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Bildung schützt vor Armut. Oder doch nicht?

Essay 2013 6 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Bildung schützt vor Armut. Oder doch nicht?

Privatisierung ist der falsche Weg

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Armutsgefährdung in Deutschland hat zugenommen.“ „Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr.“ „Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer mehr.“ Diese Aussagen werden immer wieder von Medien, Politiker und Soziologen erwähnt, und alle sind sich einig, dass etwas dagegen getan werden muss. Die Maßnahmen sind seit Jahren die gleichen. Es wird vor allem von den Sozialdemokraten ein gesetzlicher Mindestlohn gefordert, ebenso werden Steuererleichterungen in Betracht gezogen, um die Armut zu bekämpfen. Als weitere Maßnahme wird Bildung genannt, die das Nonplusultra zur Bekämpfung der Armut darstellt. Armut wird prinzipiell (fast) immer auf Bildungsdefizite zurückgeführt, doch zu fragen ist, ob ausschließlich Bildungsdefizite zur Armut führen und ob Bildung als eine „Schutzschicht“ dient, um der Armut zu entgehen. Dieser Essay wird sich mit dieser Problematik beschäftigen, um die Frage „Schützt Bildung vor Armut?“ zu beantworten.

Bildung schützt vor Armut. Oder doch nicht?

In den Medien und auch in dem letzten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird so getan, als könne eine gute Schuldbildung und eine anschließende Berufsausbildung vor Arbeitslosigkeit und somit vor Armut schützen. Der stern-Redakteur Walter Wüllenweber behauptete in seinem Artikel, dass die Unterschicht keine Not erleide: „Das Elend ist keine Armut im Portemonnaie, sondern die Armut im Geiste. Der Unterschicht fehlt es nicht an Geld, sondern an Bildung.“ (Wüllenweber 2004) Er ging sogar noch weiter und schrieb folgendes: „Die Armut ist eine Folge ihrer Verhaltensweise, eine Folge der Unterschichtskultur. In Deutschland sind nicht immer die Armen die Dummen, sondern die Dummen sind immer arm.“ (ebd.) Diese Sichtweise Wüllenwebers ist jedoch abwegig von der Wahrheit und wird zu Recht von Butterwegge wie folgt kritisiert: „[…] denn nach wie vor bestimmt die materielle Lage bzw. das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein, den Bildungsdrang und die kulturelle Prägung der Menschen, nicht umgekehrt.“ (Butterwegge 2011: 44) Der Arme von Heute ist laut Steingart selbst Schuld:

„Er besitzt keine Bildung, aber er strebt ihr auch nicht entgegen. Anders als der Prolet des beginnenden Industriezeitalters, der sich in Arbeitervereinen organisierte, die zugleich oft Arbeiterbildungsvereine waren, scheint es, als habe das neuzeitliche Mitglied der Unterschicht sich selbst abgeschrieben. Selbst für seine Kinder unternimmt er keine allzu großen Anstrengungen, die Tür in Richtung Zukunft aufzustoßen.“ (Steingart 2006: 257)

Die Aussagen Steingarts bzw. sein historischer Vergleich entsprechen jedoch nicht der Realität, denn wie Butterwegge zutreffend konstatiert: „[…] der frühe Industrie-kapitalismus bot dem aufstrebenden Proletariat ganz andere Möglichkeiten, sich als kollektiver Machtfaktor zu entfalten, als der Finanzkapitalismus, in dem sich etwas das ‚neue Prekariat’ mehr oder weniger überflüssig vorkommt.“ (Butterwegge 2011: 45 H. i. O.)

Fakt ist, dass Menschen mit Bildungsdefiziten es schwere auf dem Arbeitsmarkt haben als Menschen, die eine „hohe“ Bildung besitzen. Doch wer sagt, Bildungsdefizite führen zur Armut, gibt nur die halbe Wahrheit preis, denn die Defizite führen zwar dazu, dass die Erwerbchancen sinken, jedoch auf den Wohlstand einer Person, wenn diese vermögend ist oder Kapital besitzt, haben sie keinen Einfluss. Um Butterwegge zutreffend zu zitieren: „Armut macht zwar auf die Dauer dumm, Dummheit jedoch noch lange nicht arm.“ (Butterwegge 2011: 42) Und wer meint, dass zu den zahlreichen Menschen, die ihre Familien kaum ernähren können, nur schlecht ausgebildete Menschen gehören, der irrt sich gewaltig, denn es ist allgemein bekannt, dass vor allem Qualifizierte, die in ihrem Sektor in Übermaßen vorhanden sind, die gering Qualifizierten in den deutschen Niedriglohnsektor verdrängt haben (vgl. Bosch/Kalina 2007: 97). Somit wäre es auch falsch, wenn behauptet werden würde, dass grundsätzlich mangelnde Bildungsanstregungen zu materieller Armut führe, denn dann würde nur das individuelle Verhalten des Menschen als Motiv der gesellschaftlichen Armut gesehen werden, während ihre gesellschaftliche bedingte Handlungsrestriktionen und die politischen Strukturzusammenhänge nicht berücksichtigt werden würden (vgl. Butterwegge 2011: 43).

Privatisierung ist der falsche Weg

Es ist nahezu heuchlerisch zu meinen, dass sich die Armen „endlich bilden“ sollen, ihnen jedoch die wichtigen materiellen Ressourcen nicht zur Verfügung zu stellen. Fragwürdig wird es erst recht, wenn Weiterbildungsinstitutionen privatisiert werden, aber sie als zukunftsträchtige Form der Sozialpolitik zu predigen, denn dann haben die Reichen und Wohlhabenden gegenüber Familien mit geringeren „Geldmöglichkeiten“ einen signifikanten Vorteil, nahezu einen unfairer Vorteil, so dass nicht von sozialgerechter Politik gesprochen werden kann, geschweige denn von einer „zukunftsorientierten“. Zu Recht kritisiert Zeuner die Privatisierung des Bildungssystems:

„Wer z.B. das Bildungssystem in gegeneinander konkurrierende Unternehmen aufspaltet, die mit eigenen Budgets arbeiten und im Interesse der Wirtschaftlichkeit Gebühren von Studenten, vielleicht demnächst von Schülern, erheben dürfen, der stärkt nicht irgendwelche Eigenverantwortlichkeiten, sondern baut das demokratische Recht auf gleiche Bildungschancen unabhängig vom Einkommen ab und entzieht letztlich der demokratischen Gesellschaft die Möglichkeit, ihre Ressourcen sozialstaatlich umzuverteilen.“ (Zeuner 1997: 31)

Die Schul- bzw. Weiterbildung muss als Kern einer fortschrittlichen Gesellschaftspolitik verstanden werden, ebenso muss die strukturelle Benachteiligung deprivierter Kinder unterbleiben, so dass die „Schieflagen im Bildungssystem“ verringert werden können (vgl. Butterwegge 2011: 48). Butterwegge warnt zudem davor, die Institution Schule, im Kampf gegen die (Kinder-)Armut, zu überschätzen (vgl. ebd.). Außerdem konstatiert er, dass Bildungsbeteiligung kein „materielles Gut“, was für die Armutsbekämpfung erforderlich ist, herbeirufen kann: „Umgekehrt ist Bildungsbeteiligung schon längst kein Garant für eine gesicherte materielle Existenz mehr und reicht daher zur Armutsbekämpfung nicht aus.“ (ebd.)

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Details

Seiten
6
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656687658
ISBN (Buch)
9783656687641
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275652
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,3
Schlagworte
Bildung Armut Soziologie Sozialwissenschaften Deutschland Armutsgefährdung Privatisierung Sozialstruktur

Autor

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Titel: Bildung schützt vor Armut. Oder doch nicht?