtwachstums. In keinem Entwicklungs- oder heutigem Schwellenland land konnte die Subsistenzurbanisierung[1] so stark kontrolliert werden wie in China.

4.2 Stadtentwicklung seit dem 19.Jahrhundert

Die urbane Entwicklung Shanghais war schon früh von internationalem Einfluss geprägt. Der Vertrag von Nanjing 1842 öffnete den Hafen von Shanghai für den Welthandel, woraufhin ein neuer internationaler Stadtteil mit europäisch-amerikanischen Konzessionen entstand (Scheele 2010). Von da an bestand Shanghai städtebaulich aus einem chinesischen und einem westlich geprägten Stadtteil, die getrennt von einander funktionierten.

Die Taipingrebellion in der Dekade von 1850 drängte Tausende von Flüchtlinge aus dem südchinesischen Raum nach Shanghai und liess die ersten Slums entstehen (Balfour 2002: 54). Diese entwickelten sich zu den bis heute gebliebenen historisch wertvollen li long-Quartieren, welche in sich relativ geschlossene Einheiten mit schmalen Gassen und Höfen bilden (Balfour 2002: 55). Obwohl die Europäer Shanghai nur für den Aussenhandel nutzten, profitierte die Stadtentwicklung ebenfalls davon, indem sie jegliche europäische Neuerungen in urbaner Infrastruktur übernahmen: Gasproduktion, Kläranalgen, Stromversorgung, Telefonleitungen, Strassenbahnen und, anfangs des 20.Jahrhunderts, das Auto (Balfour 2002: 65).

Die während der Maozeit entstandenen alternativen Ballungszentren und die damit verbundene Entwicklung eines dezentraleren Städtesystems wird heute positiv wie auch kritisch betrachtet. Mao vernachlässigte die Stadt und machte sie zu einem Zentrum der Schwerindustrie. Mit der Machtübernahme von Deng Xiaoping 1978 öffnete sich Shanghai wieder und erfuhr einen starken Wandel vom Industrie- zum Dienstleistungssektor (ARTE TV 2011). Diese Tertiarisierung wurde von einem der wichtigsten Masterpläne begleitet, namentlich demjenigen für die Wirtschaftszone Pudong. Die Idee, welche 1988 noch eine reine Vision war, konkretisierte sich sehr schnell und machte aus dem Ostufer des Huangpu den neuen Central Business District mit wichtigen Firmensitzen, zahlreichen Wolkenkratzern und einer beachtlichen internationalen Ausstrahlung dank, nicht zuletzt dank landschaftsarchitektonischer Weltstadtgestaltung (vgl. Abb. 1). Den Planungsbehörden von Shanghai schienen keine Ziele zu hoch. Da sie überaus zentralistisch organisiert sind, wurden Massnahmen sehr rasch geplant und umgesetzt (Pilz 1997: 189). Um ein Gegengewicht zu den modernen Bauten zu schaffen, wurden am Stadtrand tiefere Häuser, Schulen, soziale Wohnungen und kleinere Plätze geschaffen. Diese Massnahmen sowie der Versuch, historische Bauten nach traditionellem Modell zu restaurieren, bildeten jedoch die Ausnahme (Balfour 2002: 110). Die architektonische Entwicklung der Randlagen verlief praktisch ausschliesslich nach US-amerikanischem Vorbild. So entstanden am Stadtrand „Gebiete der Autokultur“ mit grossen Shoppingzentren und Vergnügungsparks (Balfour 2002: 111).

4.3 Masterpläne in Shanghai

1929 entstand der erste Masterplan für ein Gross-Shanghai. Die Idee war es, den internationalen und chinesischen Stadtteil sowie neu geplante Quartiere zu einem Grossshanghai entwickeln zu lassen und die Stadt vor allem unabhängiger von der ausländischen Enklave zu machen (Balfour 2002: 75). Nur wenige Massnahmen konnten umgesetzt werden, bis die Japaner während der Besetzung Chinas einen neuen Masterplan mit Visionen von Le Corbusier erstellten. Aber auch dieser Plan wurde nur teilweise umgesetzt (Balfour 2002: 101/102). Wieder nationalistisch regiert, entstand 1946 der neue Shanghai Masterplan mit einem Zeithorizont von 25 Jahren und einem Fokus in drei Hauptbereichen: Bevölkerung, Transport und Geburtenkontrolle. Die urbanen Aktivitäten Wohnen, Arbeiten, Unterhaltung sowie Mobilität wurden alle integriert betrachtet und organisiert (Balfour 2002: 104). Der kommunistische Masterplan von 1950 richtete den Fokus der Stadtentwicklung auf die Industrialisierung, sozialen Wohnungsbau und dem Ausbau von Verkehrsinfrastruktur (Balfour 2002: 107). Nebst der Entwicklung vom neuen Central Business District in Pudong, trug auch die Expo von 2010, ebenfalls mit eigenem Masterplan, zur internationalen Ausstrahlung von Shanghai bei. Das Expo-Gelände wurde mitten in der Stadt erbaut. Eine hohe Immobilienspekulation, Zwangsenteignungen sowie die mit dem Projekt verbundene Umweltbelastung liessen das Projekt rasch Kritik ernten. Positiv bewertet werden dürfte es aber dadurch, dass es als Chance genutzt wurde, um den Hafen umzusiedeln und indem das Gelände als Versuchslabor für nachhaltige Stadtentwicklung gebraucht wurde. Dementsprechend lautete das Motto der Expo 2010 in Shanghai „Better City – Better Life“ (ARTE TV 2011).

[...]


[1] Als Subsistenzurbanisierung (auch Pseudo-Urbanisierung) in Entwicklungsländern wird der Prozess der Überforderung einer Stadt durch Bevölkerungswachstum bezeichnet. Weil die dazu notwendige wirtschaftliche Entwicklung in Shanghai nicht stattfand, kam die Stadt mit der Bereitstellung von Wohnraum, Infrastruktur, Arbeitsplätzen nicht nach (Pilz 1997: 184).

Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656691341
ISBN (Buch)
9783656691334
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v276024
Institution / Hochschule
Universität Basel – Departement Umweltwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Shanghai Kairo Masterplan Megastadt Megacity Stadtentwicklung Entwicklungsland Schwellenland Informelle Siedlungen Slum

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Titel: Weak Master Planning in Mega Cities. Fallbeispiele Shanghai und Kairo