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Temporär erfolgreicher bäuerlicher Widerstand gegen grundherrliche Obrigkeit. Die Bauernrepublik Dithmarschen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Bäuerlicher Widerstand im Mittelalter

III. Die Bauernrepublik Dithmarschen
a) Entstehungsgeschichte
b) Geschlechter und Kirchspiele
c) Landrecht und 48-er Rat
d) Äußere Bedrohungen
e) Sieg bei Hemmingstedt

IV. Das Ende der Bauernrepublik

V. Fazit

VI. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Die Bauernrepublik Dithmarschen als Beispiel für zeitlich begrenzten erfolgreichen bäuerlichen Widerstand gegen grundherrliche Obrigkeit“. Dabei geht es darum, die Frage zu beantworten, wie der kleine Bauernstaat es geschafft hat, sich mehr als 300 Jahre erfolgreich gegen die größeren, umliegenden Herzogtümer und Königreiche zu behaupten, obwohl diese mehrfach und auf vielfältige Weise versuchten, Dithmarschen zu unterwerfen.

Um diese Frage zu klären, habe ich die Arbeit in drei große Abschnitte unterteilt. Zuerst beschäftige ich mich mit bäuerlichem Widerstand im Mittelalter allgemein. Dabei kläre ich zuerst den „Widerstandsbegriff“, bevor ich auf die verschiedenen Ursachen, Formen und Ziele bäuerlichen Widerstands eingehe.

Der zweite Abschnitt thematisiert dann die Bauernrepublik Dithmarschen. Um die Geschichte des Landes zu verstehen, werde ich zuerst die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung der Geschlechter und der Kirchspiele erläutern, bevor ich die inneren Krisen des Bauernstaates – das Dithmarsche Landrecht und den 48-er Rat – und die äußeren Bedrohungen näher ausführe. Die Schlacht bei Hemmingstedt habe ich aus diesen äußeren Bedrohungen hervorgehoben, da dies in meinen Augen ein besonderer Sieg und der Höhepunkt der Bauernrepublik war.

Der dritte und letzte Abschnitt behandelt dann das Ende der Bauernrepublik, welches auch zur Beantwortung der Leitfrage im Fazit führt.

II. Bäuerlicher Widerstand im Mittelalter

Um sich mit bäuerlichem Widerstand im Mittelalter umfassend beschäftigen zu können, ist es zuerst einmal wichtig, den Begriff „Widerstand“ zu klären. „Widerstand“ ist vielfältig und es gibt keine einfachen, allgemein gültigen Antworten. Historiker wie Mommsen und Steinbach warnen davor, eine starre Definition zu verwenden, denn Widerstand sei nichts Statisches, „sondern ein sich im Laufe der Zeit steigernder ‚Prozeß‘.“[1] Im politischen Sinne bezeichnet er ein Verhalten, das sich gegen eine als bedrohlich und nicht legitim empfundene Herrschaft richtet. Demnach kann er zwar illegal sein im Sinne einer Normverletzung, aber nicht illegitim. Laut Brockhaus steht der Widerstandsbegriff „für die vielfältigen Formen gesellschaftlicher Verweigerung und Gegnerschaft aus geistiger und moralischer Entscheidung beziehungsweise politischer, demokratischer oder revolutionärer Grundüberzeugung.“[2] Widerstand ist für mich da vorhanden, wo bewusst eine oppositionelle Haltung bezogen und vertreten wird.

Kershaw, der sich mit der Definition des Widerstandsbegriffs verschiedener Historiker auseinandersetzt, kommt zu dem Schluss: „Widerstand ist [insofern] Produkt und Reflex des Herrschaftssystems selbst. Die Art der Herrschaft bestimmt die Art des Widerstands.“[3] Zwar stammt die Definition von Kershaw aus seiner Beschäftigung mit dem Widerstand im Dritten Reich, doch kann man meiner Meinung nach diese allgemeine Definition auch auf andere Zeiten und Herrschaftsstrukturen übertragen. Politischer und gesellschaftlicher Widerstand ist also abhängig von Zeitumständen, Rahmenbedingungen, gesellschaftlichen Positionen, Reaktionen und Entwicklungen. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte will ich in dieser Hausarbeit versuchen die Bauernrepublik Dithmarschen als ein Beispiel für zeitlich begrenzten erfolgreichen bäuerlichen Widerstand gegen grundherrschaftliche Obrigkeit herauszuarbeiten.

Die Ursachen bäuerlichen Widerstandes lassen sich vor allem als offener Gegensatz zwischen Grundherren und abhängigen Bauern beschreiben.[4] Zunächst einmal waren ökonomische Aspekte die Ursache von Erhebungen, politische Ursachen zeigten sich erst im Spätmittelalter. Als konkrete Ursachen lassen sich vor allen Dingen steigende Steuern, eine Erhöhung der Feudallasten, die Leibeigenschaft, die Einführung des römischen Rechts, das Versagen des obrigkeitsstaatlichen Schutzes bei kriegerischen Angriffen und die Verarmung der Bauern infolge von Agrarkrisen benennen.

Gekennzeichnet war das Spätmittelalter durch die Agrarkrise, die Krise in der Feudalherrschaft, Versuche der Grundherren, Einkommensverluste durch Druck auf die Bauernschaft auszugleichen sowie durch gesteigerte Ansprüche der Territorialherren, die versuchten, ein einheitlich verwaltetes Territorium zu erstellen, was zu großem Widerstand der um ihre hergebrachten Rechte und Selbstverwaltungsbefugnisse besorgten Bauern führte.[5]

Damit diese Ursachen zu einer Erhebung werden konnten, war es wichtig, dass die Bauern ihre Situation als ungerecht empfinden und bewerten mussten, denn nur wer sich einer Situation bewusst ist, ist auch in der Lage sich zu widersetzen.[6] Die Bauern mussten also auch organisatorische Möglichkeiten entwickeln, sich den erfahrenen Ungerechtigkeiten zu widersetzen. Eine gut geführte Gemeindeorganisation konnte also dazu führen, dass bäuerliche Forderungen durchgesetzt wurden.

In der Regel äußerte sich bäuerlicher Widerstand im Hochmittelalter nicht in auffälligen Aufständen sondern eher in alltäglichen Formen des Widerstands, wie beispielsweise die Verweigerung des Frondienstes und der Abgaben oder die Abwanderung in Rodungsgebiete oder Städte.[7] Der russische Historiker B. F. Porschnew hat die verschiedenen Formen des bäuerlichen Widerstands erforscht und dabei drei Stufen unterschieden:

1. Bäuerlicher Teilwiderstand
2. Abzug oder Flucht
3. Offene Erhebung

Bei bäuerlichem Teilwiderstand handelt es sich um eine „individuelle oder kollektive Ablehnung bestimmter Vorschriften und Forderungen“[8] sowie „Rechtsstreitigkeiten der Bauern mit Grundherren wegen einzelner Rechte und Pflichten“[9]. Abzug oder Flucht bedeuteten ein vollkommender Bruch mit den Feudalherren und die sich anschließende Suche nach besseren Lebensbedingungen. Die offene Erhebung beinhaltete schlussendlich eine kollektive Gewaltanwendung zur Beseitigung der Missstände.[10]

Es ist schwierig, die verschiedenen Konfliktformen gegeneinander abzugrenzen und gleichzeitig alle Faktoren zu berücksichtigen. Aber festzuhalten ist, dass eine Bauernrevolte am Ende eines Entwicklungsprozesses steht, in dessen Verlauf die gewaltfreien Formen des Widerstandes nach Übertretung der Reizschwelle in gewaltsamen Aktionen gipfeln.

Die Bauern waren im Grunde jederzeit kampfbereit, denn sie hatten ein Arsenal an einfachen Waffen, weil sie als Soldaten an Feldzügen teilgenommen und bestimmte Waffen und Hellebarden mitgenommen hatten, außerdem brauchten sie diese, um sich gegen Naturkräfte und Kriegsereignisse zur Wehr setzen zu können. Unsicherheit, Not und Gewalt gehörten zum Leben der Bauern und bedrohten ihre Existenz, daher besaß die Selbstverteidigung einen hohen Stellenwert. Angesichts ständig drohender Gefahren wuchs das Zusammengehörigkeitsgefühl der bäuerlichen Gemeinden und Nachbarschaften.[11]

Die bäuerliche Gemeinde war die Grundeinheit der alteuropäischen Gesellschaft und bildete den Mittelpunkt des bäuerlichen Lebens, den Rahmen der wirtschaftlichen Aktivität und war natürliche Verteidigungsgemeinschaft gegen Räuberbanden, wilde Söldnerscharen und Übergriffe von Nachbargemeinden. Da es keine der heutigen Polizei vergleichbare Instanz gab, ergab sich für jeden die „Pflicht zur dörflichen Selbstverteidigung“[12]. Neben Ursachen und Formen des bäuerlichen Widerstandes ist es wichtig, die Ziele zu beleuchten.

Die Ziele der Bauern lassen sich in drei Hauptgruppen unterteilen: die politischen Ziele, die wirtschaftlichen Ziele und die an Persönlichkeitsrechten orientierten Ziele. Die politischen Ziele umfassten die politischen Handlungsmöglichkeiten, Missstände im Gerichtswesen, die Bedrückung durch die Vogteien und im Spätmittelalter auch den Kampf um autonomen Handlungsspielraum. Die wirtschaftlichen Ziele implizierten steuerliche Entlastung, die Durchsetzung von gemeindlichen Nutzungsrechten sowie die Schuldenentlastung, während die an Persönlichkeitsrechten orientierten Ziele die Anerkennung eines persönlichen Rechtsstatus, die Leibeigenschaft, das Recht auf freie Heirat und das Erbrecht beinhalteten.[13]

III. Die Bauernrepublik Dithmarschen

a) Entstehungsgeschichte

„Dithmarschen ist ein Bauernstaat, der sich erstmals 1283 als Universitas terrae Dithmarciae bezeichnet, als Gemeinschaft des Landes Dithmarschen“[14]. Das Land liegt an der Westküste des heutigen Schleswig-Holstein und ist von Wasser umgeben: Im Westen von der Nordsee, im Norden von der Eider, im Süden von der Elbe. Besiedelt wurde das Gebiet spätestens in der jüngeren Steinzeit, etwa um 5000 v. Chr.. Nordsee, Elbe und Eider, die früher mehrere Mündungsarme hatten, haben ihre Sinkstoffe vor der Geest abgelagert, was zu guten Weideplätzen führte und somit Bewohner mit ihren Herden anlockten. Um nicht immer bei Flut und Überflutungen Vieh wegtreiben zu müssen, entwickelte sich der Deichbau, so dass um 1000 n. Chr. ein erster zusammenhängender Deich entstand. Die dem Meer gemeinsam abgerungene Landschaft schweißte die Menschen zusammen, Gemeinschaften wurden gebildet, denn nicht einmal ein Familienverband reichte für die Arbeiten, die für die Landnahme und für den Schutz vor den Fluten erforderlich waren. So schlossen sich die Familien den wirtschaftlichen Erfordernissen entsprechend zu „Geschlechtern“ zusammen. Diese Siedlungsgemeinschaften, die teilweise bis zu 500 wehrfähige Männer hatten, konnten ihre Aufgaben der Verteidigung gegen die Naturgewalten und gegen die vom Land her drohenden Feinde lange erfolgreich lösen.[15]

[...]


[1] Schmädeke S.1122, zitiert nach Keshaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbeck 1994, S. 298 (im Folgenden zitiert als: Kershaw: NS-Staat).

[2] Widerstand, in: Brockhaus Enzyklopädie Online (BEO), 2010-01-15, S. 1.

[3] Kershaw: NS-Staat, S. 293.

[4] Vgl. Rösener, Werner: Bauern im Mittelalter, München 1991, S. 240 (im Folgenden zitiert als: Rösener: Bauern).

[5] Blickle, Peter: Unruhen in der ständischen Gesellschaft 1300-1800, München 1988, S. 62-65 (im Folgenden zitiert als: Blickle: Unruhen).

[6] Vgl. Bierbrauer, Peter: Bäuerliche Revolten im Alten Reich. Ein Forschungsbericht, in: Blickle, Peter; u.a. (Hrsg.): Aufruhr und Empörung? Studien zum bäuerlichen Widerstand im Alten Reich, München 1980, S. 32.

[7] Vgl. Rösener: Bauern, S. 242.

[8] Rösener: Bauern, S. 242.

[9] Rösener: Bauern, S. 242.

[10] Vgl. Rösener: Bauern, S. 242.

[11] Vgl. Rösener, Werner: Die Bauern in der europäischen Geschichte, München 1993, S. 113 im Folgenden zitiert als: Rösener: Europäische Geschichte).

[12] Rösener: Europäische Geschichte, S. 113.

[13] Blickle: Unruhen, S. 59.

[14] Franz, Günther: Geschichte des deutschen Bauernstandes vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, Stuttgart 1976, S. 93 (im Folgenden zitiert als: Franz: Bauernstand).

[15] Meier, Dirk: Landschaftsgeschichte, Siedlungs- und Wirtschaftsweise der Marsch, in: Verein für Dithmarscher Landeskunde e.V. (Hrsg.): Geschichte Dithmarschens, Heide 2000, S. 83 ff. (im Folgenden zitiert als: Meier: Landschaftsgeschichte).

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656688099
ISBN (Buch)
9783656692751
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275868
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
temporär widerstand obrigkeit bauernrepublik dithmarschen

Autor

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