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Monty Python’s "Life of Brian" als Profanierung des Sakralen nach Giorgio Agamben

Auf dem schmalen Grat zwischen Kunstfreiheit und der Verletzung religiöser Gefühle

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorwürfe und Rechtfertigungen

3. Untersuchung der ausgewählten Filmszenen
3.1 Kreuzigung
3.2 Die Predigt(en)
3.3 Darstellung von Brians Mutter

4. Religionssatire als Profanierung des Sakralen nach Giorgio Agamben

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Seit vielen Jahrhunderten ist Satire ein wichtiges gesellschaftliches Mittel, um Herr- scher und regierende Kräfte zu kontrollieren bzw. um auf Missstände aufmerksam zu machen. Im Mittelalter wurde diese Funktion beispielsweise von Hofnarren erfüllt, die dank ihrer Narrenfreiheit alles über den Herrscher sagen durften, was sonst nie- mand äußern konnte, ohne bestraft zu werden. Eine ähnliche Funktion wurde seit jeher dem Karneval zugeschrieben. Zum einen wurde damit erreicht, dass das Volk sich beteiligt und wahrgenommen fühlte, zum anderen wurde aber auch dem Herr- scher seine Sterblichkeit und Fehlbarkeit vor Augen geführt. In einem demokrati- schen Staat, wie dem, in dem wir heute leben, sind Kunstfreiheit und Satire als Mittel der politischen Meinungsäußerung nicht mehr wegzudenken. Zielt der satirische An- griff jedoch auf die Religion, so entsteht häufig ein angespannteres Verhältnis im Vergleich zu anderen Angriffsobjekten. Oftmals bestehen Bedenken, christliche Würdenträger oder religiöse Inhalte allzu hart oder auf anstößige Weise zu kritisie- ren. Ein besonders brisanter Fall, in dem Religionssatire auf entsetzte Reaktionen und Unverständnis stieß, waren die bekannten Mohammed-Karikaturen von 2005, auf die sogar mit Gewalt reagiert wurde. Ein aktuelles Beispiel stellt der Kirchen- Rap Dunk dem Herrn von Carolin Kebekus dar. In dem Musikvideo verkleidet sie sich unter anderem als Nonne, die obszöne Handlungen mit einem Kruzifix vollzieht, oder als jugendlicher Messdiener, der von einem Priester einen Schokoriegel an- nimmt, was eine deutliche Anspielung auf die aktuelle Thematisierung häufiger Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ist. Dieses Musikvideo sollte laut Caro- lin Kebekus‘ Aussage im WDR ausgestrahlt werden, der sich aber angeblich in der letzten Minute dagegen entschieden hätte, weil der Angriff doch zu hart und die Dar- stellung zu vulgär gewesen sei.1 Es würde zu weit führen, zu untersuchen, aus wel- chem Grund Religionsgemeinschaften besonders sensibel auf Satire reagieren, doch es lässt sich ein Zusammenhang mit der Verletzung religiöser Gefühle vermuten. Der Glaube ist eine Einstellung, die in besonderem Maße mit Emotionen, Vertrauen und dem Gefühl einer Gemeinschaftszugehörigkeit zusammenhängt und die deshalb nicht primär rational herzuleiten ist. Und was gefühls- und nicht verstandesbedingt ist, tendiert eher dazu, auf emotionale Verletzungen besonders sensibel zu reagieren. Der Gesetzgeber hat in unserem Staat dieser besonderen Sensibilität der Gläubigen da-durch Rechnung getragen, dass er die Religionsfreiheit unter den besonderen Grund- rechtsschutz unserer Verfassung gestellt hat. So erklärt sich, dass Religionssatire als Ausdruck der Kunstfreiheit, die ebenfalls als Grundrecht geschützt ist, stets in einem besonderen rechtlichen Kollisionsverhältnis zum Grundrecht der freien Religions- ausübung steht.

Der Film Monty Python ’ s Life of Brian von 1979 führte zu heftigen Diskussionen um Blasphemie und ebendieses Kollisionsverhältnis. Im Folgenden wird zunächst die Reaktion christlicher Kritiker des Films anhand einer repräsentativen Talkshow un- tersucht. 1979 stellten sich zwei Mitglieder der Gruppe Monty Python in der Show Friday Night and Saturday Morning2 den Blasphemie-Vorwürfen christlicher Kriti- ker. Diese Talkshow wird im Rahmen dieser Arbeit als Primärquelle betrachtet, da die Vorwürfe der Kritiker und die Rechtfertigungen der Monty Python-Gruppe Ge- genstand der Untersuchung in Kapitel 2 sind. Die jeweiligen Argumente sind als au- thentische Reaktionen interessant in Hinblick auf das Spannungsfeld von Kunstfrei- heit und dem Schutz religiöser Gefühle. Zu beachten ist, dass gerade die Rechtferti- gungen im Kontext dieser Hausarbeit zwar zur Kenntnis genommen werden und un- ter Umständen auch zum Verständnis bestimmter Szenen beitragen können, die In- tention der Gruppe aus rezeptionsästhetischer Sicht aber grundsätzlich irrelevant ist: Auch wenn die Gruppe beispielsweise davor zurückgeschreckt ist, Jesus zu karikie- ren, haben Christen, die sich in ihren religiösen Gefühlen angegriffen fühlten, die Figur des Brian dennoch als Bild für Jesus aufgefasst.

Nach einer eingehenden Untersuchung ausgewählter Filmszenen und der besonderen Beachtung möglicher Blasphemie-Vorwürfe wird in Kapitel 4 untersucht, in wel- chem Zusammenhang Monty Python ’ s Life of Brian mit dem Konzept der Profanie- rung des Sakralen nach Giorgio Agamben steht. Dabei wird das Thema Kapitalismus als Religion bewusst ausgespart, da im Rahmen dieser Analyse bei dem Film zu- nächst von einem Kunstcharakter ohne kommerzielle Einflüsse ausgegangen wird. Sicherlich ist mit jeglichem Filmprojekt auch immer die Hoffnung auf einen kom- merziellen Erfolg verbunden und oftmals werden Kritiken, Vorwürfe und Zensuren von den Künstlern medial aufgebauscht, um ihrem Kunstwerk mehr Aufmerksamkeit und damit auch kommerzielle Vorteile zu verschaffen. Doch diese Überlegungen werden außer Acht gelassen, da im kommunikativen Gedächtnis der satirische An-griff durch den Film, und nicht sein kommerzieller Erfolg geblieben ist. Entspre-chend den von Agamben benutzten Begrifflichkeiten untersucht diese Hausarbeit die Frage, inwiefern die satirische Abbildung biblischer Inhalte in Monty Python ’ s Life of Brian eine Profanierung des Sakralen darstellt.

2. Vorwürfe und Rechtfertigungen

Satire und Karikatur sind als Rechtsproblem nicht ohne weiteres zu fassen. Sie provozieren Strafprozesse wegen Beleidigung, Volksverhetzung oder der Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen. […] Satire und Karikatur zielen darauf ab, Personen, Anschauungen und Zustände zu kritisieren und deren Fehlerhaftigkeit frei- zulegen. Wegen ihres aggressiven Charakters ist ihr der Konflikt mit den Rechtsgütern Dritter immanent.3

Im Produktionsjahr 1979 gab es unzählige ablehnende Reaktionen auf Monty Py- thon ’ s Life of Brian, Proteste vor Kinos, Versuche, den Film verbieten zu lassen und immer wieder den Vorwurf, dass der Film Christen in ihren religiösen Gefühlen ver- letze. Sämtliche Vorwürfe und Aktionen gegen den Film zu überblicken, ist weder zielführend noch nützlich im Sinne dieser Hausarbeit. In der eingangs bereits er- wähnten Fernseh-Talkshow Friday Night and Saturday Morning ist allerdings ein reger Austausch zwischen zwei Kritikern (Malcolm Muggeridge und Bischof Mer- vyn Stockwood), die den Film als persönliche Beleidigung aufgefasst haben, und zwei Mitgliedern von Monty Python (John Cleese und Michael Palin) zu beobachten. Die dort diskutierten Vorwürfe und Rechtfertigungen sollen hier in aller Kürze dar- gestellt werden und anschließend als Grundlage dienen, um mögliche Blasphemie- Vorwürfe an den ausgewählten Filmszenen zu untersuchen.

Die Kritik von Malcolm Muggeridge und Bischof Mervyn Stockwood bezieht sich in vielen Punkten lediglich auf die Schlussszene des Films, in der Brian gekreuzigt wird, doch statt zu leiden und zu sterben fröhlich in das lebensbejahende Lied Always look on the bright side of life4 einstimmt. Ansonsten wird größtenteils Kritik an der gesamten Darstellung der Geschichte geäußert, oftmals ohne konkret Stellung zu einer bestimmten Szene zu beziehen. Malcolm Muggeridge fasst die Kritik an der Kreuzigungsszene folgendermaßen zusammen: „You’re lampooning a scene, that has played a fantastic part in the lives of believers for generations.”5 Ihm zufolge wird das Leiden Jesu „reduced to sort of a comic film“6. Somit ist das Opfer, das Jesus am Kreuz gebracht hat, für die beiden Kritiker ein besonders wichtiges und sensibles Thema, über das nicht gelacht werden dürfe, während Michael Palin die Ansicht vertritt, dass Menschen über den Film und die Darstellung lachen können, ohne in ihrem Glauben erschüttert zu werden oder ein lächerliches Bild von Jesus im Kopf zu behalten. John Cleese zufolge fordert der Film dazu auf, sich offen gegenüber jeder Religion zu zeigen und eigenständig kritisch zu denken, da er jegliche Art von Ideologie und Dogmatismus für gefährlich erachtet.

[Y]ou say that we’re ridiculing Jesus, and we say […] that that is certainly not what we intended to do […]. [W]e would absolutely deny […] that it was any attempt that you should not believe in Christ. What we’re saying is: Take a critical view!7

Neben der Banalisierung der Leiden Christi ist ein Kritikpunkt von Malcolm Muggeridge und Bischof Mervyn Stockwood, dass Jugendliche, die durch diesen Film zum ersten Mal mit Jesus in Berührung kommen, ein lächerliches Bild von ihm erhalten und beibehalten könnten. Zudem weisen beide Kritiker wiederholt den Ein- wand zurück, dass Monty Python bewusst nicht Jesus lächerlich dargestellt haben, sondern eine fiktive Figur namens Brian. Da dieser Brian Stationen vom Leben Jesu durchlebt, sehen die Kritiker in der offensichtlichen Parallele zwischen den Figuren eine Gleichsetzung.

Interessant ist zudem, dass die beiden christlichen Kritiker nicht davor zurückschre- cken, den Humor der Gruppe direkt und unverblümt zu beleidigen, obwohl (oder weil) sie sich von dem Film selbst beleidigt fühlen. So wird der gesamte Film als „squalid“, also armselig, bezeichnet, die Witze als „bad jokes“ und zusammenfas- send spricht Malcolm Muggeridge den Film sogar geradezu den Kunstcharakter ab: „You have succeeded in reducing something which is […] the greatest art into some- thing which is presented in terms of the lowest art.”8 Dieses Verhalten ist sowohl in Hinblick auf christliche Werte als auch bezüglich der Kritik, der Film verletze Ge- fühle, von Interesse.

The troupe prided itself on the fact that it grievously offended every major group, regardless of color, religion, sexual preference, or national origin. In this film, for example, the boys take on Christianity and De Mille-type biblical epics.9

Diese Selbstdarstellung von Monty Python mag aus rezeptionsästhetischer Sicht zwar irrelevant sein, aber es fällt doch auf, dass trotz des Vorsatzes, jegliche gesellschaftliche Gruppe gleichermaßen satirisch zu behandeln, Monty Python durch die Darstellung der fiktiven Figur Brian eine gewisse Zurückhaltung bei der Karikatur von Jesus an den Tag legt. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass Kritik an religiösen Ansichten trotz allgemeiner Wertschätzung der Kunstfreiheit oft besonders scharf verurteilt wird, es ist aber auch für eine ausgewogene Beurteilung von Bedeutung, dass trotz dieser vergleichsweise zurückhaltenden satirischen Darstellung die Reaktionen mancher gläubiger Christen heftig waren.

3. Untersuchung der ausgewählten Filmszenen

Bevor einige ausgewählte Filmszenen beschrieben und auf ihre potenzielle Wirkung untersucht werden, sollte das Medium Film zunächst einmal in Bezug auf seine sati- rische Wirksamkeit vom Medium Theater abgegrenzt werden. Dabei unterstützen zwei wesentliche Unterschiede der Medien die These, dass satirische Äußerungen im Film eine größere Reichweite und damit einen potenziell größeren Wirkungsspiel- raum haben, die Transitorik und der Live-Charakter. Theater ist ein transitorisches Medium, während ein Film noch Jahrzehnte später wiederholt abgespielt werden kann, ohne sich zu ändern. Zwar mögen sich die Rezeptionsgewohnheiten und ge- sellschaftlichen Verhältnisse ändern, doch der Film kann stets genau so wiedergege- ben werden wie bei seiner Erstausstrahlung. Theater hingegen basiert auf der leibli- chen Kopräsenz von Schauspielern und Zuschauern und weder ist dieser Zustand genau so wieder herstellbar, noch lässt sich eine Aufführung genau gleich wiederho- len, da sie ein singuläres, transitorisches Ereignis ist. Mit der Frage nach leiblicher Kopräsenz wird ein weiterer Faktor erwähnt, der den gesamtgesellschaftlichen Wir- kungsspielraum von Theater zunächst einschränkt. Eine Theateraufführung kann durch seinen Live-Charakter nur einer begrenzten Anzahl an Zuschauern dargeboten werden, während ein Film durch seine Wiederholbarkeit, seinen unvergänglichen Charakter und die scheinbar unbegrenzte Möglichkeit der (digitalen) Vervielfälti- gung im Grunde eine enorme Zuschauerzahl erreichen kann.

[...]


1 vgl. http://www.youtube.com/watch?v=IXuj63gscrM

2 Friday Night and Saturday Morning 1979.

3 Gärtner 2009: 17.

4 vgl. Monty Python’s Life of Brian 1979.

5 Friday Night and Saturday Morning 1979.

6 Friday Night and Saturday Morning 1979.

7 Friday Night and Saturday Morning 1979.

8 Friday Night and Saturday Morning 1979.

9 Giannetti, Eyman 2006: 387

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656679851
ISBN (Buch)
9783656679844
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275325
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Agamben Monty Python Satire Religion Blasphemie Das Leben des Brian John Cleese Michael Palin Malcolm Muggeridge Mervyn Stockwood Friday Night and Saturday Morning Always look on the bright side of life Kreuzigung Jesus Banalisierung Profanierung sakral Dreieinigkeit Dreifaltigkeit Mutter Gottes unbefleckte Empfängnis Jungfrauengeburt Religionssatire

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