Lade Inhalt...

Willy Brandt und die Studentenbewegung. Der Wunschkanzler der Studenten?

von Teresia Minjoli (Autor)

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der SDS und seine politische Grundhaltung
2.1. Kritik an der großen Koalition
2.2. Brandt als Vizekanzler und Außenminister – Die Erwartungen der Studenten

3. Willy Brandts Verhältnis zu den Studenten
3.1. Generationenkonflikt – Umgang mit der NS-Vergangenheit
3.2. Generationenkonflikt am Beispiel Peter Brandt

4. Die Attentate auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke

5. Die Kanzlerschaft Willy Brandts
5.1. Bildungsreform

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

9. Versicherung

1. Einleitung

Aufgebracht über die verschiedensten Ereignisse - ob gegen Krieg, Studiengebühren, Atomkraft oder Niedriglöhne - gehen wir heutzutage auf die Straße - um gegen das, was uns zu Zeiten nicht passt, zu demonstrieren. Proteste, die heute als selbstverständlich gelten und meistens nicht mehr als zwei oder drei Tage der medialen Aufmerksamkeit auf sich ziehen, haben im letzten Jahrhundert fast ein ganzes Jahrzehnt die volle Aufmerksamkeit aller Medien und der ganzen Nation auf sich gezogen. Aus vielen einzelnen Protesten und Organisationen, wurde eine ganze Bewegung. Denkt man an protestierende Studenten, erinnert man sich bevorzugt an das Jahr 1968. Das Jahr, in dem sich die Protestbewegung der deutschen Studenten auf dem Höhepunkt befand. Die Studentenbewegung der 1960er Jahre war allerdings kein ausschließlich deutsches Phänomen. Ganz im Gegenteil. Als Teil eines internationalen Prozesses, ließen sich deutsche Studentenführer, wie Rudi Dutschke und Peter Schneider, von Protesten und neu-linken Organisationen in Frankreich, Italien und den USA inspirieren[1]. Denn neben innerpolitischen Gründen gab es auch weltweite Ursachen, die die Studenten auf die Straßen zogen, auf denen sie fast ein ganzes Jahrzehnt einen Kampf gegen Notstandsgesetze, soziale Ungerechtigkeit, Krieg und autoritäre Obrigkeiten kämpften.

Der Wandel des Kulturellenstils in den sechziger Jahren spiegelte sich auch in der Gesellschaft wieder. Insbesondere die Musik galt erstmals als Mittel des politischen Ausdrucks und diente der Jugend zur Abgrenzung von der autoritären Elterngeneration, die derartige Musik meist vehement ablehnte. Dieser Generationenkonflikt machte sich auch in der Politik bemerkbar. Der schon 1946 gegründete Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), wurde 1961 von seiner Mutterpartei, der SPD, ausgeschlossen und entwickelte sich mit der Zeit zum Motor der Studentenbewegung. Schlechte Bedingungen an den Hochschulen – die „Bildungskatastrophe“[2], wie sie Pädagoge Georg Picht betitelte – ließen die Studenten anfangen, ihren Unmut zu artikulieren.

Zweifel am System, ließen aber vor allem die damals gegenwärtigen Kriege aufkommen. Der Vietnam Krieg, der Kalte Krieg, der auch unmittelbar Europa und Deutschland betraf, sowie die atomare Aufrüstung der USA und des eigenen Staates ließ die junge Generation an der Demokratie und dem eigenen System zweifeln. Nach dem Vorbild der englischen Organisation „Campaign for Nuclear Disarmament“[3] liefen bei den Ostermärschen 1960 knapp 1.000 Menschen in der Bundesrepublik für den Frieden und gegen die Aufrüstung. Dieses Ereignis gilt aus heutiger Sicht als die Geburtsstunde der „Studentenbewegung“.

Aber warum gingen damals so viele Studenten auf die Straßen? Was war der Auslöser, der eine gesamte Generation auf die Barrikaden brachte und was erhoffte sie zu erreichen? Es gibt kaum ein Thema, bei dem noch heute, fast 45 Jahre später, die Meinungen so weit auseinander gehen. Für die Einen war es der Aufbruch, der eigentlich zur Demokratisierung des Landes führte, für die Anderen ist „68“ verantwortlich für den Werteverfall in Deutschland oder einen gegenwärtig mangelnden Patriotismus. Die aktuelle Literatur macht es für jene, die diesen – und darüber lässt sich wohl kaum streiten – sehr bedeutenden Abschnitt der Bundesrepublik Deutschland nicht selber miterlebt haben, nicht einfach zu verstehen, was damals tatsächlich geschehen ist, aufgrund der kontroversen Diskussion. Was sahen die Studenten in der Regierung, gegen die sie sich so auflehnten? In welcher Form nahmen die regierenden Politiker dazu Stellung und wie reagierte die Gesellschaft auf die Unruhen? Das Buch „Berlin 1968“, der Beitrag Michael Müllers, damals hochschulpolitischer Korrespondent der „Berliner Morgenpost“, bietet dem Leser, wie schon im Untertitel versprochen „eine andere Perspektive“ auf die Geschehnisse der Studentenbewegung als die herkömmlichen Geschichten der Demonstranten. Gleichzeitig, gibt es auch neutrale Berichterstattungen[4], wie das Buch von Ingrid Gilcher-Holtey – „Die 68er Bewegung“ oder die Zusammenfassung der Thematik vom Bundesarchiv für politische Bildung (bpb). Immer noch viele offene Fragen und neue Erkenntnisse zeigen, dass das Thema noch lange nicht abgeschlossen ist und die Gesellschaft - knapp 45 Jahre später - immer noch spaltet.

In dieser Arbeit werde ich versuchen, die Ursachen, Ziele und die Entwicklung der Studentenbewegung in der Bundesrepublik zu analysieren. Dabei werde ich insbesondere – unter der Fragestellung - „War Willy Brandt der Wunschkanzler der Studenten?“ – Bezug auf die politischen Aktivitäten und Reaktionen Willy Brandts auf einschneidende Ereignisse nehmen, während seiner Zeit als Außenminister in der großen Koalition und Kanzler der sozialliberalen Koalition. Zunächst nehme ich deshalb Bezug auf die zentrale Organisation der Bewegung und ihrer Kritik an der herrschenden Regierung. Daran schließe ich den Punkt des Umgangs Willy Brandts zu den deutschen Studenten, sowie herausragende, gesellschaftliche Ereignisse, um abschließend mit einem zusammenfassenden Fazit zu enden.

2. Der SDS und seine politische Grundhaltung

Zu Beginn seiner Gründung von Kriegsheimkehrern im Jahr 1946, war der SDS zunächst noch ein staatsloyaler, der SPD sehr naher Studentenverband mit traditionsmarxistischen Faktoren. Mit der Zeit nahmen die sozialistischen Neuen Linken zunehmend eine gesellschaftskritisch-antikapitalistische Haltung ein, die sich vor allem in der Ablehnung der Deutschen Wiederbewaffnung äußerte, und sie von der SPD somit immer stärker politisch entfernte. Die eingenommene „kritische Distanz“[5], wuchs mit dem Godesberger-Programm (1959), das letztendlich die endgültige Abkehr der SPD von der marxistischen Tradition bedeutete. Nach dem Ausschluss des SDS von seiner Mutterpartei, durch einen Unvereinbarkeitsbeschluss, durchgesetzt von Herbert Wehner, wuchs der SDS um ein vielfaches und wurde zum Sammelbecken, vieler linksorientierter, leninistischer und marxistischer Studentengruppen.[6] Sich selbst als Motor einer sozialen Bewegung betrachtend, konzentrierte sich der sozialistische deutsche Studentenbund zunächst primär auf die Demokratisierung des Hochschulwesens. Die Studentenschaft forderte in der Hoffnung auf bessere Studienbedingungen, eine umfassende Hochschulreform und ein Mitentscheidungsrecht bei universitären Gremien, genauer gesagt ein Drittel der Stimmen (Drittelparität)[7]. Insbesondere, galt der Kampf an den Universitäten den autoritären Lehrkräften. Ein Zitat Rudi Dutschkes macht deutlich, wie sehr die Studenten die Situation an den Hochschulen mit ihrem nationalsozialistischen Erbe identifizierten:

„Der heutige Faschismus ist nicht mehr manifest in einer Partei oder in einer Person, er liegt in der tagtäglichen Ausbildung der Menschen zu autoritären Persönlichkeiten, er liegt in der Erziehung, kurz, er liegt im bestehenden System der Institutionen.“[8]

[...]


[1] Gilcher-Holtey, Ingrid (Hg.): Die 68er Bewegung, Deutschland – Westeuropa – USA, München 2001, S. 8 (im Folgenden zitiert als: Gilcher-Holtey, Ingrid: die 68er Bewegung).

[2] Der Philosoph, Theologe und Pädagoge Georg Picht verfasst 1964 eine Artikelserie mit der Überschrift „die deutsche Bildungskatastrophe“.

[3] Vgl. Gilcher-Holtey, Ingrid: Die 68er Bewegung, S. 12.

[4] Aufgrund des Verlages (Axel-Springer-Verlag) ist das Buch „Berlin 1968“ von einer subjektiven Berichterstattung behaftet.

[5] Vgl. Gilcher-Holtey, Die 68er Bewegung, S. 20.

[6] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, SDS – Sozialistischer Studentenbund, 24.1.2008, http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte-nach-1945/68er-bewegung/52107/glossar?p=1, 25.3.2012.

[7] Vgl. Gilcher-Holtey, Die 68er Bewegung, S. 69.

[8] In seiner Argumentation folgt er den Vorgaben des Soziologen Theodor W. Adorno.

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656686729
ISBN (Buch)
9783656686712
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275782
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Willy Brandt 68er Bewegung Studentenbewegung 1968 Nachkriegszeit APO SDS Benno Ohnesorg Rudi Dutschke

Autor

  • Teresia Minjoli (Autor)

    5 Titel veröffentlicht

Teilen

Zurück

Titel: Willy Brandt und die Studentenbewegung. Der Wunschkanzler der Studenten?