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Das Schicksal des Studenten Anselmus in "Der goldne Topf"

Berufung zum Poeten, oder ein psychopathologischer Fall von Wahnsinn?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Seelenkunde und E.T.A Hoffmann

3. Anselmus: Erkenntnisprozess eines Poeten

4. Die Leiden des Studenten Anselmus: Eine Fallstudie
4.1. Unter dem Holunderbaum
4.2. Auf der Elbe
4.3. Vor der Haustür
4.4. Die Melancholie
4.5. Der Alkoholrausch
4.6. Der Fall ins Kristall

5. Schluss

Literaturangaben

1. Einleitung

Wahnsinns Spiel! - Wahnsinns Auto! - Wahnsinnig kleine Wohnung.

„Wahnsinn!“ – Heute ein Ausruf von Begeisterung, eine Hyperbel mit positiver oder negativer Konnotation. Doch zu Zeiten E.T.A Hoffmanns war dies eine Kategorie für Seelenkrankheit und eine Abweichung gesellschaftlicher Normen – „Nicht recht bei Troste“ und „wahnwitzig“, schlicht psychisch krank. Der Mensch, welcher der Bürgerlichkeit und der Gesellschaft nicht von Nutzen war galt es zurückzuführen in einen Lebenswandel, der als gesittet galt und sich zu fügen wusste. Wahnsinnige wurden ausgegrenzt, waren nicht Teil der Gesellschaft.[1] Es wurde strikt differenziert zwischen krank und gesund – und die Kranken galt es zu heilen. Die Wahnsinns-Thematik ist auch in den Werken Hoffmanns zu finden. Er war belesen in den medizinischen Schriften seiner Zeit und wusste sein Wissen geschickt einzusetzen, mit Poesie zu verbinden. Auch in „Der goldne Topf“, der erstmals 1814 erschien und den Untertitel „Ein Märchen aus der neuen Zeit“ trägt, wird die Geschichte des Studenten Anselmus erzählt. Er erlebt Wunderbares in einer bürgerlichen Welt, die sich doch lieber für Wunderbares verschließen mag. Findet er seinen Weg zum poetischen Leben in Atlantis durch Helfer, wie den Archivarius Lindhorst und seine geliebte Serpentina? Oder ist er schlicht verrückt, wie es die Philister Konrektor Paulmann und andere Philister behaupten? Anselmus einmal durch die Brille eines Psychologen zu betrachten und die märchenhaften Elemente als Symptome seiner psychischen Krankheit zu deuten, dies ist die Sicht auf „Der goldne Topf“, wie sie in der anschließenden Arbeit einmal expliziert werden soll.

Zunächst wird die Geschichte des Poeten Anselmus beschrieben, eine Dichterinitaitonsgeschichte, die für die bürgerlichen Figuren des Märchens nicht erkennbar ist, die der Student jedoch durchlebt. Anschließend wird die Kehrseite betrachtet: Der Fall Anselmus. Begeht er letztendlich Suizid?

2. Seelenkunde und E.T.A Hoffmann

Auch wenn es für unsere heutige Zeit verführerisch sein mag die Werke Hoffmanns unter beispielsweise Berücksichtigung der Freudschen Psychologie des 20. Jahrhunderts zu analysieren, so darf man nicht vergessen, dass Hoffmann rund hundert Jahre vorher „Der goldne Topf“ veröffentlicht hat und so der historische Krankheitsbegriff im Kontext der Zeit zu berücksichtigen ist. E.T.A. Hoffmann war sehr belesen und interessiert an den medizinischen Erkenntnissen um 1800, wie etwa das Verhältnis von Wahnsinn und Vernunft oder dem tierischen Magnetismus.[2]

Das Wahnsinnsmotiv, welches sich auch in „Der goldne Topf“ wiederfindet, hat eine ästhetische Funktionalität, durch die Figuren in ihrer Entwicklung vorangetrieben werden.[3] Ob nun Anselmus als bemitleidenswerter Verrückter abgetan und ihm seine Leidenschaft mit unbürgerlicher Anomalität ausgelegt wird, in jedem Fall wäre sein Lebenswandel nicht mit dem geordneten Sittenverständnis der Philister vereinbar.

Psychische Hypochondrie, Melancholie, die Fixe Idee, partieller und vollständiger Wahnsinn waren häufig genannte seelische Krankheiten, mit denen sich zu Hoffmanns Zeiten auseinandergesetzt wurde. Die Forschung nach Ursachen, Symptomen und Heilmitteln waren E.T.A Hoffmann bekannt, und Reils „Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen“ und „ Über die Erkenntniß und Cur der Fieber“ haben vor allem die Ausgestaltung der Figur des melancholischen Anselmus beeinflusst[4]. Auch die Schriften von Pinel und Anton Mesmer waren Hoffmann wohl bekannt. Hoffmann verbindet literarische Motive mit einer medizinischen Fallbeschreibung, so kann das Schicksal des Anselmus mit Blick auf eine medizinische Lesart wie folgt gedeutet werden: Die Krankheit beginnt mit „hypochondrischen Zufällen“, und er vertieft sich in eine Melancholie, welche letztendlich zum Suizid führt.[5]

Doch kann in der Geschichte Anselmus auch ein Erkenntinsprozess herausgefiltert werden, so ist in einer weiteren Lesart ebenfalls anzunehmen, dass der Student durch viele getarnte Zufälle zu einer höheren Künstlerexistenz aufsteigt, um in Atlantis ein Leben als Poet zu führen. Hoffmann spielt diese beiden scheinbar entgegengesetzten Deutungsweisen geschickt gegeneinander aus, wobei das Ineinanderwirken der Welten von Realität und Poesie sich in einer doppelten Konnotation in dem Protagonisten selbst wiederfinden[6].

Im Folgenden werde ich beide Lesarten zunächst voneinander abgrenzen, um anschließend die psychopathologische Fallgeschichte des Studenten Anselmus im Kontext der Zeit zu analysieren.

3. Anselmus: Erkenntnisprozess eines Poeten

In „Der goldne Topft“ macht der Student Anselmus einen einschneidenden Bewusstseinswandel durch, der in vielen Sekundärliteraturen als Dichterinitiations-geschichte gedeutet wird.[7] Nimmt man die Perspektive ein, wie sie Anselmus das Geschehene durchlebt, so akzeptiert man seine Geschichte mit allen wunderbaren Elementen und legt während des Lesens Alltagsdogmen ab.

Die Geschichte des Anselmus auf seinem Weg zum Dichtertum beginnt mit der ersten Vigilie am Himmelfahrtstage in Dresden um 1800, unter einem Holunderbusch sitzend. Hier begegnen ihm die drei goldgrünen Schlänglein, welche sich zunächst als akustische Halluzination äußern, deren Klang Kittler der „Naturpoesie“ zuordnet.[8] Mit ihrem Erscheinen ziehen sie Anselmus in ihren Bann und öffnen ihm die Tür zum Wunderbaren.[9]

Erst mit dem Auftreten des Archivarius Lindhorst bekommt diese erste Verführung eine definierte Gestalt namens Serpentina und ist für seine weitere Laufbahn bestimmend. Serpentina wird zum Liebesobjekt erhoben[10] und die Initiation der Schreiberziehung beginnt. So vergleicht Kittler den Archivarius Lindhorst mit einem „Reformpädagogen“[11] und Nipperdey nennt ihn eine „Meistergestalt“[12], der das Ideal eines Menschen verkörpert, welcher „alle seine seelischen Kräfte in Einklang gebracht hat und in dieser Harmonie lebt“[13]. Er verfügt über Geheimwissen und ist neben der Lehrer- auch eine Vaterfigur für Anselmus, der die bereits vorhandenen Fähigkeiten des Anselmus kritisiert und dessen Wahrnehmung erweitert.

„Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten Kunstfertigkeit (…) Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen, als ihm seine Handschrift höchst miserabel vorkam.“[14]

Doch wird zudem ein weiteres Moment von Hoffmann hervorgehoben: Anselmus spürt bereits vor der ersten Begegnung mit Serpentina ein Unbehagen, stellt sein Schicksal in Frage und beklagt sich über sein Leben „Ach! Ach! Wo seid ihr hin, ihr seligen Träume künftigen Glücks…“[15] Erst durch die Synästhesie unter dem Holunderbaum erlebt Anselmus ein Wohlbehagen, welches er fortan zu erreichen versucht.[16] Eine Ahnung, dass die Langeweile des Alltagslebens nicht seine Bestimmung ist, schlummert bereits in ihm, was seine poetische Veranlagung bereits impliziert.[17]

Zunächst wird der Student jedoch Kopist[18]. Das Abschreiben der „koptischen Handschrift“[19] bei dem Archivarius hilft ihm letztendlich die Zeichen zu verstehen und statt Zeichen seine Geliebte im Geschriebenen zu sehen.[20]

„… und bald fühlte er es wie aus dem Innersten heraus, dass die Zeichen nichts anders bedeuten könnten als die Worte (…) da ertönte ein starker Dreiklang heller Kristallglocken (…) und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums schlängelte sich die grüne Schlange herab“[21]

Serpentina wird zur Idealfrau, zur Muse, zum inneren Antrieb Anselmus‘, auch zu dessen Belohnung. Er entnimmt seine Inspiration aus den zu kopierenden Schriftstücken, aber auch aus den Einflüsterungen Serpentinas des Archivaruis Lindhorst.[22] Durch die Unnahbarkeit Serpentinas wird diese Liebe zu einer idealsierten Form, deren Höhen ebenso großen Einfluss auf Anselmus haben, wie die Verzweifelten Momente des Entbehrens.

Anselmus muss im weiteren Verlauf verschiedene Hindernisse überwinden, um seine Berufung als Poet zu finden. Während der Archivaruis und das Apfelweib als Hexe die Universalmächte verkörpern und gegeneinander kämpfen[23], sind es die bürgerliche Tochter Veronika und die verschiedenen Philister, die versuchen den Studenten zur Vernunft zu führen. So ist es an Anselmus in den Zwischenräumen von Wirklichkeit und Wunderbarem seinen Glauben zu finden.[24] Er erleidet Rückschläge, bis hin zur Bestrafung: dem Gefangensein in der Flasche. Erst als er sich fügt, die Studien wieder aufnimmt und sich dem Wunderbaren hingibt erreicht er sein Ziel mit seiner geliebten Serpentina in Atlantis ein Leben in Poesie zu führen. Denn nur wer bewusst aus der bürgerlichen und irdisch-beschränkten Existenz heraustritt, dem ist es möglich zu einer „höheren Erkenntnis“[25] zu gelangen.[26]

[...]


[1] Vgl. Auhuber: In einem fernen dunklen Spiegel. S.6.

[2] Vgl. Auhuber: In einem fernen dunklen Spiegel. S. 13.

[3] Vgl. Reuchlein: Bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur. S. 21.

[4] Vgl. Auhuber: In einem fernen dunklen Spiegel. S. 36.

[5] Vgl. Lindner: Schnöde Kunststückegefallener Geister. S.187.

[6] Vgl. Lindner: Schnöde Kunststückegefallener Geister. S. 199.

[7] Vgl. Pikulik: „…daß nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben“. S. 54.

[8] Vgl. Kittler: Aufschreibesysteme. S. 96.

[9] Vgl. Ebd. S. 97.

[10] Vgl. Ebd. S. 98.

[11] Ebd. S. 103.

[12] Nipperdey: Wahnsinnsfiguren bei E.T.A. Hoffmann. S.60.

[13] Ebd. S. 60.

[14] Hoffmann: Der goldne Topf. S. 272 f

[15] Hoffmann: Der goldne Topf. S. 232.

[16] Vgl. Pikulik: Anselmus in der Flasche. S.347.

[17] Vgl. Pikulik: „…daß nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben“. S. 53.

[18] Vgl. Löffler: Das Handwerk der Schrift. S. 19.

[19] Bei der koptischen Schrift handelt es sich um die späte Schrift Ägyptens, dem „rechten Sitz und Aufenthalt der Zauberer“. Vgl. Garderer: Poetik der Technik S. 112.

[20] Vgl. Kittler: Aufschreibesysteme. S. 117.

[21] Hoffmann: Der goldne Topf. S. 287.

[22] Vgl. Löffler: Das Handwerk der Schrift. S. 20.

[23] Vgl. Ringel: Realität und Einbildungskraft im Werk E.T.A. Hoffmanns. S. 107.

[24] Den Begriff „Glauben“ verwendet Hoffmann nicht einheitlich. „[…] So meint Glaube hier eine urzeitliche Naivität, […] die von einem Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wunderbarem noch gar nichts weiß.“ Vgl. Pikulik: Anselmus in der Flasche. S. 349.

[25] Hoffmann thematisiert hier das poetische Modell „Die Idee des goldenen Zeitalters“. Grundlegend ist die Vorstellung, dass sich die Entwicklung der Menschheit in 3 Zyklen vollzieht. Das Ziel ist die Wiedergewinnung der verlorengegangen Harmonie, wobei Bewusstseinsvorgänge gezielt kanalisiert werden. Der Mythos hat die Kernfunktion an die alte, vorbewusste Harmonie des goldenen Zeitalters zu erinnern. Vgl. Auhuber: In einem fernen dunklen Spiegel. S. 42.

[26] Vgl. Reuchlein: bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur. S. 288.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656679721
ISBN (Buch)
9783656679707
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274976
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Schlagworte
schicksal studenten anselmus topf berufung poeten fall wahnsinn

Autor

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