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Noah und Nuh. Die Sintflutgeschichte in Bibel und Koran

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 34 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine Geschichte - zwei Erzählungen
2.1 Die Ausgangsgeschichte: Noah im Alten Testament
2.2 Die Erweiterung: Nuh im Koran

3. Eine Geschichte- zwei Aussagen: Interpretation der Unterschiede
3.1. Die Eigenheiten der Bibel
3.1.1 Die Vernichtung der Schöpfung
3.1.2 der Bundesschluss
3.2 Die neuen Ideen im Koran
3.2.1 Nuh als Prophet und Warner
3.2.2 Die Rettung der Glaubenden
3.2.3 Der ungläubige Sohn

4. Didaktische Umsetzungsmöglichkeit
4.1 Hintergrund
4.2 Voraussetzungen
4.3 Unterrichtsplanung
1. Doppelstunde- Noah in der Bibel
2. Doppelstunde- Nuh im Koran

5. Fazit - Eine Geschichte- zwei Erzählungen

Literaturverzeichnis

Bücher

Internetquellen

Anlage
Anhang 1
Anhang 2
Anhang 3
Anhang 4
Anhang 5

1. Einleitung

26. Dezember 2004: Ein Tsunami trifft auf Thailand und löscht das Leben von tausenden Menschen aus. Die Welle macht alles dem Erdboden gleich, was sich ihr in den Weg stellt. Die Urgeschichte der Sintflut ist keineswegs nur eine überlieferte Erzählung. Die Welt ist voller Geschichten, die von großen Fluten und der Errettung weniger Auserwählter erzählen. Das Gilgamesch-Epos[1] beinhaltet die wohl älteste Erzählung dieses Geschehnisses und lieferte wohl auch das Vorbild für die Geschichte Noahs’ und Nuhs’ in der Bibel und im Koran. Die gemeinsame Wurzel ist in beiden Texten klar zu erkennen, da sich einige Textstellen bis ins kleinste Detail gleichen. Im Alten Testament der Bibel wird die Geschichte Noahs’ chronologisch und an einem Stück geschildert, während sich im Koran verschiedene Abschnitte mit jener Begebenheit befassen. Die Sure 71 trägt im Koran zwar den Titel „Nuh“, jedoch findet sich die Hauptinformation der Geschichte an anderen Stellen des Korans. Die Suren sind hier nicht nach dem Inhalt geordnet, sondern der Länge nach. Auch waren die Grundzüge der meisten biblischen Geschichten zu Zeiten der Koranoffenbarung bekannt und den Menschen in Mohammeds’ Umgebung nicht fremd.

In dieser Arbeit beschäftige ich mich ausschließlich mit den biblischen und koranischen Texten der Sintflutgeschichte. Jene Geschichten, die sich eigentlich so ähnlich sind und doch so verschieden, möchte ich hier nebeneinander stellen und vergleichen. Welche Unterschiede sind zu erkennen und welche Gemeinsamkeiten lassen sich feststellen? Welche Bedeutungen kommen den schmückenden Beschreibungen zu und was steckt hinter den Auslassungen? Welche Relevanz haben diese Divergenzen für den Ideengehalt der Geschichte und die jeweilige Einreihung in die Konfession?

Um Kindern interreligiöse Erfahrungen zu vermitteln und möglichen Vorurteilen entgegenzuwirken, ist die Geschichte Noahs’/ Nuhs’ aus meiner Sicht prädestiniert. Toleranz und Achtung der Kinder gegenüber andersgläubigen Menschen kann nur durch Wissen über einen anderen Glauben entwickelt werden. Anhand eines Unterrichtsentwurfes soll gezeigt werden, wie die Geschichte von Noah und Nuh wertefrei, interreligiös vermittelt werden kann.

2. Eine Geschichte - zwei Erzählungen

2.1 Die Ausgangsgeschichte: Noah im Alten Testament

Die Erzählungen um Noah finden sich im ersten Buch Mose[2]. Ihnen voran stehen die Schöpfungsgeschichte und der Beginn des menschlichen Lebens mit Adam, Eva, Kain und Abel, sowie einem Geschlechterregister über neun Generationen[3]. Der Bericht der Schöpfung endete am sechsten Tag mit der Beurteilung des Werkes: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut[4].“ Ein ganz anderes Bild über den Menschen wird dagegen zu Beginn der Noah- Erzählung geschaffen. Die Bibel berichtet von den überwiegenden Selbstzweifeln Gottes. Karl - Josef Kuschel geht sogar soweit, „Abscheu“ in Gottes Erfahrungen mit dem Menschen zu sehen[5]. Gott empfindet Reue, den Menschen überhaupt erschaffen zu haben und beschließt ihn durch eine große Flut auszulöschen: „Ich sehe, das Ende aller Wesen durch Fleisch ist da; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat. Nun will ich sie zugleich mit der Erde verderben“.[6] „Ich will nämlich die Flut über die Erde bringen,...“[7]. Noah ist der Einzige, der nicht vernichtet werden sollte: „Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.“[8] Er ist derjenige unter den Menschen, der vor Gott „gerecht“(צדיק)[9] ist. Gerhard von Rad definiert den Begriff „צדיק“nach alttestamentlischer Anschauung wie folgt: „Steht der Mensch im rechten Verhältnis zu Gott, d.h. glaubt er, vertraut er Gott, so ist er gerecht.[10] “Gott berichtet Noah von der bevorstehenden Flut und weist ihn an, eine Arche zu bauen, um ihn, seine Familie und jeweils einige Tiere vor der Vernichtung zu bewahren. Noah wird angewiesen, von allen reinen Tieren sieben Paare und von den unreinen Tieren je ein Paar mitzunehmen[11]. Die Unterscheidung zwischen „reinen“ und „unreinen“ Tieren erklärt von Rad mit einer sakralen Abwertung bestimmter Tiere, die einem „Abwehrkampf des Jahweglaubens gegen fremde, ältere Kulte oder sonstige magische Praktiken, bei denen man sich dieser Tieren bediente“ zu Grunde liegt[12].

Die Bauanleitung und Größe (etwa 150m lang, 25m breit, 15 m hoch[13] ) der Arche wird Noah durch Gott präzise mitgeteilt[14]. Die Maße eines länglichen, rechteckigen Gebäudes erinnern an jene des Tempelbaus in 1Könige 6,2. Andreas Schüle bemerkt in diesem Zusammenhang, dass der Plan dieser Arche nicht dazu gedient haben kann, mit einem Schiff zu segeln, sondern „ihre Bewohner über den Flutwassern zu halten“[15]. Die Arche ist während der Flut ein Schutzort für das Leben, das von Chaos umgeben ist. Noah erhält von Gott einen genauen Zeitplan: In genau sieben Tagen soll der Regen beginnen, den er vierzig Tage lang nicht unterbricht.[16] Als die von Gott aufgezählten Passagiere in der Arche sind, versiegelt er selbst die Tür des Schiffs.[17] Die Sintflut selbst wird in der Bibel mit den Worten geschildert: „... An diesem Tag brachen alle Quellen der gewaltigen Urflut auf und die Schleusen des Himmels öffneten sich“[18]. Das Wasser steigt auf exakt 15 Ellen über die Berggipfel und vernichtete alles Leben außerhalb der Arche[19]. Gott lässt die Passagiere während der Flut jedoch nicht außer Acht. Schüle bemerkt in diesem Zusammenhang, dass der hebräische Begriff des „Gedenkens“ zum einen den Gegenbegriff des Wortes „vergessen“ bildet und zum anderen die Bedeutung des „sich kümmerns“ oder „sich jemandes annehmen“ trägt. Schüle führt weiter aus, dass diese Begriffe suggerieren, dass Gott sich, um jemandem gedenken zu können, zurückgezogen haben muss[20].

Schließlich wird erzählt, dass Gott einen Wind aufkommen ließ, der das Wasser verdrängte und die Arche auf dem Berg Ararat aufsetzt[21]. Noah sendet zunächst einen Raben, danach eine Taube aus, um herauszufinden, ob trockenes Land vorhanden wäre. Die Taube kommt zunächst ohne einen Hinweis auf trockenen Boden zurück. Eine Woche später kehrt sie mit einem frischen Olivenzweig zurück zur Arche[22].Eine weitere Woche später bleibt sie der Arche ganz fern. Kurze Zeit später verlässt Noah mit seiner Familie die Arche und mit ihnen alle Tiere. Die Taube[23] mit dem Olivenzweig im Schnabel, wurde zu einem weltweiten Symbol des Friedens. Dieser Friede geht jedoch nicht auf menschliche Friedensbemühungen zurück, sondern vor allem darauf, dass Gott sich den Menschen neu zugewandt und der vernichtenden Sintflut ein Ende gemacht hat.

Als Dank für seine Errettung baut Noah einen Altar und opfert von den reinen Tieren[24]. Das Brandopfer veranlasst Gott zu dem Versprechen, in Zukunft keine vergleichbaren Strafen zu schicken, um die Menschheit zu vernichten. Gott erkennt zwar, dass der Mensch „böse von Jugend an“[25] sei, jedoch lässt er die berühmte Verheißung verlauten: „Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“[26]. Noah und seine Familie erhalten den Auftrag die Erde mit neuem Leben zu füllen.

Gott erneuert den Bund mit Noah und allen Menschen feierlich und setzt als Zeichen des neuen Bundes den Regenbogen an den Himmel[27].

2.2 Die Erweiterung: Nuh im Koran

Die Geschichte Noahs’ im Koran wird, wie in der Einleitung erwähnt, nicht in einem Stück erzählt. Deshalb wird hier versucht, die Geschehnisse in chronologischer Reihenfolge darzustellen.

Das muslimische Glaubensbuch erwähnt Nuh nicht erst mit Beginn der Regenfälle. Er tritt bereits vorher als Prophet Gottes auf[28]. Er warnt seine Mitmenschen vor den Konsequenzen, die deren Ungläubigkeit mit sich bringen würde. Unter den „Niedrigsten“[29] unter ihnen findet er Gläubige, doch von den „Häuptern seines Volkes“[30] muss er Hohn und Spott ertragen. Nuh erklärt seinen Zeitgenossen, dass er weder ein Engel ist, noch verborgenes Wissen besitzt[31]. Seine Widersacher könne allein Gottes Wille zurück zum Glauben führen[32]. Gott beginnt eine Konversation mit Nuh, in der er ihm mitteilt, dass niemand von den Ungläubigen noch zum Glauben finden könnte und er nun eine Arche bauen solle[33]. Da Gott ihm aufträgt, die Arche vor den Augen aller zu bauen, muss Nuh erneut den Spott aller Mitmenschen über sich ergehen lassen[34]. Die Ladung, die im Koran beschrieben wird, besteht aus Nuh und seiner Familie, sowie je einem paar Tiere und den Gläubigen, die jedoch nur in geringer Anzahl vorhanden sind. Nuhs ungläubiger Sohn befindet sich nicht unter den Passagieren der Arche und ertrinkt. Er will sich auf einem hohen Berg vor der Flut retten[35]. Nuh fleht Gott an, seinen Sohn nicht ertrinken zu lassen. Gott jedoch weist Nuh in seine Schranken und gibt ihm zu bedenken, dass ein Ungläubiger vor Gott nicht als ein Familienmitglied Nuhs’ gelten kann[36]. Nach einiger Zeit, die jedoch nicht näher bestimmt ist, lässt Gott das Wasser zurückweichen, sodass das Schiff auf dem Berg Al- Dschudi strandet[37]. Die Passagiere verlassen die Arche mit dem Zukunftssegen Gottes. Dieser Segen allerdings wird von Gott eingeschränkt mit dem Hinweis, dass sich einige Überlebende nur an den irdischen Genüssen werden erfreuen können, denn im Jenseits erwarte sie eine weitere Strafe[38].

3. Eine Geschichte- zwei Aussagen: Interpretation der Unterschiede

3.1. Die Eigenheiten der Bibel

3.1.1 Die Vernichtung der Schöpfung

Die anfänglich gute Schöpfung Gottes ist bereits nach einigen Menschengenerationen voller „Gewalttaten“, denen niemand Einhalt gebieten kann. Selbst der von Gott geschaffene Mensch, der „über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land“[39] herrschen sollte, kann die Erde vor einem Ende nicht bewahren. Um eine Ordnung wiederherzustellen, gibt Gott dem Menschen eine Grundregel, die dem Schutz des Lebens auf der Erde dienen soll[40]. Diese Grundregel bezieht sich auf die in Genesis geschilderte Ordnung, der „Herrschaft über die Tiere ohne Blutvergießen“[41].

Im Prolog erhält der Leser Einsicht über das Ausmaß der Sünden des Menschen durch die Worte Gottes selbst. Aber mehr noch, der „Entschluß des göttlichen Herzens“[42] wird mitgeteilt. Das „Herz“ ist nicht nur ein Symbol der Liebe und des Gefühls. Nach alttestamentlischer Vorstellung wohnt im „Herz“ der Wille und Verstand[43].

Gott kündigt die Sintflut mit den Worten an: „Ich sehe das Ende aller Wesen aus Fleisch ist da“[44]. Nun kann man sich fragen, was mit dem „Ende“ genau gemeint ist. Eine Anspielung auf eine bevorstehende Gerichtsbotschaft wie in Amos 8,2 oder Ezechiel 7,2-6 könnte damit verbunden sein. Die Vorstellung des Auslöschens und damit dem Ende der Welt durch Gott findet sich in letztgenannten Ezechielversen wieder. Das „Ende“(קֵץ) Israels ist gekommen, da Gott kurz davor ist, das Strafgericht über sie zu bringen.

In Gen. 6,13 scheinen zwei Sichtweisen in die Interpretation des Wortes „קֵץ“ hineinzufließen. Zum einen die Welt, die „voller Gewalttat“ ist und zum anderen die Welt, die durch die Flut vernichtet wird. Es ist eine sehr niederschmetternde Aussage, durch die der Autor mit nur einem Wort die Macht und Freiheit Gottes verdeutlicht, die Welt zu vernichten[45]. Andreas Schüle beschreibt zudem die Wortwahl, die das Bild der Vernichtung zu erklären scheint. Der hebräische Ursprung des Wortes „vernichten“ ist vom selben Wortstamm wie jener der „Verdorbenheit“[46]. Schüle übersetzt demnach den Satz folgendermaßen: „Gott verdirbt, was bereits verdorben ist“[47].

Gott vernichtet die Schöpfung also, weil „alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war“[48]. Nach der Sintflut jedoch gewährt er seiner Schöpfung andauernden Bestand, obgleich die Menschen auch in Zukunft böse sind und bleiben. Schüle schreibt dazu, dass dieser Sinneswandel als Charakterzug Gottes interpretiert wird, der ihm die Attribute der Lernfähigkeit, Veränderungsfähigkeit und Wandlungsfähigkeit zuschreibt. Schüle selbst folgt jedoch der Auffassung, dass vielmehr zwei Gesichter Gottes einander gegenübergestellt werden. Die Auslöschung allen Lebens wird dem „Richtergott“ zugesprochen, wohingegen der Gott nach der Flut Gnade walten lässt, obwohl er weiß, dass der Mensch böse ist.[49] Dieser Ansicht können weitere, ähnliche Aussagen in den Büchern Mose zusätzliche Aussagekraft verleihen[50]. Das nachsintflutartige Gottesbild, das einen gnädigen, dem Menschen wohlwollenden Eindruck vermittelt, scheint eine Erklärung zu vermitteln, weshalb wir in einer Welt leben, die voller Gewalt ist und trotzdem Bestand hat.

Die in Genesis 6,6 beschriebene „Reue“ Gottes ergibt in der koranischen Erzählung keinen Sinn. Die Intention der Nuh- Geschichte ist eine völlig andere. Aufgrund der zeitlichen Distanz zwischen Mohammed und dem Flutereignis und einer sich gewandelten Gesellschaft in sozialer und kultureller Hinsicht, weist Mohammed ein eher vergeistigtes Gottesbild auf.

3.1.2 der Bundesschluss

Zur Vergewisserung dieser Zusage schließt Gott mit Noah einen förmlichen „Bund“. Kuschel sieht in dem Bund nicht etwa einen Vertrag im heutigen Verständnis zwischen zwei Gleichberechtigten, der jederzeit kündbar ist. Vielmehr stellt es eine „Selbstverpflichtung Gottes dar, die er in Freiheit geschlossen hat und unabhängig ist vom Verhalten, der Annahme oder Ablehnung des Gegenüber[51].

Es ist der erste Bund Gottes mit allen Lebewesen, also auch den Tieren, die durch die Arche weiter existieren durften.

Bundesschlüsse kamen in der jüdischen Tradition häufig vor. In der Bibel existieren einige Bundesschlüsse mit Gott[52], jedoch ist der Noahbund nicht auf einen Menschen oder ein Volk beschränkt, sondern gilt für Noah und alle folgenden Generationen der Menschheit und den Tieren[53]. Die aus diesem Bund resultierenden „sieben noachidischen Gebote“[54] sind ein theologisch hoch interessantes Thema, auf welches ich im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht näher eingehen kann. Die in diesen Versen angedeutete Schutzzusage für den Menschen geht soweit, dass Mörder mit der Todesstrafe bedroht werden. Sollten Christen daher für die Todesstrafe plädieren?

Als Zeichen des Bundes setzt Gott einen „Bogen“[55] an den Himmel. Das aus dem hebräischen stammende Wort, welches mit „Regenbogen“ übersetzt wird, erhält im Alten Testament die Bedeutung des „Kriegsbogens“. Rad und Kuschel sehen darin die Vorstellung eines Gottes, der seinen Bogen beiseite gestellt hat und diesen Kriegsbogen in einen Regenbogen verwandelt[56]. Der Regenbogen zeichnet sinngemäß das Himmelsgewölbe nach, welches alle Lebewesen vor einer erneuten Flut schützt. Es ist gewissermaßen ein „Signal“ für Gott, Regenfälle und Fluten aufzuhalten, bevor Schaden entsteht.

Erneut wird in Genesis 9,15 vom „gedenken“ gesprochen. Während das Erinnern in Genesis 8,1 die Bedeutung des „sich kümmerns“ trug, findet sich hier nun eine fast wörtliche Entsprechung im Sinne des „nicht vergessens“. Einmal mehr wird Gott ein menschenähnlicher Charakterzug zugeschrieben, sodass es nicht verwunderlich scheint, dass der Regenbogen im Koran nicht erwähnt wird.

Die Thematik des Bundes steht im Koran nicht so sehr im Mittelpunkt wie im jüdischen Glaubensbuch. Trotz allem wird das besondere Bündnis zwischen Israeliten und Gott anerkannt, wenn auch meist nur auf den Bundesschluss am Sinai Bezug genommen wird[57]. In der Sintflutgeschichte wird kein direktes Bündnis mit Nuh beschrieben. Als die Erde wieder begehbar ist und der Tod seines Sohnes aufgeklärt wurde, verlässt Nuh die Arche mit dem (eingeschränkten) Segen Gottes[58]. Im Koran wird an einer Stelle von einem Bündnis Gottes mit Nuh unter anderen Propheten berichtet: “Und (gedenke der Zeit) da Wir mit den Propheten den Bund eingingen, und mit dir, und mit Noah und Abraham und Moses und mit Jesus, dem Sohn der Maria. Wir gingen mit ihnen einen feierlichen Bund ein“[59].

3.2 Die neuen Ideen im Koran

Die Version der Sintflutgeschichte dient im Koran lediglich als Mantel für die eigentliche, neue Aussage.

Die inhaltlichen Abweichungen der Sintflut - Erzählung des Korans von denen des Alten Testaments, müssen berücksichtigt werden. Jene Erzählungen wurden mehr als ein Jahrtausend später verfasst und man konnte auf die inzwischen zahlreichen Legenden und Ausschmückungen der jüdischen und christlichen Tradition außerhalb der Bibel zurückgreifen.

3.2.1 Nuh als Prophet und Warner

Im Koran tritt Nuh schon einige Zeit vor der Sintflutgeschichte auf. Bereits die erste mekkanische Periode kennt die große Flut und die Errettung der Gläubigen[60]. Er ist ein Gesandter Gottes, der sein Volk vor einem Strafgericht zu warnen versucht[61]. Diese Rolle erhielt Noah schon durch die zwischenzeitlich entstandene jüdische und christliche Literatur, die Mohammed eventuell als Vorlage nutzte[62]. Seine Rolle als Prophet und Warner seiner Zeitgenossen steht im Koran jedoch viel deutlicher im Vordergrund. Mehr als die Hälfte des Textes der Sintflutgeschichte wird der Warnung Nuhs Mitmenschen gewidmet. Nur ein kleiner Teil beschäftigt sich mit der Flut selbst, die als Strafe für die Ungläubigen dient. Während die Bibel von der Sündhaftigkeit der Menschen im Allgemeinen berichtet, dreht sich im Koran alles um den Widerstand der Menschen gegen den Propheten Nuh.

[...]


[1] Vgl. Mielke, Thomas R.P.: Gilgamesch- der König von Uruk. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH, 2003.

[2] Alle im Folgenden genannten Bibelangaben beziehen sich auf die Einheitsübersetzung nach Herder.

[3] Die vier Verse über die Gottessöhne, die die Noah- Geschichte einleiten, sollen hier der Vollständigkeit wegen erwähnt werden. Die Rätselhaftigkeit dieser Verse, bieten jeoch Stoff genug um eine eigene Hausarbeit zu füllen, sodass ich nicht weiter darauf eingehen werde.

[4] Gen 1,31.

[5] vgl. Kuschel, Karl- Josef: Juden-Christen-Muslime- Herkunft und Zukunft. Düsseldorf: Patmos- Verlag, 2007. S. 237.

[6] vgl. Gen 6,13.

[7] vgl. Gen 6,17.

[8] vgl. Gen 6,8.

[9] Vgl. Gen 7,1.

[10] Kaiser, Otto; Perlitt, Lothar (Hg): Das Alte Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk. Teilband 2/4: Das erste Buch Mose. Genesis. Übersetzt und erklärt von Gerhard von Rad.11. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1981. S.89.

[11] Gen 7,2.

[12] vgl. Von Rad, Gerhard: Das erste Buch Mose. Genesis, In: Das Alte Testament Deutsch, Teilband 2/4, Hg. Neues Göttinger Bibelwerk. Göttingen: V& R ,1972, S. 88.

[13] ebd. S. 95.

[14] Gen. 6,14.

[15] Schüle, Andreas: Die Urgeschichte (Gen 1-11). Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2009. S. 124.

[16] vgl. Gen 7,4.

[17] Gen 7,16.

[18] Gen 7,11.

[19] Gen 7,20-24.

[20] vgl. Schüle, Andreas: Die Urgeschichte (Gen 1-11). Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2009. S. 127.

[21] Gen 8,4.

[22] Gen 8,8-11.

[23] Die Taube ist ein reines Tier, dem es vorbehalten ist, als Erstes den wieder bewohnbaren Boden zu berühren (Schüle, Andreas: Die Urgeschichte (Gen 1-11). Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2009, S. 144).

[24] s. Anlage, Anhang 1.

[25] Gen 8, 21.

[26] Gen 8,22.

[27] Gen 9,8-13.

[28] vgl. Sure 11, 26-36. Alle im Folgenden genannten Koranzitate beziehen sich auf die Übersetzung von Hazrat Mirza Tahir: Der Koran. Vollständige Ausgabe. 18. Auflage. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1992.

[29] Sure 11,28.

[30] Sure 11,28.

[31] vgl. Sure 11,32.

[32] vgl. Sure 11, 34.

[33] vgl. Sure 11,37.

[34] vgl. Sure 11,38-39.

[35] vgl. Sure 11,44.

[36] vgl. Sure 11,46-47.

[37] vgl. Sure 11, 45.

[38] vgl. Sure 11, 49-50.

[39] Gen 1,26.

[40] vgl. Gen 9,4-6.

[41] vgl. Kuschel, Karl- Josef: Juden-Christen-Muslime- Herkunft und Zukunft. S.240.

[42] vgl. Von Rad, Gerhard: Das erste Buch Mose S. 86.

[43] vgl. Von Rad, Gerhard: Das erste Buch Mose S. 87.

[44] Gen 6, 13.

[45] vgl. Von Rad, Gerhard: Das erste Buch Mose S. 95.

[46] vgl. Schüle, Andreas: Die Urgeschichte. (Genesis 1-11). S. 123.

[47] ebd.

[48] Gen 6,5.

[49] vgl. Schüle, Andreas: Die Urgeschichte (Gen 1-11). Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2009. S. 120.

[50] vgl. z.B. Die Selbstvorstellung Gottes am Sinai. Dort werden ebenfalls die zwei Gesichter Gottes herausgestellt, jedoch mit stärkerer Betonung auf seiner Bereitschaft zu Vergeben (Exodus 34,6-7).

[51] vgl. Kuschel, Karl- Josef: Juden-Christen-Muslime- Herkunft und Zukunft. S. 241f.

[52] vgl. z.B.: Gen 17,4; Ex 24,8; Lev 26,45.

[53] Gen 9,10.

[54] vgl. Gen 9,4-6; sie werden in der jüdischen Tradition explizit benannt.

[55] vgl. Gen. 9,13.

[56] vgl. Von Rad, Gerhard: Das erste Buch Mose. S. 101; Kuschel, Karl- Josef: Juden-Christen-Muslime- Herkunft und Zukunft. S. 242.

[57] vgl. u.a. Sure 2, 41-101; Sure 3,82; Sure 5,8-15; Sure 81.

[58] Es ward gesprochen: „ Oh Noah, reise mit Unserem Frieden! Und Segnungen über dich und über die Geschlechter, die bei dir sind! Und es werden (andere) Geschlechter sein, denen Wir Versorgung gewähren (auf eine Zeit), dann aber wird eine schmerzliche Strafe sie von Uns treffen.“ Sure 11,49.

[59] Sure 33,7.

[60] vgl. Leimgruber, Stephan; Wimmer, Stefan Jakob: Von Adam bis Muhammed. Bibel und Koran im Vergleich. Herausgegeben vom Deutschen Katecheten- Verein e.V., München. Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, 2005. S.100.

[61] Sure 11,26-27.

[62] vgl. Speyer, Heinrich: Die biblischen Erzählungen im Qoran. Unveränderter photomechanischer Nachdruck der 1. Auflage. Darmstadt,1961. S. 95, S.98.

Details

Seiten
34
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656688433
ISBN (Buch)
9783656688402
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275422
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1.3
Schlagworte
noah sintflutgeschichte bibel koran

Autor

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Titel: Noah und Nuh. Die Sintflutgeschichte in Bibel und Koran