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Akteur oder System. Vergleichende Aspekte gesellschaftlicher Steuerung

Hausarbeit 2014 22 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Differenzierung des Begriffs der gesellschaftlichen Steuerung/Selbststeuerung
2.1 Entwicklung und Bedeutung des Steuerungsbegriffs
2.2 Wirk-Modi und Akteurtypen

3 Systemtheoretische Gesichtspunkte gesellschaftlicher Steuerung/Selbststeuerung
3.1 Kybernetik und Differenzminderung
3.2 Selbststeuerung autopoietischer Systeme
3.3 Strukturelle Kopplung

4 Akteurtheoretische Überlegungen zur Begrifflichkeit der gesellschaftlichen Steuerung/Selbststeuerung
4.1 Steuerungsfähigkeit des Handelns
4.2 Orientierungsgeprägtes Steuerungshandeln

5 Assoziation systemtheoretischer und akteurtheoretischer Ansätze gesellschaftlicher Steuerung/Selbststeuerung
5.1 Der absente Akteur
5.2 Rekonstituierung des Akteurs im Rahmen systemtheoretischer Präsumtion
5.3 Organisationen und Teilsysteme als Handlungseinheiten
5.3.1 Kollektive individueller Akteure
5.3.2 Systemischer Status der Organisation als handelnder Akteur
5.3.3 Akteursysteme

6 Korporative Systeme als aktiv steuernde Akteure

7 Fazit

Obwohl es vom ersten Auftauchen des Steuerungsbegriffs in der sozialwissenschaftlichen Literatur im Jahr 1970 bis 1984 und das ohne wirtschaftssoziologische und nur unvollständig erfasste politikwissenschaftliche Publikationen zu berücksichtigen, 43 Veröffentlichungen zu verzeichnen gebe, die den Begriff Steuerung im Titel führen, scheine „Der Begriff der Steuerung […] vielen offenbar nicht definitions bedürftig “ (Mayntz, 1987, S. 91; Hervorh. im Orig.).

1 Einleitung

„Selbst auf der Ebene der Schulaufsicht, die in der Regel eher mangelnde Veränderungsbereitschaft zeigte, gab es für Reformen zugängliche Einzelpersonen“ (Hüwe/ Roebke, 2006).

Inhaltlich betrachtet birgt das o. g. Zitat, welches sich auf Vorgänge im Zusammenhang mit der Entstehung erster Integrationsklassen in der Bundesrepublik Deutschland in den neunzehnhundertsiebziger Jahren bezieht, eine übersichtliche und verständliche Aussage. Soziologisch allerdings impliziert sie trotz ihrer Kürze und Einfachheit eine nicht nur beachtliche Anzahl, sondern auch eine umfangreiche Verflechtung gesellschaftlicher Steuerungsaspekte.

Da gibt es die Ebene der Schulaufsicht, auf der möglicherweise nicht viel verändert werden soll, was aber nicht heißen muss, dass durch sie nicht gesteuert wird. Weiterhin die Gruppe der Eltern, also sowohl Einzelner als auch Elterninitiativen/Organisationen, die sich eben für die oben angeführten Reformen aussprechen. Schließlich sind da noch die genannten Einzelpersonen. Letztere nehmen eine sehr interessante Position ein, wenn man bedenkt, dass sie als individuelle Akteure innerhalb eines bildungspolitischen Teilsystems Entscheidungen treffen könnten, die potenziell nicht mit ihrer Bereichskompetenz korrespondieren.

Unter der Annahme einer funktional differenzierten Gesellschaft haben wir es hier also mit steuernden Einzelakteuren, Organisationen und Teilsystemen zu tun. Die subjektiven Akteure handeln innerhalb korporativer Systeme und beeinflussen mutmaßlich die in ihnen festgelegten Zielsetzungen. Aber auch von den Organisationen und gesellschaftlichen Teilsystemen gehen Steuerungsversuche aus. Kann man auch hier von handlungsfähigen Akteuren sprechen?

In dieser Arbeit möchte ich zeigen, wie vielfältig sich der Bereich der gesellschaftlichen Steuerung/Selbststeuerung darstellen kann. Nachdem ich die Herkunft des Steuerungsbegriffs und seine möglichen modalen Verwendungszusammenhänge aufgezeigt habe, lässt sich dieser aus systemtheoretischer und akteurtheoretischer Sicht genauer ausleuchten. Ein Blick auf verschiedene Kombinationsmöglichkeiten zwischen System und Akteur schließt sich an, um abschließend Ansätze einer aktiven Gesellschaftssteuerung zu betrachten, die sich mit der Handlungsfähigkeit korporativer Akteure beschäftigt.

2 Differenzierung des Begriffs der gesellschaftlichen Steuerung/Selbststeuerung

Betrachtet man Steuerung von der Ebene der Gesellschaft aus, kann man konstatieren, das alle Steuerungsversuche als Selbststeuerung verstanden werden müssen. Begibt man sich jedoch tiefer hinab in die Verästelungen der gesellschaftlichen dynamischen Strukturen, wird man unweigerlich feststellen, dass verschiedene Bereiche versuchen steuernd auf andere Teile oder sich selbst einzuwirken, um entweder diese fremden Segmente oder aber sich selbst zu leiten. Dabei kann es aber auch dazu kommen, dass es bei den Versuchen der Fremdeinwirkung nicht über diese hinausgeht, da Teilbereiche sich ihnen auf ihrer operativen Stufe verschließen.

2.1 Entwicklung und Bedeutung des Steuerungsbegriffs

Um sich die Entwicklung des Steuerungsbegriffs zu vergegenwärtigen, muss zunächst geklärt sein, was mit diesem Terminus gemeint ist. Ausgehend von dem Gedanken, gesellschaftliche Steuerung sei ein opportuner Gegenstand menschlichen Handelns, der berechenbar beeinflusst werden könne, ließen sich mindestens zwei Sichtweisen ausmachen (Wiesenthal, 2012, S. 1). Die politische Steuerung, die dem Regieren inhärent sei, stehe hier dem gesellschaftlichen Einwirken auf sich selbst gegenüber (Wiesenthal, 2012, S. 7-8). Analog hierzu zeigt sich eine historisch differierende Entwicklung dieses Begriffs auch in seiner asynchronen Duplizität.

Ertman zeigt, dass die regierende und somit auch herrschende Form der Steuerung durch unterschiedliche Verknüpfungen von Erfordernissen und Möglichkeiten zu heterogenen Ausbildungen neuzeitlicher europäischer Staatsformen führt, und verweist auf vier verschiedene proto-modern bureaucracies (vgl. Ertman 1997), über die sich der nach heutigem Verständnis bekannte „[…] Begriff der Steuerung als Ausdruck generalisierter Erwartungen an den gesellschaftlichen Sinn des Staatshandelns“ (Wiesenthal, 2012, S. 8) entwickelt hat.

Dem 18. Jahrhundert hingegen und begleitet von der fortschreitenden Säkularisierung entstamme die alternative Bedeutung der gesellschaftlichen Steuerung, „[…] Politik als rationale Einwirkung der Gesellschaft auf sich selbst […]“ (ebd.).

2.2 Wirk-Modi und Akteurtypen

Um die Begriffe gesellschaftliche Steuerung und Selbststeuerung genauer zu spezifizieren, ist es hilfreich, sie anhand ihrer Wirk-Modi und Akteurtypen zu unterscheiden. Nach Wiesenthal stelle sich die Art und Weise des Manövrierens reflexiv dar, insofern steuerndes Objekt und gesteuertes Subjekt auf das gleiche handelnde System zurückzuführen seien. Im Gegensatz dazu verliefe das regierende Lenken transitiv, also zielführend auf das ausschließlich reagierende Subjekt gerichtet (Wiesenthal, 2012, S. 13). Gesellschaftssteuerung und Selbststeuerung arbeiten mithin zwar im gleichen reflexiven Modus, unterscheiden sich allerdings angesichts ihrer strukturellen Komplexität. Dadurch wird es möglich, eine erste, diskrete Differenzierung der Termini Akteur und System vorzunehmen. Wiesenthal spricht hier von einfachen und komplexen Akteuren. Den Ersteren zugehörig seien neben Individuen auch kleine Gruppen und Organisationen, während demgegenüber die Gesellschaft oder der Staat, zu den vielschichtigeren Aggregationen zählten (Wiesenthal, 2012, S. 13-14). Diese Beschreibung wird allerdings im Weiteren noch relativierend behandelt.

3 Systemtheoretische Gesichtspunkte gesellschaftlicher Steuerung/Selbststeuerung

Stellt sich die Frage nach Akteur oder System, impliziert sie natürlich einen Unterschied. Wiesenthal zu folge wäre der in der Differenz von Einfachheit und Komplexität, jedoch nicht anhand der Qualifikation operierender Kompetenzen zu finden. Wie lassen sich nun die Kategorien der Gesellschaftssteuerung/Selbststeuerung, bezüglich Niklas Luhmanns systemtheoretischer Prämissen einordnen?

3.1 Kybernetik und Differenzminderung

Systemtheoretisch lässt sich die Entwicklung des Steuerungsbegriffs auf die Kybernetik zurückführen. Diese wird „[…] mitunter auch als Wissenschaft von den sich selbst regelnden, d. h. ihre eigenen Wirkungen für weitere Aktivitäten auswertenden Systemen bezeichnet“ (Hillmann, 1994, S. 467-468). Was hier passiert, kann auch als Ausgleich eines Unterschiedes aufgefasst werden. „Abstrakt formuliert geht es bei Steuerung immer um Verringerung einer Differenz […]“ (Luhmann, 1996, S. 326; Hervorh. im Orig.). Gemeint ist die Differenz der Abweichung vom angestrebten Ziel. Als Beispiel, dient auch oft der aus der Thermodynamik entlehnte kybernetische Regelkreis der jedoch offen ist für Eingebungen und auch Ausgaben produziert. Eine sogenannte nicht-triviale Maschine. Dieses System ist sozusagen umweltoffen, bedürfe aber verlässlich arbeitender Kausalzusammenhänge zwischen den Ein- und Ausgaben, die nur bei enormer Übersichtlichkeit in den System/Umwelt-Verhältnissen gegeben sei. Die Komplexität der Welt übersteige allerdings diese Voraussetzung und produziere so eine Differenz zu den, in den jeweiligen Teilsystemen ausgemachten Zielvorstellungen. Mit der Entwicklung einer Theorie selbst-referentiell-geschlossener Systeme, vollziehe sich ein Wandel zu einer Kybernetik zweiter Ordnung, die keinen strukturbestimmenden Einfluss mehr auf die Autopoiesis ausübe (Luhmann, 1996, S. 333-334). Hier stützen die Teilsysteme sich jetzt also auf sich selbst und konzentrieren sich ausschließlich auf die für sie relevanten Ereignisse ihrer Umwelt. Diktate durch kausale Zusammenhänge werden somit ausgehebelt.

3.2 Selbststeuerung autopoietischer Systeme

Autopoiese (autós = selbst, poíēsis = das Machen, Verfertigen) ist ein aus dem Griechischen stammendes, zusammengesetztes Wort und bedeutet die „Fähigkeit sich selbst zu erhalten, wandeln, erneuern zu können“ (Alsleben, 2003, S. 166). Bezug nehmend auf den Begriff der Steuerung ist hier vor allem der Ausdruck „ sich selbst “ von Bedeutung, wobei der Terminus „ Fähigkeit “ nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass es sich bei sozialen Systemen um operativ geschlossene autopoietische Systeme handelt. Diese Geschlossenheit beziehe sich allerdings nur auf die basale Zirkularität der Selbststeuerung der eigenen Reproduktion. Sie seien also nicht vollständig umweltunabhängig, sondern öffneten sich gerade zur „Verarbeitung möglicher bedeutsamer Differenzen“ (Willke, 2006, S. 62-63). Dabei sind die zu verarbeitenden Informationen, immer Konstruktionen der systeminhärenten Beobachtungsmechanismen. Folglich „ist die Steuerung des Systems also immer Selbststeuerung, ob sie nun mithilfe einer intern konstruierten Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz sich auf das System selbst bezieht oder auf seine Umwelt“ (Luhmann, 1996, S. 334).

3.3 Strukturelle Kopplung

Über Vorgänge sogenannter struktureller Kopplungen treten schließlich aber doch die, bis hierher vernachlässigten, Außenbeziehungen autopoietischer Systeme in Erscheinung. Sie versuchen zu erklären, wie „[...] Systeme unbeschadet ihrer eigenen Autonomie und operativen Geschlossenheit dennoch als mit der Umwelt verbunden gedacht werden können“ (Luhmann, 1993, S. 124). Während die Systeme operativ weiterhin geschlossen bleiben, öffnen sie sich kognitiv und lassen sich so von ihrer Umwelt irritieren.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656677093
ISBN (Buch)
9783656677079
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274846
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
akteur system vergleichende aspekte steuerung

Autor

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Titel: Akteur oder System. Vergleichende Aspekte gesellschaftlicher Steuerung