Lade Inhalt...

Die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren

Politische Instrumente, Maßnahmen und Akteure der Krise zur Zeit der Weimarer Republik in Deutschland

Hausarbeit 2014 42 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die frühen Jahre der Weimarer Republik - erste Krisenjahre

3. Die späten Jahre der Weimarer Republik - die Weltwirtschaftskrise
3.1 Investition und Nachfrage in Deutschland
3.2 Erste Krisenerscheinungen in Deutschland - die Agrarkrise
3.3 Die Börse 1929 - der Crash des Börsenhandels
3.3.1 Die New Yorker Börse und die Warnzeichen
3.3.2 Die Börse und die Wirtschaft in Deutschland
3.4 Die Regierung(en) Brüning
3.4.1 Ausgangslage und Problemstellungen der Regierung
3.4.2 Regierung Brüning und der Young-Plan
3.4.3 Politischer Wandel - Abkehr von der Demokratie
3.4.4 Deflationskurs der Regierung unter Brüning
3.5 Handeln einiger ausgewählter Akteure

4. Ursachen, welche zur Weltwirtschaftskrise (insbesondere in Deutschland) geführt bzw. diese begünstigt haben
4.1 Einige Ursachen außerhalb Deutschlands
4.2 Einige Ursachen innerhalb Deutschlands

5. Überwindung und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland

6. Fazit und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Fortschreiten der Inflation in Deutschland

Abbildung 2: Darstellung des Konjunkturaufschwungs in Deutschland 1924-1929

Abbildung 3: Übersicht der Konsumausgaben 1926-1929

Abbildung 4: Vergleich - Einkommen, Reallöhne & Arbeitslosenquote 1929-1933

1. Einleitung

Ein Ausspruch von Winston Churchill, aus einer Rede, welche er im Jahre 1947 vor dem britischen Unterhaus hielt, besagt sinngemäß und frei übersetzt: Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.1 Damit hat dieser historische Staatsmann wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg eine, gerade in Deutschland, hart erlernte Lektion recht gut zusammengefasst. Nachdem Deutschland innerhalb von knapp 30 Jahren über drei unter- schiedliche, sich nacheinander ablösende Regierungsformen2 verfügte, ist die Demokratie am Ende als Sieger hervorgegangen. Dieser Sieg ist jedoch keinesfalls ein einfacher oder geschenkter Sieg gewesen. Deutschland musste erst in Trümmern liegen, bevor sich die Demokratie endlich und bis heute als Regierungsform etablieren konnte.

Aber nicht nur um die Regierungsform soll es in der vorliegenden Arbeit gehen. Auch die Wirtschaft, einige wichtige Akteure jener Zeit und die Geschehnisse, die zur Ablösung der vorgenannten Regierungsformen führten, sollen Gegenstand dieser Arbeit sein. Gerade im Rückblick auf das vergangene Jahrhundert, in welchem die Bedeutung der Weltwirtschaft für einzelne Länder oder ganze Kontinente immer weiter gewachsen ist, ist es wichtig, sich der Funktionsweisen und Risiken dieser vernetzten Strukturen bewusst zu sein. Um die Funktionsweise eines solchen Konstrukts zu verstehen, bedarf es auch eines grundlegenden Verständnisses der Krisenzeiten dieses Systems bzw. deren Entwicklung. Ein gutes, wenn nicht sogar das beste, Beispiel dafür ist die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Diese Krise hat wie kaum eine andere, das Bild Deutschlands und das wirtschaftliche Bild der Deutschen beeinflusst und geprägt. In den Zeiten der Euro-Milliardenprogramme und der überwältigenden Macht des spekulativen Kapitals, sind die sowohl politischen als auch sozialen Kehrtwenden des frühen 20. Jahrhunderts in vielen Köpfen nur noch ein schwa- cher Schatten, der mahnend aus der Vergangenheit an eine andere, aber doch ähnliche Zeit erinnert. Obgleich heute, wie damals gilt: dass, wer sich der Vergangenheit nicht erinnert, verdammt ist sie zu wiederholen.3

In dieser Hausarbeit sollen die verschiedenen Krisenphasen sowie parallel dazu verlaufen- den Entwicklungen in Deutschland, zur Zeit der Weimarer Republik, betrachtet werden. Zunächst werden die Geschehnisse, welche zur Weltwirtschaftskrise führten und sich wäh- rend dieser abspielten, aus verschiedenen Blickwinkeln kurz dargestellt und auf Ihre Aus- wirkungen auf die politische Richtung bzw. die politischen Maßnahmen der Regierung, die Handlungen ausgewählter Akteure und generell das Land Deutschland zur Zeit der Wei- marer Republik untersucht. Ein Schwerpunkt soll hier insbesondere auf dem Bereich der Jahre 1929 - 1933 liegen, da hier ein zentraler Kernpunkt der Weltwirtschaftskrise verortet werden kann - der Crash der New Yorker Aktienbörse 1929. Gleichzeitig fallen in diesen Zeitabschnitt Turbulenzen in der damaligen deutschen Politik (bspw. häufiger Wechsel in der Regierungsspitze, Arbeit der Regierung Brüning), die vermutlich massivsten Einschnit- te in das deutsche Sozialsystem (u.a. Reaktionen der deutschen Wirtschaft sowie Gewerk- schaften) sowie die Grundsteinlegung für den Untergang der ersten Deutschen Demokratie (Aufstieg der nationalsozialistischen Diktatur). Daher ist in den Jahren von 1929 bis 1933 der besondere Schwerpunkt in der Bearbeitung des Themas der Hausarbeit zu finden. Ab- schließend sollen die Überwindung der Krise sowie die unmittelbaren Auswirkungen auf Deutschland kurz dargestellt werden.

2. Die frühen Jahre der Weimarer Republik - erste Krisenjahre

In den folgenden Kapiteln soll versucht werden, in Ansätzen zu erklären, was die Hintergründe der ersten Krisenjahre sowie der „goldenen Zwanziger“ waren.

Nach dem verlorenen „Verteidigungskrieg“4 des Kaiserreiches, der Abdankung Kaiser Wilhelms II.5 sowie der Ereignisse um den Matrosenaufstand in Kiel, von Ende Oktober bis Anfang November 19186, kam es am 09.11.1918 in Berlin gleich zwei Mal zum Ausruf der Republik. Zunächst von Philipp Scheidemann, welcher vom Reichstag aus die Deut- sche Republik verkündete und im späteren Verlauf des Tages noch ein weiteres Mal von Karl Liebknecht, welcher jedoch eine sozialistische Republik proklamierte.7

In der Folge wurde Deutschland zunächst in ein politisches Chaos, zwischen den Ausrich- tungsvorhaben der verschiedenen Akteure, gestürzt. Es kam zu Straßenkämpfen, bei denen u. a. Armeeverbände und die, neuen eingerichteten, Freikorpstruppen zum Einsatz kamen. Zu den wohl bekanntesten Opfern dieser Kämpfe um die politische Ausrichtung der neuen Republik, zählten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aus der linksrevolutionären Rich- tung.8 Während dieser Zeit wurde Deutschland von einer Übergangsregierung - dem Rat der Volksbeauftragten - regiert, welcher sich u. a. mit der Bildung einer demokratisch legi- timierten Regierung befasste. Damit waren die Weichen gestellt um am 19.01.1919 die Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung abzuhalten, welche mit der Wahl ihres ersten Tagungsortes (Weimar, am 06.02.1919) der jungen Republik ihren symbolischen Namen verlieh.9 Am 13.02.1919 war im Anschluss, mit Friedrich Ebert als Reichspräsidenten, die Regierung unter Führung des Reichsministerpräsidenten Phillip Scheidemann aufgestellt und damit zunächst „parlamentarisch legitimiert“.10 Nur wenig später, am 28.06.1919, un- terzeichnete Deutschland den Friedensvertrag von Versailles, indem Deutschland und sei- nen Verbündeten die uneingeschränkte Schuld am Krieg gegeben worden war sowie die Pflicht zur Erbringung von Reparationsleistungen, zu diesem Zeitpunkt in noch unbekann- ter Höhe, festgeschrieben worden waren. Die Uneinigkeit über dieses Vertragswerk führte in der Deutschen Regierung zum Rücktritt von Scheidemann und zum Amtsantritt von Gustav Bauer, unter dessen Protest der Versailler Friedensvertrag von Deutschland unter- zeichnet worden war. Aufgrund der Regelungen des Friedensvertrags büßte Deutschland etwa 13% seiner Fläche sowie 10% seiner Bevölkerung ein. Damit waren auch wesentliche Teile der Deutschen Rohstoffabbaugebiete nebst zugehörigen Wirtschaftsstandorten verlo- ren.11 Auch die Größe der Deutschen Truppen wurde mittels Obergrenzen festgelegt. Die Deutsche Handelsflotte musste zu einem großen Teil an die Siegermächte abgetreten wer- den. Allein bis 1921 sollten von Deutschland zunächst 20 Mrd. Goldmark an Reparationen geleistet werden, wobei die Art der Leistungen in „Gold, Waren, Schiffen, Wertpapieren oder anderswie“ zu erfolgen hatte. Die genaue Höhe der endgültigen Reparationen war im Vertrag nicht festgesetzt.12

Die junge Deutsche Republik war in den nächsten Jahren vielen Unruhen (bspw. dem Kapp-Putsch) ausgesetzt. Ebenso meldeten sich in der Politik zunehmend antisemitische Stimmen zu Wort. Die antisemitische Haltung einiger gipfelte zunächst in der Ermordung des jüdischen Politikers und deutschen Außenministers, Walter Rathenau, am 22.06.1922 in Berlin.13 Auch Teile der Arbeiterschaft machten, wenn auch aus anderen Gründen, mo- bil und es kam zu vereinzelten Streiks bis hin zum Generalstreik, welcher mancherorts bürgerkriegsähnliche Zustände annahm, indem die bewaffneten „Selbstschutzeinheiten der Arbeiterschaft“ durch die Freikorps und Heerestruppen gewaltsam aufgelöst wurden. Es gab über 1.000 Tote zu beklagen.14 In der Folge wechselte die Regierungsspitze bis 1923 vier Mal.15 Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage und Rückständen bei den Re- parationsleistungen Deutschlands, wurde Anfang 1923 das Ruhrgebiet durch Frankreich, unter Beteiligung von Belgien, besetzt. Dies wurde durch die Ausrufung des „passiven Widerstands“ beantwortet, wodurch Deutschland in noch dramatischere wirtschaftliche Probleme, bspw. den Höhepunkt der seit längerem andauernden Inflation, geriet. Die Re- gierung unter dem, während der Ruhrgebietsbesetzung, neugewählten Reichskanzler, Gus- tav Stresemann, sah sich gezwungen, den passiven Widerstand am 26.09.1923 abzubre- chen. Es galt die völlig abgewertete Mark zu sanieren sowie die Reparationsleistungen neu zu regeln.16 Auch politisch blieb es weiterhin unruhig. So sah sich Stresemann als neuer Kanzler bald einer Bedrohung, welche in Bayern aufflammte, gegenüber - einer Bedro- hung von Rechts. Am 08. und 09.11.1923 putschte eine Gruppe um Adolf Hitler und Erich Ludendorff in München und wurde noch am 09.11. durch Kräfte der Landespolizei gewalt- sam überwältigt und der damit Putschversuch niedergeschlagen. Daraufhin wurde die Par- tei, der Hitler angehörte, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (kurz: NSDAP) sowie die Deutschvölkische Freiheitspartei (DVFP), im gesamten Reich verbo- ten. Hitler selbst wurde im Jahr darauf zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt, von denen er aber nicht einmal ein Jahr „absitzen“ musste.17 Es war jedoch noch eine weitere Gefahr auf dem Vormarsch. Die Währung der jungen Republik, die Mark, welche zu Beginn des Krieges vom Goldstandard gelöst worden war, wertete in den vergangenen Jahren soweit ab, dass man im Jahre 1923 bereits von einer Hyperinflation sprechen konnte. In welchem Maße diese Inflation bis 1923 fortgeschritten war, zeigt Abbildung 1.18

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Fortschreiten der Inflation in Deutschland

Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Wehler, a.a.O., S. 246.

Erst mit Einführung der Rentenmark gegen Ende des Jahres 1923 und der, ein knappes Jahr später erfolgten Ablösung durch die Reichsmark19, war die Währung in der Weimarer Republik wieder stabil. Zwar waren die Ersparnisse von Millionen von Bürgern vernichtet worden, jedoch war diese Inflation für viele Unternehmen (vor allem Großunternehmen) nutzbringend, da sie ihre Schulden mit Leichtigkeit abzahlen sowie relativ günstig neuen Besitz erwerben konnten.20 In der Folge der Ereignisse wurde Stresemann21 als Kanzler durch Wilhelm Marx, welcher einer bürgerlichen Minderheitsregierung vorstand, ersetzt. Stresemann, der durch die Stellung der Vertrauensfrage am 23.11.1923 die Kanzlerschaft verlor, blieb jedoch Außenminister.22 Damit sollte die Zeit der großen „gewaltsamen An- schläge gegen die Republik“ vorerst zu Ende gehen.23 Nachdem die Minderheitenregierung von Marx nur mithilfe eines Ermächtigungsgesetztes und durch den Erlass von Notverord- nungen regieren konnte, wurde durch die Weigerung des Reichstags, das Ermächtigungs- gesetz zu verlängern, eine Neuwahl durchgesetzt. Im Rahmen dieser Wahl vom 04.05.1924 gelang es, vor allem den extremen rechts- und linksgerichteten Kräften, Stimmengewinne davonzutragen. Insbesondere der DVFP (eine Auffangorganisation der verbotenen NSDAP) mit 6,5%, der DNVP mit 20,3 % und nicht zuletzt der KPD24 mit 12,5% gelang es, Stimmen von anderen Parteien25 abzuziehen. Dennoch konnte in der Folge, auch nach einer weiteren Neuwahl am 07.12.1924, eine Stabilisierung erreicht werden, da nun auch die DNVP zur Arbeit im bisher abgelehnten parlamentarischen Apparat gezwungen war.26 Parallel dazu konnte Deutschland auch wirtschaftlich wieder Hoffnung fassen, denn zwi- schenzeitlich waren die Reparationsleistungen, nach Beendigung der Inflation, neu gere- gelt worden. Hierzu wurde, unter drängender Beteiligung der Amerikaner und durch die, aufgrund der Arbeit von Gustav Stresemann als Außenminister, verminderte außenpoliti- sche Isolierung Deutschlands, der, unter dem Namen des Vorsitzenden der Reparations- kommission (Charles G. Dawes) bekannt gewordene, Dawes-Plan umgesetzt. Dieser hatte zur Folge, dass die Reparationsleistungen sich stärker an die wirtschaftliche Leistungsfä- higkeit Deutschlands anpassten. Es flossen außerdem Erlöse aus Anleihen am internationa- len Kapitalmarkt i. H. v. 800 Millionen RM. Zudem verpflichteten sich die Franzosen das noch immer besetzte Ruhrgebiet binnen eines Jahres zu räumen, was Deutschland wieder einen Produktionsaufschwung verschaffen sollte.27

Weniger erfreulich für das sich allmählich erholende Deutschland war, dass am 28.02.1925 einer der großen Politiker der ersten Stunden verstarb. Friedrich Ebert, der erste Reichsprä- sident der Weimarer Republik, starb, nachdem er, aufgrund von journalistischen und politi- schen Hetzkampagnen, seine Gesundheit vernachlässigt hatte, an einer Blinddarmentzün- dung. Neuer Reichspräsident wurde, der im Volk beliebte und noch immer kaisertreue Ge- neralfeldmarschall a.D., Paul von Hindenburg. Damit hatte die demokratische Weimarer Republik zu Beginn ihrer „Goldenen Jahre“, einem der Monarchie treuen Militärführer, ihr höchstes politisches Amt anvertraut.28 In den folgenden vier Jahren konnte die Weimarer Republik auf eine Zeit der wirtschaftlichen Erholung, im Vergleich zu den vorangegange- nen Jahren sogar auf eine „Hochkonjunkturperiode“, blicken. Obwohl sich vereinzelt noch Krisenherde auftaten werden diese Jahre (von 1924 bis 1929) als überwiegend positiv ge- sehen (siehe Abbildung 2) und als die „Goldenen Zwanziger“ bezeichnet.29

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Darstellung des Konjunkturaufschwungs in Deutschland 1924 bis 1929

Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Wehler, a.a.O., S. 253.

3. Die späten Jahre der Weimarer Republik - die Weltwirtschaftskrise

Deutschland hatte sich, wie zuvor unter Punkt 2 dargestellt, infolge des Dawes-Plans und der daraus folgenden ausländischen Kapitalzuflüsse, der Erhöhung des deutschen Exportes und nicht zuletzt der günstigeren Reparationsregelungen, wirtschaftlich einigermaßen er- holt.30 Jedoch dauerte diese Erholungsphase der noch immer jungen Republik nicht sehr lange an. Schon kurz vor Ende der Dekade, welche so turbulent begonnen hatte, zogen neue, düstere Aussichten auf. Dieses Mal zunächst nicht aus politischer Richtung.

Deutschland hatte infolge der Wiederteilnahme am Internationalen Wirtschaftsgeschehen und nach der ersten großen Anleihe, welche aus dem Dawes-Plan resultierte, kaum Schwierigkeiten, am internationalen Markt Geld zu bekommen. So gelang es bis 1929, mehrere Anleihen, viele davon in den USA, zu platzieren und insgesamt etwa 21 Milliar- den RM einzunehmen. Die amerikanischen Gläubiger gaben bereitwillig Kredite, da sie sich hohe Renditen erhofften und aufgrund der eigenen florierenden Wirtschaft keinen Mangel an liquiden Mitteln zu verzeichnen hatten. Dieses Geld wurde zwar zum Teil ge- nutzt um die Reparationszahlungen zu leisten, aber auch zur Investition in das eigene Land. Diese Investitionsausgaben umfassten viele verschiedene, auch nicht-wirtschaftliche Bereiche. Zu nennen wären hier u. a. die vielerorts erfolgte Investition in öffentliche Ge- meingüter, wie Stadthallen oder Bäder. Stark verallgemeinert kann man an dieser Stelle kurz festhalten, dass es in der Regel sinnvoll ist, wenn geliehenes Geld so investiert wird, dass es sich mit der Zeit, welche sich vernünftigerweise im Rahmen der Rückzahlungsfrist bewegen sollte, amortisiert, sich also vermehrt. Wenn die vorgenannte Empfehlung nicht eingehalten wird, ist es, für einen Staat nicht besorgniserregend, solange er genügend Wirt- schaftskraft, Devisen oder andere Ressourcen bzw. Reserven hat um solche (unrentablen) Investitionen auszugleichen. Dies war aber im Falle von Deutschland bzw. in dem gegebenen Rahmen nicht ohne weiteres der Fall; so war bspw. während der gesamten 1920er Jahre die deutsche Handelsbilanz negativ. Die Deutschen haben also mehr importiert als exportiert. Dies gilt sicherlich sowohl für Waren als auch für die Finanzen. Dieser Kreislauf kann nur solange funktionieren, wie neues Geld angeboten wird.31

3.1 Investition und Nachfrage in Deutschland

Nachdem die Investitionen der Wirtschaft in Deutschland, welche einen bedeutenden Fak- tor bzw. Indikator für das Wachstum bilden, in der Mitte der 1920er Jahre noch jährlich gestiegen32 waren, konnte schon 1927 eine Änderung beobachtet werden. Während der Jahre 1927 bis 1928 hatten zwar die Bruttoanlageninvestitionen noch um knappe 3,2 % zugenommen, jedoch war bei genauerer Betrachtung der Nettoinvestitionen (bspw. Investi- tionen in neue Produktionsmaschinen, Neuinvestition in die Ausstattung der Industrie oder auch Erhöhung des Nutzviehbestandes der Landwirte), im selben Zeitraum ein Minus von 10,3% zu beobachten. Diese Entwicklung lag unter anderem darin begründet, dass die pri- vaten Konsumausgaben der Haushalte in den Folgejahren ab 1927 nicht mehr in dem Maße gestiegen sind, wie zuvor. Ähnlich verhielt es sich mit den staatlichen Ausgaben für Ver- brauchsgüter (siehe Abbildung 3).33

Abbildung 3: Übersicht der Konsumausgaben von 1926 - 1929

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Blaich, Fritz: Der schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise, in: Broszat, Martin / Benz, Wolfgang / Graml, Herrmann (Hrsg.), Deutsche Geschichte der neusten Zeit, München 1990, S. 76.

3.2 Erste Krisenerscheinungen in Deutschland - die Agrarkrise

Auch auf dem Traditionssektor der Landwirtschaft zeichnete sich gegen Ende der 1920er Jahre eine bedrohliche Entwicklung ab. Nachdem in Deutschland gern auf Kredite aus dem Ausland zurückgegriffen wurde, was nicht zuletzt der Außenpolitik Stresemanns und des- sen Argumentation in Bezug auf ausländisches Kapital34 zu verdanken war, wurden, auch gerade im landwirtschaftlichen Sektor, Investitionen in Form der Neuerschließung von Nutzflächen, Intensivierung von Anbau sowie Techniken zur Ertragssteigerung getätigt. Dies führte dazu, dass sich, nach dem Absinken der Weltmarktpreise für einige landwirt- schaftliche Erzeugnisse (vor allem für Getreideprodukte), die Erlöse drastisch reduzierten und die Lager der Bauern bis zum Rand füllten. In der Folge konnten viele der Bauern ihre Kreditverpflichtungen nicht mehr voll erfüllen und es kam im Jahr 1928 vielfach zu Zwangsversteigerungen von Agrarbetrieben. Eine andere deutliche Ausprägung dieser Ag- rarkrise war die systematische Vernichtung von Agrarerzeugnissen, in der Hoffnung auf Preisstabilisierung.35

Das Absinken des Weltmarktpreises für Getreideprodukte lässt sich u. a. dadurch erklären, dass nicht nur Deutschland neue Techniken in der Landwirtschaft, wie bspw. bessere Dünger oder den Verzicht auf tierische Zugkräfte zugunsten von Maschinen, einsetzte, sondern dies auch in anderen Teilen der Welt simultan geschah - vor allem auch in den USA. Damit sank natürlich auch die Nachfrage nach Futtermitteln, bei gleichzeitiger Erhöhung Ertrags und somit des Angebots.36

Die schlechte Situation einiger Bauern in Deutschland hatte noch weitere Auswirkungen, denn diese Entwicklung führte bei einer Vielzahl der, der Landwirtschaft verbundenen Wähler dazu, dass diese von ihren angestammten, national-liberalen bzw. autoritär- konservativen Wahlparteien (bspw. der DVP oder der DNVP) zu kleineren Splittergrup- pen, vor allem aber zur NSDAP wechselten. Zudem kam es auch zu Massenprotesten, wel- che mit massiver Kritik an der Weimarer Republik, insbesondere am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen System, verbunden waren. In diesem Rahmen wurden bereits völkisch-nationalistische Argumentationen in der Systemkritik verankert. Damit begann auch eine allmähliche Wiederkehr der politischen Radikalisierung in der Weimarer Republik.37

3.3 Die Börse 1929 - der Crash des Börsenhandels

In diese, ohnehin bereits angespannte Lage in Deutschland, fiel wenig später noch eine Ereigniskette, welches eine sprichwörtliche Lawine lostreten sollte, die zu diesem Zeitpunkt noch unabsehbare aber dennoch verheerende Folgen haben würde.

Es geschah im Oktober des Jahres, genauer gesagt am Donnerstag, den 24.10.1929, dem sogenannten „Schwarzen Donnerstag“. Die Kurse vieler amerikanischer Unternehmen, welche bereits in den Vorwochen nicht mehr nur steil anstiegen, sondern auch ein ums andere Mal einen Rückschritt machten, fielen am 24. Oktober ins Bodenlose. Ausgelöst wurde diese Abwärtsspirale sicherlich unter anderem dadurch, dass viele Kleinanleger, welche ihre Aktien sogar auf Kredit gekauft hatten, Angst vor sinkenden Kursen hatten. Dieses panikhafte Verhalten veranlasste nun auch weitere Anleger, teils auch Großinvesto- ren, ihre Aktienpakete um jeden Preis zu verkaufen. Dieser Entwicklung versuchten die großen Banken durch Stützungskäufe entgegenzuwirken. Dies hatte nur einen kurzanhal- tenden Effekt. Denn kurze Zeit später, am Dienstag, den 29.10.1929, auch als „schwarzer Dienstag“ bekannt, fielen die Kurse erneut massiv. Diesmal konnten keine Stützkäufe oder andere Maßnahmen etwas ausrichten. Die Aktienkurse fielen in den Monaten und sogar Jahren weiter ab, wenn auch nicht so massiv, wie es zum Ende des Jahres 1929 gewesen war. Diese Entwicklung wird heute als Ausgangspunkt für die „große Depression“ in den USA angesehen. Bis zum Juli 1932 hatte der Dow Jones Industrial Average Index gegen- über seinem Höchststand im Jahre 1929 etwa 89 Prozentpunkte eingebüßt.38

[...]


1 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Demokratie - die beste Herrschaftsform, URL: http://www.bpb.de/izpb/9207/demokratie-die-beste-herrschaftsform (Abrufdatum: 13.01.2014).

2 Hier sind gemeint: die kaiserliche Monarchie, die erste wirkliche Demokratie in Deutschland (Zeit der Weimarer Republik) und die Zeit von Adolf Hitler als Diktator.

3 Nach einem Zitat von George Santayana. Vgl. Müller, Stephan: My Zitate - Zitate von Georg Santayana, URL: http://myzitate.de/zitate.php?q=George+Santayana (Abrufdatum: 08.03.2014).

4 Vgl. Mai, Gunther: Die Weimarer Republik. München 2009, S. 13.

5 Die Abdankung des Kaisers wurde eigenmächtig von Kronprinz und damaligem Reichskanzler Max von Baden am 09.11.1918 verkündet und erst knapp 3 Wochen später vom Kaiser selbst vorgenommen. Vgl. ebd., S. 17.

6 Vgl. Wunderer, Hartmann: Die Weimarer Republik. Kompaktwissen Geschichte, Stuttgart 2012, S. 17 f.

6 Vgl. Büttner, Ursula: Weimar - Die überforderte Republik. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008, S. 35.

8 Vgl. Niedhart, Gottfried: Deutsche Geschichte 1918 - 1933. Politik in der Weimarer Republik und Sieg der Rechten, Stuttgart 1994, S. 35.

9 Vgl. Mai, a.a.O., S. 26 f.

10 Vgl. Niedhart, a.a.O., S. 37.

11 Bspw. wurden 75% der damaligen deutschen Eisenerzförderung, 26% der Steinkohleförderung sowie 38% der Stahlproduktion abgetreten. Vgl. ebd., S. 51.

12 Vgl. ebd., S. 51 ff.

13 Vgl. Büttner, a.a.O., S. 99.

14 Vgl. Mai, a.a.O., S. 40 ff.

15 Vgl. Kirchhoff, Friedrich-Wilhelm: Impulse aus Mitteldeutschland 1800-1945. Hanau 1992, S. 108 ff.

16 Vgl. Mai, a.a.O., S. 49 f.

17 Vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949 ( = Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 4), Mün- chen 2003, S. 407.

18 Vgl. ebd., S. 244 ff.

19 Die Reichsmark war zunächst wieder goldgedeckt. Vgl. ebd., S. 247.

20 Vgl. ebd., S. 247 f.

21 Stresemann hatte die Währungssanierung in Gang gebracht, konnte sie aber nicht mehr als Kanzler been- den. Vgl. Mai, a.a.O., S. 55.

22 Vgl. Kolb, Eberhard; Schumann, Dirk: Die Weimarer Republik, in: Gall, Lothar / Hölkeskamo, Karl- Joachim / Patzold, Steffen (Hrsg.), Grundriss der Geschichte ( = Band 16), München 2013, S. 65.

23 Vgl. Büttner, a.a.O., S. 206 f.

24 Der Stimmenzuwachs bei der KPD ist vor allem durch den Übertritt von 17 Abgeordneten der USPD zu erklären und führte zu einer Verdreifachung des bisherigen Ergebnisses. Vgl. Mai, a.a.O., S. 55.

25 Zu den größten Verlieren der Wahl zählt die SPD, obwohl sich der rechte Teil der USPD wieder der SPD angeschlossen hatte. Vgl. ebd., S. 55.

26 Vgl. ebd., S. 55 f.

27 Vgl. Kolb / Schumann: a.a.O., S. 66 f.

28 Vgl. Wunderer, a.a.O., S. 53.

29 Vgl. Wehler, a.a.O., S. 252 f.

30 Vgl. Kirchhoff, a.a.O., S. 111.

31 Vgl. Pressler, Florian: Die erste Weltwirtschaftskrise. Eine kleine Geschichte der großen Depression, München 2013, S. 36 ff.

32 Und das vielerorts mit Hilfe von ausländischem Kapital. Vgl. Niedhart, a.a.O., S. 106.

33 Vgl. Blaich, a.a.O., S. 76.

34 Stresemann argumentierte unter anderem, dass es zweckmäßig wäre, angebotene Kredite, gerade aus Amerika und anderen westeuropäischen Staaten, zu nutzen, da somit diese Länder weiter am Verlauf des Schicksals des Deutschen Reichs interessiert seien und für zukünftige Fragen der Reparationserleichterung empfänglicher wären. Vgl. Marcowitz, Reiner: Die Weimarer Republik 1929 - 1933, in: Brodersen, Kai et al. (Hrsg.), Geschichte Kompakt, Darmstadt 2009, S. 6.

35 Vgl. ebd., S. 7.

36 Vgl. Blaich, a.a.O., S. 81.

37 Vgl. Marcowitz, a.a.O., S. 7.

38 Vgl. Pressler, a.a.O., S. 51 f.

Details

Seiten
42
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656681687
ISBN (Buch)
9783656695134
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275561
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Weltwirtschaftskrise Weimarer Republik Politik in der Weimarer Republik Hitlers Aufstieg Regierung Brüning Nordwolle Danat-Bank

Autor

Zurück

Titel: Die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren