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Institutionen als Systeme zur Regulierung von Normen in einer Gesellschaft

Essay 2012 8 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Um die Institution des „Diskurses“ zu definieren, zu analysieren und zu ordnen, müssen die Prozeduren, die Merkmale und die Funktionen mit denen sie erstellt wird, untersucht werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Autor. Michel Foucault betrachtet den Autor in seinem Text „Was ist ein Autor?“ als eine Funktion des Diskurses und wirft folglich die Frage nach der Definition und Begrenzung des Autor-Begriffs auf. Sein Text fügt sich damit in eine Reihe weiterer Texte, die sich mit der Theorie der Autorschaft befassen – wie zum Beispiel Sigmund Freuds „Der Dichter und das Phantasieren“, Roland Barthes „Der Tod des Autors“ oder Manfred Schneiders „Der König im Text“ ein. Im ersten Teil des ersten Essays soll der Versuch unternommen werden, die verschiedenen Antworten zur Frage der Autorschaft aus Foucaults und Schneiders Text zu erläutern. Anschließend werden die Ergebnisse genutzt, um den Autor in die Institution des Diskurses einzubinden, um herauszufinden, welche Funktion er darin übernimmt. Der Begriff „Institution“ wird hier im Sinne eines Systems zur Regulierung von Normen in einer Gesellschaft verwendet.

Manfred Schneider geht in seinem Text „Der König im Text“ der Frage nach der Autorität in Recht und Literatur des Römischen Reiches nach. Er behält also vor allem Foucaults Argument des Aneignungsverhältnisses im Blick. So verweist er darauf, dass die übermenschliche Autorität (Gott, König oder Dichter) des Textes unbedingt durch kontrolliertes Lesen zu sichern sei. Schon durch das Übersetzen entstehe eine Bedrohung der Ursprungstexte und außerdem wurden früher falsche Lektüren als Ursache für Attentate auf den König gesehen.[1] Königen wird das Recht zugesprochen, Gesetze nach Gefühl zu verabschieden, wodurch sich eine Autoritätstradition von literarischen und gesetzlichen Texten ergeben hat.

Die Autorität im (Gesetzes) Text ermöglichte dem König die Sicherung seiner Macht. Im Römischen Recht um 530 wurde nur dem Kaiser das Recht gegeben, Gesetze zu verabschieden, die außerdem nur unter kaiserlicher Aufsicht kommentiert werden durften, um den Schutz vor nicht- autorisierter Auslegung zu gewähren.[2] Der Text galt also als abgeschlossen und wurde nur dem Kaiser zugeschrieben, der als Einziger Ergänzungen oder Vervollständigungen anregen konnte. Die „göttlichen“ Instanzen Papst, Kaiser und König waren eine „Verkörperung der Textautorität“[3] und hatten einzig und allein das Recht am Text.

Eine weitere göttliche und unsterbliche Instanz, der die Amtsautorität im frühen Rom verliehen wurde, war der Dichter. Genauso wie der Kaiser Gesetze ohne Vorbild erließ, produzierte und erzeugte der Dichter auch etwas aus einem Nichts – Literatur aus Buchstaben. Genauso wie die Waffenproduktion, diente die Literatur dem Staat dazu Ruhm im Volk zu erlangen. Sie war eine dauerhafte Erfindung, aus der eine Autorität des literarischen Kanons etabliert wurde.[4] Das Dichteramt ermöglichte Dichtern das Sonderrecht in ihrem eigenen Namen sprechen zu dürfen (u.a. in ihren Werken), was anderen Ämtern untersagt war. Dieses Amtsrecht wurde aber um 1800 vom Dichter abgeschnitten und der Literaturwissenschaft übertragen.[5] Die Literatur wurde als „Medium der Gesetze der Bildung“[6] autorisiert. Sie bildete sich zu einer historischen Wissenschaft aus. Sie verblieb aber bei dieser Amtsfunktion, da die Literaturwissenschaft nicht wisse oder nicht deutlich sage, was sie wolle. Die Geschichtswissenschaft diente z.B. hingegen dem Recht als „Gesetzgebungswissenschaft“. Recht entstünde daher nicht durch Normierung, sondern durch Geschichte, so Savigny.[7] Was mit der Autoren- Figur durch das Wegfallen des Autorenprivilegs passierte, soll im nächsten Abschnitt anhand von Foucaults Argumenten erläutert werden.

Michel Foucault entwickelt im Laufe seiner Sitzungsrede vor der Französischen Gesellschaft für Philosophie von 1969 vier Argumente zur Beantwortung der Frage in der Überschrift („Was ist ein Autor?“), die dem Text vorangestellt werden. Folgende Argumente dienen dazu, die Stellen zu zeigen, an denen die Autorfunktion erfüllt wird, obwohl der Autor selbst sehr weit zurücktreten musste[8]:

„1. Autorname: man kann ihn nicht wie eine festgelegte Beschreibung behandeln; aber man kann ihn ebensowenig wie einen gewöhnlichen Eigennamen behandeln.“[9] Foucault stellt zunächst die Behauptungen auf, der Autorname sei ein Eigenname und einer Beschreibung gleichwertig. Er widerlegt dies jedoch ein paar Zeilen später, mit der Begründung, der Autorname stehe zwar in Verbindung zum Benannten (also dementsprechend zum Werk), die Bezeichnung gelte aber nicht als wirkliche Beschreibung des Werkes. Der Autorname kann also nicht als ein Signifikant für das zugehörige Signifikat „Werk“ funktionieren, da hinter seinem Namen auch modifizierbare Lebensdaten und -fakten stehen. Diese Modifikationen verorten das Werk mit Hilfe der Funktion „Autor“ in einem Diskurs, die darin vor allem zur Klassifikation und für Intertextualitätsbeziehungen genutzt wird. „Folglich könnte man sagen, dass es in einer Kultur wie der unseren eine bestimmte Anzahl von Diskursen gibt, die die Funktion ‚Autor‘ haben, während andere sie nicht haben.“[10]

[...]


[1] Vgl. Manfred Schneider, Der König im Text. Autorität in Recht und Literatur, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft III/1, Frühjahr 2009, S. 48.

[2] Vgl. ebd., S. 49-51.

[3] Ebd., S. 52.

[4] Vgl. Manfred Schneider, Der König im Text. Autorität in Recht und Literatur, S. 53-55.

[5] Ebd., S. 56.

[6] Ebd., S. 58.

[7] Vgl. ebd., S. 59-61.

[8] Vgl. Michel Foucault, Was ist ein Autor?, in: ders. Schriften zur Literatur, Ffm. (Fischer) 1988, S. 7

[9] Ebd., S. 7.

[10] Michel Foucault, Was ist ein Autor?, in: ders. Schriften zur Literatur, Ffm. (Fischer) 1988, S. 19.

Details

Seiten
8
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656679745
ISBN (Buch)
9783656679783
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275297
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,3
Schlagworte
institutionen systeme regulierung normen gesellschaft

Autor

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