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Romananfänge. Illusion der Realität in Anfangskapiteln ausgewählter deutscher Romane des Realismus

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Funktionen, Formen und Struktur und des Romaneingangs
2.1 Funktionen
2.2 Struktur
2.3 Formen
2.3.1 Titel
2.3.2 Invocatio
2.3.3 Ab avo
2.3.4 In medias res
2.3.5 In ultimas res
2.4 Zwischenfazit

3. Realitätseffekt
3.1 „Irrungen, Wirrungen“. Theodor Fontane
3.2 „Die Akten des Vogelsangs“. Wilhelm Raabe

4. Fazit

Literaturliste

Elektronische Quellen

1. Einleitung

Erzählende Texte präsentieren fremde Welten und führen den Leser auf unbekanntes Terrain. Der Anfang lässt die Umrisse einer Welt entstehen, wo vorher nur Leere war. Der Anfang eines Textes imitiert nicht nur den biblischen Schöpfungsakt, er tritt auch in die Realität des Lesers ein. Es entsteht erstes Verhältnis zwischen dem Adressat und Adressant, zwischen dem Leser und Werk. Die Erscheinungsweise aus dem „Nichts“, das Durchbrechen des Schweigens, der Beginn der geplanten Reise ist dabei entscheidend. Er gibt dem Rezipienten nicht nur Hinweise auf den Verlauf dieser „Fahrt“, sondern gibt auch die Möglichkeit, ohne größeren Verlust von Zeit und Kraft wieder umzukehren.[1] Die Problematik des Romananfangs hatte bislang noch keine besondere Beachtung in der Forschung gehabt, sei es Epoche des deutschen Realismus oder eine andere. Jedoch, abgesehen von anderen wenigen Autoren, beschäftigte sich noch Aristoteles[2] indirekt mit Aufbauelementen eines Romans, indem er seine Vorstellungen über die Einheit eines epischen Kunstwerks geäußert hat, und zwar als Ganzes, das Teile hat. In seiner Definition vom Kunstwerk hat es einen klar begrenzten Anfang, eine Mitte und einen fest umrissenen Schluss. Anfang ist das, was nach dem Nichts kommt, Mitte ist das, was auf etwas folgt und worauf etwas folgt, und Ende ist etwas, worauf nichts folgt.[3]

„Aber es war dir, als müsstest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, so dass es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber, wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriss deines inneren Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl mannigfacher Gestalten riss die Freunde fort“[4]

Problem des Anfangens und Qual des ersten Wortes soll wohl jedem Autor bekannt sein. So begehrenswert ist es, alles Wundervolle gleich in den ersten Satz zu drängen. Schon mit erstem Wort beginnt das Spiel zwischen Leser und Autor. Der Leser wird auf den jeweiligen Modus des Erzählens eingestellt, Sender und Empfänger werden praktisch gleichgestellt in dem sie auf einem unbeschriebenen Blatt die allgemeine Idee, Mosaiksteine einer Handlung in den verflochtenen Fäden der Gedanken zusammensetzen. Die wohl wichtigste Frage für einen Autor: wie gelangt der Leser in den Roman hinein, wie betritt er die Welt der Fiktion?[5]

Bei deutschen Autoren des Realismus geht es aber nicht nur darum schon mit ersten Zeilen Interesse des Lesers zu wecken oder Poetik des ganzen Werkes bereits im Anfang sichtbar zu machen, sondern vielmehr ist das Ziel schon mit erstem Satz ein festes Gefühl der Realität zu gewinnen, sogenannten Realitätseffekt hervorzurufen.

2. Funktionen, Formen und Struktur und des Romaneingangs

2.1 Funktionen

„Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache, und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile. Die kleinen Pensionsmädchen haben gar so unrecht nicht, wenn sie bei Briefen oder Aufsätzen alle Heiligen anrufen: „Wenn ich nur erst den Anfang hätte“. Bei richtigem Aufbau muss in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken.“[6]

Das erste Kapitel, erste Seite, erster Satz – das sind die „Türöffner“, die radikale Entscheidung des Schriftstellers für die Tonlage, Richtung, Stilebene, Eigenart oder Genre seiner Erzählung. In gewisser Hinsicht ist die Poetik des Romananfangs Poetik des Romans überhaupt.[7] Der Leser bekommt eine erste Probe von Erzählweise, Erzählperspektive, Atmosphäre, von Rhythmus und Grundton.

"Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten Satz lesen will. Und dann immer so weiter."[8] Der Anfang der Romane dient der Fesselung des Interesses, Sympathieweckung des Publikums und der Einstimmung in eine besondere Atmosphäre.[9] Abgesehen von dem Ziel den Empfänger neugierig zu machen und ihn gleich komplett in das Buch hineinzuziehen trägt ein Anfang auch eine Funktion des Einleitens, Eröffnens und Hinführens.

In der Forschung wird der Beginn eines epischen Werkes als Mikrokosmos bezeichnet, der den Makrokosmos des Romans widerspiegelt[10], sogenannter geistiger Ort des gesamten Erzählwerkes, der sein Wesen und Idee vermittelt. Aus anderer Perspektive der Forschung ist der Romananfang als funktionales Strukturelement zu bezeichnen. In dem Fall erfüllt der Anfang die Funktionen, die der Gesamttext nicht oder wenigstens nicht in demselben Grad erfüllt. Abhängig von diesen Perspektiven sind auch die Länge des Romananfangs, seine Abgrenzbarkeit gegenüber dem Gesamttext, Konstituierung der Erzählsituation, seine narrative Zielsetzung und Vorstellen des Themas.[11]

Die Funktion des Wiedererkennens und Wiedererkannten im Romananfang zeigt sich durch das Phänomen der Erinnerung und Verknüpfung. Erst das Bekannte ermöglicht das Unbekannte, und je mehr der Roman vorankommt, desto mehr finden sich die Einklänge, desto lesbarer werden die Chiffren.[12]

2.2 Struktur

Es stellt sich als komplex vor den Phänomen des Romaneingangs qualitativ festzulegen oder zu definieren. Den einzelnen Fragestellungen oder den Vorschlägen zum Thema, soweit es sie überhaupt gibt, folgt leider kein Versuch einer Erfassung literarischer Eingangsmittel und Satzverknüpfungsrelationen in einer allgemeinen, strukturierten, einheitlichen und „öden“ Systematik. Anfang eines Romans ist ein sehr relatives und von vielen Aspekten bedingtes Element eines Textes. Diese Aspekte kann man nicht tabellarisch systematisieren und daraus ein erwartendes Ergebnis erzielen. Literarische Epoche, Romantypus, Thema und Problematik des Erzählens, Land und Kultur des Geschehnisses, unmittelbar der Autor selbst, seine Lebenssituation, seine Bildung, seine Lieblingsautoren, seine Lebensansichten, seine Erfahrungen und viele mehr – das sind Kriterien, von den der Anfang eines Romans direkt beeinflusst wird, die aber nichtsteuerbar sind. Selbst das Ende eines Romans erzwingt thematisch und formal sein Anfang. Auch die Übersetzung[13] des Buches ist relevant bei Anfangsanalyse.

2.3 Formen

Der Eingang und Hinführung in das Romangeschehen hängen zwar von vielen Faktoren ab und sind demnach ganz unterschiedlich gestaltet, es lassen sich jedoch bestimmte Grundtypen und Tendenzen erkennen.

2.3.1 Titel

In gewisser Weise ist auch der Titel des Werkes ein Teil des Anfangs. Er ist der erste Berührungspunkt des Rezipienten mit der fiktiven Welt des Romans. Der Titel steht zwar nicht auf gleicher Ebene wie die anderen grammatischen Einheiten innerhalb des Textes, es wird jedoch von einer „Umhüllung“ des gesamten Werkes gesprochen. Titel übernimmt außerdem die Funktion des Wegweisers, der dem Leser zeigt in welche Richtung sich seine Phantasie entfalten sollte.[14] Es ist von daher ein konstantes Kriterium, den Roman mit so einem Titel zu nennen, der gleich verführen und zur Lektüre bewegen will. Durch den Titel wird eigene Welt des Romans aufgebaut, die auch von soziohistorischem Umfeld des Autors beeinflusst wird.

2.3.2 Invocatio

Um eine Kommunikationssituation mit dem Leser zu bilden, fängt ein Autor Invocatio[15] an. In diesem Fall fängt der Autor mit einem Vorwort, Vorbemerkung, Einleitung, Motto, Überschrift oder Widmung. Diese Anfangsweise führt zum Romangeschehen unter einem besonderen Blickwinkel hin. Es werden Begründungen für das Erzählen der Geschichte geliefert und wird das Thema mitgeteilt. Solche Ansprachen wie „lieber Leser“, die als bescheiden und anspruchslos zu bezeichnen sind, gestalten eine Art Interaktion zwischen dem Autor und Leser, die letztem den Zugang zur „Textwelt“ ermöglichen und bereiten ihn auf das folgende Romangeschehen vor. Die Verwendung von Invocatio fällt besonders im 18. Jahrhundert auf, verliert dann aber an Popularität im 19.[16], weil diese Anfangsform nicht dem Charakter und Eigenart eines realistisches Werkes entspricht und schafft eher eine Gefühl der Fiktion, als Realität.

[...]


[1] Hunger, 2010, S. 4,9

[2] Aristoteles, Gudemann, 1921, S. 51

[3] Schmidt-Henkel, 1965, S. 92

[4] Hoffmann, 1817

[5] Miller, 1965, S. 9

[6] Brief an G. Karpeles vom 18.August 1880

[7] Breton, Henry, 1996

[8] William Faulkner in einer Sendung des Telekolleg Deutsch

[9] Erlebach, 1993, S. 11

[10] Lanceraux, 1973, S. 234-249

[11] Wolkerstorfer, 1994, S. 23-30

[12] Miller, 1965, S. 95

[13] „Mich quälet bei meinem ganzen Buche nichts als die Angst, wie es werde übersetzt werden. Diese Angst ist keinem Autor zu verdenken, wenn man sieht, wie die Franzosen die Deutschen und die Deutschen die Alten übersetzen.“ (Paul, 1826, S. 150)

[14] Karalaschwili, 1981, S. 459

[15] Die Einleitung des Protokolls im Formular mittelalterlicher Urkunden

[16] Retsch, 2000, S. 138

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656684008
ISBN (Buch)
9783656683988
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275903
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsch als Fremdsprache
Note
1,7
Schlagworte
Romananfänge Romananfang Illusion Realität Anfangskapitel Realismus 18. Jahrhundert Romaneingang Invocatio Ab avo In medias res In ultimas res Realitätseffekt Realismuseffekt Irrungen Wirrungen Theodor Fontane Die Akten des Vogelsangs Wilhelm Raabe

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Titel: Romananfänge. Illusion der Realität in Anfangskapiteln ausgewählter deutscher Romane des Realismus