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Das Chinabild im Reisebuch des Ritters John Mandeville

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Das Chinabild im Wandel - von der Antike zum Mittelalter unter dem Aspekt des Fremden, des Wissens und des Handels

Mandevilles Bericht

Autor und Überlieferung
Inhaltliche Gliederung und Funktion
Forschungsstand, die umstrittene literarische Leistung und Rezeptionsgeschichte..

Das Chinabild in Mandevilles Bericht
Geographische Angaben und literarisches Erleben
Menschen- und Tierbeschreibungen
Motive in Mandevilles Reisebericht
Der Großkhan, seine Macht und sein Herrschaftsgebiet
Der Hof des Großkhans
Die Geschichte der „Tataren“

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis:

Einleitung

Das Reich der Mitte - Land der ökonomischen Superlative, beinahe unüberbrückbarer ge- sellschaftlicher Segregation, topographischer Dichotomie von Stadt und Land und physio- gonomischer Extravaganz. Die heutige, europäische Faszination Chinas gründet in einer langen Tradition: Von der von Aristeas in der Antike verfassten Beschreibung der Wun- dervölker und Fabelwesen über Plinius „Naturalis historiae“ und über Mandevilles Reise- bericht des späten Mittelalters - das Interesse an dem damals wie heute heterogenen China ist gekennzeichnet durch starke Kontinuität. Dies kann man nicht für Waren- und Wissens- austausch zwischen Orient und Okzident behaupten: abwechselnd traten Nachrichten über China in größerem (Mongolenreiche) oder geringerem (nach Ende der Mongolenreiche) Maße auf. Fremdwahrnehmung, in diesem Fall Chinas, fand im Mittelalter unter der Vo- raussetzung der Dominanz alter Autoritäten statt: Jeder Reisende blieb und bleibt in seinem kulturellen Umfeld und in Vorurteilen verankert. Zudem galt im Mittelalter als Wissen und Wahrheit, was die antiken Autoren geschrieben hatten. Stereotypen der „Wilden“ und de- ren Kannibalismus und das Motiv des Paradieses auf Erden bedienten die Vorstellungen der Menschen - weit entfernt von empirischer Realität. Naturwissenschaftliche Wahrheit, die heute unabdingbar ist, trat also hinter den Faktor Wahrscheinlichkeit im Medium Schrift zurück. Diese Tatsache rekurriert wiederum auf ein bestimmtes Leserpublikum dieser Zeit, dem „heilsgeschichtliche Deutung“1 oberstes Gebot wertvoller Lektüre war. Reiseberichte sind also von zweierlei abhängig: von dem Individuum des Reisenden ers- tens und dessen zeitlicher Gebundenheit in einem bestimmten historischen Umfeld zwei- tens. Untersuchungsgegenstand der Arbeit ist Mandevilles Chinawahrnehmung. Um einen Einstieg zu finden, will sich diese Hausarbeit zunächst mit der Frage nach dem Wandel des Chinabildes (Antike/Mittelalter) auseinandersetzen. Anschließend wird Mandevilles Rei- sebericht anhand Autor, Überlieferung, inhaltlicher Gliederung, Funktion, Forschungsstand und der umstrittenen literarischen Leistung sowie der Rezeptionsgeschichte beleuchtet. Weiter wird Mandevilles Chinabild anhand seines Berichtes dargestellt, analysiert und in Anlehnung an folgende Fragen untersucht: Welche Motive verwendet er und wie konstitu- iert er sein Chinabild? Welchen Zweck erfüllen die fantastischen Schilderungen? Wie wer- tet Mandeville seine Aussagen über China? Welche Besonderheiten kennzeichnen seinen Bericht im zweiten Teil der Reisebeschreibung? Entspricht Mandevilles Chinabild dem des Spätmittelalters? Dabei soll sich erst auf geographische Angaben und literarisches Erleben, dann Menschen- und Tierbeschreibungen und später auf Motive und den Großkhan, seine Macht und sein Herrschaftsgebiet konzentriert werden. An letzteres anlehnend unter den Aspekten „Der Hof des Großkhans“, „Mandeville, der Erzähler“ und „Die Geschichte der „Tataren“ “ wird zu einem Gesamtfazit hingeführt. Die einzelnen genannten Abschnitte zeichnen sich durch Zwischenfazite am Ende aus. Der Abschnitt über die Mongolen er- schien mir als besonders merkenswert aufgrund der Tatsache, dass in der Entstehungszeit Mandevilles Bericht die Hochphase der Mongolenherrschaft zu datieren ist, die sogar bis Osteuropa vordrangen, deshalb auch der große Grad der Differenzierung. Innerhalb der Analyse und Interpretation des Reiseberichtes finden sich Seitenzahlen in Klammern, die zum „Reisebuch des Ritters John Mandeville“ gehören. Darin findet sich die neuhochdeut- sche Übersetzung, die auf einer gegen Ende des 14. Jh. entstandenen Übersetzung des Mi- chel Velser beruht. Insgesamt ist der Themenkomplex zu Mandevilles Reisebericht gut erforscht und bietet diversifizierte Informationsmöglichkeiten aufgrund vieler Studien und Abhandlungen. Zu nennen wären erstens „Das fremde China“, welches den Themenkom- plex anhand verschiedener Berichte analysiert und vergleicht und so einen Überblick ver- schafft. Dies findet allerdings sehr allgemein statt, direkt im Bericht kann man sich leider nicht orientieren. Zweitens natürlich im Bezug zu Mandeville die Tagung des Instituts zur interdisziplinären Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens in Paderborn mit dem Namen „Jean de Mandeville in Europa. Neue Perspektiven in der Reiseliteraturfor- schung.“. Dieses Werk setzt sich aus verschiedensprachlichen Aufsätzen (Englisch, Fran- zösisch, Deutsch) zusammen und zeigt detailliert, welche Hauptstrukturen in der Mande- ville-Forschung zu finden sind. Drittens und lobend zu erwähnen wäre da noch Morralls „Sir John Mandevilles Reisebeschreibung“ auf der Basis Michel Velsers, der mit am aus- führlichsten einzelne Handschriften analysiert, was allerdings den Rahmen einer Hausar- beit übersteigt. Weitere hilfreiche Werke waren mir die „Reisen des Ritters John Mande- ville“, „Jean de Mandeville Reisen“ und „Das Reisebuch des Ritters John Mandeville“. Auf letzterem basiert meine Quellenanalyse. Die Quellenlage ist vielfältig, was im Ab- schnitt der Überlieferung noch behandelt wird. Allerdings wiedersprechen sich die einzel- nen von mir ausgewählten Werke in Aussagen über den Autor, den Entstehungsort des Werks etc. Auch dieses Problem wird berücksichtigt. Weiter habe ich mich „Begegnungen mit China“, der Bibel als traditionelles Werk und „Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jh.“ bedient, die u.a. als Sekundärliteratur sehr hilfreich waren. Meine Mate- rialbasis gliedert sich somit in zwei Schwerpunkte: Einmal derjenige über Mandeville bzw. seinen Bericht und derjenige über das Fremde, über China, Fabelwesen etc. Obiges Zitat von Hugo erschien mir als besonders passend für Mandevilles, so der heutige Forschungsstand es sichert, fiktiven Reisebericht. Obwohl es kein „echter“ Bericht ist, so bietet er doch für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht reisen können/ wollen, die Möglichkeit, in eine Welt einzutauchen und sich so auf eine Reise zu begeben. Die obige Gleichsetzung von lesen und reisen Victor Hugos zeigt auf, dass auch ein fikti- ver Reisebericht wie Mandevilles einen großen Eigenwert hat und es wert ist, untersucht zu werden und nicht immer die Authentizität der Erlebnisse bestimmend für die Anerkennung sein muss.

Das Chinabild im Wandel - von der Antike zum Mittelalter unter dem Aspekt des Fremden, des Wissens und des Handels

Erste Kenntnisse über den Osten wurden in der Antike durch Autoren wie Aristeas gewon- nen. Er schrieb über die Hyperboreer, ein mythisches Volk, das in Frieden und Eintracht jenseits der Berge lebe.2 Ein anderer gängiger Begriff lautete „Serer“3. Er bezeichnete viele Völkerschaften, darunter auch die Chinesen. Zwar ist denkbar, dass der antike Autor Aris- teas von Völkerverschiebungen im 8. Jahrhundert in Asien erfahren haben könnte, unwahr- scheinlich ist dagegen, dass er selbst bis China vorgedrungen ist.4 Von empirischem Wis- sen der Europäer über den Fernen Osten kann man zu diesem Zeitpunkt nicht sprechen, wohl aber von einem von Autoren wie Aristeas geschaffenen Bewusstsein, welches das Chinabild noch lange nach ihnen prägte.5 Das daraus resultierende, abendländische Erbe stellte Asien als am Rande der östlichen Welt gelegen und voller Fabelwesen und mythi- schen Völkern dar. Plinius beispielsweise schildert in seinen Beschreibungen Hinterindiens in der „Naturalis Historiae“ (chinesische) Bewohner („androgyne Machyler“6, also ein Mensch beiderlei Geschlechts) und Fabelwesen („Greife“7 ). Diese Tatsache deutet einer- seits auf eine vage Kenntnis Ostasiens hin, andererseits offenbart sie aber auch die literari- sche Übertreibung bzw. die damaligen Überzeugungen. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass z.B. das Tierwissen in der Antike und im Mittelalter meist Buchwissen meint und nicht den eigenen Beobachtungen entspringt.8 Richtet man nun den erkenntnisorientierten Blick auf die Römer, so stellt man fest, dass auch diese sich mit der, wie sie es nannten, „Asia Scythica“9, beschäftigten und von dem Handel mit der in China herrschenden Han-Dynastie profitierten. Durch den Aufbau von Handelsbeziehungen wurde zumindest partiell Wissen von- und übereinander ausgetauscht und mit der Zeit konstituierte sich ein detaillierteres Bild des fremden Chinas. Doch der Schleier der Ungewiss- und Ungenauig- keit über den weit entfernten Erdteil konnte erst viel später gehoben werden. Festzuhalten ist, dass einerseits das Wissen europäischer und asiatischer Völker lange Zeit voneinander beschränkt und mystifiziert war, woran auch der (begrenzte) Handel über die Seidenstraße und andere Handelsrouten nichts änderten. Andererseits ist zu beachten, dass nicht nur die literarische und gesellschaftliche Darstellung des jeweils „Fremden“ der Gestalt Chinas für die Entwicklung der Beziehungen zwischen Abendland und fremdem Osten entscheidend waren, sondern auch die Gebundenheit an weltpolitische Rahmenbedingungen. Als günstig könnte man diese für den sog. „Ost-West-Handel“ erstens unter den Römern im 1. Jh. n. Chr. bezeichnen.10 Doch der Frieden zwischen Römern und Parthern (Zwischen- händlern) war von kurzer Dauer und der Handel durch Zentralasien blieb unbeständig.11 Erst im Rahmen der Entdeckungs- und Eroberungszüge der Mongolen sah sich das Abend- land direkt mit der „Yuan-Dynastie“12 und unmittelbar mit dem „Fremden“ konfrontiert. Werfen wir einen Blick auf die Mongolen: Sie wurden um 1200 von Dschingis Khan ver- einigt.13 Unter ihm und seinen Nachfolgern wurden sie zur Weltmacht über einen Großteil Asiens und Osteuropa. Zwischen 1236 und 124114 wurden sogar russische Gebiete unter- worfen, in den Folgejahren Persien, Kaukasien und Kleinasien15. Darüber hinaus verein- nahmte das Reitervolk China zwischen 1215 und 128016. Es drang noch im selben Jahr- hundert bis nach Osteuropa vor und bescherte dem Handel mit dem Okzident eine Blüte- zeit. Die Hauptstadt der Mongolen, Karakorum (bis 1259, danach Peking17 ), war Ziel vie- ler Reisender, Händler, Kaufleute und Dominikaner/Franziskaner18, darunter z.B.

[...]


1 Vgl. Glanz-Blättler, Ursula: Andacht und Abenteuer. Berichte europäischer Jerusalem- und Santiago-Pilger (1320-1520), Tübingen, 2000, S.46

2 Vgl. Reichert, Folker E.: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit China- Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, Band 15, Sigmaringen, 1992, S.16

3 Reichert, Folker E.: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit ChinaDie Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.36/37

4 Vgl. E. Reichert, Folker: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit China- Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.19

5 Vgl. E. Reichert, Folker: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit China- Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.10

6 Secundus, Plinius C.: Naturkunde Buch VII: Anthropologie, Kempten, 1975, S.23

7 Secundus, Plinius C.: Naturkunde Buch VII, S.19

8 Vgl. Obermaier, Sabine: Tiere und Fabelwesen im Mittelalter, Berlin, 2009, S.13

9 Reichert, Folker E.: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit ChinaDie Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.21

10 Vgl. Reichert, Folker E.: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit China- Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.59

11 Vgl. Reichert, Folker E.: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit China- Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.45

12 Vgl. Reichert, Folker E.: Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters - Begegnungen mit China- Die Entdeckung Ostasiens im Mittelalter, S.88

13 Vgl. Knust, Theodor A.: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jh.- Marco Polo (1271-1292), Tübingen und Basel, 1972, S.18

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Jandesek, Reinhold: Das fremde China - Berichte europäischer Reisender des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Band 3, Pfaffenweiler, 1992, S.7

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656675174
ISBN (Buch)
9783656675167
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v275133
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Geschichtswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
chinabild reisebuch ritters john mandeville

Autor

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