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Fremdheit im literaturgeschichtlichen Kontext der Aufklärung

Am Beispiel von Montesquieus "Lettres persanes"

Essay 2013 8 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Einleitung

Père Desmolets sollte mit seiner Prophezeiung „Cela se vendra comme du pain ! »1 recht- behalten: Montesquieus Lettres persanes (1721 anonym in Amsterdam veröffentlicht) als fiktive Korrespondenz zwischen den zwei Persern Usbek und Rica, die mit „scheinbar nai- ven[m] Blick die Fassade der europäischen Zivilisation durchschauen“2, lösten im 18. Jh. eine regelrechte Persanes-Begeisterung aus.3 In der aus der Antike überlieferten Tradition u.a. des „Bon Sauvage“4 (z.B. Homers Ilias5 ) beschäftigten sich Montesquieu, Voltaire, Diderot6, Montaigne etc. mit der Fremdheitsthematik. Die vorliegende Hausarbeit hat zum Ziel, diesen Aspekt im literaturgeschichtlichen Kontext der Aufklärung im Rahmen des XXIV. Briefs der Lettres persanes von Montesquieu zu analysieren.

Dabei gilt zunächst das Erkenntnisinteresse der Fremdheitsthematik in der Literatur im Ancien Régime und dem (despotischen) Orientalismus in Frankreich. Anschließend wird vom Allgemeinen zum Besonderen vorgegangen, indem ich zunächst die Briefsatire Lettres persanes gattungs- und literaturgeschichtlich einordne. Darauffolgend wird im Hauptteil Augenmerk auf den Untersuchungsgegenstand der Systemkritik im XXIV. Brief, deren Aspekte, Umsetzung (narratologische Analyse des Modus) und Funktion rekurriert. Zum Schluss folgt ein Fazit.

Das Werk der Kontraste, der Aufklärung und der Exotik, des Orients und Okzidents birgt bis heute Kontroversen: Diejenige der Frage nach der Inkohärenz und des komplizierten Systems der Briefe ist seit Vernière und Shackleton geklärt und verneint7, nicht so die der Genese oder die Entscheidung, ob es sich um eine Öffnung gen Osten bei Jacques Roger oder eine Sensibilisierung für das Ausland bei Bernard Bray handelt.8

Obwohl den „romanhaften Elementen“9 der Lettres persanes lange keine Beachtung ge- schenkt wurde, so ist dies doch im aktuellen Forschungsdiskurs der Fall. Nachdem mit dem 20. Jahrhundert das 19. Jahrhundert als eine Zeit des Desinteresses10 gegenüber den Lettres persanes überwunden war, erlebte die Gattung mit Autoren wie Paasche und Scheuermann einen erneuten Aufschwung.11

Im Folgenden soll diese Arbeit anhand eines multikausalen Erklärungszusammenhangs den XXIV. Brief analysieren und auf Basis ausgewählter Literatur(-kritiken) verknüpfen, da dieser den Beginn des Hauptteils und der Parisbeschreibung der Lettres persanes dar- stellt.12

Funktion der Systemkritik

Die Wahrnehmungsperspektive durch den dramatischen Modus im XXIV. Brief mit minimaler Distanz zum Erzählten und ohne reflexive Kommentare lässt diesen mehr wie ein Theaterstück als einen Brief wirken. Der XXIV. Brief ist darüber hinaus im Bezug auf die Systemkritik ein Konglomerat von Funktionen verschiedenster Provenienz:

Die vorliegende wirkungsmächtige pesudo-orientalische Briefsatire Montesquieus wirft in diesem Brief ein Schlaglicht auf die Welt- und besonders Selbsterkenntnis des Autors der zeitgenössischen französischen Gesellschaft durch die Augen des adeligen persischen Be- suchers namens Rica. Der Autor spielt dabei gekonnt mit der scheinbaren Authentizität der Naivität und Oberflächlichkeit dessen Beurteilungen: Obwohl durch die gewählte Form der Erzähler scheinbar komplett verschwindet, so gibt es doch polyzentrische Bedeutungsebe- nen. Vordergründig geht es um das individuelle Handeln des Besuchers und dessen kurz- sichtige13, humorvolle und ironische Wahrnehmung der okzidental französischen Gesell- schaft, z.B. wenn er Louis XIV als „grand magicien“14 bezeichnet oder feststellt, dass er seit über einem Monat in Paris niemanden hat gehen sehen.15 Hintergründig im „Subtext“16 geht es um das überindividuelle Interesse Kritik an Mängeln und Schwächen des Systems und der Gesellschaft auszuüben, indem ruinöser und korrupter Absolutismus, Despotismus und als rückständig empfundene kirchliche Dogmen anhand einer „theoretische[n] Kon- frontation mit der eigenen Realität“17 karikaturiert werden; im XXIV. Brief schreibt Mon- tesquieu am Ende aus Ricas Sicht: «C´est bien la même Terre qui nous porte tous deux; mais les hommes du pays où je vis, et ceux du pays où tu es, sont des hommes bien diffé- rents.»18. An dieser Stelle wird deutlich auf die Dichotomie von Orient und Okzident hin- gewiesen, eines der konstituierenden Elemente der Lettres persanes.

Die Alterität19 wird dabei zum Mittel Politik und Moral in Frage zu stellen20, wobei Rica eine multifunktionale Position einnimmt und der XXIV.

[...]


1 Quoniam, Théodore (1977): Montesquieu, son humanisme, son civisme : L´auteur et son message, Band 3, Paris: Tequi, S.36.

2 Dewulf, Jeroen (2004): Mit fremdem Blick: Lettres Persanes in der deutschsprachigen Literatur von 1721 bis heute, In: Lang, Peter: Acta Germanica: German studies in africa: Jahrbuch des Germanistenverbandes im südlichen Afrika, Band 30/31, Frankfurt am Main: Lang, S. 49-57. Hier: S.49.

3 Vgl. Ebd.

4 Winter, Michael (1978): Utopische Anthropologie und exotischer Code: Zur Sprache und Erzählstruktur des utopischen Reiseromans im 18. Jh., In: Haubrichs, Wolfgang (Hrsg.): Erzählforschung : Theorien, Modelle und Methoden der Narrativik, Band 3: Mit einem Nachtrag zur Auswahlbibliographie in Erzählforschung 1 und 2. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Beiheft 8, 1. Auflage, Göttingen: Vandehoeck und Ruprecht, S. 135-175. Hier: S. 136.

5 Vgl. Dewulf, Jeroen (2004): S. 49-57. Hier: S. 50.

6 Vgl. Ebd.

7 Vgl. Waddicor, Mark H. (1977): Montesquieu, Lettres persanes: Studies in French literature, Band 31, London: Arnold, S.12/13.

8 Vgl. Fatih, Zakaria (2010): L´âge des lumières entre vérité et altérité : Critiques littéraires, Paris: L´Harmattan, S. 199.

9 Bremer, Klaus-Jürgen (1971): Montesquieus Lettres persanes und Cadalsos Cartas marruecas : Eine Gegenüberstellung von zwei pseudo-orientalistischen Briefsatiren, Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Folge 3, Band 15, Heidelberg: Winter, S.88.

10 Vgl. Dewulf, Jeroen (2004): S.49-57, Hier: S. 49.

11 Vgl. Ebd. Hier: S. 52.

12 Vgl. Vernière, Paul (1975) : Lettres persanes : Classiques Garnier/Montesquieu, Charles Louis de Secondat de, Paris: Garnier Frères, S.12.

13 Vgl. Starobinski, Jean (1974): Les « Lettres persanes » : Apparence et essence, In : Neohelicon, Band 2,S. 83-112. Hier : S.88.

14 Schlitzer, Monika (2003): Montesquieu : Lettres persanes, Stuttgart: Reclam, S.27.

15 Vgl. Ebd. Hier: S. 25.

16 Klinkenberg, Michael F. (2009): Das Orientbild in der französischen Literatur und Malerei vom 17. Jh. bis zum fin de siècle: Studia romanica, Band 145, Heidelberg: Winter, S. 166.

17 Winter, Michael (1978): S. 135-175. Hier: S.142.

18 Schlitzer, Monika (2003): S.30.

19 Alterität meint nach Klinkenberg die „Darstellung, Vermittlung und Perzeption des Anderen“. Vgl. Klinkenberg, Michael F. (2009): S.14.

20 Vgl. Fatih, Zakaria (2010): S.202.

Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656684145
ISBN (Buch)
9783656684039
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275136
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
2,0
Schlagworte
fremdheit kontext aufklärung beispiel montesquieus lettres

Autor

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