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Ironie in Jean-Phillipe Toussaints "La salle de bain"

Seminararbeit 2014 17 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Begrifflichkeit

2. Die Ironie in Toussaints Roman La salle de bain
2.1. Zusammenfassung des Romans
2.2. Der ironische Schreibstil
2.2.1. Eine zerstückelte Geschichte
2.2.2. Nummerierung der Absätze
2.2.3. Paris - L'hypothénuse - Paris
2.2.4. Distanz zwischen erlebendem und erzähltem Ich
2.2.5. Spiel mit der Leseerwartung
2.3. Situationsironie
2.3.1. Die Flucht in das Badezimmer
2.3.2. Die Vorherrschaft des Nichtstuns
2.3.3. Gewaltspiele
2.3.4. Die Ironie des Alltags
2.4. Ironie der Romanhelden
2.4.1. Der Protagonist
2.4.2. Figuren ohne Vergangenheit

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Jean-Philippe Toussaint, dessen erstes Werk 1985 veröffentlicht wurde, gehört zu den Autoren deren Romane zu den sogenannten "romans impassibles" des renommierten Verlagshaus É ditions de Minuit gezählt werden. Sie zeichnen sich unter anderem "durch einen spielerisch-subversiven Umgang mit der é criture sowie durch eine ironisch-distanzierte Grundstimmung" aus.1 Doch wie überträgt sich diese geschriebene Ironie auf den Leser? Im Film oder im Theater kann eine ironische Szene durch Gestik oder bestimmte Ausdrucksweise untermalt werden. In einem Roman jedoch kann der Autor ausschließlich mit der Sprache spielen. Schreibt er also explizit hin, dass es sich bei seinen Erzählungen um Ironie handelt oder gibt es andere Methoden um eine ironische Haltung zu vermitteln?

Um diese Frage zu beantworten möchte ich mich in dieser Hausarbeit zum Proseminar Der französische Roman der 1980er und 1990er Jahre, mit dem Thema Ironie beschäftigen, insbesonders mit Bezug auf Toussaints ersten veröffentlichten Roman La salle de bain. Zunächst möchte ich den Begriff Ironie laut Definition und Erklärung des Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft erläutern, anschließend werde ich eine Zusammenfassung des Romans verfassen, den ich schließlich aus Perspektive der Ironie genauer analysieren werde.

1. Begrifflichkeit

Das Wort Ironie führt auf das griechische Wort ειρωνεια [eironeía] zurück, was soviel bedeutet wie "Verstellung betrügerischer Art".2 Während der heutige Begriff der Ironie sprachlich nicht besonders von dieser ursprünglichen Bedeutung abweicht, nämlich etwas anderes zu sagen als man eigentlich denkt, hat Ironie jedoch im aktuellen Sprachgebrauch nichts mehr mit "betrügerischen Kunstgriffen" zu tun, und es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Lügner und einem Ironiker. Wer lügt, möchte nicht durchschaut werden, seine wahre Meinung soll unerkannt bleiben. Im Gegensatz dazu ist die "Lüge" beim Ironiker sozusagen transparent und bei gelungener Ausführung der Ironie ist das eigentlich Gemeinte für den Empfänger durchschaubar. Diese Transparenz kann durch sogenannte "Ironiesignale", das heißt durch eine bestimmte Ausdrucksweise verdeutlicht werden.3

Im ältesten Lehrbuch der Rhetorik, welches aus dem 4. Jh. vor Christus Stammt, wird eironia definiert als eine "Redeweise, die das Gegenteil des wörtlich Gesagten zum Ausdruck bringt". Zu dieser Definition erschienen im Laufe der Zeit zwar hin und wieder leichte Abweichungen, jedoch konnte sie sich im wesentlichen bis heute durchsetzen, sodass im heutigen Reallexikon der Literaturwissenschaft Ironie als "uneigentlicher Sprachgebrauch, bei dem das Gemeinte durch sein Gegenteil ausgedrückt wird" definiert ist4 und wir uns im Folgenden auch mit dieser Art von Ironie auseinander setzen werden.

Das Reallexikon unterscheidet zwischen zwei Formen von Ironie: die SIMULATIO einerseits, und die DISSIMULATIO andererseits. Bei der ersten Form spielt man etwas Falsches vor, man tut also so als ob, während man bei der Dissimulation die Wahrheit verbirgt.5

Des Weiteren hat sich dieses Gegensatzkriterium nach dem sich der geäußerte, also der 'uneigentliche' vom nicht geäußerten, also dem 'eigentlichen' Ausdruck unterscheidet, in der neuzeitlichen Geschichte des Ironie-Begriffs zu drei verschiedenen Verwendungsweisen entwickelt6: Zunächst die ironia verbi, d.h. Ironie als Redeweise. In diesem Sinne würde zum Beispiel Lob durch Tadel oder andersrum ausgedrückt werden; Die ironia vitae welche als Lebensform verstanden wird. Es handelt sich hierbei also um eine "Existentielle Ironie" welche das ganze Leben und somit das "Denken, Reden und Handeln" einer Person beeinflusst; Und schließlich die ironia entis, welche nicht nur die Haltung eines Menschen bestimmt, sondern das "Seiende insgesamt". Man spricht dabei auch von der "romantischen" Ironie, welche sich in der Poesie wiederfindet und am Merkmal eines "ständigen Heraustreten des Autors aus seinem Werk", sowie "die damit verbundene Brechung der Rezeptionshaltung des Publikums", erkennbar ist.7

Damit diese Ironie vom Publikum tatsächlich erkannt und verstanden wird, ist das Mehrwissen gegenüber der Figuren für den Zuschauer in der Dramaturgie, aber vor allem für den Leser in der Literatur wichtig. Da der Autor eines Romans dem Leser nur Schrift bieten kann, und nicht beispielsweise durch eine auffallende mündliche Ausdrucksweise oder Gestik darauf hinweisen kann, dass das soeben Erzählte nicht dem eigentlich Gemeinten entspricht, ist geschriebene Ironie nicht immer eindeutig erkennbar.

2. Die Ironie in Toussaints Roman La salle de bain

Bereits ein kurzer Einblick in die Geschichte des Romans zeigt, dass der Autor gewisse Intentionen hatte, den Leser in die Irre zu führen und mögliche Lesererwartungen nicht zu erfüllen. Darum beginnt dieser Teil mit einer Zusammenfassung des Buches, an der man eine gewisse ironische Haltung des Autors bereits erkennen kann.

2.1. Zusammenfassung des Romans

Jean-Philippe Toussaints Roman La salle de bain besteht aus drei Teilen: Paris, L'hypoténuse und Paris, welche darauf hindeuten, dass sich zumindest der erste und letzte Teil in Frankreich abspielen. Doch sowohl diese, als auch andere mögliche Vermutungen des Lesers, werden nicht gänzlich erfüllt. Der Protagonist ist ein junger Mann der zugleich auch der Erzähler der Geschichte ist. Wie der Titel bereits verrät, spielt das Badezimmer in diesem Buch eine wichtige Rolle. Die Geschichte beginnt in Paris, wo der Ich-Erzähler, dessen Namen man nicht erfährt, Tage in der Badewanne verbringt. Nicht etwa weil er baden möchte, meist trägt er dabei Klamotten, sondern weil er sich dort wohler fühlt als außerhalb des Badezimmers. Seine Lebensgefährtin Edmondsson, seine Mutter und weitere Bekannte besuchen ihn dort, bringen ihm sogar Kuchen vorbei, als wäre es ein übliches Wohnzimmer. Von Beruf ist er Historiker, das Buch lässt jedoch darauf hindeuten, dass er beruflich nicht mehr tätig ist, wissen tut man dies jedoch nicht. Edmondsson verdient ihr Geld in einer Kunstgalerie. Ob die beiden verheiratet sind oder nicht, bleibt offen, der Leser erfährt lediglich dass sie zusammen wohnen und miteinander schlafen. Da Edmondsson die Küche gerne neu streichen möchte, stellt sie polnische Schwarzarbeiter ein, welche sich jedoch eher in der Wohnung einquartieren, als dass sie tatsächlich dort arbeiten. Bis zum Ende des Romans bleibt unklar, ob die Küche jemals neu gestrichen wird. Schließlich taucht im ersten Kapitel noch ein ominöser Brief auf, den der Protagonist von der österreichischen Botschaft erhält. Er kann sich nicht erklären warum man ihm dieses Schreiben hat zukommen lassen, jedoch erfahren wir nichts über den Inhalt des Briefes. Im zweiten Teil des Buches verlässt der Erzähler das Badezimmer und befindet sich zunächst mitten in Paris. Plötzlich ist er in Venedig und man hat als Leser das Gefühl eine Seite übersprungen zu haben, weil die nötigen Hinweise fehlen, wie er von A nach B gekommen ist. Auch der Grund für diese Reise bleibt unbekannt. Der Leser erhält lediglich Informationen dazu wie sich der Protagonist im Hotel beschäftigt, die Aktivitäten beschränken sich jedoch fast ausschließlich auf das Dartspiel. Ein paar Tage später taucht Edmondsson bei ihm auf, und es kommt zu einem Unfall, als der junge Mann seiner Lebensgefährtin einen Dartpfeil in die Stirn wirft. Damit endet der zweite Teil. Im dritten Teil ist Edmondsson wieder in Paris, der Protagonist dagegen bleibt noch eine Weile in Italien. Er erzählt von seiner Krankheit, die ihn ins Krankenhaus führt, jedoch handelt es sich nicht, wie man als Leser erwarten könnte, um eine schwere, möglicherweise unheilbare Krankheit, die seine Lebensmüdigkeit erklären könnte, sondern lediglich um eine Nasennebenhöhlenentzündung. Während seines Krankenhausbesuches baut er spontan eine persönliche Beziehung zu seinem behandelnden Arzt auf, der ihn bei sich und seiner Frau zum Abendessen aufnimmt. Ohne weitere Informationen zu dieser neuen Freundschaft oder seinem Krankenhausaufenthalt, sitzt er plötzlich wieder im Zug nach Paris. Der dritte Teil endet schließlich wieder im Badezimmer, mit einem erneuten Vorsatz, dieses am nächsten Tag zu verlassen.

2.2. Der ironische Schreibstil

Die Ironie in Toussaints Roman spiegelt sich nicht nur im Verhalten der Figuren wieder, sondern auch in der Erzählform des Autors.8

2.2.1. Eine zerstückelte Geschichte

Wenn man den Inhalt des Romans genauer betrachtet, erkennt man schnell, dass in diesem Buch im Grunde nichts Besonderes passiert9, wie etwa in einem Kriminalroman, in dem die Spannung darin besteht einen Fall zu lösen und in dem sich der ganze Roman zu einem Höhepunkt entwickelt. Dennoch gelingt es dem Autor eine gewisse Neugier beim Leser auszulösen, indem er ihn auf unterschiedliche Art in die Irre führt und viel Raum für Erwartungen bietet, diese jedoch entweder nicht erfüllt, oder offen lässt. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von alltäglichen Geschehnissen ohne Zusammenhang. Es besteht zwar eine gewisse Chronologie, jedoch tragen die zeitlichen Angaben wenig zum Verständnis der Geschichte bei.10

Diese Banalisierung kann als ironisch wahrgenommen werden, wenn man die Tatsache, dass das Buch aus alltäglichen, banalen und trivialen Aktivitäten besteht, als ironische Darstellung der modernen Welt versteht.11 Eine Welt in der man sich ständig mit unwichtigen Dingen beschäftigt und das Wesentliche oft aus den Augen verliert.

Andererseits ist diese Fragmentierung von zusammenhanglosen Begebenheiten auch eine Möglichkeit Leseerwartungen auszulösen, da der Leser erfahren möchte wie es weitergeht. Diese Folgen bleiben jedoch verschwiegen, was wiederum zu einer Form von Ironie zählt, da der Autor etwas ankündigt was am Ende doch ein Geheimnis bleibt. Die Handlungsmotive bleiben ungewiss, die Ortswechsel werden weder durch Ereignisse in der Geschichte, noch durch entscheidende Hinweise vom Erzähler nachvollziehbar. Außer dem Protagonisten und Edmondsson gibt es im Roman ausschließlich Figuren die nur in einer konkreten Situation auftauchen und die Aneinanderreihung der Prozesse im Roman erheben den Eindruck, dass ihre Chronologie nicht von großer Bedeutung ist.12

2.2.2. Nummerierung der Absätze

Die zerstückelte Schreibform wird insbesondere durch die "sinnlose" Nummerierung der Absätze deutlich welche als Ironie- Form wahrgenommen werden kann, wenn man beispielsweise folgendes Zitat aus dem Buch betrachtet:13 13) [...] Un instant plus tard, Edmondsson apparaissait, le visage rayonnant. Elle voulait faire l'amour. 14) Maintenant. 15) Faire l'amour maintenant? Je refermai mon livre posément, laissant un doigt entre deux feuilles pour me garder la page [...]14

[...]


1 Vgl. Eberlen, S. 3

2 Hier und im Folgenden zitiert nach Müller Wolfgang G., Reallexikon, S. 185 f.

3 Vgl. Müller, Reallexikon, S. 186

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. Müller, Reallexikon, S. 186

6 Vgl. Müller, Reallexikon, S. 187

7 Müller, Reallexikon, S. 187

8 Vgl. Tschilschke, S. 154

9 Vgl. Zhao, S. 35

10 Vgl. Zhao, S. 35

11 Vgl. Zhao, S. 36

12 Vgl. Tschilschke, S. 153

13 Vgl. Tschilschke, S. 154

14 La Salle de bain, S. 17

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656676447
ISBN (Buch)
9783656676430
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274937
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – französische Philologie
Note
2.3
Schlagworte
Jean-Philippe Toussaint La salle de bain Ironie französischer Roman Editions de Minuit 80er 90er

Autor

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Titel: Ironie in Jean-Phillipe Toussaints "La salle de bain"