Lade Inhalt...

Die Beziehung von Optimismus, Stress und Stimmung

Eine mehrebenenanalytische Betrachtung

Hausarbeit 2012 67 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand
2.1 Was ist Optimismus?
2.2 Bisherige Forschung zum Zusammenhang von Stress und Stimmung
2.3 Bisherige Forschung zum Zusammenhang von Optimismus, Stress und Stimmung
2.4 Erklärungsansatz für den positiven Einfluss von Optimismus

3. Fragestellungen und Hypothesen

4. Methode
4.1 Teilnehmer
4.2 Durchführung
4.3 Messungen
4.5 Methodisches Vorgehen

5. Ergebnisse
5.1 Deskriptive Ergebnisse
5.2 Unterfragestellung 1: Welchen Effekt hat Optimismus auf die Stimmung?
5.2.1 Nullmodell
5.2.2 Means-as-Outcomes-Modell
5.3 Unterfragestellung 2: Wirkt sich negativer Stress auf die Stimmung der Personen aus?
5.3.1 Nullmodell
5.3.2 Random-Coefficient-Regressionsanalyse
5.4 Hauptfragestellung: Moderiert Optimismus die Beziehung zwischen Stimmung und Stress?

6. Schlussfolgerungen und Diskussion der Ergebnisse
6.1 Effekte von Optimismus auf die Stimmung
6.2 Auswirkungen von negativem Stress auf die Stimmung
6.3 Einfluss von Optimismus auf die Beziehung zwischen Stress und Stimmung
6.4 Grenzen der Untersuchung und Ausblick

7. Literatur

Anhang 1 – SPSS Syntax

Anhang 2 – Häufigkeitsverteilungen

Anhang 3 – Mplus Syntax

Anhang 4 – Mplus Output

1.Einleitung

Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill prägte einst das Sprichwort „A pessimist sees the difficulty in every opportunity; an optimist sees the opportunity in every difficulty.” und traf damit den Kern des Themas, das im Zentrum dieser Arbeit stehen soll. Optimisten wird nachgesagt, dass sie erwarten, dass das Blatt sich immer zum Guten wendet oder das Glas für sie immer halb voll ist. Solche Konzepte haben eine lange Geschichte in der Volksweisheit aber auch in frühen Versuchen, Personen in ihrer Persönlichkeit zu klassifizieren.

Wenn dem so ist, sollten Personen, die mit einer optimistischen Sicht der Dinge auch den Schwierigkeiten des Alltags begegnen eine bessere Befindlichkeit und Stimmung aufweisen, als Personen, die diese positive Grundeinstellung nicht teilen. Dies sollte zu einem Vorteil bei Schwierigkeiten oder Belastungen, wie etwa durch negativen Stress, führen. Solch eine bessere Grundstimmung ist nicht nur aus verhaltenspsychologischer Perspektive von Interesse, beispielsweise um zu verstehen, wie Personen mit verschiedenen Situationen umgehen und sich dabei voneinander unterscheiden, sondern auch aus einer medizinischen Perspektive. Denn ein positiverer Umgang mit Schwierigkeiten und Stress, der für Personen weniger belastend ist sowie eine bessere Stimmung und Befindlichkeit der Personen, sollte auch zu weniger psychischen aber auch physischen Erkrankungen führen.

Vor diesem Hintergrund wurde in der vorliegenden Arbeit untersucht, ob Optimismus die Beziehung zwischen negativem Stress und Stimmung bedeutsam beeinflusst, ob also die oben vermuteten Vorteile nachgewiesen werden konnten. Daneben war natürlich auch von Interesse, ob Optimisten an sich schon eine bessere Grundstimmung aufwiesen und ob Stress die Stimmung bedeutsam beeinflusste. Um diese Fragen zu beantworten wurden anhand eines Datensatzes von Studenten und Studentinnen der Erziehungswissenschaft an der Universität Potsdam, der Angaben zu deren optimistischer Einstellung sowie täglichen Stimmungs- und Stressberichten enthielt, verschiedene Mehrebenenanalysen durchgeführt.

Zur Orientierung in der Thematik soll nachfolgend zunächst genauer erläutert werden, was unter Optimismus zu verstehen ist und welcher theoretische Hintergrund und Forschungsstand den darauf aufbauenden Fragestellungen und Hypothesen zugrunde lag. Anschließend wird genauer auf die Teilnehmer, die Durchführung, die verwendeten Instrumente und das methodische Vorgehen in der Untersuchung eingegangen, bevor im Ergebnisteil neben deskriptiven Ergebnissen die Modelle genauer vorgestellt und anhand der Ergebnisse die Fragestellungen beantwortet werden. Abschließend erfolgt eine Diskussion der zentralen Befunde und eine Einschätzung der Grenzen der Untersuchung sowie möglicher Ansätze für weitere Untersuchungen.

2. Theoretischer Hintergrund und Forschungsstand

2.1 Was ist Optimismus?

Im Bereich der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie erfuhren verschiedene Konzepte von Optimismus und Pessimismus bereits viel Forschungsinteresse. Der vorliegenden Arbeit lag dabei der populär gewordene Ansatz von Scheier & Carver (1985) zugrunde. Diese entwickelten über Jahre der Forschung zum Thema Erwartungen das Konzept der Charaktereigenschaft ‚dispositional optimism‘ (dispositioneller Optimismus) und definierten diese als ‚...tendency to believe that one will generally experience good vs. bad outcomes in life.“ (Scheier & Carver, 1985 zit. nach Scheier & Carver, 1992, S. 203). Ebenso entwickelten sie eine Skala, um dispositionellen Optimismus zu messen: den Life Orientation Test (LOT), auf den an späterer Stelle noch genauer eingegangen wird.

Optimismus und Pessimismus wurde dabei von ihnen definiert als generalisierte sowie zeitlich und transsituational stabile Tendenz, in alltags- und stressbezogenen Situationen mit positiven beziehungsweise negativen Ergebnis-Erwartungen zu reagieren (vgl. Wieland-Eckelmann & Carver, 1989, S.167). Optimismus fassten sie als eine Verhaltensdisposition im Sinne eines Persönlichkeitsmerkmals auf, das nach Befunden der Autoren signifikante Beziehungen zu verschiedenen anderen Persönlichkeitsmerkmalen aufwies. So zeigten Optimisten stärker ausgeprägte internale Kontrollüberzeugungen und ein höheres Selbstwertgefühl, reagierten in belastenden Situationen weniger depressiv und hilflos und wiesen geringere soziale Ängstlichkeit sowie weniger Körpersymptome auf (vgl. ebd.). Wenn Personen Schwierigkeiten oder Unglücke erfuhren, war dies für sie verbunden mit einer Reihe von Emotionen wie Aufregung, Ärger, Depressionen oder Ängsten. Die Balance zwischen diesen Gefühlen schien jedoch mit dem Ausmaß an Pessimismus und Optimismus der Personen zusammen zu hängen. Optimisten erwarteten dabei positive Ergebnisse, auch wenn die Situation schwierig war. Diese Überzeugung sollte zu einem Mix aus Gefühlen führen, der sich trotz widriger Umstände relativ positiv darstellte (vgl. Carver & Scheier, 1998; Scheier & Carver, 1992).

2.2 Bisherige Forschung zum Zusammenhang von Stress und Stimmung

Bei den Bemühungen, den Einfluss psychosozialer Stressoren auf die Gesundheit und das Wohlbefinden zu verstehen, gab es einen Wechsel von der früheren, nahezu exklusiven Untersuchung der Effekte von ‚major live events‘, also schwereren Schicksalsschlägen, hin zur Anerkennung der Bedeutung von ‚minor stressors‘ im Umfeld der Personen, also weniger bedeutsamen Ereignissen wie etwa Streitigkeiten in der Beziehung, Ärger oder Stress auf der Arbeit. Nachweise, dass ‚major life events‘ die Gesundheit und das emotionale Wohlbefinden beeinflussen, wurden in der Vergangenheit vielfach erbracht (DeLongis, Coyne, Dakof, Folkman, & Lazarus, 1982; Eckenrode, 1984; Kanner, Coyne, Schaefer, & Lazarus, 1981 zit. nach Bolger, DeLongis, Kessler & Schilling, 1989) und mittlerweile wurde auch der Zusammenhang von ‚minor daily events‘ und Veränderungen in der Stimmung von Personen mehrfach gezeigt. So genannte Diary Studies, in denen am Ende des Tages Berichte zu stressreichen Erfahrungen und Ratings der gegenwärtigen Stimmung über mehrere Tage und Wochen erhoben wurden, zeigten, dass die Stimmungszustände der Personen an Tagen mit vielen oder verschiedenen stressreichen Ereignissen negativer ausfielen (vgl. van Eck, Nicolson & Berkhof, 1998, S. 1572):

In einer Studie von van Eck und Kollegen (1998), die die Beziehung zwischen stressreichen täglichen Ereignissen und Stimmung untersuchte, bearbeiteten 85 männliche Arbeiter über fünf Tage und zehnmal täglich solche Selbstberichte. Unter Kontrolle von individuellen Unterschieden in den Stimmungsleveln zeigte sich, dass stressreichen Ereignissen Anstiege im negativen Affekt, also negativere Stimmungsberichte, folgten, einhergehend mit einem Absinken im positiven Affekt, also weniger Berichten von positiven Stimmungsmerkmalen.

Zu gleichen Ergebnissen kamen Brose, Schmiedek, Lövdén, & Lindenberger (2011) in ihrer Untersuchung zu Reaktionen auf täglichen Stress bei jüngeren und älteren Erwachsenen. Die Analysen zeigten auch hier, dass Tage mit Stressoren auch Tage mit stärkerem negativen Affekt waren.

Eine weitere Untersuchung von Eckenrode (1984) verglich den relativen Einfluss von ‚major life events‘, chronischen Stressoren und ‚minor daily stressors‘ auf die Stimmungsberichte aus täglich erhobenen Tagebuchdaten und Interviews mit 96 Frauen aus Boston innerhalb eines Monats. Die Resultate der Studie zeigten, dass die Durchschnittslevel täglicher Stressoren und physischer Symptome signifikante Effekte auf die Durchschnittslevel der Stimmung besaßen. Bei Auftreten eines ‚daily stressors‘ zeigte sich ein starker Zusammenhang mit einem Abfall der Stimmung.

Bolger und Kollegen (1989) untersuchten, basierend auf täglichen Berichten von Paaren über sechs Wochen, die Effekte verschiedener Stressoren auf die Stimmung und konnten ebenso eine signifikante Beziehung zwischen täglichem Stress und Stimmung nachweisen.

Repetti (1993) kam zu gleichen Ergebnissen bei der Befragung von 52 Luftverkehrskontrolleuren zu deren subjektivem Wohlbefinden und den erlebten Umständen im Job an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Die Resultate wiesen darauf hin, dass Anstiege im Stress auf der Arbeit mit einem Abfall im physischen und psychologischen Wohlbefinden der Befragten am selben Tag einhergingen. An Tagen, an denen der Arbeitsumfang als groß eingeschätzt wurde, berichteten sie mehr Gesundheitsprobleme und werteten ihre Stimmung negativer als durchschnittlich.

Damit wurden nur einige Studien genannt, die sich mit dem Einfluss von Stress auf die Stimmung von Personen befasst haben. Der Anteil an Varianz in der täglichen Stimmung, die über die tägliche Fluktuation in Stress erklärt werden konnte, reichte dabei von 4% (Eckenrode, 1984) bis zu 19-20% (Bolger et al., 1989).

2.3 Bisherige Forschung zum Zusammenhang von Optimismus, Stress und Stimmung

Auch die Beziehung zwischen Optimismus, Stimmung und Befindlichkeiten in Problemsituationen ist mittlerweile vielfach untersucht worden. Dabei trifft man zunächst auf viele Studien zu Optimismus und psychischen Wohlbefinden bei Personen, die eine medizinische Behandlung bei einer schweren Erkrankung erfahren haben:

So legten Scheier & Carver (1998 zit. nach Scheier & Carver 1992) Patienten den LOT vor und befragten sie vor und nach einer Koronararterien-Bypassoperation nach deren Wohlbefinden. Als optimistisch befundene Befragte berichteten bereits vor dem Eingriff geringere Ausmaße von Feindseligkeiten und Depressionen. Kurz nach der Operation berichteten sie eine stärkere Erleichterung und ein stärkeres Glücksempfinden sowie größere Zufriedenheit mit der medizinischen Versorgung und der emotionalen Unterstützung durch das Umfeld. Auch ein halbes Jahr nach dem Eingriff wiesen sie eine höhere Lebensqualität als Pessimisten auf. Fünf Jahre nach der Behandlung berichteten Optimisten weiterhin ein größeres subjektives Wohlbefinden und eine bessere generelle Lebensqualität.

Neben vielfältigen Forschungen aus dem medizinischen Bereich wurden aber auch Untersuchungen zu Optimismus im Rahmen weniger extremer Situationen für die Betroffenen vorgenommen, wie etwa zu Beginn des Studiums, einer dennoch schwierigen und stressreichen Zeit.

In solch einer Untersuchung wurden Optimismus, Selbstbewusstsein und andere Werte von Studenten zu Beginn des ersten Semesters erhoben. Messungen zum psychischen und physischen Wohlbefinden erfolgten am Ende des Semesters. Höhere Level von Optimismus bei Studienbeginn sagten dabei ein geringeres Ausmaß von psychischem Stress am Ende des Semesters vorher (vgl. Aspinwall & Taylor, 1990 zit. nach Sheier & Carver, 1992).

Eine ähnliche Studie zur Anpassung an das Studentenleben, die die Variablen zu Beginn und am Ende des Semesters erfasste, kam zu gleichen Ergebnissen: Optimisten wurden demnach, verglichen mit Pessimisten, weniger gestresst, weniger depressiv und weniger einsam, ebenso erhielten sie mehr soziale Unterstützung. Einige weitere Studien mit Studienanfängern konnten ähnliche Zusammenhänge nachweisen. (vgl. etwa Stewart et al., 1997 zit. nach Scheier, Carver & Bridges, 2001, S.197; Segerstrom, Taylor, Kemeny & Fahey, 1998).

Chang (1998) untersuchte mithilfe des LOT dispositionellen Optimismus als Moderator bei der Beziehung zwischen wahrgenommenen Stress und psychischem Wohlbefinden bei 400 Studenten. Hierarchische Regressionsanalysen ließen vermuten, dass dispositioneller Optimismus diese Beziehung signifikant moderiert. Stress scheint aber eine wichtige kausale Determinante für psychisches Wohlbefinden zu sein. Die Ergebnisse der Berechnungen zeigten, dass Optimismus signifikant negativ mit wahrgenommenem Stress und depressiven Symptomen und positiv mit Lebenszufriedenheit zusammenhing. Ein signifikanter Zusammenhang bestand ebenso zwischen wahrgenommenem Stress und depressiven Symptomen sowie einer geringeren Lebenszufriedenheit. Auch diese Beziehung wurde signifikant durch Optimismus moderiert.

Optimisten berichteten ebenso weniger physische Symptome als Pessimisten. Scheier & Carver (1985) fanden diesen Zusammenhang beispielsweise bei Studenten in ihren Psychologiekursen. Die Optimisten unter ihnen gaben an, weniger von physischen Symptomen aus einer vorgelegten Liste betroffen zu sein als die Pessimisten.

Optimismus schien auch mit einer langsameren Verschlechterung des Krankheitsbildes und höheren Überlebensraten bei schwerwiegenden Erkrankungen zusammen zu hängen (vgl. Brydon, Walker, Wawrzyniak, Chart, & Steptoe, 2009).

2.4 Erklärungsansatz für den positiven Einfluss von Optimismus

Wie oben dargelegt sind die Zusammenhänge zwischen Optimismus, Stress und Stimmung und der damit einhergehende positive Befund, dass sich Optimismus offenbar schützend auf die psychische und physische Gesundheit auswirkt, vielfach erforscht und nachgewiesen worden. Von Optimisten wird angenommen, dass sie bessere Ergebnisse in vielen Situationen erzielen, etwa bei der Anpassung an schwere Krankheiten, an Veränderungen der Lebensumstände oder wenn sie in schwierigen Situationen weniger gestresst und depressiv sind und ein besseres Wohlbefinden und bessere Stimmungen aufweisen. Die Mechanismen, die hinter diesen Effekten liegen, blieben dabei jedoch unklar.

In der Literatur zu dieser Thematik finden sich verschiedene Erklärungsansätze. Der am häufigsten vertretende ist wohl der, dass Optimisten anders auf auftretende Probleme reagieren als Pessimisten. Die beobachteten besseren Ergebnismessungen bei Optimisten hinsichtlich Stress und Stimmung basieren demnach auf erfolgreichen Bewältigungsstrategien, was auch als Coping bezeichnet wird (vgl. Scheier & Carver, 1985; Scheier, Weintraub & Carver, 1986). Unterschieden wird hierbei meist zwischen problem-fokussiertem Coping, als aktiver Versuch, die Ursache des Stresses zu entfernen, und emotions-fokussiertem Coping, als der Versuch, die emotionale Bedrängnis, die von der Situation ausgeht zu verringern oder zu eliminieren (vgl. Folkman & Lazarus, 1980 zit. nach Scheier et al. 1986, S. 1258). Personen mit positiven Zukunftserwartungen, was Optimisten kennzeichnet, betreiben demnach auch weiteren Aufwand ihre Ziele zu erreichen, wenn ernsthafte Probleme auftreten. Personen, die Zweifel hinsichtlich der Zukunft haben, tendieren eher dazu, Widrigkeiten zu entfliehen oder diese zu verdrängen. Sie verfolgen eher Strategien, die kurzzeitige Ablenkung bieten, die jedoch nicht helfen das Problem zu lösen oder aber sie geben auf.

Scheier und Kollegen (1986) legten in diesem Zusammenhang ihren mit dem LOT eingeschätzten Studenten die Ways of Coping Checklist (nach Folkman & Lazarus, 1980) vor, anhand derer diese angeben sollten, welche Bewältigungstrategien sie in den stressigsten Situationen der vorangegangenen zwei Monate verfolgt hatten. Optimismus zeigte sich dabei als positiv korreliert mit problem-fokussierten Coping und positiver Umdeutung der Probleme, aber auch mit Akzeptanz und der Tendenz, die Realität der Situation zu akzeptieren und sie ins beste Licht zu rücken. Optimismus war außerdem negativ korreliert mit Verleugnung der Probleme und Distanzierung als Bewältigungsstrategien. Dies weist darauf hin, dass Optimisten gegenüber Pessimisten einen Vorteil in ihrem Bewältigungsverhalten aufweisen (vgl. Scheier et al., 2001; Scheier& Carver, 1992; Scheier et al., 1986).

In einer anderen Untersuchung wurden den Studenten Beschreibungen verschiedener stressiger Situationen vorgelegt, zu denen diese in eigenen Worten beschreiben sollten, wie sie diese bewältigen würden. Es zeigten sich ähnliche Ergebnisse, wie in der ersten Untersuchung: Optimismus war auch hier positiv korreliert mit problem-fokussiertem Coping und der Suche nach sozialer Unterstützung (vgl. Scheier et al., 1986; Wieland-Eckelmann & & Carver,1989).

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine weitere Studie von Segerstrom und Kollegen (1998), die ebenso davon ausgingen, dass Optimisten anders mit Stress umgingen, weniger negative Stimmung erlebten und ein besseres Gesundheitsverhalten aufwiesen, das zu einem besseren Immunstatus führte. Sie betrachteten die genannten Variablen im Kontext des Stresses während des ersten Jahres des Jurastudiums. Die Analysen zeigten, dass Unterschiede zwischen Optimisten und Pessimisten im Ausmaß der Stimmungsstörungen, die sie durch den Stress erlebten, zumindest teilweise auf Unterschiede in ihren Copingstrategien zurückzuführen waren.

Allgemein lassen die Untersuchungen also vermuten, dass Optimisten mehr problem-fokussierte Copingstrategien als Pessimisten benutzten. Wenn dies nicht möglich war, wechselten sie zu adaptiven emotions-fokussierten Coping-Strategien wie Akzeptanz, Humor oder positive Neuorientierung. Mit diesem Verhalten wiesen sie eine bessere Anpassung bei vielen Stressoren auf. Sie zeigten anhaltende Bemühungen, die Probleme zu lösen, anstatt sie wegzuwünschen oder zu verleugnen, wozu wiederum Pessimisten tendierten. Diese gaben eher die Ziele auf, mit denen der Stressor zusammenhing (vgl. Scheier et al., 2001; Segerstrom et al., 1998; Aspinwall, Richter & Hoffman 2001).

Jedoch war dispositioneller Optimismus nicht die einzige Variable, die Einfluss auf den Bewältigungsprozess besaß. Ein substantieller Anteil unerklärter Varianz blieb in den genannten Studien bestehen. Es müssen also auch andere Determinenten berücksichtigt werden, um den Coping-Prozess und die Art und Weise, wie Personen mit Stress umgehen, vollständig zu verstehen. Dennoch schien es sich bei den Copingstrategien um einen Faktor mit großem Erklärungsgehalt zu handeln. Die oben gezeigten positiveren Untersuchungsergebnisse und daraus resultierenden gesundheitlichen Vorteile der Optimisten waren demnach teilweise durch die Strategien zu erklären, die diese benutzen, um Stress zu bewältigen und die sich offenbar auszahlten (vgl. Scheier et al., 1986).

3. Fragestellungen und Hypothesen

Als Hauptanliegen der vorliegenden Untersuchung sollte anhand der erhobenen Daten folgende Frage beantwortet werden:

Moderiert Optimismus die Beziehung zwischen Stress und Stimmung? (Hauptfragestellung)

Basierend auf den Ergebnissen der oben dargestellten bisherigen Forschung wurde vermutet, dass Personen, die hohe Optimismuswerte in den Messungen aufwiesen, also als Optimisten galten, geringere Stimmungsreaktionen, in Form eines Anstiegs der negativen Stimmung, an Tagen mit negativem Stress zeigen sollten. Personen, die geringere Optimismuswerte aufwiesen, also als Nicht-Optimisten galten, sollten im Vergleich dazu stärkere negative Stimmungsreaktionen an stressreichen Tagen zeigen und je stärker der Stress die Befragten bewegt hat. Wenn Optimisten wirklich aufgrund vorteilhafter Bewältigungsstrategien mit schwierigen Situationen wie negativem Stress besser umgehen können, sollten sie also weniger gestresst sein und die Stimmung sollte weniger davon betroffen sein.

Entsprechend lauteten die Hypothesen für die Analysen, dass Optimisten unter Stressbelastung einen geringeren Anstieg der negativen Stimmung aufweisen sollten, als die Nicht-Optimisten. Die Zugehörigkeit zu der Gruppe der Optimisten oder Nicht-Optimisten sollte die Beziehung zwischen Stress und Stimmung nachweislich beeinflussen.

Um die Zusammenhänge dieser Hauptfragestellung angemessen einschätzen zu können, mussten auch die Beziehungen zwischen Optimismus und Stress sowie zwischen Stress und Stimmungsreaktionen genauer betrachtet werden. Daraus ergaben sich zwei Unterfragestellung, die es im Vorfeld zu beantworten galt, nämlich:

Welchen Effekt hat Optimismus auf die Stimmung? (Unterfragestellung1)

Hier wurde als Hypothese angenommen, dass Personen, die hohe Optimismuswerte aufwiesen, eine bessere Grundstimmung besitzen sollten. Personen, die weniger optimistisch waren, sollten eine vergleichsweise negativere Grundstimmung aufweisen.

Wirkt sich negativer Stress auf die Stimmung der Personen aus? (Unterfragestellung 2)

Die bisherigen Forschungsergebnisse zeigten, dass an Tagen mit Stress die Stimmung von Befragten schlechter ausfiel. An Tagen, an denen kein Stress auftrat, fiel die Stimmung umgekehrt positiver aus. Stress schien die Stimmung demnach zu beeinflussen. Daher wurde für die nachfolgenden Analysen vermutet, dass negativer Stress und das Ausmaß, in dem er als belastend empfunden wurde, auch in dieser Untersuchung einen Effekt auf die Stimmung der Befragten haben sollte und Unterschiede in der Stimmung der Befragten zu erklären vermochte.

Anhand dieser Fragen werden nachfolgend die untersuchten Zusammenhänge von Optimismus, Stress und Stimmung dargestellt sowie die Prüfung, ob die in bisherigen Studien gezeigten Beziehungen auch in unserer Stichprobe nachweisbar waren.

Im nachfolgenden Abschnitt werden zunächst die methodischen Grundlagen unserer Untersuchung genauer vorgestellt. Dabei wird auf die Stichprobe und die Durchführung der Erhebung eingegangen, bevor die einzelnen verwendeten Instrumente und die Analysemethoden genauer vorgestellt werden.

4. Methode

4.1 Teilnehmer

Bei den untersuchten Personen handelte es sich um eine Gelegenheitsstichprobe nach dem Schneeballprinzip. Ein wesentlicher Anteil der Stichprobe waren Studenten des Masterstudiengangs Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam, genauer Teilnehmer des Seminars ‚Einführung in die Mehrebenenanalyse‘. Diese Teilnehmer wurden gebeten, weitere Probanden aus ihrem persönlichen Umfeld für die Untersuchung zu aquirieren. Die Teilnahme war für alle Befragten freiwillig. Somit entstand eine Stichprobe, die nicht zufallsbasiert war und die lediglich für diese Personengruppe repräsentativ war. Aufgrund der Zusammensetzung waren die Ergebnisse nicht über diese Gruppe hinaus generalisierbar.

Die Gesamtstichprobe bestand aus 35 Personen, von denen 32 Hintergrundfragebögen zu Personenmerkmalen und 586 tägliche Stimmungsfragebögen vorlagen. Drei Personen wiesen keinen Hintergrundfragebögen auf, eine weitere Person bearbeitete weniger als drei Stimmungsfragbögen. Diese vier Personen wurden aus dem Datensatz entfernt, so dass Daten von 31 Personen mit 576 Stimmungsfragebögen in die Analysen eingingen. Die Spanne reichte dabei von 3 bis 40 Tagen, an denen Angaben der einzelnen Teilnehmer vorlagen. Die Zahl der Beobachtungen und Zeitabstände zwischen den Beobachtungen durften dabei zwischen den Personen variieren. Dies war im Fall von fehlenden Daten ein wichtiger Vorteil in der Mehrebenenanalyse.

Die Stichprobe wies aufgrund der Personenauswahl, die zum großen Anteil aus Studenten bestand, Besonderheiten in Geschlecht, Alter und vermutlich auch weiteren Faktoren, wie etwa Bildungsstand auf. Die Teilnehmer waren zwischen 1942 und 1990 geboren, die meisten jedoch in den 80er Jahren. Bei den zusätzlich aquirierten Personen handelte es sich um 13 Frauen und 10 Männer. Zur Wahrung der Anonymität lagen bei den sieben Seminarteilnehmern bei der Geschlechterangabe fehlende Werte vor. Hier handelte es sich um sechs Frauen und einen Mann, so dass die gesamte Gruppe mit 19 Frauen und 11 Männern (eine fehlende Angabe kann nicht zugeordnet werden) einen wesentlich höheren Frauenanteil aufwies.

4.2 Durchführung

Bei der Untersuchung handelte es sich um eine so genannte Diary Study, in der am Ende des Tages Berichte zu den Ereignissen des Tages und der gegenwärtigen Stimmung der Personen ausgefüllt wurden. Die Untersuchung erfolgte demnach längsschnittlich mit vorliegenden Daten aus den Stimmungsfragebögen an 61 Tagen im Zeitraum vom 18.10.-31.12.2011.

Zu Beginn der Untersuchung füllten die Teilnehmer einmalig einen Hintergrundfragebogen zu ihren Personenmerkmalen aus und wurden aufgefordert, täglich, etwa zur gleichen Tageszeit, einen Stimmungsfragebogen auszufüllen. Da in jedem Fragebogen ein persönlicher Schlüsselcode anzugeben war, konnten so alle Fragebögen den jeweiligen Personen zugeordnet werden. Die Erhebung erfolgte zunächst im paper-and-pencil-Format, später war auch ein Ausfüllen in elektronischer Form online möglich.

Solche Diary Studies haben sich in der Forschung etabliert und können tägliche Variationen von stressreichen Ereignissen und emotionalen Reaktionen gut abbilden. Da mehrere wiederholte Messungen derselben Individuen gemacht wurden, bot sich so die Möglichkeit, die Effekte von Stress innerhalb von Personen und über die Zeit zu betrachten und diese zwischen den Personen zu vergleichen. Dies erlaubte es, die im Hintergrundfragebogen abgefragten Persönlichkeitsfaktoren in Bezug dazu zu setzen und als Erklärungen für unterschiedliche Effekte heranzuziehen.

4.3 Messungen

Nachfolgend werden die Instrumente aus den beiden Fragebögen erläutert, die für die Beantwortung der vorgestellten Fragestellungen relevant waren. In den Fragebögen wurden Messungen zu weiteren Merkmalen und täglichen Ereignissen durchgeführt, auf die hier jedoch nicht weiter eingegangen werden soll, die aber für spätere ergänzende Untersuchungen von Interesse sein können.

Hintergrundfragebogen: Fragebogen zu ihrer Person

Optimismusskala:

Für die Beantwortung der Fragestellungen waren aus den 31 Hintergrundfragebögen die Messungen der Optimismuswerte der Personen die entscheidenden Daten. Hierfür wurde der bereits im theoretischen Teil erwähnte Life Orientation Test (LOT) von Scheier & Carver (1985) eingesetzt, genauer dessen deutsche Version von Wieland-Eckelmann & Carver (1989).

Scheier und Carver entwickelten zur Messung von Optimismus eine Skala, die insgesamt aus acht Statements und vier Füllitems bestand. Die Items waren zur Hälfte optimistisch und zur Hälfte pessimistisch formuliert und erfragten die generellen Erwartungen der Personen bezüglich der Günstigkeit zukünftiger Umstände. Später nutzten sie eine gekürzte Version der Skala, den Life Orientation Test-Revised (LOT-R; Scheier, Carver, & Bridges, 1994 zit. nach Scheier et al., 2001). Die Untersuchungen von Scheier & Carver (1985) wiesen nach, dass der LOT ein angemessenes Level an interner Konsistenz, an Test-Retest-Reliabilität sowie konvergenter und diskriminanter Validität besitzt. Diese Skala zur Erfassung von Optimismus hat sich in der Forschung zum Thema als nützlich erwiesen und etabliert.

Entsprechend der inhaltlichen Ausrichtung zeigten Faktorenanalysen, dass die Items der LOT-Skala auf zwei Hauptfaktoren luden, nämlich die positiv formulierten auf dem einen und die negativ formulierten auf dem anderen Faktor (vgl. Wieland-Eckelmann & Carver, 1989).

Die deutsche Version des LOT lieferte dabei hinreichend valide Resultate. Der Vergleich mit der Originalversion zeigte eine weitgehende Übereinstimmungen der Kennwerte beider Varianten (vgl. Scheier & Carver, 1992) .

Im vorliegenden Hintergrundfragebogen wurden nur die vier positiv formulierten Items des deutschen LOT verwendet, die negativ formulierten Items sowie die Füllitems wurden ausgelassen. Optimismus wurde somit mit den nachfolgend aufgeführten vier Items (Abbildung 4.1) erfasst, bei denen die Befragten einschätzen sollten (von „0=trifft überhaupt nicht“ zu bis „6=trifft völlig zu“) wie sehr die Statements auf sie zutreffen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4.1: Darstellung der Optimismusitems aus dem Fragebogen

Hinsichtlich der Reliabilität wies die Optimismusskala mit einem Cronbach‘s Alpha von .803 eine gute interne Konsistenz auf. Optimismus wurde also gut durch die verkürzte Skala abgebildet. Wie man in Tabelle 4.1 sieht, hätte sich Cronbach‘s Alpha größtenteils auch nicht verbessern, wenn man Items aus der Skala entfernt hätte. Die einzige Ausnahme bildete hier das zweite Item mit einer leichten Verbesserung, welches als wichtiger inhaltlicher Bestandteil der Skala dennoch beibehalten wurde.

Tabelle 4.1: Item-Total-Statistik der Optimismusitems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinsichtlich der Faktorenanalyse wurde erwartet, dass, da es sich nur um die positiv formulierten handelte, alle Items nur auf einem Faktor laden sollten. Dieser Annahme entsprechend zeigte sich in Tabelle 4.2, dass alle vier positiv formulierten Items in unseren Daten auf dem gleichen Faktor luden und dies auch relativ hoch.

Tabelle 4.2: Komponentenmatrix der Faktorenanalyse zu den Optimismusitems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Optimismuswerte der einzelnen Items konnten für weitere Analysen zu einem Gesamtwert pro Person durch Bildung des Mittelwertes über die Skala gebildet werden.

Stimmungsfragebogen – Wie ist ihr Tag heute?

Stimmung/Affekt:

Studien, die mit hoher Frequenz, etwa wie in dieser Untersuchung täglich über mehrere Wochen, Stimmungen und Emotionen messen, sind in der psychologischen Forschung weit verbreitet. Die Dauer und der Aufwand einer Erfassung sollte dabei jedoch für die Teilnehmer möglichst kurz und simpel gehalten werden, um die Belastung für diese zu minimieren (vgl. Wilhelm & Schoebi, 2007).

In der bisherigen Forschung existieren verschiedene konkurrierende Ansätze in der Diskussion über Stimmung und Affekt. Neben zweidimensionalen Modellen, die negative und positive Affekte unterscheiden, finden sich vor allem dreidimensionale Modelle, in denen Valence (V; Items: sehr wohl - sehr unwohl und sehr zufrieden – sehr unzufrieden) , Energetic Arousal (E; Items: sehr wach – sehr müde und sehr energiegeladen – sehr energielos) und Calmness (C; Items: sehr ruhig – sehr unruhig und sehr entspannt – sehr angespannt) die drei Basisdimensionen darstellen (vgl. ebd.). Wilhelm & Schoebi (2007) haben im Sinne solch eines dreidimensionalen Modells ein Messinstrument bestehend aus 6 Items entwickelt, um die Stimmung im täglichen Leben von Personen zu erfassen. Unter Stimmung verstanden sie dabei relativ unscharfe affektive Umstände, die unsere Erfahrungen und unser Verhalten beeinflussen und den affektiven Hintergrund für alles liefern, was wir tun. Man kann sie bewusst erleben und durch bestimmte subjektive Gefühle charakterisieren. Im Gegensatz zu Emotionen müssen sie nicht zu einer offensichtlichen Ursache gehören, auf spezifische Objekte gerichtet sein, Verhalten unterbrechen oder sofortige Handlungskonsequenzen hervorrufen. Vielmehr ist ihre Intensität meist gering bis mittel und sie können Stunden oder Tage andauern (vgl. ebd., S. 258f.; Wieland-Eckelmann & Carver, 1989, S. 172).

[...]

Details

Seiten
67
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656682851
ISBN (Buch)
9783656682868
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275788
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
beziehung optimismus stress stimmung eine betrachtung

Teilen

Zurück

Titel: Die Beziehung von Optimismus, Stress und Stimmung