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Gewalt in den Medien: Formen, Rezeption und Wirkungen medialer Gewaltdarstellungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Gewalt?

3 Differenzierung des Gewaltbegriffs

4 Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen
4.1 Katharsis-These
4.2 Inhibitionsthese
4.3 Frustrations-Aggressions- bzw. Stimulationsthese
4.4 Habitualisierungsthese
4.5 Imitationsansatz bzw. Lerntheorie
4.6 These der ,,Allgemeinen Erregung"
4.7 These der Wirkungslosigkeit

5 Untersuchungsanlage
5.1 Gegenstand der Untersuchung
5.2 Untersuchungszeitraum
5.3 Analyseinstrument

6 Untersuchungsergebnisse
6.1 Deskriptive Analyse der Stichprobe
6.2 Zustandsangst vor und nach der Rezeption
6.3 Wahrnehmungsreaktionen der Testpersonen
6.3.1 Gewalthaltige Sequenzen
6.3.2 Angsterregende Sequenzen
6.3.3 Schreckliche Sequenzen
6.3.4 Tolle bzw. faszinierende Sequenzen
6.3.5 Interessante Sequenzen

7 Zusammenfassung und Fazit

8 Literatur

1 Einleitung

Wenn jemand im Fernsehen Gewalt sieht, aber als solche nicht erkennt,

dann nimmt er auch keine Gewalt wahr.[1]

Entsteht Gewalt in der Gesellschaft durch Gewalt im Fernsehen? Diese Frage erscheint, betrachtet man zumindest den öffentlichen Diskurs und die oft allzu vorschnellen Forderungen von Politikern hierzu, längst beantwortet und hiermit überflüssig. Denn immer wieder in Fällen, in denen reelle Gewalt – vor allem bei jugendlichen Tätern, wie etwa in Littleton oder Erfurt – auftritt, ist der nach Meinung der Öffentlichkeit eigentliche Täter schnell ausgemacht: die Medien und die in ihnen vorkommenden Gewaltdarstellungen.

Immer wieder haben Kommunikationswissenschaftler versucht, die Frage nach der Wirkung von Mediengewalt zu beantworten – allerdings noch keineswegs zufriedenstellend. Bislang beschränkten sich die durchaus zahlreichen Forschungsansätze hauptsächlich auf die Untersuchung der Wirkung von Gewalt auf die Rezipienten, dabei wurde in den meisten Fällen die fiktionale Unterhaltungsgewalt in den Mittelpunkt gestellt. Aus einem einfachen Grund: Vordringliches Interesse galt den Kindern und Jugendlichen, die in besonderer Weise den massenmedial vermittelten Leitbildern und Verhaltensmodellen ausgesetzt sind.

Die Präsentation von realer Gewalt dagegen ist erst in den vergangenen Jahren in den Vordergrund des Interesses getreten. Dabei hat diese massenmediale Gewaltdarstellung, wie etwa in Nachrichtensendungen, meines Erachtens einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Gewaltwahrnehmung durch die Rezipienten: Wie unter anderem Kunczik (1998, S. 17) betont, wirkt als real eingeschätzte Gewalt emotional wesentlich erregender als Gewalt, die als fiktiv wahrgenommen wird.

Darüber hinaus wurde in den meisten Studien bislang ein weiteres Problem nicht ausreichend beachtet: Inwiefern stimmt die von den Forschern bestimmte Gewalt überhaupt mit der Gewalt überein, die das Publikum wahrnimmt? Gewalt kann nicht als unmittelbar gegebene Realität verstanden werden. Denn, so Merten (1999, S. 17): „Gewalt ist kein Beobachtungsterminus, sondern ein soziales Unwerturteil, welches durch Zuschreibung [...] entsteht und von bestimmten soziostrukturellen Faktoren beeinflußt [sic!] wird.“ Die Bedeutungszuweisung unterscheidet sich von Rezipient zu Rezipient. Bevor man sich also den möglichen Wirkungen von medialen Gewaltdarstellungen widmen kann, muss zunächst die Rezeption der Medienbotschaft untersucht werden. Die Forschungsfrage, die die Basis dieser Untersuchung bildet, lautet daher: „Wie nehmen Rezipienten Kriegsberichterstattung in den Massenmedien wahr?“

2 Was ist Gewalt?

Beschäftigt man sich mit Definitionen von Gewalt, stellt man schnell fest, dass es sehr viele davon gibt – eigentlich hat fast jeder Mensch seine eigene Definition. Denn in der Diskussion über Gewalt wird deutlich: Alle kennen das Thema, jeder kann sich dazu äußern, doch oft werden mit dem Begriff Gewalt ganz verschiedene Dinge bezeichnet. Beschränkt sich Gewalt auf die Tötung von Menschen durch Menschen? Oder muss man den Begriff Gewalt auch um psychische Schäden erweitern? Wie sieht es aus mit dem Begriff des Opfers: Können nur Menschen von Gewalt betroffen sein, oder wendet sich Gewalt auch gegen Tiere, Sachen und sogar Pflanzen? Nahezu alle Wissenschaftler unterstellen, wie Früh (2001, S. 13) erläutert, einen diffusen Schwellenwert: Mord und Totschlag, Krieg und die dazugehörenden Luftangriffe werden von sehr vielen als Gewalt empfunden, eine Rempelei oder die absichtliche Beschädigung eines Fahrrades aber möglicherweise nicht.

Völlig unübersichtlich wird die Situation, wenn jede Form von Macht und Herrschaft mit Gewalt gleichgesetzt wird. Sind ungleiche Chancen in einer Gesellschaft schon eine Ausprägung von Gewalt?

In der Alltagsdiskussion wird das Bedeutungsspektrum von Gewalt noch breiter und diffuser. Da spricht man bei Hochwasser oder Erdbeben von Naturgewalt, somit erhebt sich die Natur aus ihrer Opferrolle und wird zum Täter. Aber der Begriff Gewalt muss nicht zwangsläufig negativ besetzt sein: Gute Redner werden als sprachgewaltig bezeichnet, die Alpen bieten einen gewaltigen Anblick. Oder, wie Früh (2001, S. 13) weiter ausführt: „Choleriker verlieren des Öfteren die Gewalt über sich selbst und Autofahrer gelegentlich jene über ihr Fahrzeug.“

Deutlich wird eines: Gewalt ist – wie bereits in Kap. 1 erwähnt – nicht eindeutig feststellbar. Gewalt ist das, was jeder Einzelne als Gewalt ansieht. Es sind Urteile, die den Unwert des Handelns anderer und damit den Unwert anderer bezeichnen. Dabei beeinflusst die Umgebung, die Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Schichten die Zuschreibung des Unwerturteils „Gewalt“.

3 Differenzierung des Gewaltbegriffs

Wie bereits ausgeführt, mangelt es an einer begrifflichen Klarheit von Gewalt oder Aggression, die Begriffe werden gerade im Zusammenhang mit der möglichen Wirkung von Gewaltdarstellungen in Medien aufs Unterschiedlichste definiert bzw. verwendet. Schorb und Theunert (1982) stellten beispielsweise in einer Analyse von Studien zur Mediengewalt fest, dass in fast der Hälfte der von ihnen analysierten 78 Studien der Begriff Gewalt zwar verwendet, aber nicht definiert wurde.

Im Alltagsverständnis wird Gewalt als Anwendung von physischem und psychischem Zwang gegenüber Menschen definiert. Die Medienpädagogen Schorb und Theunert (1982, S. 323) verstehen folgendes darunter: „Gewalt ist die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder von Gruppen von Menschen“. Weiter gefasst ist die Definition von Groebel und Gleich (1993): „Jede Handlung, die einer oder mehreren Person(en), der eigenen Person, einem Tier oder einem Gegenstand erkennbaren Schaden zufügt. Dabei ist die endgültige Schädigung beabsichtigt oder wird zur Erreichung des Ziels in Kauf genommen.“

Im Vordergrund dieser Definitionen steht das Ausüben von physischer Gewalt, wobei sie gegen Lebewesen, d.h. Personen oder Tiere, aber auch gegen Sachen gerichtet sein kann. Weniger auffällige, subtilere Formen wie psychische Gewalt (z.B. Streit oder Liebesentzug) werden, wie Bonfadelli (1995, S. 44) feststellt, gerne übersehen. Kunczik (1998) hat dies in seiner Definition bereits deutlich gemacht: Er versteht demgegenüber unter Gewalt die „beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person“ (S.15). Ähnlich definiert Früh (2001, S. 39): „Gewalt ist die realisierte oder beabsichtigte, bewußte [sic!] (nicht unbedingt geplante) Schädigung von Personen, Tieren, Pflanzen oder Sachen.“

Eine noch weiter reichende Definition von Gewalt verwendet Krüger (1995) in seiner Studie zu Gewalt in Informationssendungen und Reality TV: „Gewalt ist die absichtliche Herbeiführung sowie das nicht beabsichtigte Eintreten von physischem, psychischem, materiellem, sozialem, ökologischen Schaden“ (S. 17). Hier ist der Gewaltbegriff nicht mehr nur täterzentriert, sondern allein das Eintreten eines Schadens wird als Gewalt verstanden, wie etwa die radioaktive Verstrahlung eines Gebietes.

Einen Sonderfall stellt die strukturelle Gewalt dar, die Bonfadelli (1995) zufolge auf gesellschaftliche Strukturen und Institutionen verweist, die Macht auf Gesellschaftsmitglieder ausüben und Leiden verursachen können, etwa als systematische Benachteiligung von Frauen oder Unterdrückung von Minderheiten“ (S. 44). Auch Lautmann (1969, S. 651) weist in seiner Definition von Gewalt auf diesen Aspekt hin: „Das in der Gesellschaft insgesamt vorhandene Potential an Willensdurchsetzung, ungeachtet deren Legitimität. Soweit Gewalt sich institutionalisiert, d.h. in Normen, Rollen und Instanzen eingeht, wird sie zum Zwang.“

4 Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen

Ähnlich wie bei der Differenzierung des Gewaltbegriffs gibt es auch in der kommunikationswissenschaftlichen Gewaltwirkungsforschung eine Vielzahl von Hypothesen zur möglichen Wirkung von medialer Gewalt auf den Rezipienten. Einige der wichtigsten davon möchte ich im folgenden näher darstellen. Denn obwohl es bislang keinerlei gesicherte Befunde gibt – die alles umfassende Theorie über die Wirkung von Gewalt in den Medien existiert eben nicht – erscheinen die folgenden Hypothesen durchaus geeignet, im vorliegenden Forschungsfeld überprüft zu werden.

4.1 Katharsis-These

Die Katharsisthese geht zurück auf Aristoteles, später wurde sie von Freud weiterentwickelt. Sie besagt, dass die Bereitschaft des Rezipienten, aggressives Verhalten zu zeigen, zurückgeht, wenn er Gewaltakte an fiktiven Modellen beobachtet und sie dynamisch miterlebt und verarbeitet, so Kunczik (1998, S. 67 ff.). Dieses Miterleben werde durch die Medien, beispielsweise mittels eines Horrorfilms, wie nie zuvor möglich gemacht. Anhänger der These behaupten, dass die Massenmedien eine bereinigende Wirkung auf den Zuschauer hätten und seine Gewaltbereitschaft in Form eines Triebventils abschwächen würden

Die Katharsisthese kann jedoch als empirisch widerlegt betrachtet werden. Feshbach (1989, S. 71), früher selbst leidenschaftlicher Verfechter der Katharsisthese, begründet diese Entwicklung: „Die Ergebnisse [neuer Forschungen] zeigen mir, dass die Bedingungen, unter denen eine Katharsis auftreten kann, nicht alltäglich sind, während die aggressionsfördernden Bedingungen [...] häufiger vorkommen.“

[...]


[1] Werner Früh, zitiert nach: http://www.uni-leipzig.de/presse2002/gewalt_medien.html

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638295857
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27565
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
Gewalt Medien Formen Rezeption Wirkungen Gewaltdarstellungen Hauptseminar

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Titel: Gewalt in den Medien: Formen, Rezeption und Wirkungen medialer Gewaltdarstellungen