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Lebensqualität im Alter

Gewichtung subjektiver und objektiver Aspekte

Bachelorarbeit 2014 71 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagungen

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Definition von Alter
2.2 Lebensqualität im Alter
2.3 Individuelle und gesellschaftliche Altersbilder
2.4 Persönlichkeit, Identität und Selbstkonzept im Alter .

3 Material und Methodik
3.1 Studienteilnehmerinnen
3.2 Studiendesign
3.3 Erhobene Variablen
3.3.1 Emotionen
3.3.2 Lebenszufriedenheit
3.3.3 Altersbilder
3.3.4 Gesundheitszustand
3.3.5 Motorik-Index und physikalische Fitness . .
3.3.6 Kognitions-Index
3.3.7 Persönlichkeit
3.4 Lineare Strukturgleichungsmodelle (SGM)
3.4.1 Messannahmen
3.4.2 Pfadmodell
3.4.3 Allgemeiner Aufbau SGM
3.5 Hypothesen der latenten Variablen des SGM

4 Ergebnisse
4.1 Beurteilung der Schätzergebnisse
4.1.1 Bewertung der Teilstrukturen
4.1.2 Bewertung der Gesamtstruktur
4.2 Ausgangsmodell
4.3 Modifiziertes Modell

5 Interpretation der Ergebnisse
5.1 Bedeutung der subjektiven Aspekte
5.2 Einfluss der Persönlichkeit
5.3 Einfluss von Gesundheit auf die Lebenszufriedenheit
5.4 Fluide und kristalline Intelligenz in Bezug auf motorische Fähigkeiten

6 Diskussion

7 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Emotionstypen
8.2 Altersdimensionen
8.3 Items Lebenszufriedenheit SWLS
8.4 Item 1 bis 41 der Emotionsskala
8.4.1 Item 1 bis 11 der Emotionsskala .
8.4.2 Item 12 bis 21 der Emotionsskala
8.4.3 Item 22 bis 31 der Emotionsskala
8.4.4 Item 32 bis 41 der Emotionsskala
8.5 Items Persönlichkeit nach dem NEO FFI
8.6 Items persönliches Altersbild
8.7 Krankheiten
8.8 Faktorenanalyse
8.8.1 Lebensqualität
8.8.2 Leistungsfähigkeit
8.9 Hypothesen und Korrelationen
8.9.1 statistische Hypothesen
8.9.2 Korrelationen/Hypothesentestung
8.10 Modell 1
8.10.1 Notes of Model
8.10.2 Modification Indices
8.10.3 Model Fit Summary
8.10.4 Estimates
8.11 Modell 2
8.11.1 Notes of Model
8.11.2 Assessment of Normality
8.11.3 Model Fit Summary
8.11.4 Estimates

Abbildungsverzeichnis

1.1 Sozialer Wandel in den eigenen Altersbildern (Bundestag, 2010, S. 497) . . .

2.1 Lebensqualität als Konstrukt (nach Rietz & Rudinger, 2000, S. 28)

2.2 Altersbedingte Differenzen im Grad der unterschiedlichen Emotionstypen (Kessler & Staudinger, 2009, S. 355). Y-Achse = Selbsteinschätzung nach Fragebogen (Mittelwerte)

2.3 z-transformierte Mittelwerte der Ausprägung einzelner Dimensionen des Al-tersbildes in den Altersbild- Clustern (Huy & Thiel, 2009, S. 126)

3.1 Verlauf fluide/ kristalline Intelligenz über die Lebensspanne modifiziert nach Kray und Lindenberger (2005, S. 195)

3.2 Strukturmodell der latenten Variablen (nach Rudolf & Müller, 2012, S. 349)

3.3 Messmodell der exogenen, latenten Variablen Leistungsfähigkeit (nach Rudolf & Müller, 2012, S. 349)

4.1 Ausgangsmodell basierend auf den Theorien von Rietz und Rudinger (2000) .

4.2 Modifiziertes Modell

Tabellenverzeichnis

3.1 Motorik Tests

3.2 Komponenten der Cogbat (cognitive test battery)

3.3 Regressionsmodell, X beeinflusst Y (eigene Tabelle)

3.4 Pfadmodell: direkte und indirekte Zusammenhänge (eigene Tabelle)

3.5 rotierte Komponentenmatrix-Werte der latenten Variablen Leistungsfähigkeit

3.6 rotierte Komponentenmatrix-Werte der latenten Variablen Lebensqualität . .

3.7 Hypothesen über die Zusammenhänge im Strukturmodell

8.1 Hypothesen der manifesten Variablen

8.2 Ergebnis Hypothesentestung manifeste Variablen

Danksagungen

Die Grundlage für die vorliegende Arbeit wurde während eines Praktikums an der Jacobs Universität gelegt.

Ich danke besonders Claudia Niemann (Doktorandin, Jacobs Center on Lifelong Learning, Jacobs Universität Bremen). Ohne die Daten ihrer Seniorentanz-Studie und die Gespräche während des Praktikums, hätte es diese Arbeit nicht gegeben.

Ein ganz besonderer Dank gebührt meinem Mann Enno Hollmann. Ohne ihn und seinen Glauben an meine Fähigkeiten, hätte ich mir keine GedAanken über Danksagungen machen müssen, weil es dieses Studium für mich nicht gegeben hätte.

1 Einleitung

„Das Alter ist jung“,

so Baltes (1996, S. 35). Historisch gesehen ist das Alter erst ein Thema des 20. Jahrhunderts. Noch nie war die Lebenserwartung so hoch wie heute. Neugeborene Mädchen haben eine Lebenserwartung von 82,4 Jahren, 80jährige Frauen dürfen auf ein durchschnittliches Alter von 88,97 Jahren hoffen. Das bedeutet, dass heutzutage nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben noch viele Jahre folgen, die vergleichsweise frei gestaltet werden können, so eine Feststellung in der 6. Altersstudie (Bundestag, 2010, S. 22).

Einhergehend damit verändern sich die Bedürfnisse der über 65jährigen. Der qualitative Aspekt gewinnt an Bedeutung. Es geht unter anderem um die Erhaltung von Lebensqualität. Was bedeutet aber Lebensqualität? Bowling (2007, S. 296) versucht darauf eine Antwort zu geben, die sie aus Interviews mit 337 über 65jährigen extrahiert hat: physische Gesundheit (43 %), Freizeit- und soziale Aktivitäten (34%), geistige Leistungsfähigkeit (18%) und soziale Beziehungen und Kontakte (15 %).

Die Sicht der Gesellschaft auf ältere Mitmenschen zeigt sich in ihren Altersbildern, deren Bedeutung in der Studie der Bundesregierung hervorgehoben wird. Diese Bilder vom Alter schaffen eine Realität, an der sich die Gesellschaft orientiert, die sagt, was Alter ist und wie sich alte Menschen zu verhalten haben.

Diese Altersbilder werden der Variabilität des Alterserlebens und der Fähigkeiten im Alter vielfach nicht gerecht. Kein anderer Lebensabschnitt ist als so heterogen zu betrachten. So weisen Staudinger und Schindler (in Schlag, Bernhard & Megel (Hrsg.), 2002, S. 67) darauf hin, dass schon die jungen Alten über ein breites Erlebens-Spektrum bezogen auf das Altern verfügen: vom aktiven, über das kontemplative, bis hin zum unzufriedenen Altern. Baltes (1996, S. 34) gibt zu bedenken, dass das Altersbild in Deutschland im Kontrast zum „Jugendwahn“ , eher negativ gefärbt und zu wenig differenziert sei.

Was geschieht, wenn die gesellschaftliche Einordnungen in von Defiziten bestimmte Kategorien erfolgt? Die Möglichkeiten, die eigenen Stärken, Bedürfnisse und Wünsche im Alter auszuleben, werden dadurch erschwert, da sich die Angebote eventuell nur an vermeintlichen Bedürfnissen orientieren. Unsere Gesellschaft wird älter, die Älteren heutzutage gesünder. Sie besitzen einen höheren Bildungsstand. Daraus resultieren andere Bedürfnisse (siehe oben: Bowling, 2007, S. 296) als noch vor Jahren. Wie hat sich das auf die gesellschaftlichen Altersbilder bis heute ausgewirkt?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.1: Sozialer Wandel in den eigenen Altersbildern (Bundestag, 2010, S. 497)

Aus Abbildung 1.1 sind zwei Trends zu erkennen. Der erste ist, dass über die drei Erhebungs- wellen 1996, 2002, 2008 im linken Schaubild eine Tendenz hin zu einem positiveren Bild des eigenen Älterwerdens zu sehen ist. Es muss allerdings unterschieden werden zwischen den befragten Altersklassen. Für einen 40jährigen liegt das Alter noch in der Zukunft, während ein 70jähriger mittendrin steht. Ein 60jähriger der ersten Befragung 1996 (heller Balken) befindet sich 2008 beispielsweise in der Gruppe der 76- 81jährigen wieder (dunkler Balken). Er scheint also im Mittel das Alter als 76jähriger positiver zu bewerten als ein 76jähriger 1996. Hier zeigt sich allerdings auch der zweite Trend, dass das wirkliche Erleben des Alters doch zu einer stärkeren Wirkung des Alters selbst führt und somit das Altersbild negativer ausfällt als die in jüngeren Jahren gemachte Prognose. Die Tendenz ist seit 1996 leicht ansteigend. Das rechte Schaubild zeigt ein vergleichbares Ergebnis mit entgegengesetzter Polung. Über die Zeit ist dennoch ein Wandel hin zu einem positiveren Altersbild zu erkennen. Aus der Bewertung des Alters heraus stellt sich die Frage, ob diese Einschätzung auf realen, manifesten Werten beruht, wie zum Beispiel dem Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit, dem Nachlassen der motorischen Fähigkeiten oder ob andere Modalitäten die Lebensqualität beeinflussen.

So könnten beispielsweise die beschriebenen allgemeinen Altersbilder das persönliche Al- tersbild färben, implizit auf das Verhalten wirken und dieses, weitgehend unabhängig von Messwerten, beeinflussen. Oder färbt die eigene Persönlichkeitsstruktur die Sichtweise? Wo ist der Ansatzpunkt, um die Lebenszufriedenheit im Alter zu erhöhen?

In bisherigen Studien gab es hauptsächlich den Blickwinkel auf den positiven Einfluss sozialer Kontakte und körperlicher Aktivität (Cooper, Okumara & Gurka, 1991; Herero & Extremera,2010; Voelker-Rehage, Godde & Staudinger, 2006).

Welchen Einfluss hat aber die Persönlichkeit auf die Ausrichtung der eigenen Sicht aufs Alter? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Altersbild und der Lebenszufriedenheit?

Im Folgenden sollen Hypothesen geprüft werden. Weitergehend werden daraus statistische Beziehungen in einem linearen Strukturgleichungsmodell theoriegeleitet sinnvoll verknüpft und dargestellt.

Grundlage dieser Arbeit sind die Erhebungsdaten des Projektes Seniorentanz vom Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development (2013). N = 91 Probandinnen im Alter von durchschnittlich 73,5 Jahren (SD 5.33) wurden in unterschiedlichen Settings getestet (siehe Kapitel 3.2).

Wegen der besonders bei kausalen Modellen wichtigen theoretischen Untermauerung soll zuerst der theoretische Hintergrund der zentralen Begrifflichkeiten beleuchtet werden, bevor die Erhebungsinstrumente der einzelnen Variablen beschrieben werden. Daraus erarbeiten sich die Hypothesen, die im Folgenden in ein Modell eingebaut werden.

Diese Arbeit soll einen Überblick über das komplexe Zusammenspiel der subjektiven und ob- jektiven Faktoren der Lebensqualität im Alter geben im Zusammenspiel mit dem persönlichen Altersbild.

2 Theoretischer Hintergrund

Um sich dem Konstrukt von Lebensqualität und dem persönlichen Altersbild zu nähern, sollen die zentralen Begrifflichkeiten dieser Arbeit und der Stand der Forschung in diesem Kapitel erläutert werden. Da es sich um eine komplexe Thematik handelt, werden verschiedene Theo- rien und Sichtweisen dargestellt. Dabei soll die Heterogenität des Alterserlebens verdeutlicht werden.

2.1 Definition von Alter

Im Folgenden wird sich auf das chronologische und soziale Altern bezogen. Chronologisch insofern, als dass eine bestimmte Gruppe von Menschen betrachtet wird, die zwischen 65 und 85 Jahre alt ist. Soziales Altern bedeutet in diesem Zusammenhang, dass im Vergleich zu jungen Menschen ein Rollen- und Positionswechsel stattgefunden hat. Alle Teilnehmerinnen der „Seniorentanz“-Studie waren zum Testungszeitpunkt nicht mehr erwerbstätig.

Da es nicht „das Altern“ gibt, sondern eine sehr individuelle Art des Alterns, eine hohe querschnittliche Variabilität, erscheint es auch sinnvoll, die betrachtete Lebensaltersspanne in sinnvolle Abschnitte zu unterteilen. Es würde schließlich auch keinen Sinn machen, die Spanne von 10 - 30 Jahren als einheitliche Kategorie zu betrachten in Bezug auf Leistungsfähigkeit, Wünsche und Bedürfnisse. Angelehnt an Staudinger und Schindler (in Schlag et al. (Hrsg.), 2002, S. 69) kann sinnvollerweise von den jungen Alten (60- 70 Jahre), den mittleren Alten (70- 85 Jahre) und den Hochaltrigen (>85 Jahre) gesprochen werden. Diese Studie bedient sich aus methodischen Überlegungen dieser leicht modifizierten Einteilung.

2.2 Lebensqualität im Alter

Der komplexe Begriff Lebensqualität lässt sich nicht eindeutig über einen Indikator beschreiben. Er muss als Konstrukt latenter Variablen verstanden werden und lässt sich laut Rietz und Rudinger (2000, S. 28) am ehesten zerlegen in subjektive und objektive Aspekte. Dieses Konstrukt wird im Weiteren Grundlage für die Betrachtung qualitativen Alterns sein.

Anhand der Studiendaten soll zum einen geprüft werden, ob das Modell bestätigt werden kann und zum anderen sollen die Beziehungen und Gewichtungen (Bedeutsamkeit) untersucht werden, die sie auf das individuelle Altersbild haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Lebensqualität als Konstrukt (nach Rietz & Rudinger, 2000, S. 28)

Die subjektiven Aspekte untergliedern sich noch einmal in kognitive und emotionale Komponen- ten (Abb. 2.1 ). Hierbei geht es um die gefühlte Lebenszufriedenheit und um wahrgenommene Emotionen. Es kann eine Person mit gesundheitlichen Einschränkungen durchaus eine hohe Lebenszufriedenheit empfinden, bedenkt man, dass mit zunehmendem Alter verstärkt Kom-pensationsstrategien genutzt werden, um den Effekt des „trotzdem“ zu erreichen (Baltes,Lindenberger & Staudinger, 1998, S. 643; Brandstädter & Greve, 1994, S. 57), wie in Kapitel 3.3.3 beschrieben. Die objektiven Aspekte unterteilen sich in kognitive und motorische Leis- tungsfähigkeit und den ärztlich beurteilten Gesundheitszustand nach Rietz und Rudinger (2000). Zur kognitiven Leistungsfähigkeit gehören unter anderem Wissen, Gedächtnis und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, zur Motorik Fertigkeiten wie Balancieren, Schnelligkeit, Ausdauer. Um die latente Variable Lebensqualität in dieser Studie zu beschrei- ben, wurde der Punkt ä rztlich beurteilter Gesundheitszustand insofern modifiziert, als das ein definierter Mindestgesundheitszustand überhaupt Voraussetzung für eine Teilnahme war,belegt durch ein unbedenkliches EKG. Zusätzlich wurde über eine Selbstauskunft der jetzige Zustand erfragt und über die Anzahl der derzeitigen chronischen Krankheiten bewertet.

Auf die beschriebenen Komponenten haben auch andere Faktoren Einfluss, wie beispielsweise Einkommen, Beziehungen, Gesundheitsversorgung. Dies soll in vorliegender Arbeit nur am Rande thematisiert werden.

Die Zeit des Alters beinhaltet in einem höheren Maße Verluste und Einschränkungen im per-sönlichen, kognitiven und motorischen Bereich als das junge oder mittlere Erwachsenenalter (Voelcker-Rehage et al., 2006, S. 558-559). Würde man hier eine Prognose stellen wollen, so könnte man annehmen, dass die Lebenszufriedenheit über die Zeit abnehmen würde und negative Emotionen überwiegen oder zumindest im längsschnittlichen Vergleich zunehmen,da es zu einer steigenden Ist-Soll-Diskrepanz kommt zwischen Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Das diese einfache Sichtweise sich nicht bestätigen lässt, zeigt eine Studie von Kessler und Staudinger (2009, S. 350), in der ältere Erwachsene (59- 80 Jahre) unter anderem berichten, dass sie sich kompetenter in der Kontrolle ihrer Emotionen fühlten. Es zeigte sich auch eine größere Flexibilität im Gebrauch von Strategien der Regulation. Neben diesen Ergebnissen oder auch gerade auf Grundlage dieser Ergebnisse konnte gezeigt werden, dass besonders Ältere eine höhere Effizienz zeigten, wenn es darum ging, positive Gefühle in schwierigen Situationen zu generieren und negative Gefühle zu reduzieren. Die gezeigte Flexibilität scheint ein Schlüssel zu sein, um zu verstehen, warum insbesondere positive, niedrig erregte Emotionen im Alter zunehmen (ebd., 2009, S. 355), die mit dem Gefühl von Zufriedenheit korrespondieren. Zu diesen Emotionen zählen Gelassenheit, Entspanntheit, in sich ruhen und Ungezwungenheit. In der beschriebenen Studie korrelieren diese Eigenschaften sowohl mit dem Alter, als auch mit den Big Five (Persönlichkeit), wobei letztere signifikant den Effekt des Alterns reduzieren (p< .001).

Die Beobachtung eines Zusammenhanges mit der Persönlichkeit deckt sich mit den Ergeb- nissen einer Studie von Havighurst (1961, S. 8), der die Frage nach erfolgreichem Altern mit drei Theorien zu beantworten versucht. Demnach ist erfolgreiches Altern zum einen (1) Activity, möglichst lange Aufrechterhaltung der Aktivitäten des mittleren Erwachsenenalters, zum Anderen (2) Disengagement, die Akzeptanz der sukzessiven Loslösung vom aktiven Leben und (3) mature, eine „reife“ Haltung, die Zufriedenheit bedeutet, solange Aktivität im Altersrahmen möglich ist. Havighurst kommt zu dem Ergebnis, dass sich jeder die Frage selbst beantwortet, was für ihn Zufriedenheit im Alter bedeutet. Somit wird ein Teil der Älteren der Aktivitätstheorie zugeordnet sein, während ein anderer Teil die Loslösung präferiert oder eine „reife“ Haltung an den Tag legt, so Havighurst (1961, S. 12). Er sieht den Grund für die Hinwendung zur einen oder anderen Gruppe in der Persönlichkeit der Personen. Einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebenszufriedenheit zeigen auch Kessler und Staudinger (2009, S. 358).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2: Altersbedingte Differenzen im Grad der unterschiedlichen Emotionstypen (Kessler & Staudinger, 2009, S. 355). Y-Achse = Selbsteinschätzung nach Fragebogen (Mittelwerte).

In der Abbildung 2.2 zeigt sich insgesamt ab dem mittleren Alter ein Anstieg positiver Emotionen (gestrichelte Linien) und eine Verminderung der negativen (durchgezogene Li- nien). Eine Zuordnung der Eigenschaften zu den unterschiedlichen Kategorien bezüglich Enervierungsgrad der emotionalen Erfahrung befindet sich im Anhang unter 8.1. Es scheint entweder der Zuwachs an emotionaler Selbstkompetenz oder die eigene Persönlichkeit ein tendenziell positiveres Lebensgefühl mit zunehmendem Alter entstehen zu lassen. Aus der Abbildung ist eine Trennung der möglichen Einflussfaktoren nicht möglich. Andere mögliche Handlungsstrategien, um die oben beschriebene Ist-Soll-Diskrepanz günstig für das positive Selbstkonzept ausfallen zu lassen, sind unter 2.4 Persönlichkeit, Identität und Selbstkonzept im Alter mit (1) Assimilation und (2) Akkommodation beschrieben (Brandtstädter & Greve, 1994, S. 56-58).

Heutzutage wird auch von „erfolgreichem Altern“ (Wahl, Diehl, Kruse, Lang & Martin, 2008, S. 11) gesprochen, was ein möglichst hohes Maß an kognitiver und motorischer Leistungsfä- higkeit sowie Selbstbestimmtheit im Alltag beinhaltet. Auch ist die erlebte Handlungsfähigkeit und Veränderbarkeit der Umwelt ein als wichtig wahrgenommener Punkt, um die Ist-Soll- Diskrepanz günstig für das positive Selbstkonzept ausfallen zu lassen. Diese Punkte könnten zu der Meinung führen, dass es zu einer höheren Bewertung der objektiven Aspekte komme. Die qualitative Veränderung der Ziele (Lang & Carstensen, 2002, S. 125), assimilative und akkommodative Handlungsstrategien (Brandtdtädter & Greve, 1994, S. 56), eine kompetente- re Emotionsregulation (Kessler & Staudinger, 2009, S. 350) sind somit wichtige Bausteine in Bezug auf Lebensqualität im Alter und legen wiederum nahe, dass es zu einer Gewichtung hin zu den subjektive Aspekten geben könne.

2.3 Individuelle und gesellschaftliche Altersbilder

Jeder Mensch bildet im Laufe seines Lebens naive Vorstellungen über den Verlauf des Alte- rungsprozesses aus. Diese Konstrukte entstehen in der Auseinandersetzung mit der Umwelt (Huy & Thiel, 2009, S. 122). Altersbilder sind nach dem sechsten Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundes- republik Deutschland (Bundestag, 2010, S. 36) Bestandteil des kulturellen Wissensschatzes einer Gesellschaft und des individuellen Erfahrungsschatzes der einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft.

Es gibt unterschiedliche Ebenen der Betrachtung. Zum einen kann eine Gesellschaft ein Bild vom Altern generieren, das auf der Makro-Ebene das Individuum beeinflusst und als „kollektives Deutungsmuster“ einer Gesellschaft gesehen werden kann, zum anderen kann es in die Struktur von sozialen Organisationen eingehen. Dies geschieht auf der sozialen Meso-Ebene. Hier bekommen die Vorstellungen, was im Alter gesellschaftlich angemessen-erscheint eine konkrete, handlungswirksame und dauerhafte Form. Als dritten Punkt geht-der Bericht auf die soziale Mikroebene ein. Es kommen bestimmte Verhaltensmuster unter-anderem dann zum Tragen, wenn zum Beispiel das Alter in einer Interaktion thematisch-eine Rolle spielt oder es sich um altersbezogen asymmetrische, soziale Kontakte handelt. Die-so in den drei Ebenen entstandenen Stereotype bilden vereinfachte Modelle des Alters und-Alterns, die allerdings zu Beurteilungsfehlern in Hinblick auf individuelle Alterungsprozesse-führen können (Hamilton & Gifford, 1976, S. 406). Nach der von ihnen aufgestellten „Theorie-der illusorischen Korrelation“ werden Dinge oder Argumente in eine Beziehung zueinander-gebracht, die faktisch nicht besteht (Howard & Cortés, 2004, S. 15). Um bei den Altersbildern-zu bleiben, wäre eine solche illusorische Korrelation beispielsweise „alte Menschen können nichts Neues mehr lernen“. Wird dies als vermeintliche Wahrheit angenommen, entstehen verzerrte Glaubenssätze über die Gruppe der Alten. So entstandene negative Rollenbilder können beispielsweise Leistungspotenziale unterdrücken (Trautmann, Voelcker-Rehage & Godde, 2011, S. 25; Bundestag, 2010, S. 23). Trotz vorhandener Kompetenzen wird im Sinne eines underachievements agiert. Daraus lässt sich die Frage ableiten, ob sich über- haupt ein kausaler Zusammenhang finden lässt zwischen den Variablen Altersbild und den konkret gemessenen Indices für Kognition und Motorik (siehe 3.3 Variablen)? Korrelieren also die eigenen Potenziale mit dem eigenen Altersbild oder sollte der Interpretation von-Schmitt (2004, S. 290) gefolgt werden, der im Sinne des Konstruktivismus keinen direkten-Zusammenhang zwischen dem subjektive Erleben und den konkreten Leistungseinbußen (vgl. Motorik / Kognition) sieht? Es macht demzufolge nur das Erleben Sinn, dem der Sinn oder die Bedeutung gegeben wird. Mit anderen Worten könnte man sagen, dass das ausgeblendet-wird, was das Selbstkonzept stört oder es zu demontieren droht. Was mit Bedeutung belegt-wird wiederum hängt laut Schmitt von dem individuellen Altersstereotyp ab. Ist die eigene-Prägung negativ, werden die Vulnerabilitäten verstärkt wahrgenommen, während ein von Kompetenz geprägtes Bild eine Resilienz bedeutet. So scheint, im Sinne einer self fulfilling prophecy, die eigene Sicht aufs Alter zu einem impliziten, dem Bewusstsein nicht zugänglichen Modell zu werden, so eine These von Levy (zitiert nach Schmitt, 2004, S. 290). Wobei auch-der Richtung der Prägung eine Bedeutung zukommt. So fand Meisner (2011, S. 15) in seiner-Metaanalyse heraus, dass Priming durch negative Stereotype 2,6-fach stärkeren Einfluss hat-auf das Verhalten als Priming durch positive.

Eine differenzierte Betrachtung der genutzten Altersbilder liegt von Huy und Thiel (2009) vor. Mit 2002 Personen zwischen 50 und 70 Jahren wurden computer- assistierte Telefon- interviews durchgeführt. 31 Aussagen zu Gesundheit, Aussehen, Aktivität und Lebensstil sollten bewertet werden. Mittels Faktoren- und Clusteranalyse konnten drei unterschiedliche Altersbild- Cluster identifiziert werden: (1) die fitten Leistungshungrigen, (2) die klassischen,(3) die unbekümmert Engagierten.

Die verschiedenen Items, die Huy und Thiel (ebd.) verwendet haben, sind, gruppiert nach den Dimensionen der Hauptkomponentenanalyse, im Anhang unter 8.2 einzusehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.3: z-transformierte Mittelwerte der Ausprägung einzelner Dimensionen des Al- tersbildes in den Altersbild- Clustern (Huy & Thiel, 2009, S. 126)

Die Cluster (Abb.2.3) wurden in der Studie in Bezug gesetzt zum allgemeinem Gesund- heitsverhalten. Es zeigten Personen mit positiv-optimistischem Bild vom Alter (Cluster 1) ein signifikant gesundheitsförderlicheres Verhalten als Personen, die das Alter mit Rückzug und Passivität in Verbindung brachten (Cluster 3). So waren beispielsweise die zu Cluster 1 gehörigen Probanden (fitten Leistungshungrigen) sportaktiver und ernährten sich gesünder. Jede Gruppe wird vermutlich durch ihr Verhalten eine Bestätigung ihres Bildes erhalten, da die Aktiven (1) gesundheitlich profitieren würden und daraus resultierend im Mittel gesünder wären und blieben, während die Passiven (Cluster 3) leicht in eine negative Spirale gleiten könnten, die ihre Sicht der Verluste verstärken würde. Die eigene Sicht auf das Alter kann das Verhalten demzufolge sowohl im Negativen als auch im Positiven beeinflussen. Huy und Tiehl (2009, S. 123) weisen darauf hin, dass sich negativ getönte Altersbilder in diesem Kontext als ein großes Problem erweisen können, bezogen auf die Motivation, beispielsweise ein gesundheitsförderliches Verhalten zu zeigen. Die Per- sönlichkeit besitzt dabei einen großen Einfluss auf die Sichtweise, wie mit der allgemeinen Entwicklung durch das Alter umzugehen ist (Baltes et al., 1998, S. 643). Sie bestimmt welches Verhalten in Bezug auf Gewinne und Verluste des Alters gezeigt wird.

2.4 Persönlichkeit, Identität und Selbstkonzept im Alter

Eine allgemeingültige Definition des Begriffes Persönlichkeit gibt es nicht. Es gibt viele Theorien, die sich dem Konstrukt nähern.

Das Wörterbuch Psychologie (Fröhlich, 2008, S. 363) definiert Persönlichkeit als die „umfas- sende Bezeichnung für die Beschreibung und Erklärung der Bedingungen, Wechselwirkungen und Systeme, die interindividuelle Unterschiede des Erlebens erfassen und gegebenenfalls eine Vorhersage künftigen Verhaltens ermöglichen“.

Allport sieht das Konstrukt als „dynamische Organisation derjenigen Systeme im Individuum, die sein charakteristisches Verhalten und Denken determinieren“ und A. Leontjew (1903-1979) wies darauf hin, dass Persönlichkeit erst durch den Austausch mit der Umwelt entsteht (Simon,2006, S. 10), um nur einige Beispiele zu nennen.

Es scheint, laut verschiedener Studien, wie beispielsweise von Brandtstädter (2002; zitiert nach Wahl et al., 2008, S. 8), sowie Staudinger und Kunzmann (2005, S. 326), eine Stabilität in Bezug auf Persönlichkeit im Alter zu bestehen.

Wie lässt sich aber erklären, dass sich vielfach das Verhalten über die Zeit verändert? Lang und Carstensen (2002, S. 134) gehen nicht von einer Persönlichkeitsveränderung aus, die dies bewirkt, sondern lediglich von einer Änderung der Ziele. So zeigte ihre Studie mit N = 180 ProbandInnen zwischen 20 und 90 Jahren, dass Ältere, die ihre verbleibende Zeit als limitiert ansehen Ziele wählen, die emotionale Werte beinhalten und in naher Zukunft umgesetzt werden können, während Jüngere ihre Zeit als unbegrenzt empfinden und eher bildungs- und erfahrungserweiternde Ziele bevorzugen. Hier kann man folglich nicht von einer Persönlichkeitsänderung sprechen, sondern vielmehr von einer Werteverschiebung, die in ihrer individuellen Ausrichtung durch die zugrundeliegende Persönlichkeit gelenkt wird. Für den Begriff der Identität gibt es ebenfalls keine allgemeingültige Definition, sondern nur Annäherungen und Erklärungsversuche.

Vereinfacht lässt sich Identität als die eigene Persönlichkeitsstruktur („das bin ich“) und das Bild, das andere von dieser Struktur haben (Oerter & Montada, 2002; in Haller & Müller, 2006,S. 11) beschreiben. Identität wird auch bezeichnet als Selbst und kann zusammengefasst als eine Verortung eines Individuums gesehen werden (Keupp, Ahbe, Gmür, Höfer, Mitzscherlich, Kraus, et al.,2002, S. 27). Sie unterteilen Identität in drei Teilbereiche in Bezug auf die Ziele. Zum einen strebt ein Individuum nach (1) Authentizität (Einzigartigkeit), zum anderen nach (2) Kohärenz (Stimmigkeit, Integration verschiedener Anforderungen) und zum dritten nach (3) Anerkennung/ Integration (Platz in der Gesellschaft). Keupp et al. (2002, S. 60) verstehen Identität als das individuelle Rahmenkonzept einer Person, innerhalb dessen sie ihre Erfahrungen interpretiert. Innere und äußere Erfahrungen müssen stimmig verknüpft werden. Geht man in der Betrachtung von Alter auf Erickson (1971, S. 263) zurück, so erreicht der alte Mensch die achte und letzte Stufe der Ich-Entwicklung und hat, bei erfolgreicher Bearbeitung der Aufgaben der vorangegangenen Stufen, ein kohärentes Selbstbild entwickelt. Erickson nennt dies Ich-Integrität. Er ruht in sich, weiß um die Endlichkeit des Lebens und schaut auf sein gelebtes Leben zurück mit Hinnahme dieses eigenen, einzigen Lebensweges. Ist es nicht zu einer gefestigten, gewachsenen Ich-Integrität gekommen, zu keiner Integration des gelebten und nicht-gelebten Lebens, kann sich Verzweiflung einstellen, wenn die Zeit zu kurz ist, um einen alternativen Weg zu gehen.

Was in früheren Jahren nach Keupp (2002) noch Identitätspakete waren, an denen sich die alten Menschen am Ende ihres Lebens orientieren konnten, um zu einer Ich-Integrität zu gelangen, sind heute individuelle Passungsleistungen. Dies beinhaltet sowohl eine Chance der Selbstgestaltung, als auch eine Forderung zur Handlung, die ohne materielle, soziale,psychische Ressourcen zu einer schwer erträglichen Aufgabe werden kann (Keupp et al., 2002,S. 53).

Es stellt sich die Frage, inwieweit heutzutage ältere Menschen die Chance nutzen, zu einer Identitätsgestaltung, die ihrer Individualität entspricht, zu gelangen oder ob die fehlenden Identitätspakete in die Verzweiflung über eine nicht gelungene Ich-Integrität führen. Der Mensch „baut“ sich das Konzept seiner Selbst: Wer bin ich als alter Mensch, wie darf ich sein, um die Akzeptanz und Anerkennung der Gesellschaft zu erhalten. Hierzu sagt Erickson (1971, S. 263), dass der Mensch, obwohl er sich der Relativität seiner eigene Art zu leben bewusst sei, er die Würde seiner eigenen Lebensform verteidige. Die Antwort auf die Frage nach dem „Wer bin ich?“ ist demzufolge von elementarer Bedeutung. Ist der ältere Mensch eventuell nur die Summe seiner Fähigkeiten oder hat das subjektive Erleben eine ebenso große Bedeutung?

Petersen (2008, S. 223) fasst den Begriff Selbstkonzept als Konstrukt der personalen und der sozialen Identität auf. Die personale Identität setzt sich aus Merkmalen, Eigenschaften und Fähigkeiten der Person zusammen, während sich die soziale Identität aus der Summe der assoziierten Eigenschaften und Werte zusammensetzt, die den einzelnen sozialen Rollen zuge- ordnet sind. Aus den beiden Identitäten konstituiert sich nach Petersen das Selbstkonzept. Da die Werte der assoziierten Rollen einem gesellschaftlichen Einfluss unterliegen, zeigt sich hier ein Einfluss der aktuellen Altersbilder und verdeutlicht die Subjektivität des Selbstkonzeptes, die auch schon durch das Wort Selbst impliziert wird.

Ein positives Selbstbild ist ein hohes, schützenswertes Gut. Brandstädter und Greve (1994, S.56-58) sprechen von einem Bedürfnis der Erhaltung einer positiven Identität und Lebens-perspektive im Alter und fassen die Strategie damit umzugehen im Zwei-Prozess-Modell der Entwicklungsregulation zusammen. Dem Modell zufolge gibt es zwei Möglichkeiten, die Wahrnehmung des Abbaus zu reduzieren oder zu vermeiden. Ziel ist immer eine Verringerung der Ist-Soll-Diskrepanz die durch eine (momentane) Aufforderung , ein angestrebtes Ziel oder eine gestellter Anforderung (Meyer & Greve, 2012, S. 28) entsteht.

1. Problem gerichtete Aktion (assimilativ) → Anpassung von Ist-Zuständen, mit selektiven Ausrichtung. Es werden von vornherein erreichbare Ziele geplant und selbstständig in Handlung umgesetzt.
2. Selbstevaluation (akkommodativ) → Veränderung der Soll-Komponenten, mit kompen- satorischer Ausrichtung. Dabei handelt es sich um Nicht-Intentionale Prozesse, dies können zum Beispiel Zielabwertungen sein.

Diese intrapsychischen Regulationsstrategien greifen dann, wenn proaktive Veränderungen in Bezug auf die verschiedenen Entwicklungsanforderungen nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich sind. Sie können als lebenslange adaptive Ressource angesehen werden (Meyer & Greve, 2012, S. 27-28).

Heckhausen und Schulz (1995, S. 296) bezeichnen die Handlungsstrategien als (1) primäre und (2) sekundäre Kontrollen. Diese Bezeichnungen sind analog zu (1) assimilativer und

(2) akkommodativer Strategie zu verwenden. Die primäre Kontrolle macht es dem älteren Menschen möglich, seine Umwelt zu gestalten, während die sekundäre bei der Bewältigung der altersbedingten Leistungsverluste hilft, indem beispielsweise Ziele umformuliert werden oder Prioritäten verändert werden.

Ältere haben auch eine relativ stabile, sich kaum verändernde Vorstellung der eigenen Handlungsfähigkeit (primäre Kontrolle) über die Zeit des Alterns und nutzen mit dieser Sichtweise paradoxerweise die sekundäre Kontrolle: Menschen jeder Altersstufe glauben an einen generellen Abbau der Leistungsfähigkeit im Alter, beziehen dies aber nicht auf sich selbst. Baltes et al. (1990, S. 22) sprechen auch von der Fähigkeit die Realität zu transformieren. Erreicht wird mit dem zuvor Beschriebenen zusätzlich zur Erhaltung eines positiven Selbstbildes, ein Gefühl der Handlungsfähigkeit in der jeweiligen Umwelt (Wahl et al., 2008, S. 10). Dies ist ein wichtiger Punkt bei der Bewertung der Lebenszufriedenheit (siehe Kap. 2.4). Laut Perrig-Chiello (1997; zitiert nach Kruse & Wahl, 1999, S. 285) trägt es maßgeblich zur Zufriedenheit bei, wenn ältere Menschen ihre Umwelt als veränderbar und kontrollierbar erleben.

Es scheint, als ob der ältere Mensch sein Selbstkonzept nicht an messbaren Variablen (kognitiv, motorisch) orientiert, als vielmehr eine angepasste, subjektive Selbstbewertung vornimmt. Ziel hierbei ist der Schutz des Selbstbildes. So kann beispielsweise trotz des häufigen Vergessens von Telefonnummern das eigene Gedächtnis als gut bewertet werden, wenn geleugnet wird,dass dies ein Indikator für generell nachlassende Gedächtniskapazität ist (Greve & Wentura, 2003, S. 40).

3 Material und Methodik

Zwei unterschiedliche Paradigmen dominieren die Methodenwahl in der Sozialpsychologie: das normative und das interpretative.

Nach dem Normativen Paradigma ist menschliche Interaktion gekennzeichnet durch (1) erworbene Disposition der Handelnden und (2) Rollenerwartungen, beziehungsweise einem strukturierten Satz von Rollenerwartungen, dem Status (Wilson, 1973, S. 55). Aus diesen sozialen Strukturen ergeben sich Handlungsnormen. Nach der Talcott Parsons Rollentheorie1 internalisieren Menschen Normen und Werte einer Gesellschaft und handeln dementsprechend.

Die Erklärung für menschliches Handeln ist deduktiv, vom Allgemeinen zum Speziellen. Methodologisch gesehen ist die Herangehensweise deskriptiv, beschreibend und somit der quantitativen Forschung zugeordnet.

Wilson (1973, S. 59) sieht eine menschliche Interaktion grundsätzlich als interpretativen Prozess, in dem der Handelnde nicht einfach eine Rolle einnimmt, sondern aus einer Perspektive handelt und diese auch reflektiert. Im Interagieren wird fortwährend gewertet und die folgende Handlung angepasst. Das Interpretative Paradigma nähert sich nicht deduktiv, sondern versucht die Rolle des Handelnden einzunehmen (ebd., S. 62, 69), um seine Motive, Absichten und Umstände zu verstehen und zu deuten. Auf der methodologischen Seite bewegt man sich hier im Rahmen der qualitativen Analysen.

Die Grundlage der vorliegenden Arbeit ist das normative Paradigma. Die Herangehensweise ist deduktiv. Es soll vom allgemeinen Verhalten einer Gruppe auf die Bedürfnisse der Mitglieder der Gruppe geschlossen werden. Es wird davon ausgegangen, dass alle Beteiligten sich auf das gleiche Wertesystem beziehen und gleiche Symboliken verwenden (ebd., S. 56). Hier geht es weniger um das Empfinden und Interpretieren, als vielmehr um den Einfluss objektiver oder subjektiver Aspekte auf das persönliche Altersbild in einem Überblick. Sicher ist es eine Überlegung wert, ob dieser Arbeit angeschlossen eine qualitative, interpretative Forschung folgen sollte. Dies wird an späterer Stelle diskutiert.

[...]


1 Talcott Parson (1902- 1979), US-amerikanischer Soziologe. Gilt als einflussreicher, soziologischer Theoretiker. Stellte Handlungstheorie auf, die er weiterentwickelte zum Strukturfunktionalismus und im Weiteren aufbaute zur soziologischen Systemtheorie.

Details

Seiten
71
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656696391
ISBN (Buch)
9783656697145
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275241
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Strukturgleichungsmodell Altersbild empirisch Lebensqualität Alter Pfadmodell Persönlichkeit

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Titel: Lebensqualität im Alter