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Die andauernden Rivalitäten um die Westsahara. Ein (un)lösbarer Konflikt

Bachelorarbeit 2013 45 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Sonstige Staaten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurzer historischer Abriss des Konfliktes seit der spanischen Besetzung

3. Die Westsahara ein unlösbarer Konflikt?
3.1 Diskurs: Intractable Conflict
3.2 Spoiler in Intractable Conflicts
3.2.1 Algerien
3.2.2 Frankreich und die EU
3.2.3 USA

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Anhang

2. Einleitung

Kriegerische Handlungen umgeben uns überall auf der Welt, doch kommt nach Krieg immer Frieden?

Frieden und Sicherheit in der Westsahara sind für das Volk der Saharauis[1] seit mehr als dreißig Jahren Wunschvorstellungen. Die Rede ist von der letzten Kolonie Afrikas. Das Gebiet der Westsahara befindet sich im Nordwesten des afrikanischen Kontinents und umfasst eine Fläche von ca. 266.000km² mit nur einer natürlichen Grenze: die 1063km lange Atlantikküste im Westen.[2]

Die saharauische Heimat ist ein Gebiet voller Interessengegensätze: erst hatte die Bevölkerung mit der spanischen Kolonialmacht zu kämpfen, dann musste sie sich gegen die Annexionsabsichten mehrerer Nachbarländer wie Marokko und Mauretanien wehren. Vor dem 1991 ausgehandelten Waffenstillstand kam es zu militärischen Auseinandersetzungen, die dazu führten, dass das Volk der Saharauis flüchten musste. Seit 1975 leben die meisten von ihnen in vier Flüchtlingslagern auf algerischem Staatsgebiet. Diese Lager tragen die Namen der wichtigsten Städte der Westsahara, die ihnen geraubt wurden und sind fast ausschließlich von internationaler Hilfe abhängig. Mit den neuen Generationen von Saharauis wird die Situation sowohl in den Flüchtlingslagern als auch im gesamten besetzten Gebiet immer instabiler, dies wirkt sich sowohl negativ auf den wirtschaftlichen als auch politischen und gesellschaftlichen Bereich aus. Sie wollen um ihre Unabhängigkeit kämpfen, zur Not auch mit Gewalt, doch würde dies wohl kaum die andauernden Rivalitäten lösen können.

Der dargestellte Konflikt ist äußerst komplex und kann als ein Dekolonisationskonflikt oder auch als Sezessionskonflikt bezeichnet werden. Er ist einer der international umstrittensten Selbstbestimmungsrechtsfälle eines Volkes überhaupt. Während es für uns als Europäer quasi selbstverständlich ist, sein eigenes Land Heimat nennen zu dürfen und das Recht zu haben nach eigenen Vorstellungen zu leben, kämpfen tausende von Saharauis tagtäglich um ihr Überleben. Der scheinbar stagnierende Zustand, der seit der Annektierung durch Marokko vorherrscht, kann weder als Krieg noch als Frieden bezeichnet werden. Doch während alle Streitpartner verbittert um ihre politische und wirtschaftliche Teilhabe am Land der Saharauis kämpfen, ist die Zivilbevölkerung sowohl in den besetzten Gebieten als auch in der algerischen Wüste um Unabhängigkeit und Frieden bemüht. Gegenstand der vorliegenden Bachelorarbeit sind die Ursachen der scheinbaren Unlösbarkeit des Westsaharakonflikts, welche gleichzeitig die Relevanz dieser Arbeit darstellen, da Intractable Conflicts sowohl ganze Regionen destabilisieren als auch den Weltfrieden bedrohen können.

Es wird zu Beginn ein kurzer Einblick in die Geschichte vom Beginn der spanischen Kolonialherrschaft ab 1885 bis zum Beginn der Bemühungen der internationalen Staatengemeinschaft durch die MINURSO-Mission[3] gegeben. Dies dient als Grundlage für die Analyse der Ursachen für eine Unlösbarkeit des Konfliktes. Dazu wird in das Konzept der ‘Intractable Conflicts‘, auch bekannt als Nullsummenkonflikte, eingeführt, welches gleichzeitig als Theoriegrundlage dienen wird. Zudem soll untersucht werden, wo die jeweiligen Kompromissgrenzen der Konflikt- und Drittparteien liegen, um herauszufinden, in wieweit es eine ‘bargaining zone‘ geben kann. Als Hauptkonfliktparteien werden die Position und die Arbeit sowohl Marokkos als auch der Frente Polisario[4] erläutert. Um die jeweiligen Standpunkte einiger Drittparteien wie Algerien, die UN-Vetomacht Frankreich und die USA zu vergleichen wird weiter der Begriff ‘Spoilers‘ verwendet. Die Vereinten Nationen als Friedenssicherer nehmen hier eine besondere Rolle ein.

Anhand von drei Hypothesen wird der Aufbau und Ablauf der Arbeit klar strukturiert: 1.) Je stärker sich auf das geforderte Referendum berufen wird, desto unwahrscheinlicher wird die Aussicht auf erfolgreiche Verhandlungen. 2.) Je länger die Bemühungen andauern einen Frieden zu schließen, desto wahrscheinlicher wird ein Intractable Conflict. 3.) Je mehr Spoiler sich in einem Friedensprozess beteiligen, desto schwieriger wird dieser.

Ziel der Arbeit ist es, eine Antwort auf die folgende Forschungsfrage zu finden: Handelt es sich bei dem Westsaharakonflikt um einen Inractable Conflikt und wenn ja welche Faktoren haben zu diesem Zustand geführt?

Dem Westsaharakonflikt wird in der deutschenöffentlichkeit kaum Beachtung geschenkt. Die Berichterstattung durch die Medien spiegelt sich in der Literaturlage wieder. Daher wurde vorwiegend auf Aufsätze aus dem englischen Sprachraum zurückgegriffen. Zur Beantwortung der Forschungsfrage und dem Aufbau des Theoriekonzeptes wurden besonders die literarischen Werke: ‘Grasping the Nettle, Analysing Cases of Intractable Conflict‘ von u.a. Chester A. Crocker, ‘Spoiler Problems in Peace Process‘ und ‘Negotiations and Mediations in International Conflicts‘ von Stephen John Stedman, und ‘Wind, Sand und (Mercedes-) Sterne. Westsahara: der vergessene Kampf für die Freiheit‘ von Karl Rössel verwendet, sowie verschiedene UN-Resolutionen und die Charta der Vereinten Nationen.

3. Kurzer historischer Abriss des Konfliktes seit der spanischen Besetzung

Der ehemalige US-Präsident Woodrow Wilson verstand unter Selbstbestimmung, dass jeder Mensch das Recht hat, sich seine Form von einer Regierung und die Souveränität unter der sie leben wollen selbst auszusuchen und somit frei von fremden Herren zu sein.[5] Dass dies in der Westsahara nicht der Fall ist, zeigen die frühen Kämpfe um Territorium und Staatlichkeit, welches ein wichtiges Merkmal eines Sezessionskonfliktes darstellt. Viele Konflikte im 20. Jahrhundert können auf den Kampf um Unabhängigkeit zurückgeführt werden, so auch der Westsaharakonflikt.

Bevor im späten 19. Jahrhundert die Kolonialzeit in der Westsahara begann, waren die Saharauis Nomaden und mit den Europäern verhältnismäßig wenig in Kontakt gekommen.[6] 1884 wurde in Deutschland die spanische Kolonisierung während der Berliner Kongo Konferenz[7] besiegelt, als weitere Kolonialmächte Afrika unter sich aufteilten. Spanien sicherte sich den Küstenstreifen der westlichen Sahara, errichtete auf der Halbinsel des Rio de Oro[8] einen Stützpunkt namens Villa Cisnero, die spätere Stadt Dachla, und erklärte die Westsahara zu einem spanischen Protektorat.[9] Hauptsächlich waren die Spanier auf diesem Stützpunkt präsent und ließen die Stämme im Hinterland noch unabhängig, was daran lag, dass Spanien zu dieser Zeit sowohl militärisch als auch wirtschaftlich nicht zu den stärksten Nationen zählte. Sie benötigten noch gut ein halbes Jahrhundert, bis sie mit Hilfe Frankreichs 1934 auch das Inland beherrschen konnten und von nun an wurde das ‘Spanische Sahara‘ getaufte Gebiet bis 1946 von Marokko aus verwaltet.[10]

Aus rein machtpolitischen Gründen wurden die heutigen Grenzen der Westsahara gezogen und die Truppenstärke der Spanier aufgestockt. Mit der Kontrolle des Hinterlandes und somit der Sicherung der wichtigsten befestigten Brunnen der Wüste wurde erstmals die traditionelle unabhängige Lebensweise der Saharauis eingeschränkt.[11] Zeitgleich wurde die Monarchie als offizielle Staatsform in Spanien abgeschafft und nach dem 2. Weltkrieg geriet die Kolonie, mit ihren wenigen Militärposten, fast in Vergessenheit. 1946 bekam das Gebiet eine neue Verwaltung, trotzdem blieb die Präsenz der Spanier weiter schwach. Sie wagten nicht einmal Steuern zu erheben, galten aber weiterhin als störende Eindringlinge für die Einheimischen, die sich belästigt und unterdrückt fühlten: „Wir sind alle Znaga, Abhängige, […]“[12] berichtete ein Saharaui zu dieser Zeit.

Ende der fünfziger Jahre wurden die Kolonialarmeen von Widerstandsbewegungen bedroht. Infolgedessen startete am 10. Februar 1958 eine Militäraktion seitens der Besetzer, welche den Decknamen ‘Ouragan‘[13] trug.[14] Gegen diese Übermacht hatten die kaum bewaffneten Saharauis nicht viel entgegen zu setzten und nachdem ihre Brunnen vergiftet und ihre Viehherden bombardiert wurden beschlossen die ersten Saharauis ihrer Heimat den Rücken zu kehren.

Durch geologische Studien in den 1960er Jahren, bei denen man auf wertvolle Bodenschätze wie Kupfer, Gold, Uran,öl und Phosphat stieß, wurde die Spanisch Sahara nun auch wirtschaftlich lukrativer.[15] Dies lockte einige internationale Akteure an und bereits 1974 erwirtschaftete die Kolonie einen so immensen Profit mit dem Abbau von Phosphat, dass es zu Konflikten mit dem Hauptphosphatproduzenten Marokko kam, der zusammen mit Mauretanien Ansprüche auf die Überseeprovinz meldete. Trotz vieler Investitionen im Land und nun auch stärkerer Präsens ließen sich die Einheimischen nicht auf die Seite der Spanier ziehen. Zum einen, weil die Saharauis in ihrer traditionellen Hierarchie bisher keinen absoluten Herrscher kannten und zum anderen stießen sie auf Ablehnung durch eine neue saharauische Generation, die ein eigenes politisches Bewusstsein entwickelte, welches von modernen Befreiungstheorien geprägt war. Nachdem mehrere Demonstrationen von der Kolonialmacht niedergeschlagen wurden, verbreitete sich unter den Einheimischen die Idee der nationalen Befreiung und zu spät gewährte Spanien am Ende den Saharauis Partizipation und Teilautonomie.[16]

„Saharouische Männer und Frauen […] soll unser Volk auch in Zukunft dieser Sklaverei ausgesetzt bleiben? […] Ihr müsst den Kampf für die nationale Befreiung verstärken, […] um in Freiheit und in Würde leben zu können. Die Freiheit kommt aus den Gewehrläufen!“[17]

Mit diesem Aufruf meldet sich die Frente Polisario im Mai 1973 erstmalsöffentlich als Widerstandsgruppe in der Westsahara, sie gründeten einen Exekutivausschuss und stellten ein Aktionsprogramm für ihre Organisation auf. Mit dem Ziel das Volk vom spanischen Kolonialismus und von den Annexionsabsichten Mauretanien und Marokkos zu befreien, startete die Widerstandsgruppe ihre ersten umstrittenen Anschläge auf spanische Militärposten. Das Ziel war die Infrastruktur des Landes zu zerstören, damit die Besetzungsmacht nicht von dieser profitieren kann.[18] Von Anfang an machte sie deutlich, dass sie auf keine undemokratische Staatsform abzielen und bekam Unterstützung von Seiten Libyens und Algeriens.[19]

Sowohl von Seiten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, der die Forderungen Marokkos nach einem territorialen Hoheitsgebiet zurückwies und der Westsahara Selbstbestimmung zusicherte,[20] als auch von Seiten der UN, die die vollständige Entkolonialisierung forderte, wuchs der Widerstand gegen die Kolonialherren.[21] Nach Kapitel V Artikel 24(1) der UN-Charta bedrohte Marokko mit seinem Übergriff klar die internationale Sicherheit. 1975 erklärte sich Spanien bereit, die Grundlagen zur Durchführung eines Referendums zu schaffen, welches schon am 20. Dezember 1966 in der General Assembly Resolution 2229 (XXI) von den Vereinten Nationen gefordert wurde und seitdem regelmäßig wiederholt wurde.[22]

Getarnt unter dem Namen ‘friedlicher grüner Marsch‘ ließ König Hassan II am 6. November 1975 350.000 unbewaffnete Marokkaner medienwirksam in die Westsahara einmarschieren, um ihren territorialen Anspruch zu untermauern.[23] Doch Sezessionsbestrebungen verlaufen meist gewaltsam, so begann die Invasion mit Panzern im Hinterland der Westsahara. Spanien evakuierte seine eigenen Landsleute und es kam zu Verhandlungen zwischen der Kolonialmacht, Mauretanien und Marokko, bei denen sich die Regierungschefs darauf einigten, dass das Gebiet der Spanisch Sahara von nun an von den beiden arabischen Staaten verwaltet werden sollte.[24] Damit war zwar erreicht, dass die Kolonialmacht aus der Region verschwand, aber mit der Annektierung rückte für die Saharauis eine freie Westsahara in weite Ferne. Seitdem ist das Ziel der saharauischen Bevölkerung ihre Souveränität zu erreichen und einen eigenen Staat gegenüber Marokko durchzusetzten.[25]

Die Polisario errichtete sofort notdürftige Flüchtlingslager im Osten des Landes und versuchte das marokkanische Militär aufzuhalten. Marokko ließ die Flüchtlinge mit Flugzeugen verfolgen und mit den verübten Gewalttaten verwirkte es sein Sezessionsrecht endgültig.[26] Als ein Beispiel soll ein Übergriff an dieser Stelle kurz skizziert werden: Bei Oum Dreiga bombardierten marokkanische Flugzeuge ein Lager mit über 25.000 Flüchtlingen. Zum Einsatz kamen Napalm-, Phosphor- und Splitterbomben, die ihre Opfer aus Verzweiflung zwangen sich in die trockene Erde einzugraben.[27] Augenzeugen berichteten: „Der Anblick war schrecklich. […] Überall Schreie, Weinen und Stöhnen, […] Kinder riefen ihre Mütter, die sie niemals wiedersehen würden.“[28]

Seit 1975 lebt nun ein ganzes Volk in vier Flüchtlingslagern auf algerischen Boden und ist fast ausschließlich von internationaler humanitärer Hilfe abhängig. Diese sind zwar bis heute gut organisiert und weisen stabile politische Strukturen auf, es darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich trotzdem nur um provisorisch errichtete Zeltlager handelt.

Als der Krieg seinen Zenit erreichte, proklamierte die Polisario am 27. Februar 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara, kurz DARS, welche bisher von etwa 80 Staaten anerkannt wurde und das bis dahin zurückeroberte Gebiet umfasst.[29] Algerien ließ im März des Jahres schon verlauten, dass sie diese offiziell anerkenne. Dieser Akt markiert einen signifikanten Bruch, denn durch die Ausrufung der Republik und somit der Veränderung einer bisherigen Freiheitsbewegung zu einem Regierungskonflikt kam es zu einer erneuten Eskalation. An diesem Konflikt zerbrach auch fast die OAU[30], die sich auf die Seite der Westsahara und Algeriens schlug und eine Unabhängigkeit von Marokko forderte. Daraufhin trat Marokko 1984 aus dem Verbund aus, was diesen in seinen Handlungen extrem einschränkte, da ein wichtiges afrikanisches Land damit fehlte.[31]

Nachdem die Polisario 1979 einen Waffenstillstand mit dem wirtschaftlich und militärisch geschwächten Mauretanien ausgehandelt hatte, baute Marokko über 2500km lange Verteidigungswälle[32] quer durch die Westsahara, die teilweise durch Minen gesichert wurden.[33] Diese Wälle umfassen ca. 80% der Westsahara und schließen alle wichtigen Städte und ressourcenreiche Gebiete für Rabat mit ein. Mauretanien verzichtete damit auf jegliche Gebietsansprüche, ermöglichte Marokko somit aber eine Ausdehnung seiner Ansprüche auf den südlichen Teil des Landes. Ein umstrittener und teurer Guerillakrieg kam durch andauernde gegenseitige Übergriffe zu seinem Höhepunkt, obwohl der Westsahara und ihrer Bevölkerung als ehemaliger Kolonie völkerrechtlich eindeutig ein Selbstbestimmungsrecht zustünde. Marokko dagegen hat bisher nie akzeptiert, dass der Konflikt um die Westsahara eine Frage der Selbstbestimmung ist.

Initiiert durch den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen Pérez de Cuéllar kam es am 6. September 1991 zu einem Waffenstillstand, der ab sofort von einer eigens vom Sicherheitsrat entsendeten UN-Friedenstruppe überwacht werden sollte.[34] Die Friedensmission bekam den Namen Mission der Vereinten Nationen für das Referendum in der Westsahara, kurz MINURSO:

„MINURSO has been mandated to: Monitor the ceasefire; Verify the reduction of Moroccan troops in the Territory; Monitor the confinement of Moroccan and Frente POLISARIO troops to designated locations; Take steps with the parties to ensure the release of all Western Saharan political prisoners or detainees; Oversee the exchange of prisoners of war […]; Implement the repatriation programme […]; Identify and register qualified voters; Organize and ensure a free and fair referendum and proclaim the results.”[35]

Sie bekam zudem die Aufgaben übertragen, eine Liste von Wahlberechtigten für das Referendum zu erstellen, die Reduzierung der marokkanischen Truppen zu überwachen, einen Gefangenenaustausch vorzubereiten und mit Absprache der Afrikanischen Union und den Konfliktparteien einen Sonderbeauftragten zu ernennen, der die Vollmachten hatte das Referendum vorzubereiten und durchzuführen.

3. Die Westsahara ein unlösbarer Konflikt?

In der internationalen Konfliktforschung gibt es verschiedene Bezeichnungen für dauerhafte Rivalitäten und Konflikte, die seit Jahrzehnten nicht zu einer Lösung gefunden haben. Einer davon wäre der Begriff von Jacob Bercovitch: „ most resistant cases[36]. In dieser Arbeit soll der Terminus Intractable Conflict behandelt werden, der im deutschen Forschungsraum noch kein wirkliches Pendant hat, außer der Bezeichnung Nullsummenkonflikte, die sich bislang jedoch noch nicht offiziell in der Forschung manifestiert hat. Ziel der Analyse wird sein, anhand der folgenden Charakteristika von Intractable Conflicts herauszufinden, inwieweit diese auf den Westsahara Konflikt zutreffen und somit entlang der Forschungshypothesen die anfangs gestellte Forschungsfrage zu beantworten. Zunächst wird dabei vorwiegend auf die beiden Konfliktparteien Marokko und die Polisario eingegangen, sowie auf die Vereinten Nationen in der Rolle als Mediator.

3.1 Diskurs: Intractable Conflict

„[…] intractable conflicts are conflicts that have persisted over time and refused to yield to efforts- through either direct negotiations by the parties or mediation with third-party assistance- to arrive at a political settlement.[…] Some intractable conflicts remain unsolved despite repeated attempts.“[37]

Nach dieser Definition kann man sagen, dass es sich im Fall der Westsahara um einen unlösbaren Konflikt handelt. Seit dem unterzeichneten Waffenstillstand von 1991 sind über zwanzig Jahre vergangen. Weder wurde dieser immer eingehalten, noch hat es ein Referendum gegeben, welches von der UN gefordert wurde und darüber entscheiden sollte, ob die Bevölkerung der Westsahara die Unabhängigkeit möchte oder zu Marokko eingegliedert werden will. Großer Widerstand ging zum Beginn der Friedensmission besonders von den marokkanischen Behörden und der marokkanischen Armee aus, die immer wieder versuchten die MINURSO zu behindern. Teilweise ging dies so weit, dass Ausrüstungen für die Mission in Marokko wochenlang festgehalten wurde und es der Bevölkerung verboten war, mit Mitarbeitern der MINURSO zu kommunizieren. Das MINURSO Hauptquartier wurde von Polizisten zeitweise umstellt und auch einige UN-Mitarbeiter wurden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.[38]

In regelmäßigen Abständen finden Verhandlungen statt, die bisher noch zu keiner Einigung geführt haben. Weder die Mediationsversuche[39] der Vereinten Nationen noch Bemühungen der jeweiligen Bevölkerung haben bisher zu einem Ergebnis geführt. Das wiederholte Scheitern früherer Schlichtungsversuche kann einen dauerhaft negativen Einfluss auf die Friedenssicherung haben.[40]

Es herrscht seit Jahren quasi ein Stillstand und die Situation der Marokkaner und Saharauis ändert sich nicht, jede Seite sieht sich als Opfer und beide Seiten glauben ihre Ziele wären grundlegend unvereinbar. Mit Gewalt und Hoffnungslosigkeit sind die neuen Generationen in diesem Konflikt aufgewachsen und abgehärtet. Dies sind keine guten Aussichten auf eine Lösung. Auch der Politikwissenschaftler Roy Licklider fragt sich in Bezug auf Lösungen von anhaltenden Konflikten, wie man mit Menschen zusammen arbeiten kann, die die eigene Familie und Freunde auf dem Gewissen haben, das trifft in diesem Fall auf beide Seiten zu.[41]

[...]


[1] Saharauis- die Bevölkerung der, durch dieselbe Sprache und Kultur verbundenen, Nomadenstämme der Westsahara. Sie sind keine homogene ethnische Gruppe

[2] Vgl. Clausen, Ursel, Westsahara, in: Steinbach, Udo (Hrsg.), Politisches Lexikon Nahost/Nordafrika, 3. neubearb. Auflage, München 1994, S. 309.

[3] United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara

[4] Original aus dem Spanischen: Frente Popular para la Liberación de Saguía el Hamra y Río de Oro, deutsch: Volksfront zur Befreiung von Saguia el Hamra und Río de Oro

[5] Vgl. Pomerance, Michla, Self- Determination in Law and Practice. The New Doctrine in the United Nations, Martinus Nijhoff Publishers (MNP), London 1982, S. 1.

[6] Vgl. Rössel, Karl, Wind, Sand und (Mercedes-) Sterne, Westsahara: Der vergessene Kampf für die Freiheit, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 1991, S.82.

[7] Teilnehmer der Konferenz: 12 europäische Nationen, Russland und die USA, sie fand auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck in Berlin statt

[8] Die arabischen Namen und ihre Schreibweise werden in dieser Arbeit vereinfacht dargestellt und der deutschen Sprache angepasst

[9] Vgl. de Grancy, Christine, Die Sahraouis. Söhne und Töchter der Wolken. Von der stillen

Revolution der Polisario, Nördlingen 1987, S.122.

[10] Vgl. Hodges, Tony, Historical Dictionary of Western Sahara, African Historical Dictionaries, No. 35, London 1982, S. 66.

[11] Vgl. Rössel, 1991, S. 82.

[12] Rössel, 1991, S. 116.

[13] Übersetzt: Sturm

[14] Vgl. Rössel, 1991, S. 120.

[15] Vgl. Mercer, John/ Allen, George (Hrsg.), Spanish Sahara, London 1976, S. 184.

[16] Vgl. Rössel, 1991, S. 147.

[17] Ebd. S. 142ff.

[18] Vgl. Clausen, Ursel, Der Konflikt um die Westsahara in: Institut für Afrika-Kunde (Hrsg.),

Arbeiten aus dem Institut für Afrika-Kunde, Bd. 16, Hamburg 1978, S. 37.

[19] Vgl. Ursel, 1978, S 37.

[20] Vgl. Western Sahara, Advisoty Opinion, I.C.J. Reports 1975, S. 12.

[21] Vgl. Durch, William J., Building on Sand. UN Peacekeeping in the Western Sahara, in: International Security 17, No. 4, 1993, S. 155.

[22] Vgl. A/RES/2229 (XXI) – 20. Dezember 1966.

[23] Vgl. Durch, 1993, S. 155.

[24] Vgl. Schaedel, Martin: Der Konflikt um die Westsahara. In: Pohl, Reinhard (Hrsg.): BRD und Dritte

Welt, Bd. 44, Heft 2/90, Kiel 1991, S. 17.

[25] Dietrich, Frank, Sezession und Demokratie, Eine philosophische Untersuchung, Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/ New York 2012, S. 11.

[26] Vgl. Hobe, Stephan, Einführung in das Völkerrecht, Begründet von Otto Kimminich, 9. Auflage, Narr Francke Attemto Verlag GmbH & Co. KG, Tübingen 2008, S. 117.

[27] Vgl. Rössel, 1991, S. 181.

[28] Rössel, 1991, S. 182.

[29] Vgl. Ebd.

[30] Organisation of African Unity

[31] Vgl. Pazzanita, Anthony G., The Proposed Referendum in the Western Sahara: Background, Developments and Prospects, in: in: Zoubir, Yahia H./ Volman, Daniel (Hrsg.), International Dimensions of the Western Sahara Conflict, Westport 1993, S. 197.

[32] Vgl. Anlage: 1

[33] Vgl. Pazzanita, 1993, S. 202.

[34] Vgl. S/RES/690 (1991)- 29. April 1991.

[35] United Nations: MINURSO. United Nations Mission For The Referendum In Western Sahara, http://www.un.org/Depts/DPKO/Missions/minurso/minurso.pdf, 21.01.2013.

[36] Bercovitch, Jacob, Mediation in the Most Resistant Cases, in: Crocker, Chester A., Hampson, Fen Osler und Pamela Aall (Hrsg.), Grasping the Nettle. Analyzing Cases of Intractable Conflict, Washington, D.C., 2005, S. 99.

[37] Crocker, Chester A., Hampson, Fen Osler und Pamela Aall (Hrsg.), Grasping the Nettle. Analyzing Cases of Intractable Conflict, Washington, D.C., 2005, S. 5.

[38] Vgl. Chopra, Jarat, A Chance for Peace in Western Sahara, in: Survival 39, 1997, S. 57.

[39] Mediation ist eine Form der Konfliktbearbeitung bei dem ein Vermittler versucht die Konfliktparteien zu einer gewaltfreien Lösung zu verhelfen

[40] Vgl. Crocker, 2005, S. 8.

[41] Vgl. Licklider, Roy, Comparative Studies, in: Crocker, Chester A., Hampson, Fen Osler und Pamela Aall (Hrsg.), Grasping the Nettle. Analyzing Cases of Intractable Conflict, Washington, D.C., 2005, S. 35.

Details

Seiten
45
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656763314
ISBN (Buch)
9783656763345
Dateigröße
904 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275353
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Politikwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
rivalitäten westsahara konflikt

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Titel: Die andauernden Rivalitäten um die Westsahara. Ein (un)lösbarer Konflikt