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"Neurofinance" als moderne Strömung der Finanzwirtschaft

Seminararbeit 2013 22 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Problemstellung und Gang der Untersuchung

2. Einordnung, Zielsetzung und neurologischer Hintergrund der „Neurofinance“
2. 1 Entstehung der „Neurofinance“ als neuroökonomische Wissenschaft
2.2 Aufbau und Funktionen der verhaltenssteuernden Hirnregionen und Systeme
2.3 Verfahren zur Messung neurologischer Aktivitäten

3. „Neurofinance“ als Erklärungsversuch für ökonomisches Fehlverhalten
3.1 Finanzwirtschaftlicher Entscheidungsprozess in neurologisch beobachteten Experimenten
3.1.1 Einfluss von Zeitpräferenzen
3.1.2 Einfluss von Emotionen
3.2 Interpretation der Ergebnisse und Übertragung auf das Marktteilnehmerverhalten
3.2.1 Auswertung der vorangegangenen Studien
3.2.2 Auwirkungen auf und Erkentnisse für die Finanzwirtschaft
3.3 Grenzen und Kritik an der „Neurofinance“

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung und Gang der Untersuchung

Der größere Teil der Entscheidungen des täglichen Lebens, vor allem im finanzwirtschaftlichen Kontext, wird unter Unsicherheit getroffen.[1] Unsicherheit besteht, wenn „bei mindestens einer Handlungsoption […] mehrere Handlungskonsequenzen denkbar“[2] sind. Dies führt nicht selten dazu, dass Menschen Entscheidungen mit negativen Folgen treffen. Auch die Finanzkrise 2008 lässt sich auf menschliches Versagen zurückführen. Das menschliche Gehirn ist nicht für das Erfassen komplexer Strukturen wie beispielsweise die der Finanzmärkte geschaffen.[3] Was genau während einer finanzwirtschaftlichen Entscheidung im Kopf der Menschen geschieht und wie sich das Gehirn behilft, dennoch zu einem in diesem Moment sinnvollen Schluss zu kommen, beleuchtet eine junge Strömung der Finanzwirtschaft, die „Neurofinance“, die in der vorliegenden Arbeit in ihren Grundzügen beschrieben werden soll.

Dazu wird in Kapitel 2 der Entstehungsprozess der jungen Strömung genauer beleuchtet. Die Frage der Notwendigkeit der neuen Forschungsrichtung steht dort ebenso im Mittelpunkt wie der nicht unerhebliche medizinische Bestandteil. Kapitel 3 befasst sich konkret mit Fragestellungen und Ergebnissen, die bisher im Rahmen der „Neurofinance“ gewonnen wurden. Dazu werden zwei Studien näher vorgestellt. Die Auswertung und Interpretation der Ergebnisse voran, ist die Übertragung auf den deutschen Finanzmarkt Gegenstand dieses Kapitels. Desweiteren werden die Grenzen der „Neurofinance“ aufgezeigt und vorgebrachte Kritik umrissen. Kapitel 5. schließt mit einem Ausblick über künftige Potentiale, aber auch Bedenken zu der jungen Strömung ab und reflektiert zudem kritisch die Vorgehensweise dieser Arbeit.

2. Einordnung, Zielsetzung und neurologischer Hintergrund der „Neurofinance“

2. 1 Entstehung der „Neurofinance“ als neuroökonomische Wissenschaft

Nach der neoklassischen Theorie des 20. Jahrhunderts sind die Akteure auf Finanzmärkten rein rational handelnde, nutzenmaximierende und vollständig informierte Marktteilnehmer. Im Laufe der Zeit, vor allem in den letzten 50 Jahren, stellte sich jedoch heraus, dass dieser Ansatz überholt ist. Unterschiedliche Handlungen aufgrund individueller Präferenzen sowie einkalkulierte Verluste verletzten die Prämissen des Modells vom „homo oeconomicus“.[4] Um das abweichende Verhalten der Menschen im wirtschaftlichen Kontext besser deuten zu können, wurde das Augenmerk auf messbare Größen gelegt, die mit neuesten technologischen Verfahren der Medizin sichtbar gemacht werden konnten - es entstand die Neuroökonomie.[5] Der Umstand, dass sich Testpersonen nicht verbal oder schriftlich zu einer bestimmten Fragestellung äußern, bereinigt die Ergebnisse um bewusste oder unbewusste Verzerrungen.[6] Auch wenn das Gebiet der Neuroökonomie noch jung ist, war schon in den 1970er Jahren bekannt, dass neurowissenschaftliche Methoden zur Erklärung bestimmter Verhaltensweisen dienlich sein können.[7] Konkret und unter Zuhilfenahme neuester technischer Entwicklungen hat sich die Neuroökonomie in den 1990er Jahren entwickelt. Erste Untersuchungen führten M. L. Platt und P. W. Glimcher an einem Affen durch.[8] Die Vorüberlegungen und Gedankenexperimente stammen dabei zu einem großen Teil aus der „Behavioral Finance“ - eine Wissenschaft, die das Verhalten der Menschen im finanzwirtschaftlichen Kontext anhand von Befragen und „Spielsituationen“ aus psychologischer Sicht aufzudecken versucht.[9] Die „Neurofinance“ konkretisiert diese Überlegungen. Nunmehr stehen die Zwänge biologisch implementierten Verhaltens, die der Mensch nicht gezielt in der Lage ist auszuschalten, im Vordergrund. Dazu zählen vor allem der Wunsch nach Belohnung und die Angst vor Bestrafung bzw. Verlust.[10] Es gilt, diese zu bestimmen, um sie als Konstante in finanzwirtschaftlichen Entscheidungen einzukalkulieren. Horizontal betrachtet, werden ähnliche Experimente und Thesen im „Neuromarketing“ überprüft. Dabei liegt der Fokus auf der Auswertung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse unter konkreten marketingspezifischen Fragestellungen.[11]

2.2 Aufbau und Funktionen der verhaltenssteuernden Hirnregionen und Systeme

Um die Brücke zwischen Neurologie und Ökonomie, im Speziellen der Finanzwirtschaft schlagen zu können, sind grundlegende Kenntnisse über die Anatomie des Gehirns sowie der Aufbau spezieller verhaltenssteuernder Systeme notwendig. „Das Gehirn heißt auf lateinisch „cerebrum“ […], was soviel bedeutet wie ,Das, was im Kopf ist‘.“[12]

Grob lässt sich das Gehirn in Groß-, Zwischen-, Mittel- und Kleinhirn sowie verlängertes Rückenmark gliedern.[13] Das Großhirn ist der größte Teil des ca. 1500 g schweren Organs. Es ist umschlossen von der Großhirnrinde, die auch Cortex genannt wird.[14] Der Cortex teilt sich in jeweils zwei Frontal-, Temporal-, Parietal- und Okzipitallappen.[15] Als fünfter Cortexbereich wird die Inselrinde genannt; sie liegt unter den anderen und ist unter anderem für das Empfinden von Schmerz, auch im nicht physiologischen Kontext, verantwortlich.[16] Innerhalb des Cortex befinden sich die Hauptteile des limbischen Systems. Zu ihnen zählen der Hippocampus, die Amygdala, der Gyrus cinguli, das Septum und der Nucleus accumbens.[17] Es ist hauptverantwortlich für das Empfinden und Verarbeiten von Gefühlen. Die Amygdala ist für die Forschung in der „Neurofinance“ von besonderem Interesse. Ihr wird, in Verbindung mit dem Thalamus, die Fähigkeit zugeschrieben als emotionales Gedächtnis zu agieren. So werden bestimmte Handlungen und Erfahrungen mit Gefühlen verknüpft. Der Thalamus gehört zu den wichtigsten Bestandteilen des Zwischenhirns. Ebenfalls dort angesiedelt sind der Hypothalamus und die Hypophyse. Kleinere Teile des Thalamus und des Hypothalamus werden ebenfalls dem limbischen System zugeordnet.[18] Das Mittelhirn besteht von oben nach unten aus drei Teilen: Tectum (Mittelhirndach), Tegmentum (Mittelhirnhaube) und Crura cerebri (Großhirnschenkel).[19] Für Betrachtungen in der „Neurofinance“ ist nur das Tegmentum von Bedeutung, da es Teil des mesolimbischen Systems ist. Dieses umfasst außerdem das limbische System und Kerngebiete, die in enger Beziehung mit den genannten Regionen stehen. Das mesolimbische System wird auch Belohnungssystem genannt. Es wurde 1954 eher zufällig von J. Olds und P. Milner entdeckt. Bei einem Versuch an Ratten führte J. Olds die Elektrode aufgrund falscher Berechnungen zu weit ein und traf das Septum in der Mitte der beiden Hemisphären. Die Ratten fanden die elektrischen Reize jedoch keinesfalls unangenehm. Bei einem weiteren Versuch konnten sie über einen Hebel selbst dafür sorgen, dass sie einen Stromschlag erhielten und taten dies ab dann unentwegt. Sie vergaßen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Schlafen, das Paarungsverhalten sowie Brut- und Körperpflege.[20] [21] Das Kleinhirn ist der kleinste Teil des menschlichen Gehirns. Eine lange Zeit wurde angenommen, dass es nur für motorische Abläufe zuständig ist. Nun ist auch eine Beteiligung an Konditionierungsprozessen bewiesen. Es umschließt das verlängerte Rückenmark, welches hauptsächlich vegetative Prozesse steuert.[22]

[...]


[1] Vgl. Glöckner (2006), S. 13.

[2] Rollberg (2012), S. 224.

[3] Vgl. Hens (2012a), S. 18.

[4] Vgl. Daxhammer/Facsar (2012), S. 17.

[5] Vgl. Daxhammer/Facsar (2012), S. 21.

[6] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 248.

[7] Vgl. Kroeber-Riel (1979), S. 240.

[8] Vgl. Platt/Glimcher (1999), S. 233 ff.

[9] Vgl. Klöhn (2006), S. 80 f.

[10] Vgl. Hens (2012a), S. 19.

[11] Vgl. Raab/Gernsheimer/Schindler (2009), S. 6.

[12] Vgl. Schröger (2010), S. 67.

[13] Vgl. Derouiche (2011), S. 23 f.

[14] Vgl. Bøgeskov (1999), S. 9; S. 21.

[15] Vgl. Schandry (2011), S. 152.

[16] Vgl. Bösel (2006), S. 221 f.

[17] Vgl. Schröger (2010), S. 85; Schandry (2011), S. 144.

[18] Vgl. Schandry (2011), S. 146.

[19] Vgl. Schandry (2011), S. 126.

[20] Vgl. Olds/Milner (1954), S. 419 ff.

[21] Vgl. Schandry (2011), S. 426.

[22] Vgl. Schandry (2011), S. 118.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656685203
ISBN (Buch)
9783656685234
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275666
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Produktionswirtschaft Prof. Dr. rer. pol. habil. Roland Rollberg
Note
1,7
Schlagworte
Neurofinance Behavioral Finance Finanzwissenschaft Finanzwirtschaft Geld Rationalität

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