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Politiker-Journalisten-Interaktion im Fernsehen

Hausarbeit 2003 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsfragen
2.1 Kommunikationsstrategien
2.2 Gesprächsverhalten

3 Wahl der Methode

4 Analyse-Ebenen
4.1 Sendungsebene
4.2 Äußerungsebene
4.3 Kameraeinstellungs-Ebene

5 Fazit und Anregung

6 Literatur

1 Einleitung

„Ich bin bereit – doch Stoiber kneift.“[1] Auf Großflächenplakaten fordert SPD-Spitzenkandidat Franz Maget in den Wochen vor der Landtagswahl im September 2003 Ministerpräsident Edmund Stoiber zum TV-Duell. Für viele Politiker sind Auftritte im Fernsehen mittlerweile überlebenswichtig. Eine gute „Performance“ vor der Kamera kann vieles entscheiden: den Aufstieg zum Super-Star im Brioni-Anzug oder den Abstieg ins mediale Nirwana. Politiker und andere Prominente sind dementsprechend gerne in Talk-Shows zu Gast, weil ihr gesellschaftlicher Marktwert in hohem Maße von ihrer Popularität abhängt. So sieht es Erz (1998, S. 48) beispielsweise als „unabdingbar für die Gesprächsführung in der Talkshow“ an, „den Gästen Gelegenheit zur öffentlichen Selbstdarstellung zu geben“.

Fast täglich sehen wir zwischenzeitlich ein mehr oder minder bekanntes Politiker-Gesicht auf deutschen Fernseh-Kanälen. Ob Christiansen, Illner, Friedman, Böhme, Strunz oder Maischberger – die Zahl der Polit-Talk-Sendungen stieg in den vergangenen Jahren unaufhörlich. Gab es in den 70er und 80er Jahren vor allem boulevardeske Unterhaltungs-Talk-Shows wie etwa „Je später der Abend“ mit Dietmar Schönherr, „III nach 9“ oder „Heut Abend“ mit Hans-Joachim Fuchsberger, entwickelte sich in den 90ern – neben den unzähligen und unsäglichen Daily-Talks – besonders das Genre der Polit-Talk-Sendungen.

Doch ist das, was uns die Sender als „wöchentliche Bürgerpflicht“[2], „herausragendes, unverzichtbares Format“[3] oder „konstante Größe für niveauvolle Gespräche“[4] verkaufen wollen, tatsächlich der größte Wurf seit Erfindung des investigativen Journalismus? Wie viel geben Politiker von sich preis, wenn sie angelächelt werden und ausreden können? Wie viel Hartnäckigkeit, Mut und auch Frechheit braucht ein Moderator, um einem der großen Herren (oder einer der wenigen Damen) etwas wirklich Interessantes zu entlocken? Oder funktionieren die Sendungen nicht manchmal nach dem Motto „Zu welchem Statement darf ich Ihnen die passende Frage stellen“?

Jede Menge Gründe, sich mit der Interaktion zwischen Moderatoren und Gästen der Polit-Talk-Shows zu befassen. In dieser Untersuchung sollen einige ausgewählte Gesichtspunkte näher beleuchtet werden, wie etwa das Gesprächsverhalten und die Strategien der Politiker und Moderatoren sowie die Strategien der Fernsehsender durch Kameraführung und Kameraeinstellungen.

2 Forschungsfragen

Zwei Themenbereiche stehen im Zentrum dieser Inhaltsanalyse: Zum einen die Kommunikationsstrategien, zum anderen das Gesprächsverhalten, jeweils betrachtet von Seiten der Moderatoren als auch von Seiten der Gäste.

2.1 Kommunikationsstrategien

Kommunikationsstrategien verstehen wir als „Ziel-Mittel-Relation, wobei sich der strategisch Handelnde für eine bestimmte Auswahl und Anordnung von Sprechhandlungskomponenten (Illokutionen, Propositionen, Äußerungsakte) entscheidet und zwar gemäß eines oder mehrerer strategischer Prinzipien“ (zitiert nach Mühlen, 1985, 91 ff.). Folglich bestehen Kommunikationsstrategien aus zwei Komponenten: dem Ziel und den Mitteln, die ein Kommunikationspartner bei der Verwirklichung seiner Ziele verwendet. Strategisches Handeln ist demnach planvolles Handeln, d.h. wir gehen davon aus, dass man anhand des tatsächlich gezeigten Verhaltens auf die zugrunde liegenden Strategien des Kommunikationspartners schließen kann.

Deswegen muss man Kommunikationsstrategien als Pläne zur Verwirklichung eines Ziels mittels dynamischer, sich gegenseitig beeinflussender, Systeme sehen: Eine Strategie ist erst dann sinnvoll, wenn die Kommunikationspartner Gegenspieler sind, also unterschiedliche Zielvorstellungen verfolgen. Ein wichtiger Bestandteil von Kommunikationsstrategien, die sich in kleinen Einzelhandlungen äußern, ist also die Orientierung am Kommunikationspartner; d.h. die Einzelhandlungen sind nicht nur vom Kommunikator bestimmt, sondern auch (indirekt) vom Kommunikationspartner beeinflusst.

Die Situation des Zusammentreffens von Politikern und Journalisten in einer politischen Talkshow ist eine besondere Situation, d.h. sie ist nicht vergleichbar mit einem “natürlichen“ Zusammentreffen beider Kommunikationspartner: Die Situation ist stark beeinflusst von der medialen Umgebung, in der sie stattfindet: Studio, Bühne, Licht, Studiopublikum, Kameras und Sendezeit. Der Politiker begibt sich also in eine von den Medien(vertretern) gestaltete Umgebung. Sender, Journalist und Politiker haben also bestimmte Intentionen für dieses geplante Zusammentreffen. Sender und Journalist sind vermutlich darauf bedacht, eine spannende, für den Zuschauer interessante Sendung zu gestalten, während dem Politiker wohl eher daran gelegen ist, durch seine Selbstdarstellung bzw. seinen Auftritt Wählerstimmen zu gewinnen. Daneben gibt es noch Erwartungen des Publikums an eine „politische Talkshow“, woran sich die Kommunikationspartner und der Sender orientieren.

Folglich finden sich die Kommunikationspartner in einer politischen Talkshow einem „Konkurrenz-Kooperations-Dilemma“ ausgesetzt. Wenn auch die Kommunikationspartner klare, divergierende Interessensvorstellungen haben, können sie ihre Ziele nicht auf direktem Wege erreichen, sondern müssen sich innerhalb eines Rahmens entsprechend verhalten, d.h. sie müssen sich neben dem klaren Konkurrenzverhalten auch kooperativ verhalten. Dieser Rahmen ergibt sich einmal aus den Erwartungen aller Beteiligten an die Sendung sowie auch aus banalen Dingen, wie gesellschaftlichen oder sozialen Normen, z.B. Höflichkeit; darüber hinaus ist der Gesprächsrahmen von der Gegebenheit geprägt, dass die Kommunikationspartner ihrer gegenseitig bedürfen, um ihr jeweiliges Ziel zu erreichen, also auch psychologisch geschickt vorgehen müssen: Eine politische Diskussion im Fernsehen ist demnach eine Gratwanderung zwischen forcierendem und beschwichtigendem, entgegenkommendem Verhalten, um den Kommunikationspartner daran zu hindern, das Gespräch zu beenden.

Aus pragmatischen Gründen möchten wir uns im Rahmen dieser Studie v.a. auf die Strategien der Kommunikationspartner innerhalb der Sendung beschränken. Außerdem wollen wir versuchen, auf die Strategie des Senders mittels dieser Studie Inferenzen zu ziehen. Folglich ergeben sich für diese Inhaltsanalyse folgende Hypothesen:

I Der Journalist legt den Politiker mit konkreten Aussagen fest.
II Die Kommunikationspartner beleidigen sich.
III Der Politiker weicht den Fragen des Journalisten aus.
IV Beide schaffen einen positiven Grundton.
V Beide weisen gegenseitig Diskrepanzen auf.

2.2 Gesprächsverhalten

Im wesentlichen beziehen wir uns bei der Analyse des Gesprächsverhaltens auf die Theorie der Gesprächsanalyse, wie sie Henne und Rehbock (1982) beschreiben. Die Grundlage dazu bildet die Sprechakttheorie, entworfen von Austin (1962) und ausgebaut von Searle (1969). Diese Sprechakttheorie habe in den 70er Jahren die Sprachwissenschaft von „ihrer Fixierung auf Laut-, Wort- und Satzprobleme“ befreit (Henne/Rehbock, 1982, S. 15) und den „Weg einer Pragmatisierung wesentlich eingeleitet“ (Henne/Rehbock, 1982, S. 16). Als Grundeinheit der sprachlichen Kommunikation wurden – wie Searle (1971, S. 30) beschreibt – demnach nicht mehr das Symbol, das Wort, oder der Satz betrachtet, sondern vielmehr die Produktion oder Hervorbringung des Symbols oder Wortes oder Satzes im Vollzug des Sprechaktes. Es ging also vor allem darum, was man tut, indem man etwas sagt.

[...]


[1] Zitiert von: http://www.bayern-gewinnt.de/presse/pressemitteilungen/20030813/

[2] Zitiert von: http://www.sabine-christiansen.de/c_inside.html

[3] Zitiert von: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,1021731,00.html

[4] Zitiert von: http://www.n-tv.de/550875.html

Details

Seiten
16
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638295864
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27566
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
Politiker-Journalisten-Interaktion Fernsehen Inhaltsanalyse Polit-Talk-Sendungen

Autor

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Titel: Politiker-Journalisten-Interaktion im Fernsehen